Nicolai Levin

Spagat auf dem Pavianfelsen

Die Vorzeichen stehen gut für Angela Merkel. Alle Prognosen zur Bundestagswahl sagen der CDU einen satten Vorsprung gegenüber der Konkurrenz voraus. Das demoskopische Aufleuchten der SPD im späten Winter erweist sich als Strohfeuer, und Martin Schulz muss strampeln, um noch als glaubwürdige Alternative fürs Kanzleramt zu erscheinen.

Tatsächlich führt wohl kein Weg an einer weiteren Amtsperiode für Frau Merkel vorbei. Innenpolitisch gibt es kaum Themen, mit denen die SPD gegen die Union punkten könnte; wie auch, wo die Sozis die Regierungspolitik der Großen Koalition ja mittragen und -konzipieren?

Außenpolitisch blickt die freie Welt sorgenvoll nach Berlin und hofft, dass ihr Führer im Amt bleiben darf.

Es begann als Scherzchen im Internet während Merkels Besuch in Washington, dass ”the Leader of the Free World” sich mit Donald Trump treffe. Freilich steckt ein großes Stück Wahrheit in dem bösen Scherzwort. Merkel ist, so scheint es, die einzige Erwachsene in einer Horde halbwüchsiger Burschen. Die Gruppe der bedeutendsten Staatsmänner und Regierungschefs wird in den letzten Jahren von männlichen Alphatieren dominiert, die massive Egoprobleme haben. Wohin man schaut: Trump, Putin, Orbán, Erdoğan, Boris Johnson – man kommt sich vor wie auf dem Pavianfelsen, wo die Männchen ihre Statuskämpfe ausfechten und stolz demonstrieren, wessen Hinterteil am purpurrötesten leuchtet. Angela Merkel fällt da als rational kalkulierende Frau mit wenig Eitelkeit deutlich aus dem Muster. Sie pumpt ihr Blut nicht in den Popo, um ihn zum Leuchten zu bringen, sondern versorgt lieber ihr Großhirn mit Energie.

Man mag sich gar nicht ausmalen, was auf EU- oder G-7-Ebene geschehen würde, wenn der Ruhepol Merkel wegfiele.

Um so kurioser wirkt es, wenn man jetzt beobachtet, wie Frau Merkel im Wahlkampf demonstrieren muss, dass sie die Bodenhaftung nicht verloren hat und sich nicht zu schade ist, sich auch vor Ort um die Themen der Menschen da draußen im Lande zu kümmern. So freut sie sich über die Nominierung zur Direktkandidatin in ihrem Wahlkreis in Stralsund-Nordvorpommern lauter als über manchen Verhandlungserfolg in Brüssel.

Diesen Spagat muss sie hinbekommen, wenn sie weiter auf dem Pavianfelsen für Ergebnisse sorgen will.

Momente des Lächelns (21)

Eine Autobahntankstelle auf dem Weg in den Süden. Irgendwo in Österreich. Osterferien. Reichlich Andrang. Einige Autos aus Holland, die meisten kommen aber aus Deutschland. Die Schlange an der Kasse, pardon: Kassa, zieht sich. Es geht nichts vorwärts, weil ein paar Leute vor mir ein Mann mit der Dame an der Kasse disktutiert. Er könnte Fernfahrer sein, Gebrauchtwagenhändler oder Menschenschmuggler. Die Kassiererin ist nicht mehr ganz jung und stämmig. Ich würde mich mit beiden lieber nicht anlegen wollen.

Irgendwas will er von ihr, und sie weigert sich. Ich kann nicht erlauschen, was die beiden sagen – jedenfalls am Anfang nicht. Doch irgendwann platzt der Kassiererin der Kragen und im breitesten Sächsisch schallt es durch die Halle: “NU GLOOBEN SE’S MR DOCH! WIR HAMM KEENE ‘DUNHILL’ IN ÖSTERREICH!”

