Nicolai Levin

Staatsstreiche

Heute gedenken wir in Deutschland eines gescheiterten Putsches. Am 20. Juli 1944 versuchten Teile der deutschen Armee den Aufstand gegen Staats- und Regierungschef Adolf Hitler. Sie scheiterten mit ihrem Attentat, regierungstreue Armeeeinheiten brachten die Lage rasch unter Kontrolle, nachdem sich Hitler über die modernen Medien (wie das Radio) an die Bevölkerung gewandt hatte und beweisen konnte, dass er noch am Leben und handlungsfähig war. Der anschließenden Säuberungsaktion in Armee und Verwaltung fielen tausende vermeintlicher Sympathisanten des Staatsstreiches zum Opfer.

Die Attentäter und Verschwörer – Stauffenberg, Tresckow, Witzleben, Canaris, Yorck von Wartenburg und viele andere – sie werden heute als Helden und Märtyrer gefeiert.

Die Parallelen zu den aktuellen Ergeignissen in der Türkei sind nicht zu übersehen – vor allem die verschärfte Gangart bei der Ausschaltung des Restes demokratischer Instanzen, nachdem man die Macht wieder sicher weiß. Erdoğan und seine Schergen lassen jetzt jede Hemmung fallen – sie verhaften, entheben, ermorden jeden, der ihnen nicht in den Kram passt. Und die freie Welt schweigt verschämt – nachdem in den unsicheren Nachtstunden des 15. Juli die EU und die USA sich aus Legitimitätsgründen an die Seite der Regierung Erdoğan und gegen die Aufständischen gestellt hatten.

Wann ist ein Staatsstreich eine Heldentat? Wann kommt man zu dem Schluss, dass ein Regime nicht anders als durch Waffengewalt von den Schalthebeln der Macht entfernt werden kann, um dem freien Spiel demokratischer Kräfte überhaupt wieder eine Chance zu geben? Wann ist es so arg, dass man dafür seinerseits den Preis von Gesundheit und Menschenleben anderer auf sich nimmt?

Im Falle des 20. Juli steht es außer Frage, dass die totale Nazidiktatur nur durch Tyrannenmord und Staatsstreich entmachtet hätte werden können. Der zweite Weltkrieg tobte, und jedes weitere Zuwarten wäre sträfliches Zögern gewesen. Im Gegenteil: Die Verschwörer hatten mit ihrer sehr deutschen Gründlichkeit, ihrem Bestreben, eine neue politische Ordnung zu entwerfen, dem Versuch, mit den Alliierten Kontakt aufzunehmen und einigen gescheiterten Anläufen schon Jahre ins Land streichen lassen – zu einer Zeit, in der jeden Tag die Tötungsmaschinerie der Nazis auf Hochtouren lief und der Krieg an allen Fronten seine Opfer holte.

Und die Türkei von heute? Ist das System noch aus sich heraus zu retten? Gibt es noch Opposition, werden wir Wahlen erleben? Am Ende mit Überraschungen in den Ergebnissen? Man darf es bezweifeln, wenngleich die Lage natürlich nicht entfernt mit den Monströsitäten von Hitlerdeutschland zu vergleichen ist.

Dass der Westen unisono Erdoğans Seite ergriffen hat, hängt mehr mit realistischer Außenpolitik zusammen denn mit moralischen Erwägungen. Die Türkei ist NATO-Mitglied, sie bildet den Kernpfeiler in der Flüchtlingsstrategie der EU – da kann man nicht so einfach den mehrfachen Verhandlungs- und Vertragspartner zum illegitimen Schurken und Usurpator ausrufen.

Von außen schlägt Putschisten wohl generell großes Misstrauen entgegen. Auch die Verschwörer des 20. Juli stießen in England auf taube Ohren, als sie die politische Wetterlage nach einem Tyrannensturz in Deutschland ausloten wollten – und das, wo man meinen könnte, den Alliierten hätte zum Gegenpart in dieser Kriegssituation alles andere lieber sein müssen als eine zum Äußersten entschlossene Naziherrschaft.

