Nicolai Levin

Nicolai Levin

Gauland und der 8. Mai

Dass Alexander Gauland eine widerliche Kackbratze ist, wissen wir schon länger. Zum 75. Jahrestag des 8. Mai 1945 hat er es eindrucksvoll erneut unter Beweis gestellt.

Der Tag sei nicht zum Feiern, sagt Gauland, weil er für Deutschland ein Tag “der absoluten Niederlage und des Verlustes von Gestaltungsmöglichkeiten” sei.

Ich habe hier schon mal dargelegt, warum ich das anders sehe und den 9. Mai als europaweiten Feiertag gefordert.

Vorweg mal: Wer heute noch an der Niederlage leidet, hat ein Problem.

Ich lasse mir noch eingehen, dass für zwangsverpflichtete Soldaten, die mit den Nazis nichts gemein hatten und so anständig es eben ging, ihre Pflicht erfüllt haben, die militärische Niederlage und der Tag, der sie markiert, problematisch gewesen sein mag. Aber von denen leben nicht mehr viele.

Und mal ganz offen: Die ach so wackeren Landser haben einem Massenmörder die Treue gelobt und waren Werkzeug in seiner verbrecherischen Maschinerie. Dass sie es nicht gewagt oder gewollt haben, gegen die braunen Machthaber einzutreten, das darf man mit Nachsicht und Verständnis betrachten. Ich selbst bin kein Held und werfe bestimmt keinen Stein auf sie, aber ich sehe umgekehrt auch keinen Anlass, auf die Befindlichkeiten von entweder ignoranten oder feigen Mitläufern – in welcher Schattierung auch immer – allzu große Rücksicht zu nehmen.

Die absolute Niederlage stand militärisch schon lange vor dem Mai 1945 fest, nämlich als die Alliierten sich festgelegt haben, dass sie nur ein “unconditional surrender” akzeptieren würden. Dass das kommen wurde, wusste jeder. Wann dem Einzelnen die Augen aufgingen, mag vom Grad der jeweiligen Verblendung abhängen und von der Kenntnis im Kriegshandwerk. Ob die Landung in der Normandie, die in Sizilien, Stalingrad oder die “Battle of Britain”. Die Zeichen standen lange an der Wand. Am 8. Mai 1945 war alles längst vorbei, es war lediglich der Notartermin, zu dem Hitlers Generale anzutreten hatten, soweit sie da ihrem kläglichen Leben nicht schon ein ebenso klägliches Ende gesetzt hatten.

Moralisch war Deutschland längst am Boden, bereits bevor es militärisch unterging. Die totale sittliche Bankrotterklärung des deutschen Volkes kann man nachlesen in den zahlreichen Gesetzen und Bestimmungen, die die Nazis verkünden durften, in jedem Erlass gegen die Juden ab 1933, sie fuhr mit in jedem überfüllten Viehwaggon, den die Nazis in ihre Vernichtungslager rollen ließen. Sie schrie “Heil” im Sportpalast und bei den Reichsparteitagen, sie reckte den rechten Arm zum Hitlergruß vor den Hakenkreuzfahnen und der Münchener Feldherrnhalle.

Dass Deutschland am Ende handlungsunfähig war, ist ebenso richtig wie konsequent. Militärisch vernichtet und im Angesicht seiner unvorstellbaren Verbrechen als Dialogpartner irrelevant und ausgestoßen. Was die Deutschen dachten, fühlten, wollten, interessierte im Frühjahr 1945 keinen. Und zurecht. Die Deutschen gingen mit ihrem Führer in den Untergang, sie hätten es sehenden Auges tun können, einige wenige taten das auch, und ein paar ganz Vereinzelte lehnten sich im Angesicht des Schrecklichen sogar auf dagegen. Die meisten aber hielten sich die Augen zu, aus Feigheit oder weil sie mitgerissen waren oder gar überzeugt von dem, was sie taten.

Wer sich auf die Seite derer stellt, für die das Ende der Naziherrschaft nicht Befreiung und Wohltat war, wer nicht mitempfindet mit denen, die aufatmen konnten und – in allem Elend, das die Zeit mit sich brachte – jubelten, der macht sich gemein mit den Nazis, der reiht sich ein in die Kolonnen der Braunhemden und ihrer willigen oder feigen Helfer und Ausführungsorgane. Zugegeben, das waren viele. Es waren sogar die meisten. Aber das heißt ja nicht, dass man diese willfährige Mittäterschaft fortführen muss in alle Ewigkeit.

Gauland tut es, und mehr muss man über ihn nicht wissen.

Lieblingsserien: The Kominsky Method

Ein kleines Juwel heute – mit Betonung auf klein. Dennoch funkelnd und freudebringend.

wo zu sehen: Netflix
wann gemacht: seit 2018
abgeschlossen: keine Ahnung, bisher gibt’s zwei Staffeln
Staffeln / Folgen: 2 Staffeln mit je 8 Folgen
Folgenlänge: ~25 Minuten
Originalsprache: Englisch

Worum geht’s?
Sandy Kominsky war mal eine große Nummer in Hollywood. Jetzt ist er jenseits der Siebzig und vermarktet seinen Namen: Er betreibt eine kleine Schauspielschule, die seine Tochter für ihn managt. Sein bester Kumpel Norman Newlander ist in Sandys Alter und Seniorchef einer Schauspieleragentur. Als Normans Frau stirbt, trifft er sich häufiger mit Sandy, die beiden sind ein schräges altes Paar, das wechselseitig die Fährnisse rund um Sozialleben, Beziehungen, Sex, Drogen und die Familie beratend unterstützt und kommentiert.

