Nicolai Levin

Momente des Lächelns (22)

Das Freibad liegt in einem der besseren Viertel der Stadt. Für einen heißen Julisonntag könnte mehr los sein – vielleicht haben die drohenden Gewitter die Leute abgeschreckt. Im Schwimmerbereich zieht eine ältere Dame ihre Bahnen. Kurz vor der Wende hält sie inne, grüßt freundlich den Bademeister und erkundigt sich nach seinem Befinden. Offenbar ist sie regelmäßig hier. Ihre Stimme ist weithin zu hören: “Nächste Woche komme ich nicht”, erklärt sie, “da bin ich in Bayreuth. Zu den Festspielen.” Der Bademeister nickt verständnisvoll. Die Dame schwimmt weiter.

Lektüre für den Liegestuhl. 2017.

Der Juni geht zu Ende, allerhöchste Zeit für meine jährlichen Lesetipps für Sie!

Ausnahmsweise möchte ich mal ein Sachbuch anpreisen: J D Vance Hillbilly Elegy – viel zitiert, und zurecht hoch gelobt. Das Buch beschreibt Amerikas Hinterwald, da wo die Leute herkommen, die Trump in den Sattel gehoben haben. 2015 erschienen, also deutlich vor den Präsidentschaftswahlen, hat es den Anspruch, Verständnis zu wecken für die Umwälzungen im politischen Amerika der letzten Jahre. Natürlich kann auch Vance die Frage nicht beantworten, wie es passieren konnte, dass ein selbstverliebtes ignorantes Großmaul tatsächlich ins Weiße Haus kam, aber er beschreibt sehr anschaulich, wie die Leute ticken, die so jemanden unterstützen und gutfinden.

Der Autor ist groß geworden in den Appalachen, da, wo es ganz schlimm ist. Arbeitslosigkeit, fehlende Perspektiven, kaputte Familien, keine Schulabschlüsse, gewalttätige Typen, Leben in Wohnwägen, Drogen, Verbohrtheit und Stolz, ein Ehrenkodex jenseits von Recht und Gesetz – Vance kennt alles aus erster Hand. Er hat rausgefunden aus diesem Milieu, schaffte den College-Abschluss, diente bei den Marines, ging nach Yale und wurde Firmenanwalt. Diese (so richtig typisch amerikanische) Siegergeschichte erzählt Vance bescheiden und dankbar – er weiß, welche externen Glücksfälle ihm seinen Ausbruch ermöglicht haben. Das Buch braucht diesen Kontrast zum Elend dringend, sonst wäre es rundum deprimierend. Bemerkenswert fand ich, wie es Vance gelingt, sowohl seine alte wie seine neue Welt in ihren Fehlern und Schwächen unvoreingenommen und kritisch zu analysieren und sich doch nicht um seine Sympathie und Verbundenheit bringen zu lassen. Auch in 2017 unbedingt lesenswert!

Zurück nach Europa. Auch autobiografisch und an die Wirklichkeit angelehnt ist Eva Menasses Vienna. Der 2005 erschienene Roman erzählt aus der Ichperspektive der Autorin deren Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts. Der Vater, nach den Maßstäben der Nazis “Halbjude”, verlässt 1939 als Kind Wien und wächst in England auf, wo sein Fußballtalent entdeckt wird (später wird er es in Österreich bis zum Nationalspieler bringen). Der Großvater überlebt den Naziterror dank seiner nichtjüdischen Frau (die er laufend betrügt). Die Familie findet nach dem Krieg in Wien wieder zusammen, man streitet und diskutiert, man liebt und lügt und betrügt, man spielt Fußball und Tennis und Karten. Eva Menasse mischt Begebenheiten und Anekdoten, es findet sich viel Lokalkolorit, viel Milieu – eine schräge Mischung aus großer Familiensaga, Friedrich Torbergs Tante Jolesch (die ich Ihnen auch wärmstens ans Herz lege, falls sie sie nicht eh schon kennen) und dem Mundl Sackbauer (den kennen Sie aber?! Falls nicht, suchen Sie mal in Youtube nach Ein echter Wiener geht nicht unter) ist so zusammengekommen. Vermutlich reicht das nicht zu großer Literatur, aber mir hat das Lesen großen Spaß bereitet, und bei einigen der Malapropismen (“sie ist eine Schlange im Wolfspelz”) musste ich laut lachen. Die Kritik in Deutschland urteilte sehr positiv, in Österreich ist das Buch eher schlecht weggekommen; ob das mit der blinden Liebe der Piefkes zu Wien zusammenhängt oder mit dem typisch österreichisch-jüdischen Selbsthass, sei dahingestellt.

