Nicolai Levin

Flüchtlinge: Alle wieder zurück?

Christian Lindner hat in einem Interview erklärt, er wolle Kriegsflüchtlinge zurück in ihre Heimat schicken, wenn der Krieg dort beendet ist. Das hat ihm viel Ärger eingebracht und Applaus von rechtsaußen.

Rein formal hat er natürlich recht. Nach der schlichten Logik des Rechtes nehmen wir Menschen auf, die vor Krieg fliehen, versorgen sie mit dem Nötigsten, und wenn der Grund für Flucht und Schutz weggefallen ist, gehen die Menschen wieder heim.

Leider folgt die reale Welt der stringenten Denkweise des deutschen Gesetzgebers nur in engen Grenzen. Neben Krieg gibt es nämlich auch noch andere Gründe, jemandem in Deutschland Asyl zu gewähren oder ihn zumindest nicht in seine Heimat abzuschieben: Wenn jemandem Gefahr für Leib und Leben droht bzw. wenn er zuhause fürchten muss, wegen Ethnie, Religion, Überzeugung usw. verfolgt zu werden, dann darf er erstmal in Deutschland bleiben.

Diese Situation trifft auf etliche Menschen zu, die als Kriegsflüchtlinge Aufnahme in Deutschland gefunden haben. Denn Kriege kommen nicht einfach so aus dem Nichts, und die Ursachen und Anlässe für gewaltsame Auseinandersetzungen vergehen auch nicht immer auf einen Schlag. Selbst wenn die Waffen ruhen, wird aus einem Schlachtfeld nicht sofort ein blühendes Gemeinwesen. Die Chancen sind hoch, dass jemand, der aus Deutschland in eine Gegend zurückkommt, in der bis gerade eben Krieg herrschte, dort aufs Maul bekommt, weil er zur falschen Volksgruppe oder Konfession gehört oder auch nur, weil er feige nach Deutschland geflohen ist, anstatt heldenhaft im Kampf für Freiheit / Unabhängigkeit / Einheit / das unbesiegbare Lampukistan seinen Kopf hinzuhalten.

Daher wird es schnell schwammig mit der Rechtslage. Viele, die als Kriegsflüchtlinge gekommen sind, wechseln so den Status als Nichtabschiebbbare / Geduldete, einfach weil es zu Hause trotz oberflächlichem Frieden immer noch scheiße ist.

Was die Gesetzemacher auch nicht so richtig bedacht haben, ist, dass in Lampukistan Krieg herrschen mag, aber sich die Erde dennoch weiterdreht. Auch für Flüchtlinge gilt der kluge Satz von Dragoslav Stepanovic: “Lebbe geht weiter.” Wenn es blöd läuft, zieht sich so ein Krieg über viele Jahre dahin, und die Menschen, die nach Deutschland geflohen sind, kann man nicht einfach auf Jahre in irgendwelchen Internierungslagern wegsperren.

Das geht ganz simpel mit den Kindern los. Die kann man schließlich nicht einfach verblöden lassen. Lampukische Schulen gibt es keine in Deutschland, also gehen die Flüchtlingskinder am besten und einfachsten auf deutsche Schulen. Schon nach drei oder vier Jahren werden wir die ersten Lampuken finden, die in Deutschland Mittlere Reife oder Abitur gemacht haben (denn manche der Kinder sind begabt und fleißig). Und – bumm! – stellt sich die Frage, ob so ein armer Lampuke wirklich mit seinem deutschem Abi nach Lampukistan zurück soll, oder ob er nicht besser in Deutschland Arbeit sucht oder die Uni besucht.

Eher früher als später wird sich auch die Frage stellen, was aus den Eltern werden soll. Die wollen bald nicht mehr dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche liegen und sich durchfüttern lassen. (Schon weil sie gemerkt haben, dass sie dafür von manchen böse angefeindet werden.) Arbeitswillig und gesund sind sie, vielleicht außerdem gut ausgebildet – warum sollten sie also nicht ihren Lebensunterhalt ganz normal selbst verdienen? (Blöderweise finden manche, dass sie damit den Doitschen die Arbeit wegnehmen und dafür werden sie wieder böse angefeindet.) Und – bumm! – stellt sich die Frage, warum der Lampuke, der bei Metallbau Müller ein geschätzter Mitarbeiter ist und mit seiner Familie friedlich und steuernzahlend in unserer Mitte lebt, wirklich zurück nach Lampukistan soll.