Was macht The Kominsky Method so besonders?
Der alte Sack Michael Douglas spielt den alten Sack Sandy Kominsky. Und der noch ältere Alan Arkin seinen besten Kumpel. Die zwei sind genau so gut wie Walter Matthau und Jack Lemmon, ehrlich! Chefautor und Serienerfinder Chuck Lorre legt den beiden wunderbare pointierte Dialoge in den Mund, wie man sie aus alten Hollywood-Screwball-Comedies kennt. Wie die beiden Dinos am Rande des heutigen Hollywoods zurechtkommen, ist urkomisch, sarkastisch, doch herzerwärmend und durch und durch menschlich. Die Folgen sind kurz, die Kominsky-Method ist bei uns zu Hause immer das spätabendliche Kontrastprogramm gewesen, wenn die Frau meiner Träume und ich beide fertig und müde und bäh waren.

Spielt jemand mit, den man kennt?
Michael Douglas, wie gesagt. Alan Arkin kennen Sie auch, der hat für den durchgeknallten Opa in Little Miss Sunshine den Oscar bekommen. Danny DeVito kommt in zwei Episoden vor – und die bestaussehende alte Dame westlich des Mississippi: Jane Seymour.

The Kominsky Method wird Ihnen gefallen, wenn …
… Sie über alte Leute lachen können.
… Sie Michael Douglas bis jetzt eigentlich ziemlich kacke fanden.
… Sie Cary Grant und Katherine Hepburn in ‘Bringing Up Baby’ komisch fanden.
… Sie auf alte Mercedes-Benz-Kabrios stehen.

Sie werden The Kominsky Method nicht mögen, wenn …
… Sie es nur jung und knackig auf dem Bildschirm wollen.
… Sie keine Ahnung haben, was ‘Bringing Up Baby’ ist, oder wer Walter Matthau und Jack Lemmon sein könnten.
… Ihnen bei der Vorstellung von Jack Daniel’s mit Diet Dr Pepper schlecht wird.

So ähnlich wie The Kominsky Method
Love, aber in alt und wirtschaftlich unabhängig.

Eingesperrt und abgetrennt. Was mir fehlt. Und was nicht.

Corona Apr-2020

Was ich vermisse:

  • Faul und behaglich einen Eiskaffee schlürfen im dichtbesetzten Straßencafé. Frauen in Sommerkleidern – ohne dass ihr Gesicht von einer Maske bedeckt ist – gehen vorbei, und dann und wann lächelt eine zurück. Besser als jeder Schweinkram im Netz.
  • Ausflüge machen. Irgendwo laufen oder radeln, wo die Natur atemberaubend schön ist – und dann ermattet auf der sonnigen Terrasse einer Berghütte ein kühles Bier und eine Kleinigkeit zum Essen bekommen und die Aussicht genießen. Ja, auch die Vorfreude, auf der Fahrt hin, und die Spannung, ob arg viel los sein wird bei dem Ziel, das man selbst ausgesucht hat oder ob man den Massen heute ein Schnäppchen geschlagen hat.
  • Einfach mal wohin fahren können. Etwas erleben. Mitbekommen, dass andere etwas erleben. Wir videotelefonieren regelmäßig mit ein paar Freunden, aber – ganz ehrlich – das wird zunehmend langweilig. Wie es die Beteiligten job- und kinderbetreuungsmäßig eingerichtet haben, wissen wir inzwischen … und sonst passiert ja einfach: – Nix. – Keine Schnurren aus der Schule, keine versetzungsgefährdenden Zensuren, keine Kämpfe um die rare Karten fürs Schulkonzert, keine Peinlichkeiten. Was zu Hause geschieht, bleibt mehrenteils zu Hause. Es ist zum Gähnen. Wir alle sind unendlich fad. Das einzige, was immer wilder wird, sind die Frisuren.
  • Einkaufen. Ja, schön langsam wird es doof. Die Kinder wachsen nämlich auch in Coronazeiten, und Hosenkauf für Teenager nur per Internet ist kacke. Wir bestellen und schicken zurück, bestellen und schicken zurück. Normalerweise haben wir für so was “unsere” Läden mit Verkaufspersonal, das unsere Kinder kurz anschaut und dann etwas aus dem Regal zaubert, was in der Regel leider sauteuer ist, aber wunderbarerweise passt und nicht völlig indiskutabel aussieht. Da kacken die Onlineshops ab dagegen.

