Nicolai Levin

Nicolai Levin

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Unter Schreibern

“Senden”. Einen Klick später ist das Manuskript weg, auf dem Weg zur Agentur. Jetzt heißt es Bangen und Warten, ob sie dort das Opus als vermarktungswürdig einschätzen. Ich atme tief durch und nehme einen Schluck aus meinem Kaffeebecher.

Vor ungefähr einem Jahr wagte ich mich zum ersten Mal in die ungewissen Gewässer des Fiktionalen. Bis dahin hatte ich schon viel geschrieben: Wissenschaftlich, beruflich, Blogbeiträge, Wikipediazeug, Fachartikel. Nur eben nie etwas Ausgedachtes, Belletristisches.

Es war ein großer Sprung, viel größer als ich je gedacht hätte. Und ich habe viel gelernt dabei.

Erste Erkenntnis: Schreiben ist schwierig.

Mit der Idee einer Geschichte im Kopf und viel Selbstbewusstsein im Kreuz fing ich an. Schreiben konnte ich ja. Ich musste allerdings erkennen, dass das alles nicht so einfach ist, wie ich gedacht hatte. Wenn man keinen Horror vor einer leeren Seite hat, einem die Formulierungen flüssig von der Feder gehen und man es schafft, die Dinge treffend auf den Punkt zu bringen, ist das gut und wichtig, aber eben nur der Anfang!

Wie setzt man Dialoge? Wie ausführlich beschreibt man Orte? Und Menschen? Und das, was sie tun? Spannungsbögen ziehen, Unheil dräuen lassen, Pointen vorbereiten, für eine gute Geschichte muss man all das beherrschen, und noch viel mehr: Wieviel weiß man von seinen Charakteren und wieviel davon verrät man seinen Lesern? All diese rein handwerklichen Fragen stellen einen Neuling (also: mich) vor echte Herausforderungen – und man (also: ich) macht erstmal unendlich viel falsch.

Ich darf gestehen: Für mich war es eine große Überraschung, dass das Handwerkliche beim Schreiben so schwierig ist – einfach, weil ich bis dahin noch nie Zeug gelesen hatte, das handwerklich so richtig schlecht gewesen wäre. Denn alles, was es in die Auslagen und Regale der Buchläden schafft (egal ob die aus Holz sind oder virtuell), ist eben handwerklich solide gemacht, dafür sorgen schon die Verlage und ihre Lektoren. Deshalb habe ich es für selbstverständlich genommen und wurde eines Besseren belehrt.

Auch Ihr Lieblingsschmöker und der hochgelobte Literaturnobelpreiskandidat bestehen zu mindestens 60% aus reinem sauberen schlichten Handwerk. Darauf kommen noch 30% Kunsthandwerk, also die Fähigkeit, diese handwerklichen Komponenten möglichst elegant und virtuos auszuführen. Flott blitzende Dialoge oder raffinierte Plotwendungen. Keine Klischees. Das, was ich Kunsthandwerk nenne, hebt die literarischen Werke über die Dutzendware von Heftromanen und Schmonzetten.

Erst die letzten 10% sind es, die große Kunst und Genie ausmachen, an denen sich am Ende ein Wolfgang Herrndorf von Sebastian Fitzek unterscheidet oder ein Uwe Johnson von Jan Weiler.

Klingt frustrierend, ist aber so: Es bedarf einer Menge Anstrengung und Übung, um überhaupt auf die Grundlagen zu kommen, also auch nur einen solide geschriebenen Groschenroman oder eine sauber durchkomponierte Schmonzette hinzukriegen!

Zweite Erkenntnis: Schreiben lernt man am besten durch Schreiben.

Übung macht den Meister. Ach nee! Es ist aber tatsächlich so, dass man nur dann die Chance hat, besser zu werden, wenn man es immer wieder probiert. Mit jeder Geschichte, die man zu Papier bringt, wächst die Routine. Dinge, die beim ersten Anlauf noch sorgsam bedacht werden mussten, gewinnen an Selbstverständlichkeit. Tricks, die einem einmal über eine Hürde geholfen haben, werden zum festen Bestandteil des Werkzeugkastens.

Heißt aber: Der Anspruch, bereits mit dem Erstling groß rauszukommen, kann schnell begraben werden, denn das erste Werk ist aus der Rückschau immer peinlich und schlimm.

Auch hier unterlag ich in meiner Wahrnehmung einem bitteren Irrtum. Fulminante Debuts, Autorenstars aus dem Nichts, so wie Daniel Kehlmann mit seiner Vermessung der Welt, schienen mir selbstverständlich und würden natürlich auch auf mich zutreffen (schließlich bin ich ja gut). Das Fulminante aber, musste ich lernen, ist natürlich nur das, was ich wahrnehme. Der erste Bestseller, der sich mir aufdrängt. Ob der Autor, der es so plötzlich ins Rampenlicht geschafft hat, vorher schon dreißig Romane in der Schublade hatte oder im Selbstverlag dümpeln lassen musste … wie er sich gemüht und ganz langsam entwickelt hat, all das sehen die Leute, die ihren Blick nur auf die Bestsellerlisten fokussieren, natürlich nicht.

Dritte Erkenntnis: Schreiben ist eine Epidemie.

Als ich mir zum ersten Mal Gedanken über eine weitere Verwertung meines Geschreibsels gemacht habe, bin ich beim Googeln auf Internetforen gestoßen, in denen sich Schreibwütige austauschen. Das Deutsche Schriftstellerforum ist so eine Selbsthilfeplattform für alle angehenden Autoren. Auch bei Montségur findet man einschlägige Unterstützung, muss aber einen gewissen Grad an Erfahrung und Professionalität nachweisen.

Mich hat erstaunt, wie viele Leute ihre Freizeit damit verbringen, Bücher zu schreiben. Gut, mit 14 haben wir uns alle mal daran versucht, unseren tiefempfundenen Weltschmerz in Worte zu gießen. Aber das legt sich doch bei den meisten wieder, spätestens dann, wenn das erste Mädchen ihr Werben erwidert. Wenn ich mir freilich die Aktivität in den Autorenforen anschaue, bin ich von den Socken, wie viele Menschen den Anspruch zur Schriftstellerei halbwegs ernsthaft verfolgen.