Eva Menasse ist mit Michael Kumpfmüller verheiratet, was ich gar nicht wusste, als ich dessen Buch Die Erziehung des Mannes (2016 erschienen) las. Auch hier war die Kritik gemischt, und auch hier darf ich sagen: Mir hat’s gefallen. Der Ich-Erzähler Georg ist Komponist und berichtet von seinem Leben und seinen Beziehungen. Die machen es ihm nicht immer einfach, schwierige Frauen, gescheiterte Beziehungen, ein familiärer Rucksack – schon die Ehe der Eltern war eine Katastrophe. Ich weiß gar nicht, was mich für das Buch eingenommen hat: die geschickte Struktur (im ersten Teil erfahren wir vom Erwachsenenleben des Erzählers, im zweiten dann von seiner Kindheit, die vieles erklärt, was da später schiefläuft) oder die wohlige Mischung aus eigenem Nachempfindenkönnen und dem stolzen Bewusstsein, es in meinem Leben dann doch besser hinbekommen zu haben als der Romanheld.

Enttäuscht hat mich dagegen Umberto Ecos Der Friedhof von Prag, endlich gelesen angesichts des Ablebens des von mir verehrten Autors. Die Geschichte des Urkundenfälschers Simonini, der aus dem Turin der Savoyer ins Paris von Napoléon III kommt, spannt einen weiten Bogen. Der Held verbündet sich opportunistisch und skrupellos mit Geheimagenten und Desinformanten, und ganz nebenbei können wir als Leser die verschlungenen Pfade bestaunen, an deren Ende das berüchtigte antisemitische Hetzwerk der “Protokolle der Weisen von Zion” stehen wird. Im Anhang erfahren wir, dass so ziemlich alle Figuren außer dem Helden authentisch waren, aber für den Forrest-Gump-Effekt fehlte es mir offenbar an der erforderlichen Bildung, um ein Wiedererkennen zu feiern. Die Geschichte mäandert und tröpfelt ohne rechten Höhepunkt, sie schafft es (jedenfalls bei mir) aber auch nicht, mich in den Fabuliersog zu ziehen, den Eco etwa in seinem Foucaultschen Pendel oder dem wunderbaren Lügenreigen seines Baudolino geschaffen hat. Auch der Handlungsort entfaltet keinen Zauber, dabei hätte das alles so wunderbar sein können: Paris, Belle Époque, Chapeau claque und Fräcke, Krinolinen und Koteletten – nein, es bleibt alles irgendwie dünn und blass, da und dort schmunzelt man über ein charmantes Spässle, aber im Ganzen kann es nicht überzeugen.

Letztes Jahr hab ich an dieser Stelle verkündet, mich von katholischen englischen Autoren fernzuhalten, nach dem Reinfall mit Wiedersehen mit Brideshead von Evelyn Waugh. Ist es Masochismus oder ein trotziges Jetzterstrecht? Ich hab mich jedenfalls nicht dran gehalten und mir in den langen Winterabenden, wenn nix im Fernsehen kam, Waughs komplette Kriegs-Trilogie gegeben. Einzeln erschienen unter den Titeln Men at Arms, Officers and Gentlemen und Conditional Surrender; die Trilogie wurde noch einmal gebündelt veröffentlicht als Sword of Honour – deutsch: Ohne Furcht und Tadel. Die etwas skurrile Geschichte von Guy Crouchback, dem aus der Zeit gefallenen introvertierten englischen Katholiken, der sich berufen fühlt, im Kampf gegen Hitlers Barbarei Heldentaten zu vollbringen und daran von den Umständen, der Bürokratie und den Zeitläuften gehindert wird, basiert auf Waughs eigenen (romanreifen) Kriegserlebnissen. Waugh ist in diesen Büchern ein feiner und unbestechlicher Beobachter mit einem wunderbar melancholischen Sinn für Humor und Ironie. Dass seine (bzw. die seines Helden) moralische und gesellschaftliche Kalibrierung nicht recht in die Zeit passt, daraus schafft er in diesem Buch eine hoch unterhaltsame Lesekost, die mit den großen historischen und schwerverdaulichen Themen leichtfüßig und elegant lakonisch jongliert. Wer sich für die englische Gesellschaft und den Zweiten Weltkrieg interessiert, wird nicht enttäuscht, auch wenn er oder sie nichts mit der römisch-katholischen Kirche am Hut hat. Versprochen!