 

Was ich nicht vermisse:

  • Erstaunlicherweise: Fußball. Wie aufgeblasen, wie künstlich – all die Aufregung um Punkte, Transfers und Meisterschaft. Alles eine gigantische Luftblase, von der nicht viel Substanz bleibt, wenn sie platzt. Wie sehr die Nachrichten und Infos und Aufmerksamkeitsfresser nur im kommerziellen Eigeninteresse der Fußballindustrie hochgepeitscht wurden, ist mir erst jetzt bewusst geworden. Fußball ist für mich wie Zuckerwatte. Schon irgendwie geil zwischenrein, aber am Ende doch wenig dahinter.
  • Die Hektik. Den Druck. Gerade in der Freizeit. Ja, das beißt sich, damit, dass ich Ausflüge vermisse. Aber ich beobachte an mir eine ungekannte Gelassenheit, wenn ich den Wetterbericht fürs nächste Wochenende anschaue. Ausgerechnet am Samstag soll’s regnen. Normalerweise würde mich das ärgern. So aber: Pfeif drauf. Wir könnten eh nichts unternehmen und die Fahrradrunde in die Nachbarstadt machen wir dann halt am Freitag oder Sonntag. Wie sehr dieses: Wenn-es-schon-mal-schön-ist-müssen-wir-auch-was-draus-machen zu Freizeitstress ausartet, fällt mir jetzt auf, wo es ausbleibt.
  • Die Flüchitgkeit der Leute. Beißt sich auch mit der Freiheit wegzufahren, das ist mir schon klar. Aber es hat was, zu wissen, dass alle zu Hause sind. Freunde, denen wir in ihrer Quarantänezeit ein paar mal eingekauft haben, kommen mit einem Blumenstrauß als Dankeschön vorbei. Einfach so stehen sie vor unserer Tür, haben vorher nicht angerufen: “Wir wussten ja, dass ihr da sein müsst.” Der Nachbar lädt zu einer Geburtstagsfeier “über den Zaun” ein. Er hat Geburtstag, und jeder rundum ist dankbar für das kleine Event. Alle prosten ihm aus der Distanz zu, selbst die verqueren Ökos von gegenüber.
  • Die Idioten. Es ist so herrlich ruhig um Nazis und Menschenfeinde, um all die Höckes und Weidels und ihre quotengierigen Steigbügelhalter. Wir schauen täglich die Tagesschau, da erklärt uns der Herr Wieler vom Robert-Koch-Institut die aktuellen Zahlen, in meiner Social-Media-Blase geht es wie eh und je gesittet und angenehm zu (naja, bei Facebook geifern ein paar Freiheitsberaubte, aber ein bisschen politischer Zwist muss sein). Die Ruhe ist himmlisch, es ist fast wie in der guten alten Zeit, bevor es das Internet gab.
  • Die Angst etwas zu verpassen. Den letzten Trend? Das angesagteste Theaterstück? Das neue Inlokal? Die erzwungene Biedermeierlichkeit, die jeden an sein Haus fesselt, gibt in dieser Hinsicht ein wenig Gelassenheit. Wenn der Jahrmarkt der Eitelkeiten geschlossen bleibt, sind die Trendsetter nur wunderliche Leute, von denen keiner etwas mitbekommt. Für Leute wie mich, die den Moden eher skeptisch hinterherlaufen, ist das irgendwie befreiend.

Home reading – oder: Lektüretipps in Zeiten der Coronabeschränkungen

Apr 2020 – Keine Clubs, keine Partys, keine Urlaubsreise, nicht mal Tagesausflüge sind drin in diesen Zeiten von Quarantäne und Ausgangsbeschränkungen. Wir verbringen viel Zeit zu Hause – die einen mit Homeschooling und Home Office. Immer mehr Leute aber, die Kurzarbeit machen müssen oder kinderlos sind oder alles beides, langweilen sich. Das ist die beste Gelegenheit, sich dicke Bücher vorzunehmen, für die sonst nie Gelegenheit war. Hier eine Übersicht, die vielleicht auch thematisch zu den Zeiten von Corona passt.

Der Klassiker schlechthin: Die Pest von Albert Camus. Das Buch wird anscheinend in diesen Tagen sehr stark nachgefragt und ist bei vielen Buchhändlern vergriffen, wie ich höre. Der Roman schildert eine Pestepidemie in der Stadt Oran in Französisch-Algerien zur Zeit seiner Entstehung (das Buch kam 1946 raus). Mir hat die Geschichte gefallen, mich aber nicht restlos vom Hocker gerissen, als ich sie vor vielen Jahren im Jünglingsalter las. In Erinnerung geblieben ist mir der verkrachte Romanautor, der über den ersten Satz seines Werkes nicht hinauskommt, an dem er permanent feilt. In diesem Satz reitet eine Dame morgens durch den Bois de Boulogne, das weiß ich noch, von der Pest selbst ist mir weniger im Gedächtnis geblieben.

Weit mehr beeindruckt hat mich José Saramagos Stadt der Blinden. Das hab ich einige Jahre später verschlungen, und die allegorische Schilderung, wie die Bevölkerung nach und nach mit Blindheit geschlagen wird und wie das die Beziehungen der Menschen zueinander beeinflusst, wie die einen zum Wolf werden und die anderen zum Samariter, das fand ich großartig und klug beschrieben. Ich weiß aber auch noch, dass meine damalige Freundin meine Begeisterung nicht nachvollziehen konnte und das Ganze vorhersehbar und wenig überraschend fand.