Wäre das jeweilige Land mit einem erfolgreichen Putsch besser gefahren? Auch wenn Kritiker den politischen Köpfen des 20. Juli häufig vorwerfen, dass ihre ständische und christlich-konservative Staatskonzeption nicht mit dem freiheitlich-demokratischen Gebilde der späteren Bundesrepublik mithalten konnte, so wäre doch allein ein früheres Kriegsende ein Segen gewesen. Vergessen wir nicht, dass allein im letzten Kriegsjahr 1945 auf deutscher Seite noch 3 Millionen Tote zu beklagen waren (darunter die Hälfte Zivilisten) – damit ist fast die Hälfte der gesamten Kriegsopfer auf deutscher Seite erst 1945 ums Leben gekommen! Für die Seite der Alliierten ist es schwieriger, an Zahlenmaterial zu kommen – aber auch sie verloren in den letzten Monaten des Krieges weit mehr Leben als man vielleicht glaubt. Nicht zu vergessen sind die Toten, die gerettet worden wären, wenn die Vernichtungslager der Deutschen nicht erst im Winter 1945 befreit worden wären, sondern ein halbes Jahr früher. So gut wie jede denkbare Alternative zur langsamen Niederlage der Nazis wäre ein wünschenswerteres Szenario gewesen. Alles war besser als Hitler.

Und in der Türkei? Erdoğan ist schlimm, keine Frage, aber würde das Land in einer Militärdiktatur besser fahren? Wenn denn der Coup tatsächlich aus den Reihen der Armeeführung angestoßen wurde (daran gibt es durchaus ernstzunehmende Zweifel, bis hin zu der Theorie, dass Erdoğan selbst hinter dem ziemlich dilettantischen Putschversuch stecke), stünden die Putschisten in der Tradition von Atatürk, laizistisch, modernistisch und westwärts gewandt. In der Vergangenheit haben Armeekräfte schon mehrfach die Macht in der Türkei an sich gerissen – man muss ihnen zugutehalten, dass es ihnen nie um die Macht an sich ging (wie man das vielleicht von putschenden Operettengenerälen aus lateinamerikanischen Bananenrepubliken kennt), sondern sie nach einer Zeit der Unterdrückung (in der sie mit ihren Gegnern durchaus auch rücksichtslos und brutal umgingen) das Land immer wieder in einen neuen Gehversuch in Sachen Demokratie entlassen haben.

Verabscheuungswürdiger Putsch einer kleinen Clique ehrgeiziger Offiziere? Oder heldenhafter Versuch, das Staatswesen vor dem Tyrannen zu retten? Die Entscheidung fällt am Ende die Geschichte – so oder so: Ausbaden muss es immer das regierte Volk.

Kritik der Islamkritik

Mein Unwort des Jahres steht fest: “Islamkritik”. Nicht nur dass ich die allermeisten dieser “Kritiker” ziemlich widerlich finde, nein, es stört mich auch, dass hier ein völlig unmöglicher Begriff verwendet wird, um Fremdenfeindlichkeit und Religionshass zu schüren.

Wieso unmöglich? ‘Kritik’ setzt voraus, dass ich etwas bewegen und ändern kann. Wenn ich eine Marotte von dir kritisiere, möchte ich, dass du sie abstellst. Wenn ich als Rezensent ein Buch kritisiere, gebe ich dem Autor die Chance, beim nächsten Mal etwas zu schreiben, das mir besser gefällt.

Politik kann man kritisieren, Manieren kann man kritisieren, Krawattenfarben kann man kritisieren.

Religionen kann man nicht kritisieren. Sie entziehen sich rein von der Definition her dem zwischenmenschlichen Diskurs. Die Bibel und der Koran sind eben nicht von Drehbuchautoren geschrieben, die auf ein Publikumsscreening warten, bis sie ihre endgültige Fassung festlegen: “Oh, unsere Umfragewerte zeigen, dass das sechste Gebot nicht so toll ankommt. Das streichen wir dann besser.”