Kommen wir zu den Krimis und bleiben wir gleich beim Geschichtlichen. Volker Kutscher ist Autor einer Reihe von Kriminalromanen um den Ermittler Gereon Rath, die im Berlin der zu Ende gehenden Weimarer Republik und der beginnenden Nazizeit spielen. Das historische Drumherum beschreibt er von je her sehr akkurat und interessant, mit den Figuren und den Kriminalfällen hatte ich in den ersten Teilen so meine Bauchschmerzen (hab sie aber in Kauf genommen, weil ich das Zeitenbild so lebendig und gut fand) – inzwischen hat Kutscher seinen Ton und seinen Stil gefunden. Märzgefallene jedenfalls war für mich ein unterhaltsamer Zeitvertreib: Frühjahr 1933, nach dem Reichstagsbrand wird die Polizei zunehmend politisiert. Eine Mordreihe an Weltkriegsveteranen scheint da genau ins Bild zu passen. Mit Gereon Rath hat Volker Kutscher einen unpolitischen aber wachen Jedermann erschaffen, der glaubwürdig in diese turbulente Zeit passt. Allerdings sollten Sie, um die Figuren zu verstehen, vermutlich die Reihe von Anfang an lesen.

In der Gegenwart spielen die Geschichten von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt um den schwedischen Profiler Sebastian Bergman. In dieser Figur des cleveren, aber total sozial unkompatiblen Egozentrikers kommt die nordische Tradition des seelisch verletzten und emotional gestörten Detektivs zu einem traurigen Höhepunkt. Sebastian Bergman ist einfach ein kaputtes Arschloch, das dann noch nicht mal mit genialen Erkenntnissen die Kriminalfälle löst, sondern mehr geduldet als gefeiert im Team der Reichsmordkommission mitschwimmt. Was mir an den Geschichten gefällt, ist der Rest des Teams, dessen Arbeit (soweit ich als Außenstehender das beurteilen kann) recht wirklichkeitsnah geschildert ist. In den drei Romanen, die ich gelesen habe, klingen Tatumstände und Lösung alles in allem plausibel und nachvollziehbar. Das kann man ja beileibe nicht von allen Krimis aus Skandinavien sagen, wo die Dichte an Krimischreibern und fiktiven Tötungsdelikten erschreckende Dimensionen angenommen hat.

Ich hoffe, es ist was für Sie dabei. Genießen Sie die Ferienzeit!

Kunden an Ketten

Die Deutsche Bahn wirbt zurzeit recht heftig für eine Bahn-Card, die (Tusch!) “monatlich kündbar” sein soll. Dieses Angebot aber gibt es “nur noch für kurze Zeit”. Und ich denke mir: Was für eine Frechheit, warum kann die depperte Bahn-Card eigentlich nicht immer von Monat zu Monat kündbar sein?

Ungünstige Kündigungsbedingungen sind in Deutschland ein alltägliches Ärgernis. Das Festketten von Kunden gegen deren Willen zählt zu den Dingen, die ich weder als Ökonom noch als Verbraucher verstehen kann und will. Wenn ich als selbstbewusster und seriöser Anbieter an zufriedenen Kunden interessiert bin, die mich möglichst noch weiterempfehlen, werde ich doch nicht jemanden gegen seinen erklärten Willen zum Kundesein zwingen. Da ist doch vorhersehbar, dass der Kunde wider Willen nur noch unzufriedener wird und Negatives über mich verbreitet.

Zugegeben, es gibt Vertragsbeziehungen, da ist es sinnvoll, sich langfristig zu binden und den Wechsel zu erschweren. Wenn ein Normalsterblicher sein Häusle baut und dafür einen Kredit aufnimmt, läuft der über zehn oder zwanzig Jahre. Es geht um hohe Summen und Risiken, und ehe man nicht einen neuen Gläubiger bieten kann, ist man an den ursprünglichen Finanzierer gebunden. Geht nicht anders.

Auch (private) Krankenversicherungen machen einem das Wechseln schwer. Auch das hat seinen Sinn: Das Prüfen der Gesundheitsunterlagen ist umständlich und teuer, zudem kalkulieren die Krankenversicherer ihre Beiträge so, dass sie den Alterungseffekt ihrer Versicherten (die als Greise teurere medizinische Leistungen abfragen denn als Jungspunde) über die Laufzeit verteilen, daher wird es von Lebensjahr zu Lebensjahr teurer zu wechseln.