Der Puppenspieler aus Washington

Ich muss nicht zu jedem Thema meinen Senf geben, wirklich nicht. Aber wenn irgendwer in ein paar Jahren aus rein historischem Interesse auf diese Seite stoßen sollte, will ich auch nicht, dass es heißt: “Als die westliche Demokratie unterging, schrieb dieser Levin nur über Twitter und seine Kindheitserinnerungen.”

Mein Problem mit Trump ist, dass ich schon durch seine Wahl raus bin aus der Runde derer, die sich kompetent äußern dürften. Ich hab es nie für möglich gehalten, dass er es ins Weiße Haus schafft. Mir ging es am US-Wahltag ähnlich wie beim Brexit-Referendum: Ich hab das Spektakel beobachtet und war überzeugt, dass die Vernunft siegen würde, ja müsste. So deppert KÖNNEN sie nicht sein, dass sie das zulassen! Und ich ging zuversichtlich zu Bett, wachte am nächsten Morgen früh auf, griff zum Telefon, las die Nachrichten und fiel aus allen Wolken! Sie sind tatsächlich so deppert, sie haben es zugelassen!

Mein nächster Denkfehler folgte auf dem Fuße. Trump ist ein narzisstischer Gockel, dachte ich, dem es nur um das Aufplustern seines Egos geht. Sein mickriges Selbstwertgefühl braucht Futter von außen, und welche Bestätigung könnte größer und befriedigender sein, als das machtreichste Amt der Welt zu erringen. Er, der peinliche Parvenu, hatte es doch allen gezeigt, dem Establishment, dem alten Geld, den Kennedys und den Bushs, den Cliquen mit ihren Villen in Martha’s Vineyard. Mit seinem Proletencharme hat er die Hillbillies gewonnen, mit unerhörter und abstoßender Demagogie hat er seine Gegnerin fertig gemacht, und er hatte Erfolg damit. Alles was er will, ist, dass er zu hören bekommt, dass er der Größte ist, von allem und jedem.

Deswegen, so war ich überzeugt, sei er im Grunde gar nicht so gefährlich. Seine Wahlkampfthemen nur Getöse, wenn man ihm nur ordentlich um den Bauch geht und Honig ums Maul schmieren würde, gäbe er schon Ruhe.

Weit gefehlt! Trump wütet in ungekannter Form, höhlt Amerikas freiheitliche und rechtsstaatliche Prinzipien aus, haut mit seinem Maßnahmenhammer einfach drauf. Die einzige Art von Logik und Verstand, die ich ihm zugebilligt hatte, findet sich auf geschäftlichem Gebiet: Die Mauer nach Mexiko, potenzielle Handelskriege, Einreisesperren – all das schadet der US-Wirtschaft, die nach allgemeiner Einigkeit der Ökonomen auf Stärke in einem offenen Wettbewerb setzen muss. Für seine rechtspopulistischen Verfolgungswahnvorstellungen muss der amerikanische Konsument und Steuerzahler bluten. Der pure Wahnsinn!

Soweit der Stand der Dinge und meiner Ratlosigkeit. Gibt es eine Logik, die all das erklären könnte? Wenn Trump im Grunde unpolitisch ist (wovon ich immer noch überzeugt bin) und ausgesprochen dumm (wofür alles spricht, was er von sich gibt), dann stellt sich nur die Frage, wer von seinen Rambo-Aktionen profitiert?

Da ist zum einen sein Vertrauter und Berater Stephen Bannon. Ex-Soldat, Ex-Chef des rechtsextremen “Breitbart” Portals, Rassist und Demokratieverächter. Bannon hat offen erklärt, er wolle die staatlichen Institutionen zum Einsturz bringen. Mental also eine Mischung aus Kaiser Nero und den Herren ium Berliner Führerbunker Anno ’45. “Es zittern die morschen Knochen …”, sang einst die HJ in Deutschland, und Bannon – frisch in den nationalen US-Sicherheitsrat berufen – stimmt fröhlich ein. Der Typ ist unberechenbar, er ist krank, gefährlich und ein Feind all dessen, was wir als freiheitlich-demokratische Grundordnung klassifizieren. Dabei hat er, was Trump fehlt: Hirn. Alles, was Trump in seinen ersten Tagen im Amt verfügt hat, ist für Bannon eine Herzensangelegenheit. Zufall?