Weil Religionen den Anspruch erheben, von einer Macht geschrieben oder diktiert oder inspiriert zu sein, die über der menschlichen Vernunft steht, lassen sich ihre Inhalte und Vorschriften nicht diskutieren. Das macht es ziemlich digital: Man kann Religionen folgen oder es bleiben lassen.

Natürlich verändert sich die Praxis und das Religionsverständnis mit der Zeit. Die Auffassung des Christentums einer evangelischen Gemeinde im Wilmersdorf des Jahres 2016 dürfte sich deutlich von dem unterscheiden, was die Urgemeinden geglaubt haben, denen die Paulusbriefe gelten.Die Zeiten ändern sich und mit ihnen unser Glauben.

Man kann diesen Veränderungsprozess auch bewusst vorantreiben. Martin Luther und Jan Hus und Johannes XXIII. haben das getan. So etwas funktioniert aber nur von innen, aus der Religion selbst heraus, man nennt es dann Reformation oder Renovation. Solchen Bewegungen verdanken wir, dass es keinen Ablasshandel mehr gibt und man die Heilige Messe auch verstehen kann, wenn man kein Latinum hat. Wer aber versucht, eine Religionsgemeinschaft von außen zur Veränderung zu bewegen, wird auf geschlossenen Widerstand stoßen.  Reformation von außen erzeugt nur den Dschihad oder einen Kreuzzug.

Das bedeutet nicht, dass Religionsausübung sakrosankt sein muss. Man kann (und sollte) Religionen in die Schranken weisen, wenn ihre Ausübung sich mit unverrückbaren säkularen Werten beißt. Ein Richter darf verlangen, einer Zeugin ins Gesicht zu sehen, auch wenn die (oder ihr Mann für sie) meint sich verschleiern zu müssen. Kinder haben das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auch wenn Rambochristen auf die Züchtigungsgebote des Alten Testamentes pochen mögen.

Solche Grenzen zu setzen hat aber nichts mit Kritik zu tun. Kritik will verändern, Politik setzt Regeln und Grenzen. Die Verschleierungsfanatiker und Prügelbolde dürfen es gerne sündhaft und schlimm finden, was der Staat ihnen antut, aber sie müssen sich dennoch dran halten.

Und – selbst wenn sie es könnten – natürlich wollen die selbsternannten ‘Islamkritiker’ den Islam gar nicht reformieren. Ihnen ist nicht an einem wie auch immer gearteten modernen, liberalen, westlich kompatiblen Islam gelegen. Sie wollen ihn am liebsten ganz weg haben. Sie haben Angst vor dem Fremden, sie fürchten, sich noch weniger zurechtzufinden in einer komplizierten Welt, und da beginnen sie beim Aufräumen bequemerweise mit Minaretten und Kopftüchern, um sich die Welt ein bisschen übersichtlicher zu gestalten. Mit Kritik aber hat das alles nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Rüstungsexporte und anderes eklige Zeugs

Die deutschen Rüstungsexporte haben sich im letzten Jahr annähernd verdoppelt. Grund zur Besorgnis allerorten – wie konnte das geschehen? Der Wirtschaftsminister schiebt es auf die Vorgängerregierung, die Opposition schreit Feuer, die Leitartikler wiegen ihre graumelierten Köpfe.

Bei jedem anderen Wirtschaftszweig würde das Handelsblatt jubeln und die Regierung sich jeden Arbeitsplatz stolz ans Revers heften. Nicht dass ich Rüstungsgüter besonders toll fände, aber ein wenig schizophren ist das schon, oder?