Die Mutter aller Quarantäne-Lektüre ist natürlich Giovanni Boccaccios Dekameron. Die Rahmenhandlung schildert, wie eine Gruppe junger Leute vor der Pest aufs Land flieht und sich dort, eingesperrt und fadisiert, die Zeit mit dem Erzählen von Geschichten vertreibt, die ihrerseits den Inhalt des Buches bilden, also ein bisschen wie im Konzept von Tausendundeiner Nacht. Die Geschichten sind vielfältig: lange und kurze, lustige und traurige. Boccaccio hat die meisten nicht erfunden, sondern lediglich erfasst und fein formuliert, derbe Schwänke sind darunter, die dem Buch den Nimbus des Schweinischen eingebracht haben, den es aber – da darf ich die Lüsternen unter Ihnen gleich enttäuschen – eigentlich nicht rechtfertigt. Einige der Novellen sind mehr oder weniger Allgemeingut oder Archetypus für Komödien und Romane geworden – oder wie Franz Beckenbauer es sagen würde: “We call it a Klassiker.” Immerhin hat es sich seit etwa 1350 gehalten – anetschlecht!

Zumindest vom Titel her in diesen Tagen auch vielfach zitiert und abgewandelt findet sich Gabriel García Márquez mit seinen Romanen Die Liebe in den Zeiten der Cholera und Hundert Jahre Einsamkeit. Sein “magischer Realismus” hat eine ganze Stilrichtung vornehmlich lateinamerikanischer Literatur begründet, wenn man sich drauf einlässt, kann man eintauchen in seine Werke, mitschwimmen und sich treiben lassen im Sog der ganz großen Gefühle. Hach! Zum Heulen schön.

Wenn man sich die Tränchen dann wieder weggewischt hat, geht es zurück nach Europa. Ins gute alte Europa vor dem ersten Weltkrieg. Thomas Mann und sein Zauberberg. Der etwas unbedarfte Hans Castorp besucht in Davos im Sanatorium seinen lungenkranken Vetter. Nachdem auch bei ihm Tuberkulose gefunden ist, wird aus dem geplanten Kurzbesuch ein dauerhafter Sanatoriumsaufenthalt. Im monotonen Tagesablauf geht die Zeit dahin, und Castorps Begegnungen im Mikrokosmos der anderen Kranken und der Ärzte bieten ein Abbild der europäischen Geistes- und Gedankenwelt. Schwere Kost mit vielen klugen Dingen, die sich einem (zumindest in Teilen) erschließen, wenn man sich denn durchbeißt. Die äußerliche Handlung ist extrem unspektakulär, das ist das Programm des Romans, der den Leser traumhaft einlullt wie seinen Protagonisten. Für mich gilt: Einmal gelesen (und froh drum, keine Frage), aber damit reicht es dann auch wieder.

An Umfang überbietet eigentlich nur Leo Tolstois Krieg und Frieden den ‘Zauberberg’. Wir bleiben in Europa, ziehen aber ostwärts nach Moskau, zur Zeit der napoleonischen Kriege. Tolstoi bietet ein breites und langes Panorama der Moskauer Gesellschaft. Mir hats weniger gut gefallen als ‘Anna Karenina’, ich bin eben ein schlichtes Gemüt – und ich bekenne, dass ich mich sehr schwer getan habe, bei den Figuren nicht durcheinander zu kommen. Diese Russen! Alexander Worobjow ist Amtmann, vom Autor wird er mal Worobjow, mal Amtmann genannt. Trifft er aber gesellschaftlich auf einen Freund, adressiert der ihn mit Alexander Iwanow, und seine Geliebte haucht ihm Sascha entgegen, und so geht das bei allen der vierunddrölfzig Hauptfiguren und es treibt mich in den sicheren Wahnsinn.

Dort befinden sich auch einige der Figuren aus Die Korrekturen von Jonathan Franzen, mit denen ich diese Empfehlungen abschließen will. Inhaltlich hat es nichts mit Epidemien zu tun (das hat ‘Krieg und Frieden’ freilich auch nicht), aber es ist auch ziemlich dick. Und dazu sehr gut, wie ich finde, ein epischer Familienroman aus den Vereinigten Staaten in der Zeit der Jahrtausendwende. Großes Kino, ein geradliniger und für mich ziemlich europäisch anmutender Erzählstil, ich hab es gern gelesen und würde es mir auch ein zweites Mal vornehmen, wenn Sie das als Qualitätsmerkmal zählen lassen wollen.

So, nun gehet also hin und leset und schonet die Bandbreite des Internets für die, die arbeiten müssen. (Außer natürlich, um von Zeit zu Zeit auf den Blog des ollen Levin zu schauen, ob es was Neues gibt, versteht sich!)

Mietnomaden aus dem Dax

Mar 2020 – Adidas, Puma, Deichmann und H&M haben angekündigt, für ihre Ladengeschäfte erstmal keine Miete mehr zu zahlen, weil die Läden wegen Corona zugesperrt bleiben müssen. Die Empörung über diesen Zahlungsstopp ist groß.

Dass ausgerechnet die dicksten Fische (Adidas und H&M fuhren 2019 beide weit über eine Milliarde Euro Gewinn ein) kurzerhand und einseitig so eine Zahlungsverweigerung verkünden, während tausende Kleinbetriebe strampeln und sich quälen, damit sie weiter ihren Forderungen nachkommen können, hat viele Leute empört. Boykottankündigungen machen auf Twitter die Runde.