Bei Arbeitsverträgen ist es so, dass aus Arbeitgebersicht normalerweise Ersatz her muss, wenn ein Mitarbeiter kündigt. Daher sind die Kündigungsfristen idealerweise so geregelt, dass der Arbeitgeber eine Chance hat, sich um einen Nachfolger zu kümmern, ehe der Kündigende weg ist.

Eine Besonderheit sind (Arbeits-) Verträge, bei denen eine Seite in Vorleistung geht. Wenn man zum Beispiel die Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr einschlägt, lässt einen die Bundeswehr kostenfrei und zu sehr guten Studienbedingungen an einer der Bundeswehrunis studieren. Wer bei der Lufthansa Pilot werden will, erhält ein Ausbildungsprogramm, das ihn befähigt, Flugzeuge zu steuern. Beide Arbeitgeber wollen verhindern, dass jemand die teure Ausbildung für lau mitnimmt und sich dann sofort mit dem Diplom in der Tasche wieder verabschiedet. Daher gibt es in beiden Fällen Klauseln in den Arbeitsverträgen, nach denen die teure Ausbildung im Nachhinein bezahlt werden muss, wenn jemand vor einer vereinbarten Mindestlaufzeit kündigen will.

Ökonomisch ähnlich von der Funktionsweise, aber fragwürdiger (aus Kundensicht) werden dann schon die Kombiangebote, bei denen der Kunde ein vermeintliches Zuckerl zu Vertragsbeginn abbezahlt. So ein Beispiel sind die Mobilfunkverträge aus der Anfangszeit der Handys: Die Betreiber waren scharf auf Neukunden und lockten mit den neuesten Modellen gratis oder zu einem Spottbetrag, wenn man einen entsprechenden Vertrag abschloss. Nach 12 oder 24 Monaten gabs dann die nächste Gerätegeneration dafür, dass man den Vertrag verlängerte. Das funktionierte natürlich nur dadurch, dass die Telefonie- oder Serviceentgelte auch die Kosten für das Gerät mit finanzierten. Je transparenter die Konditionen wurden und je weiter sich der Markt sättigte, desto weniger funktionierte das Locken mit Geräten. Es gab aber genug Leute, die noch monate- und jahrelang Grundgebühren für Verträge zahlten, die sie längst nicht mehr nutzten, einfach um das vermeintlich geschenkte Handy von vor drei Jahren faktisch abzustottern.

Dann gibt es noch die Bindungsklauseln, die keinen nachvollziehbaren Sinn haben und die nur dafür sorgen sollen, dass der Anbieter möglichst lange vom lukrativen Vertrag profitieren kann. Bleiben wir bei der Telefonie und denken wir zurück an die Klingelton-Abos, die zur Jahrtausendwende berüchtigt waren: Einmal irgendwo leichtsinnig online zugestimmt, erhielten die Abo-Opfer über elend lange Laufzeiten jede Woche neue Klingeltöne fürs Handy, die sie eigentlich gar nicht mehr brauchten. Das hatte mehr mit Wegelagerei und Straßenraub zu tun als mit seriösem partnerschaftlichen Geschäftsgebaren.

Auch die Versicherungen banden ihre Kunden sträflich fest. Automatische Mindestlaufzeiten von zehn und mehr Jahren bei Sachversicherungen, wie sie bis in die achtziger Jahre gang und gäbe waren, erklärten die Bundesrichter irgendwann für sittenwidrig.

Heute sind es vor allem Medienanbieter und eben die Deutsche Bahn, die ohne Rücksicht auf Kundenzufriedenheit Verkaufszahlen pushen wollen. Da stehen die Zeitungsvertreter an ihren Ständen vor der Uni und an den Bahnhöfen und rufen: “FAZ gratis!” (oder Zeit oder Süddeutsche oder wasweißich) Ohne dafür zu zahlen solle man sich von den Vorteilen des Qualitätsjournalismus überzeugen. Augen auf, heißt es da für den umworbenen Leser! Zum einen greifen die Verlage auf diesem Weg kostbare Adressdaten ab, die sie an Adresshändler weiterverkaufen – und wuppdich findet der Neu-Abonnent nicht nur die Zeitung im Briefkasten, sondern auch reichlich Werbepost von Edelversendern, Weinhäusern und was sonst so demografisch ins Profil eines FAZ / Zeit / Süddeutsche-Leser passt. Manchmal wandelt sich das Probeabo aber auch in ein reguläres Jahresabo (kündbar nach frühestens 12 Monaten) um, wenn man nicht ausdrücklich widerspricht. Dieses ärgerliche Vorgehen ist zugegeben in den letzten Jahren seltener geworden – vermutlich haben zu viele geprellte Zwangsabonnenten protestiert.