Der Aufenthalt in Deutschland mag vom Krieg ausgelöst sein. Aber mit jedem Monat, den die Lampuken bei uns sind, kommen neue Verbindungen dazu, die sie hierhalten und ihre Rückkehr erschweren. Dass unter den Lampuken viele sind, die es nicht erwarten können, wieder in die geliebte Heimat zurückzukehren und dass das auch der Standardfall der Rechtslogik sein mag, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir in unserem Migrations- und Aufenthaltsrecht die Macht der Zeit und der örtlichen Bindungen mit berücksichtigen müssen. Und das bedeutet auch, dass man den Flüchtlingen zugesteht, dass sie ihre Einstellung zur Rückkehr im Laufe der Jahre überdenken.

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Die Scheinrivalen

Langweilig war es und vorhersehbar, das Fernsehduell zwischen Kanzlerin Angela Merkel und dem Herausforderer Martin Schulz. Gabor Steingart ätzte im Handelsblatt, Schulz habe sich wohl als Büroleiter bei Frau Merkel bewerben wollen. Im Angesicht der völlig haltlosen Pöbeleien, die etwa ein Donald Trump im amerikanischen Fernsehen gezeigt hat, sind wir natürlich dankbar, dass unsere Spitzenkandidaten sattelfest in den Sachthemen sind und zivil miteinander umgehen.

Aber das Fehlen von konträren Themen löst Sorgen aus: Ist es ein schlechtes Zeichen für unsere Demokratie, wenn die großen Konkurrenten sich nur in Nuancen unterscheiden?

Nein. Und ja.

Nein, denn die Einigkeit ist schließlich nicht erzwungen. SPD und Union sind thematisch in den letzten zwanzig Jahren aufeinander zugerutscht. Die SPD hat sozialen Utopien und den Resten ihrer klassenkämpferischen Geschichte Adieu gesagt und sich spätestens unter Gerhard Schröder im Großen und Ganzen für wirtschaftspolitische Vernunft entschieden. Die Union rutschte da und dort nach links bzw. – etwa in Familienfragen – vom Vorgestern ins Heute. Große ideologiegetriebene Schlachten gibt es nicht zu schlagen. Da, wo die Republik der Schuh drückt, streben beide nach pragmatischen Lösungen.

Wer gemein sein will, kann das planloses Durchwurschteln nennen. Aber das Land fährt nicht schlecht damit, wenn man sich die Key Performance Indicators der Bundesrepublik Deutschland ansieht, also etwa den Budgetüberschuss oder die Arbeitslosenzahlen.

Problematisch ist die große einmütige Konsensregierung, weil sie eine Einheit vorgaukelt, die so unter den Wählern nicht besteht. Wer sich umhört, bekommt Ängste zu hören und Unzufriedenheit. Woher auch immer das kommen mag (ich rätsle schon seit Jahren, warum wir uns nicht viel besser fühlen, wo es uns doch eigentlich so gut geht), es gibt sie. Und die Unzufriedenen, die Besorgten, die Motzkis, die Stammtischbrüder, die Dasmussmanjanochsagendürfer, sie sind keine Randerscheinung (wie man an den Pegidademonstrationen gesehen hat), und sie werden ihrem Unmut Raum schaffen. Wenn dieser Protest in die falschen Kanäle gerät, kann es gefährlich werden für unsere Demokratie. Man blicke nur auf die Vereinigten Staaten, wo die Wähler aus dumpfem Protest gegen das Establishment den unfähigsten und schlechtesten Kandidaten von allen ins Weiße Haus berufen haben.

Es gibt in Deutschland durchaus ein ernstzunehmendes und vielfältiges Angebot an politischen Kandidaten jenseits des Regierungskonsenses. Die Seriöseren unter ihnen aber wagen sich nicht zu weit aufs dünne Eis, vermutlich, weil sie sich als regierungsfähige Koalitionäre positionieren wollen. Mit einem sozialistischen Programm könnte etwa die Linke punkten, die sich aber vor Extremen hütet: mit Forderungen nach einem starken Staat, der hohe Steuern fordert und davon umfassend umverteilt. Rot-rot-grün soll eine Option bleiben, und die außenpolitischen Vorstellungen der Linken werden allfällige Koalitionsverhandlungen schon genügend erschweren.

Eine harte marktwirtschaftliche Linie wagt auch niemand auf seine Fahnen zu schreiben – selbst die Anwälte und Radiologen, die aus fester Überzeugung für ihren Geldbeutel die FDP wählen, wollen nicht an den Grundfesten unseres Sozialstaates rütteln. Lohnfortzahlung, Kündigungsschutz, das Krankenversicherungssystem sind auch für die Liberalen sakrosankt.