Nun könnte man einwerfen, dass es wenig Neuigkeitenwert hat, dass die großen Markenhersteller in Sachen Ethik nicht die leuchtendsten Vorbilder sind. Sie alle lassen in armen Ländern produzieren, wo die Arbeitsbedingungen vielerorts erschütternd schlecht sind. Man könnte maliziös hinzufügen, dass allgemein bekannt ist, dass Adidas eine Beteiligung von mehr als 8% an der FC Bayern München AG hält und damit per se kundgetan hat, dass sie zu den Bösen gehören.

Marxisten werden sagen, dass sie es schon immer gewusst haben und jetzt in der finalen Phase des Spätkapitalismus die Hyänen sich gegenseitig auffressen.

Aber auch als braver Ordoliberaler lässt mich die Nachricht relativ ruhig. Ich muss zugeben, dass die zentralen Flagshipstores der genannten Unternehmen besonders exponiert sind. Da reden wir von anderen Mieten als sie die Herrenboutique in der Vorstadt oder der Grieche an der Ecke zahlen müssen. Für ein paar tausend Quadratmeter in der Stuttgarter Königstraße oder der Frankfurter Zeil sind eben ziemich astronomische Summen fällig, wir reden hier nicht über Peanuts. Zahlen oder nicht zahlen, das macht finanziell einen spürbaren Unterschied aus.

Außerdem sind die Vermieter solcher Objekte nicht besonders schutzwürdige Privatleute oder Kleinbetriebe, sondern in der Regel hochprofessionelle Objektgesellschaften. Wenn bei denen Mieter säumig sind, werden sie sich zu wehren wissen. Entweder man einigt sich oder die zahlungsunwiligen Nutzer fliegen eben raus. Ganz lapidar: Das wird der Markt regeln – wenn andere Schlange stehen fürs Objekt, haben Adidas & Co schlechte Karten, wenn nicht, werden sich die Vermieter fügen oder vergleichen.

Die Mietverweigerung trifft in einem ersten Schritt andere leistungsstarke Unternehmen. Sollen sie das unter sich regeln, das ist mir allemal lieber, als wenn sie nach Staatshilfe schreien, die wir als Steuerzahler alle zusammen berappen müssten. Da die Vermieter auch keine beliebig tiefen Taschen haben und auf die Mieteinnahmen angewiesen sind, um ihre Finanzierungen und ihre Kapitalgeber zu bedienen, wird es am Ende darauf hinauslaufen, wer auf dem Finanzierungs- und Kapitalmarkt den längeren Atem hat und wem die Gläubiger mehr Luft lassen.

Dass die Entscheidung, keine Mieten mehr zu zahlen, betriebswirtschaftlich möglicherweise ziemlich dumm war, weil der Shitstorm und Reputationsverlust teurer kommen als die eingesparte Miete, steht auf einem anderen Blatt.

Boykottaufrufe in Sachen Ethik und Nachhaltigkeit treffen jedenfalls mit Sicherheit die Richtigen. Wer regional und ökologisch vernünftig kaufen will, sollte keinen in Bangladesh gefertigten Sweater mit drei Streifen erwerben, sondern vielleicht lieber bei Trigema suchen. Die quälen uns zwar seit Jahren mit ihrem Werbeschimpansen und dem schwer erträglichen Herrn Grupp. Aber dafür nähen sie gerade Mundschutz – und zwar vor Ort auf der Schwäbischen Alb.

Statt Pumatretern aus Vietnam könnte man sich beim Schuhmacher am Ort etwas Selbstgemachtes gönnen. Ja, das kostet das vier- oder fünffache von dem, was man für einen Industrieschuh abdrücken muss. Dafür halten die Dinger auch, und auf lange Sicht sind sie die günstigere Anschaffung. Ich habe mir zur Jahrtausendwende zwei Paar Schuhmacherschuhe gegönnt, die ich nach etlichen Neubesohlungen und Rundumerneuerungen heute noch trage. Man darf halt nicht nach der letzten Mode schielen, wenn man auf lange Sicht für den Kleiderschrank investiert.

What a difference a day makes …

Mar 2020 – Corona. Die Kinder sind in der zweiten Woche zu Hause, die Schule hat zu. Auch wir Eltern arbeiten von der heimischen Wohnung aus, so gut es eben geht. Besuche bei Freunden oder auch nur bei den Großeltern sind untersagt. Wir gehen nur noch zum Einkaufen und Frische-Luft-Schnappen aus dem Haus.

Was wir derzeit erleben, ist ein Zivilisationsbruch. Wenn ich (für mich allein und auf einsamen Wegen, versteht sich!) joggen gehe, komme ich an Stromkästen vorbei, an denen noch Werbeplakate für Konzertereignisse im April und Mai angeheftet sind – Konzerte, die längst abgesagt wurden.  Die Kinderspielplätze liegen menschenleer, ein Schildchen an der Rutsche flattert im Wind und besagt, dass der Spielplatz gesperrt sei. Bei uns draußen in der Vorstadt sind die Leute brav, und schon in der letzten Woche sah man kaum noch Menschen zusammenstehen, als anderswo noch wilde Berichte von Coronaparties und trotzigen Zusammenkünften die Runde machten.