Genau so eine schleichende Umwandlung von Schnupperangeboten betreibt die Bahn mit ihren vielbeworbenen Sonder-Bahn-Cards. Das ist nochmal ärgerlicher als bei den Zeitungen, weil die Bahn-Card nur dann einen Sinn für den Kunden hat, wenn er auch mit der Bahn fährt. Wer also aufgrund seiner Lebensumstände keine größeren Bahnfahrten vorhat, für den sind die hundert oder zweihundert Euro für eine Bahn-Card schlicht rausgeschmissenes Geld ohne Gegenwert. Daher ist auch die lange Bindung der Bahn-Card für Kunden ein Ärgernis – wer kann heute schon sicher sagen, ob er in sechs bis zwölf Monaten viel Bahn fahren wird?

Interessanterweise sind solche Geschäftspraktiken andernorts nicht möglich oder üblich. In den USA scheint der Verbraucherschutz jedenfalls weiter gefasst zu sein. Der Online-Streamingdienst Netflix wirbt damit, man könne jederzeit zum nächsten Monat kündigen (und hat es mir damit leicht gemacht, mich anzumelden, wusste ich doch, dass mein Risiko beschränkt sein würde). Sonst kenne ich amerikanische Serviceanbieter nur von berufsständischen “Associations” – da ist man immer nur so lang Mitglied wie man bezahlt hat und wird frühzeitig freundlichst erinnert, doch bitte an die Verlängerung der Mitgliedschaft zu denken.

Gleiches gilt für die “National Geographic Society”, bei der ich “valued member since 19xx” bin und die mich ebenfalls mit schmeichelnden Briefen umwirbt, doch weiter bei der Stange zu bleiben (aus meiner Sicht ist die Mitgliedschadt dort auch nichts anderes als das Abo des Magazins). Auch wenn ich weiß, dass die Kosten für Bettelbriefe und Kundenbindungsleute letztlich meinen Beitrag erhöhen, finde ich das sympathischer und kundenorientierter als die stillschweigende Verlängerung deutscher Abos, bei denen ich nur Jahr für Jahr eine Rechnung bekomme.

Spagat auf dem Pavianfelsen

Die Vorzeichen stehen gut für Angela Merkel. Alle Prognosen zur Bundestagswahl sagen der CDU einen satten Vorsprung gegenüber der Konkurrenz voraus. Das demoskopische Aufleuchten der SPD im späten Winter erweist sich als Strohfeuer, und Martin Schulz muss strampeln, um noch als glaubwürdige Alternative fürs Kanzleramt zu erscheinen.

Tatsächlich führt wohl kein Weg an einer weiteren Amtsperiode für Frau Merkel vorbei. Innenpolitisch gibt es kaum Themen, mit denen die SPD gegen die Union punkten könnte; wie auch, wo die Sozis die Regierungspolitik der Großen Koalition ja mittragen und -konzipieren?

Außenpolitisch blickt die freie Welt sorgenvoll nach Berlin und hofft, dass ihr Führer im Amt bleiben darf.

Es begann als Scherzchen im Internet während Merkels Besuch in Washington, dass ”the Leader of the Free World” sich mit Donald Trump treffe. Freilich steckt ein großes Stück Wahrheit in dem bösen Scherzwort. Merkel ist, so scheint es, die einzige Erwachsene in einer Horde halbwüchsiger Burschen. Die Gruppe der bedeutendsten Staatsmänner und Regierungschefs wird in den letzten Jahren von männlichen Alphatieren dominiert, die massive Egoprobleme haben. Wohin man schaut: Trump, Putin, Orbán, Erdoğan, Boris Johnson – man kommt sich vor wie auf dem Pavianfelsen, wo die Männchen ihre Statuskämpfe ausfechten und stolz demonstrieren, wessen Hinterteil am purpurrötesten leuchtet. Angela Merkel fällt da als rational kalkulierende Frau mit wenig Eitelkeit deutlich aus dem Muster. Sie pumpt ihr Blut nicht in den Popo, um ihn zum Leuchten zu bringen, sondern versorgt lieber ihr Großhirn mit Energie.

Man mag sich gar nicht ausmalen, was auf EU- oder G-7-Ebene geschehen würde, wenn der Ruhepol Merkel wegfiele.

Um so kurioser wirkt es, wenn man jetzt beobachtet, wie Frau Merkel im Wahlkampf demonstrieren muss, dass sie die Bodenhaftung nicht verloren hat und sich nicht zu schade ist, sich auch vor Ort um die Themen der Menschen da draußen im Lande zu kümmern. So freut sie sich über die Nominierung zur Direktkandidatin in ihrem Wahlkreis in Stralsund-Nordvorpommern lauter als über manchen Verhandlungserfolg in Brüssel.