Der andere Nutznießer von Trumps Politik sitzt im Kreml. Russland lechzt nach einer Rückkehr zu Weltmachtstatus, will endlich wieder auf Augenhöhe mit den Amis stehen. Nachdem es aus eigener Kraft (trotz verlustreichen und teuren Kriegseinsätzen in der Ukraine und in Syrien) dazu nicht reicht, kommt es Moskau natürlich sehr entgegen, wenn die USA im Chaos versinken und sich als internationale Führungsmacht des freien Westens verabschieden.

Es klingt weit hergeholt, wenn Trump ein Ausführungsgehilfe Putins sein sollte. Eine völlig absurde Verschwörungstheorie eigentlich. Stimmt. Aber ich fand auch mal “House of Cards” ein wenig zu überzogen und krass …

Schuuuuulz!

Martin Schulz soll es also richten für die SPD. Der Schachzug von Sigmar Gabriel ist zweifellos klug. Er fand Lob und Zuspruch allerorten. Ich allerdings sehe schwarz für die nächsten Wahlen – nicht nur für die Sozis.

Denn auch Martin Schulz bietet keinen zwingenden Grund, bei den nächsten Bundestagswahlen sein Kreuz bei den Roten zu machen. Die SPD ist für den unvoreingenommenen Wähler strategisch nie die erste Wahl. Warum?

Lassen wir mal Partikularinteressen beiseite, die mich dazu bringen, eine bestimmte Partei zu wählen, weil ich nur durch sie erreichen kann, dass mein Jagdhund steuerfrei bleibt und mein Walfleischkonsum legal. Dann reduziert sich die politische Richtungsentscheidung auf die Gretchenfrage, wie ich als Wähler im Großen und Ganzen zur Politik der gegenwärtigen Regierung stehe.

Wenn ich die bisherige Politik behalten möchte, werde ich am besten Frau Merkel und ihre CDU wählen. Bei allen anderen ist nicht sicher, dass sie künftig mitkoalieren dürfen, und außerdem halte ich mich doch nicht an den Schmiedel, sondern lieber gleich an den Schmied.

Umgekehrt heißt das, dass sich meine Wahl stark einschränken wird, wenn mir die gegenwärtige Richtung nicht passt. Als zuverlässige Oppositionsalternative bleiben mir eigentlich nur die Linke oder die AfD. Bei SPD, Grünen und FDP steht zu befürchten, dass sie in der einen oder anderen Konstellation zu Angela Merkel unter die Decke schlüpfen werden. So schön es insbesondere für FDP und Grüne ist, dass ihnen alle Optionen offen stehen – bei den anstehenden Wahlen könnte es zum Bumerang werden, wenn sie sich nicht glaubwürdig genug von der Regierungsbeteiligung distanzieren.

In die Glaskugel geblickt verheißt die Aussicht auf das Bundestagswahlergebnis aus Sicht eines Demokraten mit fester Verortung auf dem Boden der freiheitlichen Grundordnung nichts Gutes. Gut, die Union wird sich dank Kanzlerbonus und guten Rahmendaten halten, der SPD prophezeie ich bei der jetzigen Ausgangslage ein Debakel. Dabei ist es ganz egal, wer der Kampagne voransteht, denn welchen Wähler soll die Aussicht auf den besten tollsten klügsten schönsten Vizekanzler locken – und dass die SPD vor der CDU landen wird, ist mehr als unwahrscheinlich.

Die einzige Aussicht der SPD, das zu ändern, wäre, eine Fortsetzung der Großen Koalition kategorisch auszuschließen und Rot-Rot-Grün zur alleinigen Option der Sozialdemokratie zu erklären. Dann hätten die Wähler echt die Alternative zwischen Merkel und Schulz, was Chancen und Stimmen der Sozis vermehren dürfte. Freilich bleibt sehr fraglich, ob es am 24.9. zu einer stabilen Regierungsmehrheit reichen wird. Und im Zweifel werden gerade die Spitzenkräfte der SPD weitaus lieber als Juniorpartner in der Regierung bleiben denn auf die Oppositionsbänke umzuziehen. Das aber wird die Glaubwürdigkeit der harten Kante torpedieren, mit der die SPD in den Wahlkampf ziehen muss. Und damit wiederum Stimmen kosten. So oder so: die SPD wird es schwer haben!