Auch im Radio merkt man, wie schnell die jüngsten Ereignisse über uns gekommen sind, viel schneller jedenfalls als die Buchungen der Werbespots bei den Radiosendern. Hartnäckig fordert uns die überdrehte Tussi im Radio auf, zu den 10-Prozent-Tagen ins Möbelhaus zu kommen, das doch auch längst geschlossen wurde.

Auch bei unserem Metzger haben sie die Prozesse angepasst. Man muss dort jetzt vor der Tür warten und wird hineingerufen, wenn ein Metzgereifachverkäufer frei geworden ist. Alle anderthalb Meter steht ein wartender Kunde, die Schlange, die sich so bildet, ist kaum auszumachen, so weit stehen die Leute auseinander. An der Kasse, beim Metzger wie bei allen anderen Geschäften, bitten sie um Kartenzahlung, auch bei geringen Summen.

Hier fällt mir auf, dass Deutschland gerade dabei ist, sich zu verändern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute, die sich jetzt ans Kartenzahlen gewöhnen, wieder auf Bares zurückkehren werden, wenn die Krise dereinst vorbei sein wird. Wird die bisherige Barzahlungsinsel Deutschland mit Corona untergehen?

Auch die jetzt brutal erzwungene Digitalisierung im Schulwesen bringt uns hoffentlich nachhaltige Fortschritte. Die Lehrer zumindest gewöhnen sich ans Remote-Unterrichten, ob sie wollen oder nicht. Wenn irgendwann mal nicht nur (so wie jetzt) Arbeitsaufträge und Übungsaufgaben per Mail oder Plattform verteilt werden, sondern auch echtes Unterrichten per Telko / Videokonferenz möglich sein sollte, sind wir einen Riesenschritt weiter!

Das geht nämlich bei uns noch nicht. Dafür überbieten sich die Lehrer darin, bei den Schülern nur ja kein Ferienfeeling aufkommen zu lassen und schütten die Kinder mit Aufträgen zu. Gestern saß unser Achtklässler jedenfalls konzentriert und mit nur minimalen Pausen bis nach fünf an seinen Arbeitsblättern.

Dass die meisten Lehrer dabei die Grundregeln des Dokumentenmanagements nicht kennen und nur die wenigsten von sich aus so clever sind, ihre Dateien zu numerieren, mit Datum und Seitenzahlen zu versehen o.ä., versteht sich. „Deutsch Herr Hasenschart Klasse 8b Arbeitsauftrag“ – in fünffacher Ausführung auf dem Elternportal der Schule herunterzuladen: Was ist neu, was kalter Kaffee von der Vorwoche? Mir doch egal, schaut selbst, wo ihr bleibt! Ach, es wird noch ein weiter und steiniger Weg …

Dass trotz Lockdown in Bayern wie in Frankreich Kommunalwahlen abgehalten wurden, haben einige Leute kritisiert. Ich fand das goldrichtig. Auch wenn Krise ist, auch wenn es für viele Infizierte um Leben oder Tod geht: Die demokratische Verfasstheit unseres Gemeinwesens darf das nicht in Frage stellen. Im Gegenteil: Gerade jetzt, wo die Regierungen auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene mit ihren Notverordnungen tief in unsere Grundrechte eingreifen, ist es umso wichtiger, dass diejenigen, die das zu verantworten haben, ein volles und uneingeschränkt demokratisches Mandat haben! Wahlen wären so ziemlich das Letzte, das wir verschieben oder gar aufgeben sollten!

Für die Stichwahlen, die in Bayern bei Bürgermeister und Landratswahlen an vielen Orten notwendig geworden sind, wird es obligatorische Briefwahl geben. Auch das erscheint mir richtig. Ich halte es sogar für eine überdenkenswerte Idee, das für kommende Wahlen genauso zu handhaben: Jeder Wähler erhält Briefwahlunterlagen per Post – und wer will, schmeißt sie nicht in den Briefkasten, sondern gibt sie am Wahlsonntag in seinem Wahllokal ab. Vielleicht würden so einige Faule und Schusselige extra zur Beteiligung an der Wahl motiviert werden.

Abends sehen wir (wie alle anderen wohl auch) derzeit ziemlich oft fern. Immer wenn Menschen in Filmen oder Serien nah aufeinandertreffen, schreit einer aus der Familie, dass das doch nicht ginge. Es ist – noch – ein blöder Witz, aber ich bin überzeugt, Corona wird die Welt in ein Vorher und ein Nachher teilen. So wie man heute bei Aufnahmen von New York in alten Filmen schaut, ob das World Trade Center noch steht und sich wundert, wie locker die Leute damals vor 9/11 in Flugzeuge gekommen sind. Die Darstellung des Alltags wird nach Corona eine andere sein – ich hoffe nur, es bleibt nicht allzu viel an Einschränkungen übrig, außer der Erinnerung an eine verrückte Zeit, wo alle zu Hause bleiben mussten und sogar die Olympischen Spiele um ein Jahr verschoben wurden.