Die Grünen unterscheiden sich von SPD und Union ohnehin nur durch Schwerpunkte bei Umweltschutz und Verbraucherorientierung und eine etwas ausgepägtere Nähe zu den Regenbogenthemen (wobei da nach der Ehe für alle auch nichts mehr zu holen ist). Diese Schwäche holt sie jetzt in den Umfragen ein, es fehlt ein zugkräftiges Alleinstellungsmerkmal, wenn sie bei ihren Kernthemen Klima & Umwelt den Wählern kein knackiges Umsetzungsprojekt bieten können.

Fragt man, wo die Leute der Schuh drückt, dann fürchten viele die Überforderung unserer Gesellschaft durch Zuwanderer und Flüchtlinge. Die AfD sammelt in erster Linie die Stimmen dieser Protestwähler. Was der AfD fehlt, ist Seriosität. Sie ist ein zusammengewürfelter Haufen von Protestlern von knapp rechts der Mitte bis hin zu handfesten Nazis. Eine Handlungsplattform lässt sich nicht absehen. Abgesehen vom Drang, vermeintlich unliebsame Wahrheiten über die Untaten von Ausländern, Islamisten und dem “linksgrünversifften Establishment der Lügenpresse” zu entlarven, eint die Populisten herzlich wenig. Die einen kommen von den geradezu staatsfeindlichen und libertären Wurzeln der AfD, die ja noch unter Hans-Olaf Henkel als Anti-Euro-Partei begann; die andern sehnen sich nach einem ethnisch reinen starken rechtsautoritären Staat, der Wirtschaft und Leben weit stärker steuern und überwachen soll als unsere liberale Demokratie das darf und tut. Die geradezu groteske Volte der offen lesbisch lebenden Alice Weidel, mit der sie die Ehe für alle abgelehnt hat, zeigt, wie verquer Programmatik und Lebensgefühl zwischen den Flügeln der AfD gegeneinander laufen.

Die AfD steht folglich programmatisch schwach da. Auch personell bietet sie vor allem Intrigantenstadel und Peinlichkeiten, an denen sich ihre Gegner wahlweise entsetzen oder amüsieren dürfen. Die Schwäche der AfD kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie einen wunden Punkt im Wahlvolk getroffen hat. Es wäre an der Zeit, sowohl von links als auch von rechts dem christsozialdemokratischen Mainstream eine ernstzunehmende Alternative entgegenzustellen. Der Zorn der Abgehängten muss eine politische Plattform in unseren Parlamenten finden, sonst richtet sich der zwangsläufig gegen das politische System und droht schlimmstenfalls in Milizen, Terror und Bürgerkrieg abzudriften.

Ironischerweise würde das vermutlich die liberale Mitte sogar stärken, weil sie sich dann programmatisch wieder schärfen muss. Wo ist die rechte Kante der Union? Welche Schärfe verträgt sich noch mit parlamentarischer Demokratie und freiheitlicher Grundordnung? Wer klar sagen kann, wofür er steht, hat es im politischen Leben allemal leichter.

Momente des Lächelns (22)

Das Freibad liegt in einem der besseren Viertel der Stadt. Für einen heißen Julisonntag könnte mehr los sein – vielleicht haben die drohenden Gewitter die Leute abgeschreckt. Im Schwimmerbereich zieht eine ältere Dame ihre Bahnen. Kurz vor der Wende hält sie inne, grüßt freundlich den Bademeister und erkundigt sich nach seinem Befinden. Offenbar ist sie regelmäßig hier. Ihre Stimme ist weithin zu hören: “Nächste Woche komme ich nicht”, erklärt sie, “da bin ich in Bayreuth. Zu den Festspielen.” Der Bademeister nickt verständnisvoll. Die Dame schwimmt weiter.

Lektüre für den Liegestuhl. 2017.

Der Juni geht zu Ende, allerhöchste Zeit für meine jährlichen Lesetipps für Sie!

Ausnahmsweise möchte ich mal ein Sachbuch anpreisen: J D Vance Hillbilly Elegy – viel zitiert, und zurecht hoch gelobt. Das Buch beschreibt Amerikas Hinterwald, da wo die Leute herkommen, die Trump in den Sattel gehoben haben. 2015 erschienen, also deutlich vor den Präsidentschaftswahlen, hat es den Anspruch, Verständnis zu wecken für die Umwälzungen im politischen Amerika der letzten Jahre. Natürlich kann auch Vance die Frage nicht beantworten, wie es passieren konnte, dass ein selbstverliebtes ignorantes Großmaul tatsächlich ins Weiße Haus kam, aber er beschreibt sehr anschaulich, wie die Leute ticken, die so jemanden unterstützen und gutfinden.