Die potenziellen Wähler von FDP und Grünen müssen mit der Ungewissheit leben, ob sie das Leichtgewicht einer künftigen Regierungskoalition stützen oder eine starke Opposition aufpämpern wollen. Aus meiner Sicht ist es schwer vorherzusagen, ob ihnen das eher schaden oder nützen wird. Natürlich gibt es einen Kern von Stammwählern, denen die Taktik egal ist, die liberal wählen, weil sie weniger Staat wollen oder grün der Umwelt wegen. Für beide Kandidaten gilt aber, dass die Kern-Klientel sie nur knapp über die Fünfprozenthürde tragen wird (wenn überhaupt). Wer höher landen will, muss taktierende Wechselwähler gewinnen. Einen davon haben die Grünen in meiner Person verloren: Ich habe in den vergangenen beiden Wahlen aus vornehmlich taktischen Gründen grün gewählt, werde das aber diesmal bleiben lassen, weil ich Rot-rot-grün fürchte und die Linke nicht in der Bundesregierung sehen möchte.

Die Linke wird (auch wenn mir das nicht passt) gut abschneiden: Ihre Wähler und Sympathisanten können sowohl ihren Protest gegen Merkels Regierungspolitik ausdrücken als auch aktiv auf einen Regierungs- und Richtungswechsel mit Rot-rot-grün hinarbeiten. Wem Merkel nicht sozial genug ist und wer endlich wieder eine klare Richtung nach links haben will, nach all dem in der Mitte lavierenden christsozialdemokratischen Gemenge der vergangenen zehn Jahre, der weiß, was er zu tun hat.

Alle Proteste und Oppositionsneigungen, die im Gegensatz dazu eine klare konservative / rechte Richtung fordern, die die Union wieder wegzerren wollen von der sozialdemokratischen Umarmung, werden ihre Stimme in der AfD finden (auch wenn mir das noch viel weniger passt). Die AfD wird groß rauskommen, was dramatisch ist angesichts der Ansichten eines Björn Höcke und der Persönlichkeit einer Frauke Petry. Die AfD ist der Geier, der sich fettfressen darf an dem Futter, das ihm die Großkoalitionäre überlassen. Was vom erwartbar üppigen Gewinn der Rechtspopulisten Ausdruck einer diffusen Fremdenfeindlichkeit im Angesicht der Flüchtlingssituation seit 2015 ist, was harter antidemokratischer Nationalismus als Erbe der verdorrten NPD, was plumper Protest, was taktisches Wechselwählen, wird schwer zu isolieren sein. Den Aufschrei am Wahlabend kann man sich aber schon jetzt ausmalen.

Eine Sondersituation bietet sich den Wählern in Bayern. Die haben eigentlich keine Option, ihre Zustimmung zur Regierung Merkel auf dem Wahlzettel zum Ausdruck zu bringen. Wenn sie Union wählen, also in Bayern die CSU, unterstützen sie den Schachtelteufel Seehofer, der sich einen Spaß draus macht, Merkel immer wieder von der Seite reinzugrätschen; eine vergleichsweise starke CSU schadet Merkel eher. Bei allen anderen Optionen laufen sie Gefahr, der Opposition in die Karten zu spielen. Die AfD immerhin wird in Bayern unter ihren Möglichkeiten bleiben, weil ein guter Teil des stinkigen Protests von der CSU abgefangen werden wird, die zwischen Regierungstreue und Wir-waren-ja-schon-immer-dagegen lavieren dürfte und vermutlich gerade in der Frage von Migration und Asyl ihre hässlichste Seite vorzeigen wird.