Klar, unter den Usern sind auch die Vierzehnjährigen mit ihrem Weltekel, dann natürlich die Horden der Epigonen aus dem Fantasybereich, die ihre Abklatsche von Tolkien, Game of Thrones und Biss zum Morgenrot produzieren, und schließlich die vielen, denen irgendwo unterwegs die Luft ausgeht mit drölf versandeten Romananfängen in der Schublade.

Dennoch: Der Klub ist weit weniger abseitig, als ich vermutet hatte. Mit den Möglichkeiten, elektronische Ausgaben auf eigene Faust zu erstellen und zu vertreiben, öffnen sich Chancen auch für die, denen die etablierten Verlage verschlossen bleiben. Die Welt ist bunt und jede Subkultur hat ihre Nische. Klein- und Kleinstverlage – oft auch im Nebenerwerb betrieben – bringen Titel jenseits des Mainstreams in überschaubaren Auflagen nicht über den Buchhandel, sondern vor allem im Direktvertrieb bei einschlägigen Messen und Conventions an den Fan.

Ich ertappe mich dabei, dass ich in der U-Bahn die Gesichter absuche. Einer außer mir in diesem vollen U-Bahn-Wagen muss eigentlich auch schreiben. Ist es die pummelige Mittfünfzigerin mit dem toupierten Haar oder doch der Tätowierte im schwarzen Ledermantel mit dem Nasenpiercing …?

Vierte Erkenntnis: Schreiben ist ein hartverdientes Brot.

Jedes Jahr kommt eine Unmenge neuer Titel in die Buchläden. Da kommt es doch auf einen (also: meinen) mehr oder weniger nicht an.

Dachte ich. Doch die Verlage drängeln sich hart um die (nachlassende) Gunst der Käufer. Und Agenturen und Autoren prügeln sich um die knappe Aufmerksamkeit und die noch viel knapperen Vermarktungsbudgets der Verlage. In einem der Foren hat mal einer errechnet, dass nur ungefähr jedes tausendste Manuskript, das bei einem Verlag eingereicht wird, tatsächlich gedruckt und vertrieben wird. Auf einen neuen Buchtitel bei Amazon oder im Verzeichnis lieferbarer Bücher kommen 999 fertige Exposés und Manuskripte, die zurückgewiesen wurden, weil man ihnen zu wenig Marktchancen gibt oder sich niemand für sie begeistern konnte!

Entsprechend ungleich verteilen sich die Einkünfte aus dem Schreiben. War mir auch nie so bewusst, aber bei den Schreiberlingen ist es ganz ähnlich wie bei den Schauspielern. Dick Kohle machen nur ganz wenige, von ihren Büchern leben können ein paar, die meisten allerdings mehr schlecht als recht, und die große Masse muss etwas anderes machen, um die Miete und die Kartoffeln bezahlen zu können.

So, nun wissen Sie’s. Warten wir also gemeinsam, ob ich mich bei den 999 einreihen muss. Ich halt Sie auf dem Laufenden.

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Leyenspiel? Trauerspiel.

Ursula von der Leyen heißt also das Kaninchen, das die EU-Regierungschefs aus dem Hut gezaubert haben im Postenpoker nach der Europawahl.

Dass sich reichlich Protest regt gegen diese Entscheidung, ist ein gutes Zeichen. Man kann daran sehen, dass vielen die EU-Spitze nicht egal ist und dass die europäische Demokratie lebt.

Aus meiner Sicht ist das “Tableau”, auf das sich die Regierungschefs geeinigt haben, in seiner Gesamtheit gar nicht so schlecht. Christine Lagarde, die die EZB übernehmen soll, hat Erfahrung und macht, soweit ich das absehen kann, keinen ganz schlechten Job beim IWF. Ein austeritätsgläubiger Deutscher an der EZB-Spitze wäre für die Schuldensündern im Süden zu krass gewesen, deshalb ist Jens Weidmann nicht durchsetzbar. Als Ausgleich gibt’s für die Deutschen der Chefposten. Von der Leyen hat Merkels Vertrauen, sie ist Europäerin, bringt ausreichend Erfahrung, ist nicht zu forsch und kann sich verkaufen. Zum Abrunden der Belgier Charles Michel als Ratspräsident. Liberal, alter Hase. Osteuropa kommt zu kurz, sonst ist Geschlechter- und Parteienproporz hinlänglich abgebildet und ein Minimum an Kompetenz gewahrt.

Dennoch ist von der Leyen die falsche Kandidatin. Das Gezerre, das jetzt um ihre Wahl anhebt, zeigt, wo es in Europa hängt, und das wäre eine gute Gelegenheit, die Dinge zu verändern und zu verbessern.

Ich hätte lieber einen der Spitzenkandidaten (Weber, Timmermans, Vestager) an der Spitze der Kommission. Mit allen dreien könnte ich gut leben, sie sind moderat, nicht dumm, ich traue ihnen was zu, jedem auf seine Art. Und – wenn sie eine Koalition im Parlament hinter sich bringen, um gewählt zuwerden – ihre Wahl wäre Ausdruck, dass die Europawahl ernst genommen wird.

Aber die Nominierung zeigt vor allem eins: Dass das Spitzenkandidatenprinzip und die EU-Verträge nicht gut zusammengehen. Der Rat schlägt vor, das Parlament stimmt zu – dieses Prinzip funktioniert nicht, wenn die Besetzung wirklich wichtig ist und das Parlament ernst genommen werden will; so kann man in einer Demokratie keinen Premierministerposten besetzen. Der eine darf nur wählen, wen der andere will, nein, das ist keine gute Idee! Wenn das Parlament sich bockig zeigen wird und von der Leyen durchfallen lässt, haben wir den Salat.