Der Autor ist groß geworden in den Appalachen, da, wo es ganz schlimm ist. Arbeitslosigkeit, fehlende Perspektiven, kaputte Familien, keine Schulabschlüsse, gewalttätige Typen, Leben in Wohnwägen, Drogen, Verbohrtheit und Stolz, ein Ehrenkodex jenseits von Recht und Gesetz – Vance kennt alles aus erster Hand. Er hat rausgefunden aus diesem Milieu, schaffte den College-Abschluss, diente bei den Marines, ging nach Yale und wurde Firmenanwalt. Diese (so richtig typisch amerikanische) Siegergeschichte erzählt Vance bescheiden und dankbar – er weiß, welche externen Glücksfälle ihm seinen Ausbruch ermöglicht haben. Das Buch braucht diesen Kontrast zum Elend dringend, sonst wäre es rundum deprimierend. Bemerkenswert fand ich, wie es Vance gelingt, sowohl seine alte wie seine neue Welt in ihren Fehlern und Schwächen unvoreingenommen und kritisch zu analysieren und sich doch nicht um seine Sympathie und Verbundenheit bringen zu lassen. Auch in 2017 unbedingt lesenswert!

Zurück nach Europa. Auch autobiografisch und an die Wirklichkeit angelehnt ist Eva Menasses Vienna. Der 2005 erschienene Roman erzählt aus der Ichperspektive der Autorin deren Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts. Der Vater, nach den Maßstäben der Nazis “Halbjude”, verlässt 1939 als Kind Wien und wächst in England auf, wo sein Fußballtalent entdeckt wird (später wird er es in Österreich bis zum Nationalspieler bringen). Der Großvater überlebt den Naziterror dank seiner nichtjüdischen Frau (die er laufend betrügt). Die Familie findet nach dem Krieg in Wien wieder zusammen, man streitet und diskutiert, man liebt und lügt und betrügt, man spielt Fußball und Tennis und Karten. Eva Menasse mischt Begebenheiten und Anekdoten, es findet sich viel Lokalkolorit, viel Milieu – eine schräge Mischung aus großer Familiensaga, Friedrich Torbergs Tante Jolesch (die ich Ihnen auch wärmstens ans Herz lege, falls sie sie nicht eh schon kennen) und dem Mundl Sackbauer (den kennen Sie aber?! Falls nicht, suchen Sie mal in Youtube nach Ein echter Wiener geht nicht unter) ist so zusammengekommen. Vermutlich reicht das nicht zu großer Literatur, aber mir hat das Lesen großen Spaß bereitet, und bei einigen der Malapropismen (“sie ist eine Schlange im Wolfspelz”) musste ich laut lachen. Die Kritik in Deutschland urteilte sehr positiv, in Österreich ist das Buch eher schlecht weggekommen; ob das mit der blinden Liebe der Piefkes zu Wien zusammenhängt oder mit dem typisch österreichisch-jüdischen Selbsthass, sei dahingestellt.

Eva Menasse ist mit Michael Kumpfmüller verheiratet, was ich gar nicht wusste, als ich dessen Buch Die Erziehung des Mannes (2016 erschienen) las. Auch hier war die Kritik gemischt, und auch hier darf ich sagen: Mir hat’s gefallen. Der Ich-Erzähler Georg ist Komponist und berichtet von seinem Leben und seinen Beziehungen. Die machen es ihm nicht immer einfach, schwierige Frauen, gescheiterte Beziehungen, ein familiärer Rucksack – schon die Ehe der Eltern war eine Katastrophe. Ich weiß gar nicht, was mich für das Buch eingenommen hat: die geschickte Struktur (im ersten Teil erfahren wir vom Erwachsenenleben des Erzählers, im zweiten dann von seiner Kindheit, die vieles erklärt, was da später schiefläuft) oder die wohlige Mischung aus eigenem Nachempfindenkönnen und dem stolzen Bewusstsein, es in meinem Leben dann doch besser hinbekommen zu haben als der Romanheld.