Es ist in Deutschland erlaubt, Waffen und Militärgerät herzustellen. Die Rüstungsbranche hat eine lange Tradition, und unter den Herstellern finden sich bekannte und große Namen wie Heckler & Koch oder Rheinmetall. Das Gesetz fordert, dass Exporte unter bestimmten Umständen zu genehmigen sind. So will man verhindern, dass aus reinem Gewinnstreben Panzerfäuste an die Taliban verkauft werden oder Marschflugkörper nach Nordkorea. Alles, was genehmigt ist, müsste aber doch unseren moralischen Anforderungen genügen, und die Politiker sollten froh und dankbar sein, wenn sich, sagenwirmal, die argentinische Polizei für Pistolen aus Deutschland entscheidet und nicht aus Italien.

Nun liegt es in der Natur der Sache, dass Waffen und Militärgerät vor allem da gefragt sind, wo Krisen oder gar Krieg herrschen. Die Zahl der Länder, die demokratisch und friedlich regiert sind und zugleich akut Rüstungsgüter brauchen, ist leider gering. Dagegen locken immer wieder Aufträge aus Staaten, mit deren Regierungsstil man in Deutschland nicht so richtig einverstanden ist – aber wo ist da die Grenze zu ziehen?

Es gibt übrigens so einige Produkte, die in einer ähnlichen Grauzone wabern, so halb erlaubt, aber reglementiert und eigentlich pfui. Wenn Zigarettenhersteller oder Schnapsbrenner Umsatzrekorde melden würden, wäre die Reaktion vermutlich ebenso seltsam. Bei Tabak und Spirituosen balanciert der Staat halt nicht mit Ausfuhrgenehmigungen, sondern mit dem Ausmaß an Werbung, das noch zulässig ist: Inwieweit lässt der Staat es zu, dass seine Bürger zum Konsum von derlei ungesunden Produkten verführt wird?

Im Vergleich mit Zigaretten und Schnaps hat die Regierung bei den Waffenschmieden immerhin den moralischen Vorteil, dass sie nicht direkt von den Steuern auf diese Produktverkäufe profitiert. Denn dass bei Wolfgang Schäuble mit jeder Flasche Korn und jeder Schachtel Zigaretten extra die Kasse klingelt, macht die Werbeeinschränkungen und -verbote ja noch grotesker.

Wenn ich aber keinen Krimi will …?

Gestern abend war ich Buchkaufen. Nein, anders: Gestern ging ich in ein Einkaufszentrum, in dem sich auch eine Buchhandlung befindet. Und da ich Lektüre brauchte und ins Freibad nur ungern mit Kindle gehe, wollte ich mir ein Buch kaufen – so richtig mit Umschlag und aus Papier und aus dem Buchgeschäft.

Normalerweise weiß ich bei Büchern genau, was ich will. Ich notiere mir die Titel, die ich lesen möchte und kaufe dann sehr gezielt. Nicht so gestern. Ich war einfach nur am Stöbern, wollte mich inspirieren lassen von dem, was mir präsentiert würde. Einzige Einschränkung: Kein Krimi – ich hatte in letzter Zeit eine Menge mittelmäßiger Krimikost konsumiert und erstmal die Nase voll von Mord und Totschlag.

Was soll ich sagen? Ich war entsetzt. Mein erster Gang führte mich zu den Bestsellern – die hatte ich entweder schon zu Hause oder es waren Krimis oder Jojo Moyes.

Also schlenderte ich zu den Präsentationstischen. Sie hatten vier davon im Belletristik-Bereich. Einer mit Hardcovern, den ließ ich aus Geldgründen gleich links liegen, einer mit Krimis und einer mit pastellfarbenen Umschlägen und Schrifttypen voll schräger Schnörkel: Frauenliteratur. Das sollte mich nicht abhalten, schließlich bin ich ein moderner emanzipierter Mann! Leider klang dann alles entweder nach Beziehungskitsch oder nach Jojo Moyes.

Also wandte ich mich zum vierten und letzten Tisch: Bunte Titel, stimmungsvolle Fotos und comicartige Zeichnungen. Neuerscheinungen? Tipps der Mitarbeiter? Nein. Regionalkrimis. Alles Regionalkrimis. Aus der Provence, dem Sauerland, vom Starnberger See und der Nordseeküste. Geht es nach Deutschlands Buchkunden, wird in den Heustadeln des Voralpenlandes, den Jägersitzen der Mittelgebirge und hinter den Deichen des Wattenmeeres ausschließlich gemordet, was dann irgendwelche skurrilen Ermittler mit Lokalneurosen aufzuklären haben.