Spitzenkandidaten sind eine feine Sache, bei ihrer Benennung durch die Parteigremien von Christ-, Sozialdemokraten und Liberalen hat nur leider niemand den Rat der Regierungschefs nach seiner Meinung gefragt. “Würdet ihr den benennen, wenn er eine Mehrheit hat?” Wie sollte der Rat auch ein Jahr vor der Wahl seine Zustimmung zu einer bestimmten Person geben – ohne zu wissen, wie die Wahl ausgeht, welche Balancen und Befindlichkeiten zu berücksichtigen sein werden, ja, ohne auch nur seine eigene Zusammensetzung für den Zeitpunkt der Nominierung zu kennen?

Aber auch auf der Seite von Parteien und Parlament steht das Spitzenkandidatenprinzip auf wackeligen Füßen. Eigentlich sind nur Sozial- und Christdemokraten und die Grünen den (ungeschriebenen) Spielregeln gefolgt und haben tatsächlich Kandidaten für den Kommissionschef auf den Schild gehoben. Die Liberalen haben sich mit einem “Team” drumrum gemogelt. Bei der Europawahl spielte der Spitzenkandidat eine untergeordnete Rolle. Gut, wer im Mai durch Bayern fuhr, kam an Manfred Weber nicht vorbei. Aber schon die deutsche SPD plakatierte lieber ihre deutsche Listenführerin Barley als den Niederländer Timmermans. Insofern kann ich verstehen, wenn jetzt Leute sagen, man solle sich an der vagen Versprechung, nur Spitzenkandidaten zu nominieren, nicht festklammern.

Wie auch immer man zu den Prinzipien stehen mag: Jetzt hat es das europäische Parlament in der Hand, ob es dem Vorschlag der Regierungschefs folgen will. Damit wäre eine im Ganzen passable Personalentscheidung durchgewunken, mit der man leben könnte. Allerdings würde das Parlament sich damit selbst zurückstutzen auf die Rolle des Abnickwauwaus für die allmächtige Brüsseler Runde des Rates, die in nächtlichen Marathons entscheidet, wo es langgeht in Europa.

Zudem bekämen wir eine Kommissions-Chefin, die sich auf nationaler Ebene nicht eben mit Ruhm bekleckert hat. Skandale um Beraterverträge, eine Bundeswehr, bedingt abwehrbereit wegen immer neuer Ausrüstungsmängel, die noch immer nicht den Umstieg von der Wehrpflicht- zur Berufsarmee geschafft hat und zudem ein ungelöstes Problem hat mit Verfassungsfeinden in den eigenen Reihen: Als Verteidigungsministerin ist Ursula von der Leyen eine einzige Enttäuschung.

Für die Zukunft aber muss sich was ändern. Spitzenkandidat funktioniert so nicht, das haben wir gesehen.

Zuerst mal brauchen wir eine richtige Europawahl, entweder mit Direktmandaten oder mit transnationalen Listen (oder beidem), aber nicht 27 nationale Wahlentscheidungen, deren Mandatsträger dann im Europaparlament abgekippt werden. Dann ist auch personell allen Wählern klar, wohin die Reise mit ihrer Stimme gehen soll.

Der Kommissionspräsident ist faktisch der Premierminister der EU. Ergo muss er entweder vom Parlament gewählt werden – und nur vom Parlament – oder sogar direkt vom Volk. Die Regierungschefs, also quasi das “Oberhaus” der EU, dürfen da nichts zum Mitschnabeln haben. Der Bundesrat hat ja auch nicht mitzureden, wenn der Bundestag den Kanzler wählt.

Ich wünsche mir sehr, dass von der Leyen durchfällt. Einmal, weil ich es ihr nicht zutraue, und zum andern, weil ich darin die Chance sehe, einen wichtigen Schritt zur Europäischen Republik voranzukommen!

Lektüre für den Liegestuhl 2019

Die Sonne brennt, die Tage sind so lang wie nie im Jahreslauf. Mit anderen Worten, ich sollte endlich mal meine diesjährigen Sommerhinweise für die Leseratten unter Ihnen abladen.

Meine persönliche Entdeckung des Jahres ist nicht gerade neu. Die “Jahrestage” von Uwe Johnson haben mich begeistert! Das Buch lag bei mir in der geistigen Schublade “viel zu kompliziert und schwierig für unterhaltsame Lektüre” – gleich neben dem Ulysses von James Joyce und dem Dr. Faustus von Thomas Mann. Dann las ich aber eine enthusiastische Kritik – und zwar ausgerechnet in einem US-amerikanischen Politikmagazin (Vox oder Atlantic), und da dachte ich mir, wenn die Amis schon über die übersetzte Fassung so jubeln, dann sollte ich mir das Original doch endlich auch mal vorknüpfen. So kam ich zu dem späten Vergnügen; einerseits bedaure ich es sehr, dieses wunderbare Werk nicht schon früher gelesen zu haben, andererseits hat es auch was, erst in gesetzteren Jahren damit in Berührung zu kommen. Bevor ich nicht selbst Kinder hatte, bevor ich nicht mindestens im Alter der Protagonistin war, hätte ich die Lektüre vermutlich nicht so verstanden und genossen.

Die Hauptfigur, Gesine Cresspahl, ist 35, sie lebt in New York und jeder Tag von Ende August 1967 an stellt ein Kapitel, einen Tag im Jahr der Jahrestage dar, das auf diese Weise eine Art Tagebuch bildet. Gesine hat eine etwas altkluge zehnjährige Tochter, sie arbeitet in einer Bank und lebt am Rand von Manhattan am Hudson River. Sie liest mit Leidenschaft die New York Times, deren Inhalt zusammengefasst oder auch wörtlich wiedergegeben die Tageskapitel gerne einleitet. Daneben erfahren wir vom Alltagsleben in der Stadt, und darüber hinaus nimmt Gesine auf Tonband ihre Familiengeschichte auf, für ihre Tochter (“Für wenn ich tot bin”). Gesine stammt aus einem Dorf im Westen Mecklenburgs, ihr Vater war Tischler – die Chronik des Dorfes und ihrer Verwandten und Bekannten bildet die dritte Ebene des Erzählens.