Diesen Spagat muss sie hinbekommen, wenn sie weiter auf dem Pavianfelsen für Ergebnisse sorgen will.

Momente des Lächelns (21)

Eine Autobahntankstelle auf dem Weg in den Süden. Irgendwo in Österreich. Osterferien. Reichlich Andrang. Einige Autos aus Holland, die meisten kommen aber aus Deutschland. Die Schlange an der Kasse, pardon: Kassa, zieht sich. Es geht nichts vorwärts, weil ein paar Leute vor mir ein Mann mit der Dame an der Kasse disktutiert. Er könnte Fernfahrer sein, Gebrauchtwagenhändler oder Menschenschmuggler. Die Kassiererin ist nicht mehr ganz jung und stämmig. Ich würde mich mit beiden lieber nicht anlegen wollen.

Irgendwas will er von ihr, und sie weigert sich. Ich kann nicht erlauschen, was die beiden sagen – jedenfalls am Anfang nicht. Doch irgendwann platzt der Kassiererin der Kragen und im breitesten Sächsisch schallt es durch die Halle: “NU GLOOBEN SE’S MR DOCH! WIR HAMM KEENE ‘DUNHILL’ IN ÖSTERREICH!”

Der Puppenspieler aus Washington

Ich muss nicht zu jedem Thema meinen Senf geben, wirklich nicht. Aber wenn irgendwer in ein paar Jahren aus rein historischem Interesse auf diese Seite stoßen sollte, will ich auch nicht, dass es heißt: “Als die westliche Demokratie unterging, schrieb dieser Levin nur über Twitter und seine Kindheitserinnerungen.”

Mein Problem mit Trump ist, dass ich schon durch seine Wahl raus bin aus der Runde derer, die sich kompetent äußern dürften. Ich hab es nie für möglich gehalten, dass er es ins Weiße Haus schafft. Mir ging es am US-Wahltag ähnlich wie beim Brexit-Referendum: Ich hab das Spektakel beobachtet und war überzeugt, dass die Vernunft siegen würde, ja müsste. So deppert KÖNNEN sie nicht sein, dass sie das zulassen! Und ich ging zuversichtlich zu Bett, wachte am nächsten Morgen früh auf, griff zum Telefon, las die Nachrichten und fiel aus allen Wolken! Sie sind tatsächlich so deppert, sie haben es zugelassen!

Mein nächster Denkfehler folgte auf dem Fuße. Trump ist ein narzisstischer Gockel, dachte ich, dem es nur um das Aufplustern seines Egos geht. Sein mickriges Selbstwertgefühl braucht Futter von außen, und welche Bestätigung könnte größer und befriedigender sein, als das machtreichste Amt der Welt zu erringen. Er, der peinliche Parvenu, hatte es doch allen gezeigt, dem Establishment, dem alten Geld, den Kennedys und den Bushs, den Cliquen mit ihren Villen in Martha’s Vineyard. Mit seinem Proletencharme hat er die Hillbillies gewonnen, mit unerhörter und abstoßender Demagogie hat er seine Gegnerin fertig gemacht, und er hatte Erfolg damit. Alles was er will, ist, dass er zu hören bekommt, dass er der Größte ist, von allem und jedem.

Deswegen, so war ich überzeugt, sei er im Grunde gar nicht so gefährlich. Seine Wahlkampfthemen nur Getöse, wenn man ihm nur ordentlich um den Bauch geht und Honig ums Maul schmieren würde, gäbe er schon Ruhe.

Weit gefehlt! Trump wütet in ungekannter Form, höhlt Amerikas freiheitliche und rechtsstaatliche Prinzipien aus, haut mit seinem Maßnahmenhammer einfach drauf. Die einzige Art von Logik und Verstand, die ich ihm zugebilligt hatte, findet sich auf geschäftlichem Gebiet: Die Mauer nach Mexiko, potenzielle Handelskriege, Einreisesperren – all das schadet der US-Wirtschaft, die nach allgemeiner Einigkeit der Ökonomen auf Stärke in einem offenen Wettbewerb setzen muss. Für seine rechtspopulistischen Verfolgungswahnvorstellungen muss der amerikanische Konsument und Steuerzahler bluten. Der pure Wahnsinn!