Was lernt uns das? Wenn du als traditioneller Buchkäufer weder mit Kluftinger & Co. auf Kässpätzletour gehen magst  noch die neuesten drölf Werke von Jojo Moyes haben willst, bist du in diesen Tagen echt gearscht.

 

P.S.: Am Ende wurde ich im Sachbuchbereich fündig: Gute Tage – Reportagen und Begegnungen von Roger Willemsen. Mal schauen, ob der mich mehr fesselt als der provenzalische Sauerlandkiller.

Lektüre für den Liegestuhl 2016

Urlaubszeit, Ferienzeit, Lesezeit. Auch dieses Jahr will ich Sie an meinen Bucherfahrungen teilhaben lassen und Ihnen die eine oder andere Empfehlung für Ihre Urlaubslektüre mitgeben.

Ich schulde Ihnen vom letzten Jahr noch die versprochenen Eindrücke von Evelyn Waughs Brideshead Revisited (auf Deutsch: Wiedersehen mit Brideshead). Kurz gesagt: Nein! Für den Liegestuhl eignet sich der Wälzer leider nicht so richtig. Die gescheiterten Beziehungen der englischen Oberklasse der 1920-er Jahre lesen sich düster und schwermütig, das Ganze ist in Ton und Gefühl sehr gedämpft gehalten, so wie die Zimmer eines staubigen Schlosses, wo schwere Samtvorhänge kaum Sonne hereinlassen. Das Opus ist sprachlich und kompositorisch bestimmt große Kunst, für eine unterhaltsame Sommerlektüre aber nicht meine erste Wahl. Ich bin zu dem Schluss gekommen, angelsächsische katholische Autoren fortan zu meiden (also: Iren natürlich ausgenommen!). Ob Waugh, Julien Green, Graham Greene – sie neigen allesamt zu Neurosen, Depressionen und Exzentrizität, was ihrem Werk nicht bekommt.

Im vorigen Jahr hatte ich auch angekündigt, mir Harper Lees spät entdecktes Frühwerk Go, Set a Watchman (auf Deutsch: Gehe hin stelle einen Wächter) vorzunehmen. Dieser Roman hat mich tief beeindruckt – allerdings weniger als Werk an sich denn als Beitrag zum Verständis des Schaffens der Autorin. Die Geschichte um die Rückkehr von Scout Finch aus New York in den heimatlichen Süden der USA und ihre Konfrontation mit dem alltäglichen Rassismus dort hätte wohl an der einen oder anderen Stelle einen rigorosen Lektor vertragen; 1957 hat Lees Verlag das Manuskript abgelehnt, und die Autorin schrieb stattdessen Wer die Nachtigall stört. An Stelle eines zeitgemäßen, pessimistischen, schonungs- und illusionslosen Buches, das sich gut in die literarische Welt der Beatniks und Lost Generation eingefügt hätte, lieferte sie die menschenfreundliche, kindlich-naive, grundoptimistische und leicht süßliche Toleranzfabel um den tapferen Atticus Finch. Dieses Buch machte sie zum Star, wurde und wird von Millionen Lesern heißgeliebt und ist Pflichtlektüre allerorten geworden. Ich kann verstehen, dass Harper Lee danach nichts mehr veröffentlicht hat, und ich bin dankbar, diesen rohen und düsteren Vor- / Nachläufer kennengelernt zu haben, der mich sozusagen hinter die Kulissen hat schauen lassen.