Sieben Reiter geben Entwarnung

Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle einen Beitrag über eine konservative Antwort auf die AfD geschrieben. Anlass war ein Artikel in der taz;  in dessen Kommentaren wies ein Leser auf ein Buch hin, das man gelesen haben müsste, um zu verstehen, wie die Konservativen heutzutage tickten: “.Sept Cavaliers ..” von Jean Raspail. Da mich das Thema schon länger beschäftigt, hat mich prompt die Neugier gepackt und ich wollte aus erster Hand erfahren, was dran sein könnte …

Bei Amazon war erstmal Fehlanzeige. “Sieben Reiter verließen die Stadt” gibt es dort nur gebraucht oder über Drittanbieter mit saftigen Versandpauschalen. Also bin ich ganz altmodisch ins Buchgeschäft gegangen und hab’s mir bestellt. Später erfuhr ich, dass Amazon offenbar nichts mit dem deutschen Verlag Antaios zu tun haben will. Wenn man das Sachbuchprogramm dort ansieht, kann man verstehen, warum. Da findet sich in der Tat einiges Unschöne und Abstoßende – Titel, die verdächtig völkisch und Pegidamäßig klingen. Auch die Vita von Verlagsleiter Götz Kubitschek lässt keinen Zweifel an dessen Gesinnung am weit rechten Rand des politischen Spektrums.

Aber mir geht es ja um Raspail, nicht um seinen deutschen Verleger.

Raspail hat 1973 das ‘Heerlager der Heiligen‘ geschrieben, in dem eine sehr große Zahl indischer Flüchtlinge übers Meer nach Frankreich kommt und das Land ins Chaos stürzt. Armutsmigration war zu jener Zeit in rechten oder auch nur bürgerlichen Kreisen kein Thema. In marxistischen Zirkeln wurde es diskutiert, die den Spätkapitalismus in seiner allerletzten Phase sahen, oder in christlich-grünen Dritte-Welt-Gruppen, die mit Jutesackerln und selbstgestrickten Inkamützen gegen die Ungerechtigkeit von Hunger und Elend an der Peripherie des Weltgeschehens angehen wollten. Dass die Menschheit einmal so mobil werden würde, dass aus den Gegensätzen von Reich und Arm handfeste Problem für die Länder des Nordens wüchsen, konnte sich Anfang der 1970-er sonst kaum jemand ausmalen. Als die Realität des Sommers 2015 Raspails Schreckensbild nachzuzeichnen begann, avancierte er zum gefeierten Propheten der Rechten.

Ob sein drittes Werk ‘Sire‘ je an die Realität stoßen wird, darf dagegen bezweifelt werden. Hier lässt Raspail den letzten Spross der Bourbonen im Jahre 1999 wieder zum französischen König krönen.

Sieben Reiter verließen die Stadt” spielt in einem ungenannten Reich zu einer ungenannten Zeit. Beides lässt sich zwar durch Informationen im Buch eingrenzen (dazu später mehr), bleibt aber erstmal vage. Es herrschen Chaos und Bürgerkrieg; der Herrscher, ein gütiger alter Markgraf, hält mit einer Handvoll Getreuer noch die Burg der Hauptstadt; eine Seuche hat die Bevölkerung dezimiert; die Jugend ist zudem einem halluzinogenen Pilz verfallen. Kirchenbänke dienen als Brennholz, jeder kämpft gegen jeden. Angefangen hat das Unglück, als sich die Jugendlichen völlig unerwartet mit abruptem Hass und Gewalt gegen die Ordnung der Erwachsenen aufzulehnen begannen.

Da befiehlt der Markgraf den Oberst Silvius von Pickendorff zu sich, er soll mit sechs anderen losreiten und in Erkundung bringen, ob anderswo das gleiche Chaos herrscht. Silvius sucht und findet sechs passende Mitreiter und macht sich auf den Weg.

Man erfährt im Verlauf des Buches einiges, was zur zeitlichen Einordnung hilft. Der Stand verfügbarer Technik lässt auf die Mitte des 19. Jahrhunderts schließen – es gibt Karabinergewehre, Eisenbahnen, Telegrafen und Daguerreotypien, aber keine Telefone, Automobile oder Flugzeuge. Die Eisenbahn habe man vor 30 Jahren eingeführt, heißt es, und das Stahlkonstrukt des prächtigen Hauptbahnhofes sei ein frühes Werk Eiffels.