Da die Ebenen manchmal recht abrupt wechseln und vieles, was sich in der Geschichte an Fremdsprachigem ereignet, unübersetzt bleibt (darunter auch etliche Dialogpassagen auf Plattdeutsch), galten die Jahrestage bei ihrem Erscheinen als sehr gewagt und avantgardistisch. Wir heutigen Leser sind durch komplexe Fernsehserien längst an das Ineinandergreifen mehrerer Handlungsstränge gewohnt. Weil die einzelnen Ebenen für sich streng chronologisch erzählt werden, lesen sich die Jahrestage wider Erwarten durchaus angenehm und gar nicht schwer.

Die Ereignisse von ’67/’68 waren brandaktuelles Tagesgeschehen, als Johnson am ersten Band schrieb. Der Kontrast zwischen dem quirligen New York und dem behäbigen Niederdeutschland der dreißiger und vierziger Jahre ist deutlich. Für gegenwärtige Leser prallen zwei hochinteressante historische Epochen aufeinander, der Kontrast bleibt, nur unser Abstand zum Geschehen wächst mit jedem Jahr. Dem Lesevergnügen tut das keinen Abbruch.

Uwe Johnson war ein freiheitsliebender menschenfreundlicher Sozialist. Seine politischen Überzeugungen trüben nie seinen scharfen Blick: Darauf, wie das Dorf sich zwischen Anpassen, jubelnd Mitlaufen und Profitieren mit den Nazis arrangiert, so wenig wie auf die zynischen Lügen der SED-Diktatur oder auch auf die Gesellschaft der USA im Umbruch jener Jahre, die doch freier war und luftiger als die muffigen Adenauerjahre in Westdeutschland. So zeichnet Johnson gleich mehrere Bilder auf einmal, und jedes ist klug und wahrhaftig und deutlich.

Seine Chronik ist nicht weit von Lübeck angesiedelt und doch viel weniger gedrechselt als bei Thomas Mann, der Humor, die Liebe zur Sprache und zum starrsinnigen Charakter der Mecklenburger lässt sich förmlich greifen. Welch Meister der Sprache Johnson war, offenbarte sich mir vor allem in der Redeweise der Tochter Marie, die ganz allmählich ins angelsächsische Denken und Reden gleitet und sich von der idiomatischen Muttersprache entfernt. Ganz subtil macht er das – und schlicht brillant!

365 Kapitel in vier dicken Bänden sind natürlich eine Menge Papier für den Liegestuhl, da lädt man sich vielleicht lieber das E-Book, für den Strand eignet sich das prächtig, schon weil jedes Kapitel nicht so fürchterlich lang ausfällt, vielleicht vier oder fünf Seiten im Durchschnitt, da kann man gut zwischendurch eine Runde schwimmen gehen. Unbedingte Empfehlung!

Es ist gar nicht weit von Uwe Johnsons fiktivem Dof bis zum ebenso fiktiven “Unterleuten”, das Juli Zeh in ihrem Roman von 2016 beschreibt. Eine Autostunde von Berlin entfernt liegt es im märkischen Sand. Das breite Panorama des kleinen Ortes malt Zeh, ein gutes Dutzend Figuren kommen zu Wort und jeder bekommt ein eigenes Kapitel aus seiner Perspektive. Das wiederholt sich in jedem der fünf Teile des Romans. Klingt jetzt vielleicht ein bisschen quietschig konstruiert, liest sich aber flüssig und schön: Alteingesessene und Zugezogene, ein Mikrokosmos, dessen Macht- und Beziehungsgeflechte von den Zeitläuften geschüttelt werden, erst die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR, dann die Wende und nun aktuell das superlukrative Angebot eines Windkraftbetreibers, von dessen Zahlungen sich jeder die Sanierung verspricht. Alte Liebe, alter Hass kochen hoch und man findet manche Rechnung offen. Wie Juli Zeh in die Perspektiven der unterschiedlichsten Typen schlüpft, das ist im Ganzen schon großes Kino! Natürlich findet man manche Figur gelungener als andere, aber das liegt wohl in der Natur der Sache.

Auch hier haben wir es mit einem ziemlichen Schinken zu tun, aber auch hier sind die Abschnitte so kurz, dass ich das Buch guten Gewissens als Strandlektüre empfehlen kann.

Irgendwie war es das Jahr der Familienchroniken für mich. Auf Empfehlung der Süddeutschen Zeitung bin ich an “The Light Years” von Elizabeth Jane Howard gegangen. England 1936. Die Cazalets sind mit Holzhandel reich geworden, und die Autorin begleitet die weit verzweigte Familie durch das Auf und Ab der Zeit. Trotz der positiven Rezension fand ich zwar die Figuren lebendig und gut – vor allem die Perspektive von Kindern und Jugendlichen hat mich begeistert -; allerdings war ich von Spannungsboden und dem seltsam unzusammengefügten Ende unbefriedigt, blieb dann aber trotzig dabei und habe am Ende tatsächlich alle folgenden Bände der Cazalet Chronicles gelesen (im Ganzen sind des fünf), in denen die Familienchronik durch den Zweiten Weltkrieg hinweg bis zum Ende der fünfziger Jahre fortgesetzt wird.

Wieder findet man viele Figuren, viele Perspektiven, das Leben der Oberschicht und ihres Personals werden zusammengeführt; auch wenn die Cazalets gesellschaftlich lang nicht so hoch stehen und ein derart vielköpfiges Personal halten wie etwa die Granthams, kann man davon ausgehen, dass die Schreiber von Downton Abbey auch die Cazalet-Chroniken kannten. Ähnlich wie bei Downton Abbey auch muss man zugeben, dass das wohldosierte Ausschütten von Freud und Leid über die Zweige der Familien letztlich nichts anderes ist als eine Seifenoper für die gebildeten Stände, aber eine amüsante Unterhaltung bietet es allemal und eine Menge Zeitkolorit dazu. Am besten haben mir Band Zwei und Drei gefallen.

Krimimäßig kann ich leider in diesem Jahr schon wieder nicht viel liefern. Volker Kutscher hat mit “Lunapark” eine solide weitere Episode seiner Gereon-Rath-Krimis geschrieben. Durch die Verfilmung “Babylon Berlin” der ersten Geschichten hat die Reihe so viel Aufmerksamkeit und Bekanntheit erlangt, dass Sie bestimmt nicht auf meine Empfehlung gewartet haben.