Zu dem, was uns heute als verrückte Idee erscheint, zählen auch manche Diskussionen, die wir in der Vergangenheit geführt haben. Erinnern Sie sich noch, dass vor ziemlich genau einem Jahr die Forderung durchs Land geisterte, die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland zu halbieren? (Hier schrieb ich übrigens schon letzte Jahr dagegen an.) Wer nach Corona wieder nach mehr Marktwirtschaft im Gesundheitswesen schreit, wird auf Gegenwind stoßen – dass eine Gemeinschaft eine solide Ausstattung an Intensivbetten und Notfallmedizin braucht – und zwar deutlich über den alltäglichen Ansturm einer im Ganzen gesunden Bevölkerung hinaus – dürfte Mehrheitsmeinung geworden sein, und wer von Krankenhäusern mit 90%-iger Auslastung träumt, wird mutmaßlich auf Granit beißen. Dass die Frage, wer das alles finanzieren soll, uns jetzt in der Not egal ist, aber irgendwann auf die Agenda kommen wird, steht auf einem anderen Blatt.

Die Regierung macht in dieser Krise einen guten Job, finde ich. Auch dass wir in unserem föderalen System bleiben, und von Land zu Land manche Dinge unterschiedlich geregelt sind, finde ich okay. Vor Ort stellen sich manche Dinge anders dar, und die Lage in Bayern mag anders sein als in Mecklenburg. Eine bundes- oder gar europaweite Krisensteuerung hielte ich nicht für gut. Dass die Ausgangsregelungen in Berlin etwas anders ausgelegt werden als in Bayern, stört mich nicht, zumal derzeit niemand vom einen System ins andere wechseln kann. Im Großen und Ganzen haben sich die Länder auf eine Linie geeinigt – und dass sie um die Entscheidungen gerungen haben und das Ganze nicht ohne Streit abgegangen ist, beweist mir nur, dass sie ihr Anliegen ernst nehmen und nicht auf die leichte Schulter heben. Jedenfalls bin ich heilfroh, in diesen Tagen von ernsthaften und verantwortungsbewussten Menschen wie Angela Merkel, Winfried Kretschmann, Armin Laschet oder auch Markus Söder regiert zu werden – die Vorstellung derzeit im Vereinigten Königreich oder den Vereinigten Staaten zu leben, ist schlimm!

Wirtschaftspolitisch steht allerorten der Abgrund offen – und zwar weit schlimmer, als ich es mir noch vor zwei Wochen ausmalen konnte. Insofern sehe ich auch mein FDP-Bashing von vor zwei Wochen heute unter einem etwas anderen Licht. Dass wirklich alles auf unbestimmte Zeit zum Stillstand kommt, die Bundeliga, der Flugverkehr und auch die Bänder bei VW und Mercedes, dass im Grunde jeder Gastronomie- und Hotelleriebetrieb vor der Pleite steht, das ist schon unerhört. Die Regierung ist bereit, Unterstützungsgelder in die Wirtschaft zu pumpen, aber die Taschen der öffentlichen Hand sind auch nicht endlos tief. Wenn der Stillstand sich über Wochen und Monate hinzieht, wird sich die Frage stellen, ob man weiter Geld drucken will und eine Inflation heraufbeschwören oder ob man zugunsten der fiskalischen Stabilität die Leute im Regen stehen lässt – und damit verhindern, dass der Motor wieder glatt anspringt, wenn die Normalität zurückkehrt. Mit jedem Tag, den die Unternehmen (jeder Größe: von BMW bis zum Griechen um die Ecke) kein Geld verdienen, wird es schwieriger!

Alles wird darauf ankommen, wie lange wir alle zu Hause bleiben müssen. Irgendwann geht uns ökonomisch allen die Puste aus – und dann wird es schmerzhaft. Wir können nur hoffen, dass die Epidemie schnell genug hinter uns liegt, bevor es so richtig branchenübergreifend scheppert und alles aus den Gleisen fliegt. Die jüngsten Zahlen aus China und Korea sehen erfreulich aus, aber dann bleibt immer noch als Memento die Erkenntnis aus der Spanischen Grippe von 1918/1919, bei der es auch die zweite Welle war, die die meisten Opfer forderte. Ich las schon von Stimmen, die uns auf eine Seuche einstellen, die uns bis weit ins nächste Jahr in den Klauen hält.

Aber irgendwann, irgendwann werden wir alle immun sein oder das Virus keine Bedrohung mehr. Und eines steht fest: Die Welt wird dann eine andere sein als zuvor.

 

 

Die FDP in Zeiten von Corona: sozialistisch (und scheinheilig dazu)!

Mar 2020 – Die Seuche hat uns fest im Griff. Mit der Ausbreitung von Corona-Infektionen kommt eine Einschränkung unseres Alltagslebens, wie ich sie noch nicht erlebt habe. Die Regierung reagiert, und die FDP blamiert sich.

Täglich, ja stündlich prasseln in diesen Märztagen 2020 erschütternde Neuigkeiten auf uns ein. Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, bleiben die Schulen in vielen Ländern der Welt geschlossen, der Kulturbetrieb steht still (jedenfalls da, wo Präsenz in Theatern oder auf Konzerten gebraucht würde), Grenzen werden dicht gemacht, Flugzeuge bleiben am Boden, die Profiligen der großen Sportarten brechen ihre Wettbewerbe ab, das öffentliche Leben in Italien ist zum Erliegen gekommen, und anderswo wird es bald nicht viel anders sein.