Welches Land aber kann Raspail gemeint haben? Die Namen der Personen klingen meist deutsch und französisch, die Konfession ist katholisch, Fauna und Flora mehr oder weniger mitteleuropäisch, ein Erinnerungsstein mahnt daran, dass Hadrians Legionen einst durchs Land gezogen waren – am östlichen Rand des Reiches, das wäre dann wohl das heutige Rumänien. Ein Hafen im Südwesten verbindet das Land mit südlichen Kolonien, zu denen man eine Woche mit dem Schiff fährt. Nach Osten hin grenzen hohe Gebirge das Land ab. Die Erzfeinde des Landes – zu Hause jenseits dieser Berge – werden Tschetschenen genannt. Einmal erfährt man die Koordinaten eines Schiffsgefechts: Wenn man die Zahlen bei Google Maps eingibt, landet man im Schwarzen Meer vor der Küste der Krim. Raspail hat also munter gemischt: Mitteleuropäischer Habitus verbunden mit der Tradition christlicher Außenposten, wie man sie vielleicht in Armenien oder Georgien sehen kann.

Als Roman ist die Geschichte flott und spannend geschrieben: Auch hier findet sich aus vielen Quellen etwas. Ein bisschen erinnert die schneidige Schar an Alexandre Dumas’ Musketiere; der Abgesang erinnert ein wenig an Ernst Jüngers Marmorklippen; der Weltenbrand lässt an Tolkiens Mittelerde denken.

Konservativ ist natürlich die ganze Anlage der Geschichte. Seit Platons Zeiten klagen die Erzieher über die Verderbtheit und den Niedergang der Jugend. Und auch sonst sind die Muster klar: Die Aristokraten sind gut und edel und selbstlos, während im gemeinen Volke Selbstsucht und Gemeinheit herrschen. Die (katholische) Kirche gibt Halt und Ordnung – alles Anarchische, Zügellose, Chaotische rüttelt an diesem heiligen Gerüst. Frauen kommen wenige vor: Sie sind entweder enthobene Prinzessinnen (des Markgrafen Tochter) oder notgeile Huren (alle anderen). Raspails Helden bewahren für sich die gute alte Ordnung gegen alle Widrigkeiten der Wirklichkeit, gegen Mehrheiten und die schiere Übermacht der Gewalt. Zum Ende übernimmt nach und nach jeder einen verlorenen Posten, an dem er wohl zu Grunde gehen wird; bis auf die beiden verbliebenen Figuren, die in einem fulminanten (und überraschenden) Ende an der verlassenen Grenzstation in einen Zug steigen, der losfährt und dann in einer traumgleichen Wandlung als Pariser Vorortzug in unserer Jetztzeit ankommt.

Soweit ist Raspails Geschichte eben die Abenteuergeschichte eines konservativen Dichters. Über die Qualität mag man streiten, ich hab mich alles in allem amüsiert bei der Lektüre. Muss uns die Weltsicht des Autors stören? Ist sie gefährlich? Raspails Frauenbild scheint dem von Donald Trump zu gleichen, aber das unterscheidet ihn auch nicht groß von Ian Flemings James Bond.

Bedenken wir: In Karl Mays Büchern finden wir einen bigotten Nationalisten (da rettet ihn nicht einmal, dass Winnetou schwul war). Muss man die Jugend deshalb vor ihm schützen? Ich denke, nein.

Die eigentlich interessante Frage, die sich mir stellt: Taugt das Werk als Abziehbild für das Politische, kann man / muss man politisch etwas hineinlesen?