Wenig begeistert hat mich Ian Rankin und sein Krimi “Knots and Crosses“, der Start seiner hoch erfolgreichen Inspector-Rebus-Reihe. Vielleicht wird die Reihe mit der Zeit besser, beim ersten Band war jedenfalls das launige Vorwort (aus späteren Zeiten nachgetragen) das Beste am Buch.

Dafür sind meine Kinder inzwischen in einem Alter, wo ich auch mal auf deren Lektüre aufsatteln kann. Für den Deutschunterricht war “Krabat” dran von Otfried Preußler. Ich hatte das Buch schon mal als Jugendlicher gelesen und nahm es mir nun wieder vor, ohne im Geringsten enttäuscht zu sein. Die dtv-Ausgabe enthält neben dem Roman auch noch die Originalsage, die Preußler für sein Buch verwendet hat, und daran kann man erkennen, wie virtuos er aus einer ziemlich strubbeligen und doofen sorbischen Sage eine stringente und konzise Geschichte geformt hat. Der arme Krabat verdingt sich beim Müller am Koselbruch, der schwarze Magie betreibt; Krabat lernt zu zaubern, aber jedes Jahr nach Weihnachten muss einer der Gesellen aus der Mühle dem Teufel geopfert werden. Spannung und Grusel sind garantiert. Das Buch ist weit “erwachsener” als das sonstige Oftried-Preußler-Universum rund um Räuber Hotzenplotz und kleine Gespenster, Hexen und Wassermänner; es bietet Mystik und Magie und einen zeitlosen faustischen Stoff, der doch fest in Ort und Zeit verhaftet ist.

Privat von den Kindern gelesen und dem Papa anempfohlen wurde “So lange wir lügen” von E. Lockhart. Ich darf kundtun, dass auch mir die Story sehr gut gefallen hat – und in der Folge gleich mehrere Freunde und Freundinnen der Familie im Alter zwischen zwölf und vierzehn das Buch als Geschenk bekommen haben. Neuengland. Eine Privatinsel in der Nähe von Martha’s Vineyard, eine reiche Familie, hinter deren perfekter Fassade das Grauen lauert. Cadence, die Heldin der Geschichte, verliebt sich unstandesgemäß, die Familie streitet ums Erbe des Großvaters, die Kinder verschwören sich und es kommt zur Katastrophe, die wir aber nur Stückchen für Stückchen in dem Maße erfahren, in dem Cadences Erinnerung ganz langsam zurückkehrt in ihren Kopf. Daphne du Maurier in modern und zeitgemäß und jugendgerecht, könnte man sagen, und das ist ja nicht das Schlechteste …

Hoch im Kurs bei den Kindern steht derzeit Ursula Poznanski. Ihren Thriller “Erebos” hab ich zu Anfang mit sehr großer Skepsis angefasst. Ein Buch über ein Computerspiel, das kann ja gar nicht funktionieren! Ich wurde eines besseren belehrt, die Geschichte ist wirklich gut erzählt, die Beschreibung der Spielerealität ebenso wie der Part, der in der wirklichen Welt spielt. Wie sich das Teilnehmen und Spielen wie eine Sucht über die Schule breitet, das beschreibt sie wirklich fantastisch – und sauspannend ist es dazu. Dass mich die total unrealistische Auflösung enttäuscht und geärgert hat, trübt den Gesamteindruck, aber am Ende verzeiht man der Autorin das, weil der Rest so fesselnd ist. Bei James Bond fragt man ja auch nicht, ob alles immer der Realität entspricht. Ich jedenfalls werde auch weitere Werke der Dame lesen, die Kinder haben dankenswerterweise genug davon.

Soweit meine Hinweise für dieses Jahr. Falls Sie meinem Blog nicht schon jahrelang folgen, hier noch für Sie die Links zu meinen Lesetipps aus vergangenen Sommern:

Lektüre für den Liegestuhl 2018

Lektüre für den Liegestuhl. 2017.

Lektüre für den Liegestuhl 2016

Lektüre für den Liegestuhl 2015.

Lektüre für den Liegestuhl 2014.

Die Ferienlektüre – nochmal durchgeblättert

Lektüre für den Liegestuhl

Jung gegen Alt

Ganz genau messen kann es keiner, aber es sieht doch so aus, als hätten Rezo und seine Kumpane mit ihren Youtube-Videos einen gewissen Einfluss auf das Ergebnis der Europawahl genommen. Die Reaktion der CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, die nun darüber nachdenken will, ob man derartige Statements nicht regulieren sollte, belegt wiederum eindrucksvoll, dass die Dame intellektuell und charakterlich nicht das Zeug fürs Kanzleramt hat.

Die Aktion der Youtuber aber reiht sich in das Schema von Jugendrevolten ein, an denen die Geschichte nicht arm ist. ’68 in Paris und West-Berlin, die Jungtürken im Osmanischen Reich, die Demokraten 1848, die französische Revolution – immer wieder waren es die Jungen, die das Bestehende in Frage gestellt haben und über den Haufen werfen wollten.

Wenn man die Ereignisse aus einer gewissen historischen Distanz beäugt, haben die einen (französische Revolutionäre) mehr bewegt als andere (’68-er) – wenn man neben den kurzfristigen Umwälzungen die Auswirkungen auf lange Sicht von gesellschaftlichen Normen und Werten betrachtet, mag das nochmal anders aussehen.

Zwei Dinge scheinen sich aber musterhaft jedesmal zu wiederholen, wenn die Jungen gegen die Alten aufstehen:

1. Die Borniertheit der Alten
Die Alten sind erstmal beleidigt. Sie verstehen das Anliegen der Jungen nicht, und sie sind empört, dass die sich nicht an die etablierten Spielregeln halten. Fundamental verkennen die Etablierten und Mächtigen, dass sie die schlechteren Karten haben, einfach weil sie alt sind und ihre Art die Welt zu sehen und zu beherrschen, mit ihnen sterben wird. Den Jungen gehört die Zukunft, auch wenn sie aus Sicht der Alten dumm und unerfahren sein mögen.