Gleiches Thema, gleicher Ort, gleiche Zeit: The Help von Kathryn Stockett (auf Deutsch: Gute Geister). Scout heißt hier Skeeter und macht sich als weiße Tochter aus mittelgutem Hause nach der Rückkehr vom College auf die Suche nach dem Verbleib ihres einstigen (farbigen) Kindermädchens. Sie verbindet das mit ihrem Wunsch, Journalistin zu werden und sammelt die Erfahrungen der afroamerikanischen Frauen, die als Haushaltshilfe der weißen Mittelklasse im Mississippi der 1960-er Jahre arbeiten, zu einem Buch. So etwas gehörte sich nicht, und so wird Skeeter zum Außenseiter unter den jungen (Ehe)-Frauen, die ihre Tage mit Bridge und den Aktionen des örtlichen Wohltätigkeitsklubs verbringen. Mad Men trifft Mockingbird, sozusagen. Das Buch war speziell in den Vereinigten Staaten ein riesiger Erfolg, und es liest sich auf alle Fälle spannend und kurzweilig. In den USA gingen die Meinungen auseinander, ob das Bild, das hier von den Lebensumständen der Afroamerikaner gezeichnet wird, nicht zu positiv ist, aber das soll unser Lesevergnügen in Europa nicht schmälern.

Richtig sommerlich und vergnüglich und perfekt für heiße Tage am Pool ist die Sammlung der Briefe von Harry Rowohlt: Der Kampf geht weiter. In kurzen Happen kann man sich über den Austausch zwischen dem Übersetzer und Kolumnisten Rowohlt mit seinen Kollegen, Lesern, Verlegern und Fans amüsieren. Der Reigen reicht vom Ende der 1960-er Jahre, als Rowohlt bei Suhrkamp Lehrling war, bis in die 2000-er. Stilistisch zeigt sich Rowohlt als früh Vollendeter, bei ihm kommen Eitelkeit, Intelligenz und Humor zusammen, und dieser Kombination beizuwohnen, garantiert den Spaß beim Lesen. Ein persönliches Ärgernis für mich war freilich, dass ich das Büchlein als E-Book gelesen habe: Bei 80% Lesefortschritt glaubte ich, noch einen ganzen Packen lustiger Briefe vor mir zu haben, und dann erwies sich der ganze Rest als umfangreiches Sach- und Personenregister, und alles war schon aus!

Lob von allen Seiten konnte Saša Stanišić für sein Werk Vor dem Fest einheimsen. In einem Reigen unterschiedlicher Stimmen führt er uns ins ländliche Brandenburg und verwebt Vergangenheit und Gegenwart der Dorfgeschichte irgendwo jenseits von Berlin. Ich war nach zehn Seiten restlos begeistert von der Sprache, der kunstvollen Komposition, der Kraft, der Fülle des Wohllauts. Nach dreißig Seiten aber stellte sich irgendwie Ernüchterung ein, es kam nichts Neues, der Reigen ging einfach weiter, aber so wie ich mir das erhofft hatte, fügten sich die losen Enden doch nicht zusammen, die antiquierte Sprache der vermeintlich alten Dokumente klang unecht, und am Ende war ich ziemlich enttäuscht.

Jetzt vermissen Sie vermutlich Krimitipps, und in der Tat kann ich dieses Jahr mit keinem Kriminalroman aufwarten, der mich so richtig vom Hocker gerissen hätte. Stone Bruises von Simon Beckett wäre vielleicht eine Empfehlung. Keine Forensik dieses Mal, kein Atemlos-Thriller mit Serienmördern in möglichst grusliger Umgebung. Stattdessen: Sommer, Sonne, Süden. Ein junger Mann, der auf der Flucht ist (warum und vor wem, wissen wir erstmal nicht) verdingt sich irgendwo im Süden Frankreiches (wohl in den Cevennen) auf einem abgelegenen Bauernhof als Hilfsmaurer gegen Kost und Logis. Nach und nach entdeckt er, dass die Bauernfamilie ein dunkles Geheimnis hütet. Kann man lesen.

Mein Paket für den kommenden Urlaub steht übrigens noch nicht fest. Wenn Sie also Tipps für mich haben …

Hoch die Tassen – überall?