Jede politisch motivierte Dystopie stellt zugleich eine Warnung dar: Orwells ‘1984‘ mahnt uns, unsere Privatsphäre zu schützen und uns nicht einem Diktat der Bequemlichkeit zu unterwerfen,  Huxleys ‘Schöne neue Welt‘ warnt vor Kastendenken und elitärem Dünkel, Saramagos ‘Stadt der Blinden‘ singt das hohe Lied der Mitmenschlichkeit und Solidarität. Raspail bietet nichts dergleichen; woher das Unglück kommt, wie es hätte verhindert werden können, wie es sich ausbreitet, lässt er im Dunklen. Er konfrontiert uns nur mit einer Welt, die sich in dem chaotischen und schlimmen Zustand nach der Katastrophe befindet. Seine Helden kennen und vertreten die gute und gerechte Ordnung, die dahin ist, aber sie können nichts dafür tun, außer ihren aus der Zeit gefallenen Ehrenkodex hoch zu halten und ihre Werte mit sich in den Untergang zu nehmen.

Raspails Konservativismus ist vor allem elitär: Aristokratie und eine streng hierarchische Kirche tragen die Säulen seiner Welt. Wer ihm gedanklich nahe steht, den lässt das Buch vermutlich eher resigniert und verbittert zurück. Aber so jemand dürfte von den Erfolgen der Rechtspopulisten, der Nigel Farages und Donald Trumps, ebenso angewidert sein wie seine linksliberalen Kollegen. Als politische Kampfschrift taugt “Sieben Reiter …” daher wenig in den Zeiten, in denen genau diejenigen triumphieren, die sich von rechts unten gegen die etablierten Eliten aufspielen. Nein, Jean Raspail ist kein gefährlicher Prophet der Neuen Rechten oder der Identitären – die setzen intellektuell auf weit stumpferes Gerät.

2016. Genug davon.

2016. Annus Horribilis.

Horribilis? Es gibt Lichtblicke, etwa im Kampf gegen den Daesh-Terror-Staat im Irak. In Syrien hingegen tobt unvermindert und immer weiter ein Krieg, in dem es keine unterstützenswerte Partei gibt – Putin, Assad, Islamisten aller Schattierungen und ein paar Kurden zwischendrin. Bomben und Granaten, keine humanitäre Hilfe, Hunger, Durst – die verbliebene Zivilbevölkerung trägt die grausige Last des Gemetzels.

Wir moderat-liberalen Relevanten im reichen und zivilen Westen mussten in diesem Jahr das Ende unserer modernen Diskurskultur erkennen. Unsere Filterblase ist geplatzt, aus der wir Rassisten, Frauenfeinde, homophobe Deppen und ignorante Dumpfbacken jahrelang erfolgreich ausgeblendet hatten. Nur weil die Arschgeigen in unseren Twittertimelines und Facebook-Pinnwänden nicht (mehr) vorkommen, haben sie ihre Stimme und ihr Stimmrecht aber nicht verloren. Im Gegenteil – sie stellen offenbar die Mehrheit. Jedenfalls hat es gereicht, die Briten zum EU-Austritt votieren zu lassen und Donald Trump zum US-Präsidenten zu wählen.

War sonst was? Ja, der Tod hat ungewöhnlich reiche Ernte gehalten in diesem denkwürdigen Jahr: Lemmy Kilmister (zwar technisch noch in 2015, aber nach Aussenden aller Jahresrückblicke gestorben), Pierre Boulez, David Bowie, Ruth Leuwerik, Alan Rickman, Black, Roger Willemsen, Harper Lee, Umberto Eco, Peter Lustig, Nikolaus Harnoncourt, Keith Emerson, Guido Westerwelle, Phife Dawg, Johan Cruyff, Imre Kertész, Hans-Dietrich Genscher, Prince, Fritz Stern, Muhammad Ali, Götz George, Manfred Deix, Bud Spencer, Wolfram Siebeck, Miriam Pielhau, Péter Esterházy, Reinhard Selten, Walter Scheel, Shimon Peres, Brigitte Hamann, Manfred Krug, Oleg Popow, Leonard Cohen, Fidel Castro, Greg Lake – und der Dezember ist noch nicht mal zur Hälfte rum.

Noch mehr? Portugal wurde Europameister – im Finale sogar ohne Cristiano Ronaldo.