Vieles von dem, was die Jungen anstreben, wird sich nicht durchsetzen, manches ist sogar völliger Kappes, da haben die Alten schon recht, aber wenn die heute Jungen das in vielen Jahren eingesehen haben werden, sind die Alten längst weg vom Fenster. Zurück zum Bisher wird es nicht geben, so oder so.

2. Die Selbstüberschätzung der Jungen
Die Jungen halten ihre Ideen und Änderungswünsche für sensationell, unerhört und so verfolgen sie diese mit heiliger Ernsthaftigkeit. Weil sie jung sind und ihnen die Zukunft gehört, glauben sie, dass sich mit ihnen alles ändern muss. Kaum dass sie die Schwerkraft als unveränderbar hinnehmen. Sie denken, sie könnten den Menschen ihren Glauben nehmen und durch eine Religion der Ratio ersetzen – wie Frankreichs Revolutionäre. Sie meinen, sie hätten mit der sexuellen Befreiung die Ablösung für so spießige Begriffe wie Liebe – wie die Achtundsechziger.

Sie müssen immer wieder lernen, dass manches sich nicht ändert. Der Mensch bleibt, wie er ist. Und so ist heute in Frankreich der Katholizismus nach wie vor die prägende Religion, und Liebe und Familie und Beziehungen treiben die Menschen auch im Kielwasser von ’68 um.

Auch die Youtuber werden weder den politischen Diskurs neu erfinden, noch die Demokratie über den Haufen schmeißen. Dass aber ein Rezo innerhalb von nur zwei Tagen den Diskurs in Deutschland vor einer Wahl dominieren konnte, während die Debatte um seine Thesen es noch nicht mal auf die Agenda des nächsten CDU-Bundesvorstands geschafft hatte, das zeigt uns, wie sich die Welt wandelt. Sich da beleidigt abzuwenden, wäre das Dümmste, was die Alten tun können.

Erben im Sozialismus. Oder so ähnlich.

Der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert hat in einem Interview mit der “Zeit” seine Vorstellung einer besseren und gerechteren Wirtschaftsordnung skizziert. Dafür ist er heftig gescholten worden.

Ich bin überzeugt davon, dass die Marktwirtschaft die effizienteste und in Summe wohlstandsförderndste Art der Ressourcenzuordnung darstellt. Ich denke aber auch, dass es immer wieder sinnvoll ist, den eigenen Standort in Frage zu stellen. Insofern ist Kevin Kühnert zu danken, dass er eine Diskussion losgetreten hat über Dinge, die wir viel zu oft als selbstverständlich und gottgegeben hinnehmen.

Es tut gut, dass jemand den Mut hat, auch mal grundlegende Sachen in Frage zu stellen; es ist richtig, dass jemand diese Fragen stellt, der in der Politik Verantwortung übernehmen will, und es spricht auch für Kühnert, dass endlich mal jemand eine Diskussion aktiv treibt, ohne dass die Politik den Ereignissen hinterherrennt und vom Tagesgeschehen getrieben wird.

Mit anderen Worten: Wem unsere Banken und Industriebetriebe gehören sollen und wie groß und frei und mächtig sie sein dürfen, sollte man jetzt diskutieren und nicht erst dann, wenn wieder Krise ist und eiligst über Nacht Rettungspakete zu schnüren sind, um nicht die gesamte Volkswirtschaft in den Abgrund stürzen zu lassen.

Daher: Daumen hoch von mir für Juso-Kevin für die Diskussion. Auch wenn ich in der Sache anderer Ansicht bin als er.

Ich bin sehr skeptisch, was öffentliche Unternehmen angeht. Wo öffentliche Güter bereitzustellen sind, haben sie ihren Platz. Wo immer sie sich im Wettbewerb bewähren sollen und Erträge zu bringen haben, sind sie dagegen schlecht aufgestellt. Und allzuoft werden die beiden Ziele vermengt, das hab ich ja an dieser Stelle schon beklagt, als es um die Bahn ging.

Dass es darüber hinaus gute Wirtschaftsformen gibt, die Markt und Gemeinschaft verbinden, steht außer Frage: Ob es die Beteiligung von Mitarbeitern am Unternehmen ist oder gemeinschaftliches Wirtschaften in Genossenschaften, die Welt ist bunt und die Menschen sind findig, und es gibt bestimmt eine Menge Möglichkeiten, das zu fördern.

Es gibt da aber noch einen Punkt, den ich freilich in der Diskussion gerade von Linken vermisse.

Ja, sie träumen gern von Vergesellschaftung und manchmal gar von Enteignung, etwa gerade in Berlin in Sachen Wohnungsgesellschaften. So etwas halte ich für problematisch, weil es Investitionen und Unternehmergeist abwürgt. Wer sich als Unternehmer betätigen will, sollte das tun, ohne dass er befürchten muss, dass der Staat ihm sein Eigentum wegnimmt.

Wo ich aber mal viel radikaler, egalitärer und sozialistischer denken würde, als das viele Linken wagen, ist bei der Frage nach der generationenübergreifenden Übertragung von Eigentum.

Mit anderen Worten: Was, wenn es nichts mehr zu erben gäbe?

Politisch kann man das verargumentieren: Wie kann in einer Gesellschaft, die Egalität und Chancengleichheit hochhält, Jungschnösel Maximilian aus Grünwald ein Seegrundstück am Tegernsee und BMW-Aktien in Millionenhöhe bekommen, während Vollasi Kevin aus Offenbach am Main nur die leere Schnapsflasche seines Opas erbt? Maximilian hat für sein Erbe nichts geleistet, und Kevin kann umgekehrt nichts dafür, dass seine Familie arm ist.

Erben zementiert Armut und Reichtum und soziale Schichtung auf sehr lange Zeiträume, viele Familien zehren heute noch davon, dass irgendein Vorfahr vor ein paar hundert Jahren als Raubritter erfolgreich war oder dass der Uropa eine patentbringende Erfindung gemacht hat. Die Heutigen genießen die Früchte, ohne selbst dazu beigetragen zu haben. Ist das gerecht?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich hab nichts gegen reich und arm. Wer im Laufe seines Lebens durch Fleiß, Einfallsreichtum, Arbeit oder Glück reich wird, soll das gern dürfen. Aber wer sagt, dass dieser Wohlstand von Generation zu Generation weitergegeben werden muss? Was, wenn man mit dem Löffel auch seinen Besitz abgibt? Wenn grundsätzlich beim Tod alles Hab und Gut der Allgemeinheit anheimfällt?