Ob im Park oder der Straßenbahn: Der Konsum von Getränken aller Art “to go” ist gesellschaftsfähig geworden. Ein bemerkenswerter Sittenwandel.

Als das Wünschen noch geholfen hat, mir noch die schlanke Anzuggröße passte und Twix noch Raider hieß, da war das Trinken in der Öffentlichkeit so gut wie unbekannt. Ich meine, klar, man trank in Kneipen, Restaurants und Cafés – und dort im Sommer durchaus im Freien. Aber in der U-Bahn oder im Park, auf öffentlichen Plätzen? Nein, das machte man nicht.

Das Trinken-für-Unterwegs war den Rennradfahrern vorbehalten, die hatten Plastikflaschen mit Trinkknubbeln, die sie an speziellen Haltern mitführten, wenn sie für den Giro d’Italia oder die Tour de France trainierten. Wer zum Sport ging, schleppte eine Glasflasche mit Mineralwasser mit, um den akuten Durst zu stillen. Wer zum Wandern oder in die Berge wollte, der hatte meist so eine Alu-Feldflasche mit Bügel- oder Schraubverschluss für Wasser, Schorle oder Tee.

Irgendwann erfand ein findiger Kopf die PET-Flaschen; zugleich warnten die Mediziner, dass wir alle viel mehr trinken müssten. Prompt beschlossen einige trendige junge Frauen, dass sie überallhin etwas zum Trinken mitzuführen hätten. Die 0,5-l-Volvic-Flasche gehörte bald als festes Accessoire zum Outfit der mondänen Großstädterin. Es dauerte nicht lange, bis Mauerblümchen und Männer folgten, und heute gilt es als ausgemacht, dass mehr als hundert Meter Gehdistanz nicht mehr ohne laufende Flüssigkeitszufuhr zu bewältigen sind.

Offenbar war damit der Bann gebrochen, dass Trinken in der Öffentlichkeit gesellschaftsfähig sei. “Wenn schon Flüssiges, warum dann nicht auch Getränke, die Alkohol enthalten?”, dachten sich prompt ein paar junge Leute. Eh man sich’s versah, gesellten sich zu Mineralwasser, Saftmischungen und Energydrinks Flaschen mit Bier, Dosen mit Alcopops und schließlich auch Härteres wie Wodka und Korn. Man “glühte vor”, ehe man sich in Clubs und Nachtlokalen vergnügte. Oder man sparte Eintritt und teure Gastronomiepreise, indem man die Party in den Park verlegte.

Hier hat ein echter Kulturwandel stattgefunden. Für mich (und ich habe den Verdacht, ich stehe damit nicht allein in meiner Alterskohorte) bildet das Trinken – besonders von Alkohol – in der Öffentlichkeit etwas, das “man nicht tut”. Uns hat das niemand ausdrücklich verboten, als wir jung waren. Das war gar nicht nötig, denn Bier oder Schnaps in der U-Bahn oder auf dem Marktplatz zu trinken, das ging gar nicht! So etwas taten nur Alkoholiker im allerletzten Stadium, das blieb den Obdachlosen und Gestrandeten vorbehalten. Diese instinktive Abscheu empfinde ich übrigens auch heute noch, wenn ich jemanden mit seiner Flasch Karlskrone in der U-Bahn sehe.

Interessanterweise scheint das Thema in den USA früher auf den Weg gekommen zu sein als bei uns. Dass man in Amerika Alkoholika in der Öffentlichkeit schamvoll in braunes Packpapier zu hüllen hatte, kam schon in den Filmen und Fernsehserien meiner Jugend vor. Wir haben uns darüber amüsiert und mokiert: Wie prüde und scheinheilig die Amis da wieder auftraten! Wen sollte es schon stören, wenn einer eine Whiskyflasche durch die Stadt trug? Wenn ich mir die Horden von Partyvolk sehe, die im Stadtpark die Gorbatschow-Flasche kreisen lassen, bin ich fast so weit, eine derartige Einschränkung gar nicht mehr so schlecht zu finden.