Immer noch mehr? Angelina Jolie und Brat Pitt trennten sich. Star Wars kopierte sich selbst, Netflix brachte eine ordentliche zweite Staffel Bloodline und eine grandiose zweite Staffel Narcos, und ich kann mich nicht erinnern, wer 2016 im Dschungelcamp war, geschweige denn, wer es gewonnen hat.

Airbusfahrer

22 Prozent mehr Gehalt wollen die Piloten der Lufthansa, und dafür streiken sie. Die Passagiere ärgern sich, die Maschinen bleiben am Boden. Viele Beobachter schütteln die Köpfe, angesichts des Lohnniveaus, das Lufthansapiloten schon jetzt genießen.

Nun ist es natürlich jedermanns gutes Recht, mehr Geld zu fordern. Schließlich würden die meisten von uns nicht nein sagen, wenn es mehr Gehalt gäbe. Auf lange Sicht haben die Piloten aber schlechte Karten, behaupte ich.

Zugegeben: Kurzfristig haben die Piloten ihren Arbeitgeber im Würgegriff. Die Lufthansa erleidet mit jedem Streiktag Millionenschäden, die Kunden sind sauer, die schwer angeschlagene Konkurrenz darf sich freuen. Piloten lassen sich auch nicht von jetzt auf gleich ersetzen. Wenn die Kindergärtner streiken, können die geplagten Eltern einen Reihum-Notdienst in Selbstbetreuung aufziehen, beim Flugzeugfliegen wird das schwierig.

Aber mal grundsätzlich gefragt: Warum verdienen Piloten überhaupt so ein Schweinegeld?

Da ist einmal die lange Ausbildung, sagen die Piloten. Aber auch Förster und Erzieher durchlaufen lange Jahre an Unis und Schulen, bis sie ihr Berufsziel bei weit geringerer Entlohnung erreichen.

Im Grunde werden die Piloten exzellent und lang ausgebildet, um dann ein komplexes elektronisch gesteuertes Flugzeug zu steuern, das sich weitgehend automatisiert und maschinell bewegt. Das meiste regelt inzwischen der Computer, nur wenn der ausfallen sollte (oder kritische Entscheidungen zu treffen sind), ist die hohe Pilotenkunst noch gefragt. Die Notlandung auf dem Hudson River in New York 2009 war so ein Beispiel. Im Alltag erledigen Autopilot und Landeautomatik den Großteil der Arbeit im Cockpit.

Der bewusst herbeigeführte Absturz der Germanwings-Maschine in Südfrankreich 2015 zeigte, welchen Aufwand ein Pilot heutzutage unternehmen muss, um all die automatischen Helfer zu überwinden und das Flugzeug doch noch manuell in den Abgrund zu reißen. Fast ist es wie im ICE, nur dass die Kollegen der Bahn einen Bruchteil dessen bekommen, was die Lufthansa ihren Flugzeugführern bezahlt.

Piloten tragen Verantwortung für Menschenleben, lautet ein weiteres Argument für hohe Gehälter in der Luftfahrt. Das ist richtig, aber nur weil wir uns hoch am Himmel verlorener fühlen mögen als am Boden, ist das Risiko im Flugzeug auch nicht höher, als wenn wir ins Taxi steigen oder in den Bus. Wie sah es nochmal mit der Verdiensthöhe von Taxifahrern und Buslenkern aus?

Haben wir es vielleicht mit einem Marktphänomen zu tun? Mit Angebot und Nachfrage? Es sieht nicht so aus. Auch bei Fluglinien, die deutlich schlechter zahlen, finden sich genügend Kandidaten, die den Job machen wollen. Und offenbar nicht mal schlechte – denn auch bei Ryanair stürzen die Maschinen nicht häufiger ab als bei der Lufthansa.

Als ökonomisch interessiertere neutraler Betrachter kann man der Lufthansa nur raten, kurzfristig konsequent zu bleiben und auf lange Sicht das Gehaltsniveau dem (Welt-) Markt anzupassen. Denn wenn man so richtig in die Zukunft blickt, werden ferngesteuerte Drohnen auch im Passagierverkehr irgendwann ganz normal sein. Pilot ist so wenig ein Zukunftsberuf wie Lokführer oder Fernfahrer.