Enttäuscht hat mich dagegen Umberto Ecos Der Friedhof von Prag, endlich gelesen angesichts des Ablebens des von mir verehrten Autors. Die Geschichte des Urkundenfälschers Simonini, der aus dem Turin der Savoyer ins Paris von Napoléon III kommt, spannt einen weiten Bogen. Der Held verbündet sich opportunistisch und skrupellos mit Geheimagenten und Desinformanten, und ganz nebenbei können wir als Leser die verschlungenen Pfade bestaunen, an deren Ende das berüchtigte antisemitische Hetzwerk der “Protokolle der Weisen von Zion” stehen wird. Im Anhang erfahren wir, dass so ziemlich alle Figuren außer dem Helden authentisch waren, aber für den Forrest-Gump-Effekt fehlte es mir offenbar an der erforderlichen Bildung, um ein Wiedererkennen zu feiern. Die Geschichte mäandert und tröpfelt ohne rechten Höhepunkt, sie schafft es (jedenfalls bei mir) aber auch nicht, mich in den Fabuliersog zu ziehen, den Eco etwa in seinem Foucaultschen Pendel oder dem wunderbaren Lügenreigen seines Baudolino geschaffen hat. Auch der Handlungsort entfaltet keinen Zauber, dabei hätte das alles so wunderbar sein können: Paris, Belle Époque, Chapeau claque und Fräcke, Krinolinen und Koteletten – nein, es bleibt alles irgendwie dünn und blass, da und dort schmunzelt man über ein charmantes Spässle, aber im Ganzen kann es nicht überzeugen.

Letztes Jahr hab ich an dieser Stelle verkündet, mich von katholischen englischen Autoren fernzuhalten, nach dem Reinfall mit Wiedersehen mit Brideshead von Evelyn Waugh. Ist es Masochismus oder ein trotziges Jetzterstrecht? Ich hab mich jedenfalls nicht dran gehalten und mir in den langen Winterabenden, wenn nix im Fernsehen kam, Waughs komplette Kriegs-Trilogie gegeben. Einzeln erschienen unter den Titeln Men at Arms, Officers and Gentlemen und Conditional Surrender; die Trilogie wurde noch einmal gebündelt veröffentlicht als Sword of Honour – deutsch: Ohne Furcht und Tadel. Die etwas skurrile Geschichte von Guy Crouchback, dem aus der Zeit gefallenen introvertierten englischen Katholiken, der sich berufen fühlt, im Kampf gegen Hitlers Barbarei Heldentaten zu vollbringen und daran von den Umständen, der Bürokratie und den Zeitläuften gehindert wird, basiert auf Waughs eigenen (romanreifen) Kriegserlebnissen. Waugh ist in diesen Büchern ein feiner und unbestechlicher Beobachter mit einem wunderbar melancholischen Sinn für Humor und Ironie. Dass seine (bzw. die seines Helden) moralische und gesellschaftliche Kalibrierung nicht recht in die Zeit passt, daraus schafft er in diesem Buch eine hoch unterhaltsame Lesekost, die mit den großen historischen und schwerverdaulichen Themen leichtfüßig und elegant lakonisch jongliert. Wer sich für die englische Gesellschaft und den Zweiten Weltkrieg interessiert, wird nicht enttäuscht, auch wenn er oder sie nichts mit der römisch-katholischen Kirche am Hut hat. Versprochen!

Kommen wir zu den Krimis und bleiben wir gleich beim Geschichtlichen. Volker Kutscher ist Autor einer Reihe von Kriminalromanen um den Ermittler Gereon Rath, die im Berlin der zu Ende gehenden Weimarer Republik und der beginnenden Nazizeit spielen. Das historische Drumherum beschreibt er von je her sehr akkurat und interessant, mit den Figuren und den Kriminalfällen hatte ich in den ersten Teilen so meine Bauchschmerzen (hab sie aber in Kauf genommen, weil ich das Zeitenbild so lebendig und gut fand) – inzwischen hat Kutscher seinen Ton und seinen Stil gefunden. Märzgefallene jedenfalls war für mich ein unterhaltsamer Zeitvertreib: Frühjahr 1933, nach dem Reichstagsbrand wird die Polizei zunehmend politisiert. Eine Mordreihe an Weltkriegsveteranen scheint da genau ins Bild zu passen. Mit Gereon Rath hat Volker Kutscher einen unpolitischen aber wachen Jedermann erschaffen, der glaubwürdig in diese turbulente Zeit passt. Allerdings sollten Sie, um die Figuren zu verstehen, vermutlich die Reihe von Anfang an lesen.