Soweit der Stand der Dinge und meiner Ratlosigkeit. Gibt es eine Logik, die all das erklären könnte? Wenn Trump im Grunde unpolitisch ist (wovon ich immer noch überzeugt bin) und ausgesprochen dumm (wofür alles spricht, was er von sich gibt), dann stellt sich nur die Frage, wer von seinen Rambo-Aktionen profitiert?

Da ist zum einen sein Vertrauter und Berater Stephen Bannon. Ex-Soldat, Ex-Chef des rechtsextremen “Breitbart” Portals, Rassist und Demokratieverächter. Bannon hat offen erklärt, er wolle die staatlichen Institutionen zum Einsturz bringen. Mental also eine Mischung aus Kaiser Nero und den Herren ium Berliner Führerbunker Anno ’45. “Es zittern die morschen Knochen …”, sang einst die HJ in Deutschland, und Bannon – frisch in den nationalen US-Sicherheitsrat berufen – stimmt fröhlich ein. Der Typ ist unberechenbar, er ist krank, gefährlich und ein Feind all dessen, was wir als freiheitlich-demokratische Grundordnung klassifizieren. Dabei hat er, was Trump fehlt: Hirn. Alles, was Trump in seinen ersten Tagen im Amt verfügt hat, ist für Bannon eine Herzensangelegenheit. Zufall?

Der andere Nutznießer von Trumps Politik sitzt im Kreml. Russland lechzt nach einer Rückkehr zu Weltmachtstatus, will endlich wieder auf Augenhöhe mit den Amis stehen. Nachdem es aus eigener Kraft (trotz verlustreichen und teuren Kriegseinsätzen in der Ukraine und in Syrien) dazu nicht reicht, kommt es Moskau natürlich sehr entgegen, wenn die USA im Chaos versinken und sich als internationale Führungsmacht des freien Westens verabschieden.

Es klingt weit hergeholt, wenn Trump ein Ausführungsgehilfe Putins sein sollte. Eine völlig absurde Verschwörungstheorie eigentlich. Stimmt. Aber ich fand auch mal “House of Cards” ein wenig zu überzogen und krass …

Schuuuuulz!

Martin Schulz soll es also richten für die SPD. Der Schachzug von Sigmar Gabriel ist zweifellos klug. Er fand Lob und Zuspruch allerorten. Ich allerdings sehe schwarz für die nächsten Wahlen – nicht nur für die Sozis.

Denn auch Martin Schulz bietet keinen zwingenden Grund, bei den nächsten Bundestagswahlen sein Kreuz bei den Roten zu machen. Die SPD ist für den unvoreingenommenen Wähler strategisch nie die erste Wahl. Warum?

Lassen wir mal Partikularinteressen beiseite, die mich dazu bringen, eine bestimmte Partei zu wählen, weil ich nur durch sie erreichen kann, dass mein Jagdhund steuerfrei bleibt und mein Walfleischkonsum legal. Dann reduziert sich die politische Richtungsentscheidung auf die Gretchenfrage, wie ich als Wähler im Großen und Ganzen zur Politik der gegenwärtigen Regierung stehe.

Wenn ich die bisherige Politik behalten möchte, werde ich am besten Frau Merkel und ihre CDU wählen. Bei allen anderen ist nicht sicher, dass sie künftig mitkoalieren dürfen, und außerdem halte ich mich doch nicht an den Schmiedel, sondern lieber gleich an den Schmied.

Umgekehrt heißt das, dass sich meine Wahl stark einschränken wird, wenn mir die gegenwärtige Richtung nicht passt. Als zuverlässige Oppositionsalternative bleiben mir eigentlich nur die Linke oder die AfD. Bei SPD, Grünen und FDP steht zu befürchten, dass sie in der einen oder anderen Konstellation zu Angela Merkel unter die Decke schlüpfen werden. So schön es insbesondere für FDP und Grüne ist, dass ihnen alle Optionen offen stehen – bei den anstehenden Wahlen könnte es zum Bumerang werden, wenn sie sich nicht glaubwürdig genug von der Regierungsbeteiligung distanzieren.

In die Glaskugel geblickt verheißt die Aussicht auf das Bundestagswahlergebnis aus Sicht eines Demokraten mit fester Verortung auf dem Boden der freiheitlichen Grundordnung nichts Gutes. Gut, die Union wird sich dank Kanzlerbonus und guten Rahmendaten halten, der SPD prophezeie ich bei der jetzigen Ausgangslage ein Debakel. Dabei ist es ganz egal, wer der Kampagne voransteht, denn welchen Wähler soll die Aussicht auf den besten tollsten klügsten schönsten Vizekanzler locken – und dass die SPD vor der CDU landen wird, ist mehr als unwahrscheinlich.