Kein Grund zum Populismus

Nun haben wir den Salat. Die rechtspopulistische AfD kassiert in den nächsten Jahren Abgeordnetendiäten, Fraktionsgelder und Wahlkampfkostenerstattung in Millionenhöhe. In Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg konnten die rechtslastigen Dumpfbacken sogar mehr Stimmen gewinnen als die SPD. Man muss kein Sozi sein, um das scheiße zu finden. Dass Links- und Rechtspopulisten in Sachsen-Anhalt genau so viele Stimmen erhalten haben wie SPD und CDU zusammen, lässt einem auch die Haare zu Berge stehen.

Nun rätselt ganz Politikdeutschland, wie es dazu kommen konnte. Der Anteil an Menschen mit fremdenfeindlichem, völkischem und antisemitischem Weltbild liege bei rund 20%, sagen uns die Soziologen schon seit langem. Das bahnt sich seinen Weg, wenn die latenten Arschkrampen sich erstmal aus der Deckung wagen. Die Stimmung im Land ist aufgeheizt, da fallen Hemmungen und Heimlichkeiten; die Kanzlerin als europäisch-humanistische Überzeugungstäterin in der Flüchtlingspolitik lässt die rechte Flanke der CDU offen, wo dann eben die schlichtgestrickten Populisten vom rechten Rand punkten.

Kurioserweise trifft diese radikale Protestwahl gegen die Übereinkunft der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie die Bundesrepublik Deutschland in einer Zeit, in der das Land so gut dasteht wie eigentlich nie in seiner Geschichte.

Deutschland ist ausschließlich umgeben von mehr oder weniger innigen Freunden – selbst Polen mit seiner erratischen Rechtsregierung kann da nicht wirklich gefährlich werden. Die Politik der EU ist mühsam und nervig, aber sie hält.

Größte außenpolitische Sorgen der letzten Jahre war einmal die Finanz- und Strukturhilfe für das bankrotte Griechenland und der islamistische Terror. Der stellt zwar eine diffuse Gefahr dar und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit noch weitere spektakuläre Opfer kosten, aber in seinem vagen Nihilismus bedroht er nicht ernsthaft unsere Freiheit oder Demokratie.

Innen- und wirtschaftspolitisch steht Deutschland glänzend da. Die Steuereinnahmen sprudeln, die Defizite schrumpfen, die Sozialkassen zeigen sich erstmal leidlich stabil. Die Arbeitslosigkeit bewegt sich auf einem Level, das lange entfernt ist von dem sozialen Problem, das wir Ende der Siebziger bis Ende der Achtziger Jahre hatten. Wer arbeiten will und kann, der findet auch einen Job. Es hat seinen Grund, warum die Kriegsopfer aus Syrien und dem Irak am liebsten nach Deutschland kommen wollen.

Man muss nur mal schauen, über welche Themen wir uns aufregen, dann kann man ermessen, wie gut es uns geht. Schauen Sie mal auf die Schlagzeilen der großen Zeitungen der letzten zwei oder drei Jahre. Ausgerechnet in dieser Phase von Wohlstand, Stabilität und Frieden wächst eine hysterische Protestbewegung heran, die von Panik geritten wird, dass alles den Bach runtergeht. Warum sie dafür das politische Establishment abstrafen sollten, will mir nicht in meinen Kopf. Dass diese Panik-Kasper wegen ein paar hundert Flüchtlingen in Wallung geraten und den Untergang des Abendlandes kommen sehen, dass man damit jeden vierten Wähler in Sachsen-Anhalt hinter sich bringen kann, das bleibt mir erst recht völlig schleierhaft.

Guido Westerwelle hat mal im Zusammenhang mit anstrengungslosem Wohlstand von “spätrömischer Dekadenz” gesprochen und ist böse dafür gescholten worden. Mir geht diese Wendung nicht aus dem Kopf – uns geht es so gut, ich habe den Verdacht, einige, die meinen, sie müssten den radikalen Protest wählen, haben schlicht den Bezug zur Wirklichkeit verloren.

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