In der Gegenwart spielen die Geschichten von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt um den schwedischen Profiler Sebastian Bergman. In dieser Figur des cleveren, aber total sozial unkompatiblen Egozentrikers kommt die nordische Tradition des seelisch verletzten und emotional gestörten Detektivs zu einem traurigen Höhepunkt. Sebastian Bergman ist einfach ein kaputtes Arschloch, das dann noch nicht mal mit genialen Erkenntnissen die Kriminalfälle löst, sondern mehr geduldet als gefeiert im Team der Reichsmordkommission mitschwimmt. Was mir an den Geschichten gefällt, ist der Rest des Teams, dessen Arbeit (soweit ich als Außenstehender das beurteilen kann) recht wirklichkeitsnah geschildert ist. In den drei Romanen, die ich gelesen habe, klingen Tatumstände und Lösung alles in allem plausibel und nachvollziehbar. Das kann man ja beileibe nicht von allen Krimis aus Skandinavien sagen, wo die Dichte an Krimischreibern und fiktiven Tötungsdelikten erschreckende Dimensionen angenommen hat.

Ich hoffe, es ist was für Sie dabei. Genießen Sie die Ferienzeit!

Kunden an Ketten

Die Deutsche Bahn wirbt zurzeit recht heftig für eine Bahn-Card, die (Tusch!) “monatlich kündbar” sein soll. Dieses Angebot aber gibt es “nur noch für kurze Zeit”. Und ich denke mir: Was für eine Frechheit, warum kann die depperte Bahn-Card eigentlich nicht immer von Monat zu Monat kündbar sein?

Ungünstige Kündigungsbedingungen sind in Deutschland ein alltägliches Ärgernis. Das Festketten von Kunden gegen deren Willen zählt zu den Dingen, die ich weder als Ökonom noch als Verbraucher verstehen kann und will. Wenn ich als selbstbewusster und seriöser Anbieter an zufriedenen Kunden interessiert bin, die mich möglichst noch weiterempfehlen, werde ich doch nicht jemanden gegen seinen erklärten Willen zum Kundesein zwingen. Da ist doch vorhersehbar, dass der Kunde wider Willen nur noch unzufriedener wird und Negatives über mich verbreitet.

Zugegeben, es gibt Vertragsbeziehungen, da ist es sinnvoll, sich langfristig zu binden und den Wechsel zu erschweren. Wenn ein Normalsterblicher sein Häusle baut und dafür einen Kredit aufnimmt, läuft der über zehn oder zwanzig Jahre. Es geht um hohe Summen und Risiken, und ehe man nicht einen neuen Gläubiger bieten kann, ist man an den ursprünglichen Finanzierer gebunden. Geht nicht anders.

Auch (private) Krankenversicherungen machen einem das Wechseln schwer. Auch das hat seinen Sinn: Das Prüfen der Gesundheitsunterlagen ist umständlich und teuer, zudem kalkulieren die Krankenversicherer ihre Beiträge so, dass sie den Alterungseffekt ihrer Versicherten (die als Greise teurere medizinische Leistungen abfragen denn als Jungspunde) über die Laufzeit verteilen, daher wird es von Lebensjahr zu Lebensjahr teurer zu wechseln.

Bei Arbeitsverträgen ist es so, dass aus Arbeitgebersicht normalerweise Ersatz her muss, wenn ein Mitarbeiter kündigt. Daher sind die Kündigungsfristen idealerweise so geregelt, dass der Arbeitgeber eine Chance hat, sich um einen Nachfolger zu kümmern, ehe der Kündigende weg ist.

Eine Besonderheit sind (Arbeits-) Verträge, bei denen eine Seite in Vorleistung geht. Wenn man zum Beispiel die Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr einschlägt, lässt einen die Bundeswehr kostenfrei und zu sehr guten Studienbedingungen an einer der Bundeswehrunis studieren. Wer bei der Lufthansa Pilot werden will, erhält ein Ausbildungsprogramm, das ihn befähigt, Flugzeuge zu steuern. Beide Arbeitgeber wollen verhindern, dass jemand die teure Ausbildung für lau mitnimmt und sich dann sofort mit dem Diplom in der Tasche wieder verabschiedet. Daher gibt es in beiden Fällen Klauseln in den Arbeitsverträgen, nach denen die teure Ausbildung im Nachhinein bezahlt werden muss, wenn jemand vor einer vereinbarten Mindestlaufzeit kündigen will.