Die einzige Aussicht der SPD, das zu ändern, wäre, eine Fortsetzung der Großen Koalition kategorisch auszuschließen und Rot-Rot-Grün zur alleinigen Option der Sozialdemokratie zu erklären. Dann hätten die Wähler echt die Alternative zwischen Merkel und Schulz, was Chancen und Stimmen der Sozis vermehren dürfte. Freilich bleibt sehr fraglich, ob es am 24.9. zu einer stabilen Regierungsmehrheit reichen wird. Und im Zweifel werden gerade die Spitzenkräfte der SPD weitaus lieber als Juniorpartner in der Regierung bleiben denn auf die Oppositionsbänke umzuziehen. Das aber wird die Glaubwürdigkeit der harten Kante torpedieren, mit der die SPD in den Wahlkampf ziehen muss. Und damit wiederum Stimmen kosten. So oder so: die SPD wird es schwer haben!

Die potenziellen Wähler von FDP und Grünen müssen mit der Ungewissheit leben, ob sie das Leichtgewicht einer künftigen Regierungskoalition stützen oder eine starke Opposition aufpämpern wollen. Aus meiner Sicht ist es schwer vorherzusagen, ob ihnen das eher schaden oder nützen wird. Natürlich gibt es einen Kern von Stammwählern, denen die Taktik egal ist, die liberal wählen, weil sie weniger Staat wollen oder grün der Umwelt wegen. Für beide Kandidaten gilt aber, dass die Kern-Klientel sie nur knapp über die Fünfprozenthürde tragen wird (wenn überhaupt). Wer höher landen will, muss taktierende Wechselwähler gewinnen. Einen davon haben die Grünen in meiner Person verloren: Ich habe in den vergangenen beiden Wahlen aus vornehmlich taktischen Gründen grün gewählt, werde das aber diesmal bleiben lassen, weil ich Rot-rot-grün fürchte und die Linke nicht in der Bundesregierung sehen möchte.

Die Linke wird (auch wenn mir das nicht passt) gut abschneiden: Ihre Wähler und Sympathisanten können sowohl ihren Protest gegen Merkels Regierungspolitik ausdrücken als auch aktiv auf einen Regierungs- und Richtungswechsel mit Rot-rot-grün hinarbeiten. Wem Merkel nicht sozial genug ist und wer endlich wieder eine klare Richtung nach links haben will, nach all dem in der Mitte lavierenden christsozialdemokratischen Gemenge der vergangenen zehn Jahre, der weiß, was er zu tun hat.

Alle Proteste und Oppositionsneigungen, die im Gegensatz dazu eine klare konservative / rechte Richtung fordern, die die Union wieder wegzerren wollen von der sozialdemokratischen Umarmung, werden ihre Stimme in der AfD finden (auch wenn mir das noch viel weniger passt). Die AfD wird groß rauskommen, was dramatisch ist angesichts der Ansichten eines Björn Höcke und der Persönlichkeit einer Frauke Petry. Die AfD ist der Geier, der sich fettfressen darf an dem Futter, das ihm die Großkoalitionäre überlassen. Was vom erwartbar üppigen Gewinn der Rechtspopulisten Ausdruck einer diffusen Fremdenfeindlichkeit im Angesicht der Flüchtlingssituation seit 2015 ist, was harter antidemokratischer Nationalismus als Erbe der verdorrten NPD, was plumper Protest, was taktisches Wechselwählen, wird schwer zu isolieren sein. Den Aufschrei am Wahlabend kann man sich aber schon jetzt ausmalen.

Eine Sondersituation bietet sich den Wählern in Bayern. Die haben eigentlich keine Option, ihre Zustimmung zur Regierung Merkel auf dem Wahlzettel zum Ausdruck zu bringen. Wenn sie Union wählen, also in Bayern die CSU, unterstützen sie den Schachtelteufel Seehofer, der sich einen Spaß draus macht, Merkel immer wieder von der Seite reinzugrätschen; eine vergleichsweise starke CSU schadet Merkel eher. Bei allen anderen Optionen laufen sie Gefahr, der Opposition in die Karten zu spielen. Die AfD immerhin wird in Bayern unter ihren Möglichkeiten bleiben, weil ein guter Teil des stinkigen Protests von der CSU abgefangen werden wird, die zwischen Regierungstreue und Wir-waren-ja-schon-immer-dagegen lavieren dürfte und vermutlich gerade in der Frage von Migration und Asyl ihre hässlichste Seite vorzeigen wird.