Bei dem Gedanken bekommen die meisten Leute Gänsehaut. Er widerstrebt uns erstmal in unserem Innersten. Da ist etwas in uns, das uns dazu drängt, für unsere Kinder zu sorgen. Die sollen es mal besser haben als wir. Wir gönnen ihnen eine möglichst gute Ausbildung, und viel von dem, was wir wirtschaftlich sammeln und sparen, soll ihnen mal zugute kommen.

Das ist so ein Mischding aus Brutpflege und dynastischem Denken. Die Entscheidung für Wohneigentum und gegen Miete ist in vielen Familien getrieben von dem Wissen, dass die irgendwann mühsam abbezahlte Wohnung dereinst einmal den Kindern gehören soll und wird.

Nehmen wir aber mal an, alles Eigentum, das über einen Sockelbetrag hinausgeht, fällt mit dem Tod an den Staat. Das würden die meisten zu vermeiden versuchen, nehme ich an. Wer ein bisschen was zusammengetragen hat, würde dann wohl häufig im Alter alles verpulvern; die Wendung, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, gewönne an Relevanz. Schenkungen zu Lebzeiten müsste man ab einer gewissen Grenze eben durch prohibitive Schenkungsteuern verhindern. Dann würde ich vermuten, dass viele große Vermögen, die man auch mit einem Leben in Saus und Braus nicht durchbringen kann, in Stiftungen oder zu gemeinnützigen Organisationen wandern würden. Das wäre für die Allgemeinheit nicht das Schlechteste.

Ich halte das in der Durchführung für relativ unproblematisch bei den ganz kleinen Summen, wo ein bisschen was im Depot liegt, und den ganz großen Vermögen, bei Fonds, Aktienpaketen und Stadtschlössern. Kritisch wird’s, wenn wir auf den Mittelstand schauen. Was ist mit dem Handwerksbetrieb, den es zerreißt, wenn er nicht einfach von Eltern- auf Kindergeneration übergeht? Schon weil von den paar Angestellten keiner das Geld oder auch das Zeug dazu hätte, den Betrieb zu übernehmen?

Was ist mit Omas kleinem Häuschen? Was mit dem landwirtschaftlichen Betrieb, der seit 1350 im Familienbesitz ist?

Unlösbar ist das alles nicht. Man könnte sich etwa vorstellen, dass der Übernehmende, also der Erbe, den Besitz antritt und dem Staat dann den Wert in Raten abzahlt, somit die Erbschaftsteuer auf eine Laufzeit von sagen wir zwanzig Jahren verteilt wird. Irgendwann, wenn der Erbe den Betrieb fortführt und Erfolg dabei hat, wird er den Besitz seiner Väter dann erworben haben, und die Reihe kann weitergehen. Damit würde der Staat erhebliche Einnahmen erzielen und könnte im Gegenzug andere Steuern senken, etwa die Mehrwertsteuer oder auch die Einkommensteuer.

Dann würden die bevorzugt, die Neues schaffen und damit ein Einkommen erzielen. Unternehmergeist wird belohnt. Die schöpferische Zerstörung geht vor dem schlichten Weiterführen bestehender Strukturen. Zugleich werden sich mehr Gelegenheiten als bisher öffnen: Erbschaften, die nicht angetreten werden, Leute, die keine Lust oder keine Mittel haben, die hoch besteuerte Erbschaft abzuzahlen. Betriebe, Grundstücke, Wohnungen werden in größerer Zahl als bisher auf den Markt kommen. Für junge Menschen und Familien wird sich das Angebot an potenziellen Kaufobjekten gegenüber heute erhöhen. Die Wirtschaft wird flexibler, weniger starr, erwerben und abgeben wird zum Standard.

Dabei werden die meisten der Erwerber die Objekte nicht einfach so bezahlen können, denn die Vermögen dafür müssten sie schon selbst erarbeitet haben, zu erben gibt es ja nichts mehr. Das Modell, sich ein Investitionsobjekt auf Pump zu kaufen, wird Schule machen oder durch Alternativmodelle wie Erbpacht abgelöst werden, denn der mühsame Eigentumserwerb durch jahrelanges Abzahlen über den lauf eines Erwerbslebens hinweg verliert natürlich an Attraktivität, wenn man weiß, dass man das Erworbene nicht zwingend im Nachkommenkreis halten kann.

Je länger ich drüber nachdenke, desto besser gefällt mir diese Art des Wirtschaftens. Ich finde sie marktorientiert und positiv gegenüber unternehmerischem Denken. Sie orientiert sich am Hier und Jetzt. Jene verkrusteten Reichen, die diskret ihren Wohlstand von Generation zu Generation fortschreiben, werden unter die Räder kommen, aber um dieses Modell ist es nicht besonders schade, finde ich.

Lieblingsserien: The End of the f***ing world

Die nächste Serie, die ich Ihnen ans Herz lege, stammt aus England. Vorlage war übrigens ein Comic.

wo zu sehen: Netflix (original produziert fürs britische Fernsehen Channel 4)
wann gemacht: 2017
abgeschlossen: ja
Staffeln / Folgen: Miniserie aus 8 Folgen
Folgenlänge: ~20 Minuten
Originalsprache: Englisch

Worum geht’s?
Zwei Jugendliche, James und Alyssa, beide Außenseiter, beschließen, sich gegen das gutbürgerliche wohlstandssatte südenglische Vorstadtidyll aufzulehnen, in dem sie aufwachsen. Sie brennen gemeinsam im Mercedes von James’ Vater durch – auf der Suche nach Alyssas Vater, den sie nie getroffen hat, von dem sie aber jedes Jahr eine Geburtstagskarte erhält. Die Polizei macht sich auf die Suche nach den beiden, die bis zum Ziel irgendwo zwischen Norfolk und Sussex eine Spur von diversen Delikten hinter sich lassen.