Ökonomisch ähnlich von der Funktionsweise, aber fragwürdiger (aus Kundensicht) werden dann schon die Kombiangebote, bei denen der Kunde ein vermeintliches Zuckerl zu Vertragsbeginn abbezahlt. So ein Beispiel sind die Mobilfunkverträge aus der Anfangszeit der Handys: Die Betreiber waren scharf auf Neukunden und lockten mit den neuesten Modellen gratis oder zu einem Spottbetrag, wenn man einen entsprechenden Vertrag abschloss. Nach 12 oder 24 Monaten gabs dann die nächste Gerätegeneration dafür, dass man den Vertrag verlängerte. Das funktionierte natürlich nur dadurch, dass die Telefonie- oder Serviceentgelte auch die Kosten für das Gerät mit finanzierten. Je transparenter die Konditionen wurden und je weiter sich der Markt sättigte, desto weniger funktionierte das Locken mit Geräten. Es gab aber genug Leute, die noch monate- und jahrelang Grundgebühren für Verträge zahlten, die sie längst nicht mehr nutzten, einfach um das vermeintlich geschenkte Handy von vor drei Jahren faktisch abzustottern.

Dann gibt es noch die Bindungsklauseln, die keinen nachvollziehbaren Sinn haben und die nur dafür sorgen sollen, dass der Anbieter möglichst lange vom lukrativen Vertrag profitieren kann. Bleiben wir bei der Telefonie und denken wir zurück an die Klingelton-Abos, die zur Jahrtausendwende berüchtigt waren: Einmal irgendwo leichtsinnig online zugestimmt, erhielten die Abo-Opfer über elend lange Laufzeiten jede Woche neue Klingeltöne fürs Handy, die sie eigentlich gar nicht mehr brauchten. Das hatte mehr mit Wegelagerei und Straßenraub zu tun als mit seriösem partnerschaftlichen Geschäftsgebaren.

Auch die Versicherungen banden ihre Kunden sträflich fest. Automatische Mindestlaufzeiten von zehn und mehr Jahren bei Sachversicherungen, wie sie bis in die achtziger Jahre gang und gäbe waren, erklärten die Bundesrichter irgendwann für sittenwidrig.

Heute sind es vor allem Medienanbieter und eben die Deutsche Bahn, die ohne Rücksicht auf Kundenzufriedenheit Verkaufszahlen pushen wollen. Da stehen die Zeitungsvertreter an ihren Ständen vor der Uni und an den Bahnhöfen und rufen: “FAZ gratis!” (oder Zeit oder Süddeutsche oder wasweißich) Ohne dafür zu zahlen solle man sich von den Vorteilen des Qualitätsjournalismus überzeugen. Augen auf, heißt es da für den umworbenen Leser! Zum einen greifen die Verlage auf diesem Weg kostbare Adressdaten ab, die sie an Adresshändler weiterverkaufen – und wuppdich findet der Neu-Abonnent nicht nur die Zeitung im Briefkasten, sondern auch reichlich Werbepost von Edelversendern, Weinhäusern und was sonst so demografisch ins Profil eines FAZ / Zeit / Süddeutsche-Leser passt. Manchmal wandelt sich das Probeabo aber auch in ein reguläres Jahresabo (kündbar nach frühestens 12 Monaten) um, wenn man nicht ausdrücklich widerspricht. Dieses ärgerliche Vorgehen ist zugegeben in den letzten Jahren seltener geworden – vermutlich haben zu viele geprellte Zwangsabonnenten protestiert.

Genau so eine schleichende Umwandlung von Schnupperangeboten betreibt die Bahn mit ihren vielbeworbenen Sonder-Bahn-Cards. Das ist nochmal ärgerlicher als bei den Zeitungen, weil die Bahn-Card nur dann einen Sinn für den Kunden hat, wenn er auch mit der Bahn fährt. Wer also aufgrund seiner Lebensumstände keine größeren Bahnfahrten vorhat, für den sind die hundert oder zweihundert Euro für eine Bahn-Card schlicht rausgeschmissenes Geld ohne Gegenwert. Daher ist auch die lange Bindung der Bahn-Card für Kunden ein Ärgernis – wer kann heute schon sicher sagen, ob er in sechs bis zwölf Monaten viel Bahn fahren wird?

Interessanterweise sind solche Geschäftspraktiken andernorts nicht möglich oder üblich. In den USA scheint der Verbraucherschutz jedenfalls weiter gefasst zu sein. Der Online-Streamingdienst Netflix wirbt damit, man könne jederzeit zum nächsten Monat kündigen (und hat es mir damit leicht gemacht, mich anzumelden, wusste ich doch, dass mein Risiko beschränkt sein würde). Sonst kenne ich amerikanische Serviceanbieter nur von berufsständischen “Associations” – da ist man immer nur so lang Mitglied wie man bezahlt hat und wird frühzeitig freundlichst erinnert, doch bitte an die Verlängerung der Mitgliedschaft zu denken.