Das hat wirtschaftliche Auswirkungen: Der DAX steht auf dem niedrigsten Stand seit über vier Jahren, die volkswirtschaftlichen Schäden werden in die Milliarden, wenn nicht Billionen gehen. Unsere Maßstäbe werden gerade neu kalibriert: Vieles, was in unserer Zivilisation selbstverständlich und unverrückbar schien, wird jetzt kurzerhand verschoben, verboten und abgeschafft. Es wird 2020 keinen UEFA-Champions-League-Gewinner geben und möglicherweise auch keine Abiturienten. Selbst die Olympischen Sommerspiele stehen auf der Kippe. Das letzte Mal, als die kontinuierlichen Zeitreihen von wiederkehrenden Ereignissen, Preisen und Meistern so außer der Reihe unterbrochen wurden, war in den Wirren des Zweiten Weltkrieges. Die Welt steht kopf  und wir lernen, dass Gesundheit und Leben wichtiger sind als Reichwerden und Geldverdienen und Fußballmeisterschaften zu gewinnen.

Die gute Seite der Nachricht ist, dass wir optimistisch sein können, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird. Im Gegensatz zu 1944/1945 liegt Europa nicht in Trümmern. Wenn die Seuche überstanden ist, werden wir etliche Tote zu beklagen haben, aber sonst dürfte das Leben wieder seinen Lauf nehmen, die Nachfrage wird zurückkommen, im Gegenteil, die Leute werden das Bedürfnis haben, Versäumtes nachzuholen. Ich denke, die Chancen für eine rasche wirtschaftliche Erholung nach dem krisenhaften, von außen hereingeflogenen Einbruch in die Wirtschaft stehen gut.

Vielleicht bringt diese Seuche ja auch eine Chance für einen dringend benötigten Modernisierungsschub. Wenn alle Unternehmen ihre Mitarbeiter ins Home Office schicken, zeigt sich, dass die Digitalinfrastruktur ebenso wie die präsenzfixierte Arbeitskultur in Deutschland nicht zeitgemäß ausgebaut sind. Wenn die Schulen zubleiben, entsteht der Zwang, unsere Kinder auch übers Netz zu unterrichten, Stunden per Skype abzuhalten und Prüfungen online abzuwickeln. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Wie bei jeder unerwarteten Wendung der Weltläufte gibt es auch in dieser Krise Gewinner und Verlierer im Wirtschaftsleben. Wer Klopapier, Dosenravioli, Desinfektionsspray und Mundschutzmasken herstellt, macht in diesen Tagen den fetten Reibach, wer Streamingdienste anbietet, kann sich die Hände reiben. Hingegen geht es Fluggesellschaften und Konzertveranstaltern nass rein.

Die FDP fordert aus diesem Anlass die Bundesregierung auf, Gegenmaßnahmen einzuleiten. Konjunkturprogramme sind gefordert, Liquiditätshilfen und Erleichterungen bei der Kurzarbeitsregelung. Auch die Schwarze Null sei kein Dogma, man könne durchaus über besondere Kreditaufnahmen des Bundes reden.

Ich glaube, ich höre nicht recht! All die nachfrageorientierten, keynesianischen Instrumente, die von Marktliberalen immer (und in den meisten Fällen durchaus mit Grund) als sozialistisches Teufelswerk verdammt werden – ausgerechnet nach denen schreit – ausgerechnet die FDP?!

Damit verrät sie den Liberalismus. In Zeiten des Booms kann man an steigenden Aktienkursen richtig Geld verdienen, wenn es mit der Wirtschaft (zeitweise) steil bergab geht, verliert man Geld. So ist das eben in der Marktwirtschaft – keine Chance ohne Risiko! Ja, mir ist bewusst: So eine Krise wird auch Arbeitsplätze kosten und Unternehmen in die Pleite treiben. Im guten Schumpeterschen Sinne kreativer Zerstörung wird Bestehendes untergehen und Raum für Neues geschaffen. Wenn der klassische Konzertveranstalter zusperren muss, wird ein Neuer aufmachen, der es verstanden hat, etwa mit Livestreaming von Konzerten ohne Live-Publikum Geld zu verdienen. Dafür, dass das Wirtschaftsleben nach überstandener Krise großflächig und dauerhaft darniederliegen wird, gibt es keine Anzeichen, im Gegenteil.

Es ist nicht die Aufgabe des Staates und seiner Wirtschaftspolitik, die bestehenden Unternehmen vor allen Unbilden der Welt zu schützen. Es ist fatal, wenn die öffentliche Hand Betriebe oder Branchen alimentiert, die im Markt keine Chance haben – wir haben das jahrzehntelang bei Kohle, Stahl und Atomkraft erlebt. Vielmehr sollte der Staat die Voraussetzung und die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Innovationen und Unternehmertum zum Segen aller erblühen können. Hätten wir mal lieber statt den Kohlabbau zu subventionieren in eine vernünftige Netzabdeckung und schnelles Internet für alle investiert und das Arbeiten von zu Hause unterstützt und erleichtert!

Dass die FDP nach kurzfristiger Intervention zum Erhalt von gebeutelten Unternehmen und Branchen, mithin für die vordergründigen Interessen der Unternehmensbesitzer und -leiter  schreit, beweist: Sie ist nicht die Partei der Freiheit, sondern die der Reichen, nicht die der Marktwirtschaft, sondern die der Kapitalisten, nicht die der Zukunft, sondern die zur zwanghaften Bewahrung des Status Quo.

Für einen Liberalen ist sie unwählbar.