Was macht The End of the f***ing World so besonders?
TEOTFW ist eine wunderbar lakonische Liebesgeschichte, ein Road Movie, eine Coming-of-Age-Story, eine Geschichte über enttäuschte Erwartungen und über das Suchen und Finden der eigenen Persönlichkeit. Wenn man die Pointen auf den Kern herunterbrennt, könnte man die Moral ein klein wenig langweilig finden (die beiden Hauptfiguren sind gar nicht so freakig und abseitig, wie sie einen anfangs glauben machen und die vermeintlich so aufregend-rebellischen Elternteile enttäuschen auf ganzer Linie, während sich die piefigen Spießer als leidlich zuverlässig erweisen); aber diese Erkenntnis wird überdeckt von der fantastischen Schauspielleistung der Hauptdarsteller und ausreichend schrägen, komischen, erschreckenden und knalligen Ereignissen zwischendurch. TEOTFW ist nicht hektisch erzählt, hat aber im Fortschritt des Plots ein beachtliches Tempo. Für Abwechslung ist jedenfalls gesorgt.

Spielt jemand mit, den man kennt?
Nein.

The End … wird Ihnen gefallen, wenn …
… Ihnen Tschick zu brav war.
… Ihnen Jugendgeschichten mit erhobenem Zeigefinger zuwider sind.
… Sie sich bei Aushilfsjobs an der Tankstelle schon mal entsetzlich gelangweilt haben.

Sie werden The End … nicht mögen, wenn …
… Sie nichts mit abgehauenen Jugendlichen anfangen können.
… Sie Kinder im Teenageralter zu Hause haben (hoffentlich zu Hause!)
… Sie noch nie auch im entferntesten den Wunsch verspürt haben, einen Mitmenschen umzubringen.
… Sie Angst davor haben, sich ihre Hand an einer Friteuse zu verbrennen.

So ähnlich wie The End …:
Tschick, aber der ist eben bei weitem nicht so hart.

Offiziere raus aus den Schulen?

Die Berliner SPD schießt ein ziemlich blamables Eigentor.

Eins vorweg zur Klärung: Die Jugendoffiziere der Bundeswehr haben NICHT den Auftrag, Nachwuchs zu werben oder Schüler über die Karrierechancen als Berufssoldat zu beeinflussen. Sie sollen die Aufgaben der Bundeswehr darstellen und im Rahmen der politischen Bildung erklären, wie unsere Armee ihre Mandate wahrnimmt.

Die Berliner SPD hat nun entschieden, dass an Berliner Schulen Jugendoffiziere der Bundeswehr unerwünscht sein sollen. Damit haben die Delegierten ihre eigene Dummheit eindrucksvoll unter Beweis gestellt; für die SPD ist es ein deutlicher Schritt auf dem Weg zur politischen Bedeutungslosigkeit einer Splitterpartei. Für die ist es nämlich typisch, dass manche Landesverbände mit etwas wunderlichen oder extremen Thesen leider nicht zu bremsen sind.

Der Beschluss ärgert mich vor allem deswegen, weil er einmal von Unkenntnis zeugt (was tun Jugendoffiziere?) und außerdem die Falschen trifft: Was können die Jugendoffiziere dafür, dass die Berliner Sozis ein generelles Problem mit der Bundeswehr zu haben scheinen?

Bittesehr, man kann durchaus den politischen Standpunkt vertreten, dass man keine Bundeswehr will. Ich halte das für ein legitimes Ansinnen: Costa Rica leistet sich schließlich auch den Luxus, auf Streitkräfte zu verzichten, und ich gebe zu, die rund 43 Milliarden Euro Verteidigungshaushalt könnte man auch anderweitig gut gebrauchen.

Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Ich halte die Idee trotz ihrer Legitimität politisch für reinen Wahnsinn. Ohne eigenen Verteidigungsbeitrag dürfen wir nicht hoffen, dass unsere Partner in Nato oder EU ihrerseits den Kopf für uns hinhalten, wenn’s mal hart auf hart kommt. Und in Zeiten der Putins und Erdogans finde ich die Vorstellung einer Einbettung in ein mächtiges und abschreckendes Verteidigungsbündnis durchaus förderlich fürs sorgenarme Einschlafen.

Die Bundeswehr aber ist in unserem demokratischen Rechtsstaat das Instrument der Regierung, welches diese mit Zustimmung des Parlaments einsetzt. Wer dieses Instrument nicht mehr möchte, soll bei Wahlen um Stimmen für dieses Anliegen werben. Das kann die SPD gerne tun. Zu besseren Zeiten hätten derlei Ansinnen keine Chance gehabt bei den Sozialdemokraten, aber damals – die Älteren unter Ihnen werden sich vielleicht erinnern – wilderte die SPD nicht am radikalpazifistischen Rand, sondern konnte in der Mitte so viele Stimmen gewinnen, dass sie den Kanzler und den Verteidigungsminister gestellt hat.

Solange es aber eine Bundeswehr gibt, muss die auch über sich, ihren Auftrag, ihr Selbstverständnis informieren dürfen. So wie der Bundestag und die anderen Bundesbehörden auch. Das nennt man politische Bildung. Es besteht zugegeben immer die Gefahr, dass die Information zu werblich gerät, und die Grenze zwischen politischer Bildung, PR und Wahlkampf verläuft allemal fließend. Wobei ich mich dann aber wundere, dass die SPD dagegen ist, wo sie doch immer noch Bestandteil der Bundesregierung ist und somit die Erfolge der Berliner Regierenden für sich mit verbuchen dürfte …

Zum Rekrutieren würde ich die Bundeswehr allerdings nicht in die Schulen lassen – jedenfalls nicht bevorzugt oder nicht mehr als das andere Jobanbieter auch dürfen. Das ist aber keine Frage des Pazifismus, sondern der Wettbewerbsgleichheit. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich frei und gleich informieren können, ob sie ihren Berufsstart bei der Bundeswehr anstreben wollen oder doch lieber beim Finanzamt, der Telekom, bei der Diakonie oder der Metzgerei Hirschvogel.