Gleiches gilt für die “National Geographic Society”, bei der ich “valued member since 19xx” bin und die mich ebenfalls mit schmeichelnden Briefen umwirbt, doch weiter bei der Stange zu bleiben (aus meiner Sicht ist die Mitgliedschadt dort auch nichts anderes als das Abo des Magazins). Auch wenn ich weiß, dass die Kosten für Bettelbriefe und Kundenbindungsleute letztlich meinen Beitrag erhöhen, finde ich das sympathischer und kundenorientierter als die stillschweigende Verlängerung deutscher Abos, bei denen ich nur Jahr für Jahr eine Rechnung bekomme.

Spagat auf dem Pavianfelsen

Die Vorzeichen stehen gut für Angela Merkel. Alle Prognosen zur Bundestagswahl sagen der CDU einen satten Vorsprung gegenüber der Konkurrenz voraus. Das demoskopische Aufleuchten der SPD im späten Winter erweist sich als Strohfeuer, und Martin Schulz muss strampeln, um noch als glaubwürdige Alternative fürs Kanzleramt zu erscheinen.

Tatsächlich führt wohl kein Weg an einer weiteren Amtsperiode für Frau Merkel vorbei. Innenpolitisch gibt es kaum Themen, mit denen die SPD gegen die Union punkten könnte; wie auch, wo die Sozis die Regierungspolitik der Großen Koalition ja mittragen und -konzipieren?

Außenpolitisch blickt die freie Welt sorgenvoll nach Berlin und hofft, dass ihr Führer im Amt bleiben darf.

Es begann als Scherzchen im Internet während Merkels Besuch in Washington, dass ”the Leader of the Free World” sich mit Donald Trump treffe. Freilich steckt ein großes Stück Wahrheit in dem bösen Scherzwort. Merkel ist, so scheint es, die einzige Erwachsene in einer Horde halbwüchsiger Burschen. Die Gruppe der bedeutendsten Staatsmänner und Regierungschefs wird in den letzten Jahren von männlichen Alphatieren dominiert, die massive Egoprobleme haben. Wohin man schaut: Trump, Putin, Orbán, Erdoğan, Boris Johnson – man kommt sich vor wie auf dem Pavianfelsen, wo die Männchen ihre Statuskämpfe ausfechten und stolz demonstrieren, wessen Hinterteil am purpurrötesten leuchtet. Angela Merkel fällt da als rational kalkulierende Frau mit wenig Eitelkeit deutlich aus dem Muster. Sie pumpt ihr Blut nicht in den Popo, um ihn zum Leuchten zu bringen, sondern versorgt lieber ihr Großhirn mit Energie.

Man mag sich gar nicht ausmalen, was auf EU- oder G-7-Ebene geschehen würde, wenn der Ruhepol Merkel wegfiele.

Um so kurioser wirkt es, wenn man jetzt beobachtet, wie Frau Merkel im Wahlkampf demonstrieren muss, dass sie die Bodenhaftung nicht verloren hat und sich nicht zu schade ist, sich auch vor Ort um die Themen der Menschen da draußen im Lande zu kümmern. So freut sie sich über die Nominierung zur Direktkandidatin in ihrem Wahlkreis in Stralsund-Nordvorpommern lauter als über manchen Verhandlungserfolg in Brüssel.

Diesen Spagat muss sie hinbekommen, wenn sie weiter auf dem Pavianfelsen für Ergebnisse sorgen will.

Momente des Lächelns (21)

Eine Autobahntankstelle auf dem Weg in den Süden. Irgendwo in Österreich. Osterferien. Reichlich Andrang. Einige Autos aus Holland, die meisten kommen aber aus Deutschland. Die Schlange an der Kasse, pardon: Kassa, zieht sich. Es geht nichts vorwärts, weil ein paar Leute vor mir ein Mann mit der Dame an der Kasse disktutiert. Er könnte Fernfahrer sein, Gebrauchtwagenhändler oder Menschenschmuggler. Die Kassiererin ist nicht mehr ganz jung und stämmig. Ich würde mich mit beiden lieber nicht anlegen wollen.

Irgendwas will er von ihr, und sie weigert sich. Ich kann nicht erlauschen, was die beiden sagen – jedenfalls am Anfang nicht. Doch irgendwann platzt der Kassiererin der Kragen und im breitesten Sächsisch schallt es durch die Halle: “NU GLOOBEN SE’S MR DOCH! WIR HAMM KEENE ‘DUNHILL’ IN ÖSTERREICH!”