Nicolai Levin

Bahnfahren in Österreich: Es darf gern ein bissl länger dauern

Vor einiger Zeit hatte ich hier schon einmal erwähnt, dass ich im letzten Jahr beruflich viel in Österreich unterwegs war. Ja, die Menschen und die Kultur dort sind eigen, und gerade gegenüber uns Deutschen zeigt sich das Verhältnis nicht immer ganz einfach. Dafür durfte ich eine genussvolle Erfahrung im Land der Berge machen: das Bahnfahren.

Na ja, Genuss: Im Nahverkehr bereitet Bahnfahren in Österreich ungefähr so viel Verdruss wie bei uns. Aber die Fernzüge, die machen Spaß! Der Hochgeschwindigkeitszug der ÖBB heißt “Railjet” und entspricht ungefähr unserem ICE oder dem französischen TGV. Von außen sieht er fast aus wie ein normaler Zug, mit einer Lokomotive vorneweg und einer Garnitur an Waggons, die von der Form her eher konventionell wirkt.

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Der Railjet der ÖBB (Foto: Wikipedia)

Beim Tempo reicht der Railjet lang nicht an den ICE heran. So richtig sausen tut er nur im Tunnel zwischen Wien und St. Pölten – da kommt er auf Geschwindigkeiten über 250 km/h. Sonst aber ist ihm die Topografie im Wege. Prestigiöse Hochgeschwindigkeitstrassen schnurgerade über Berg und Tal für ein paar Milliarden können und wollen sich die Österreicher im Gegensatz zu den Deutschen nicht leisten, so etwas wie die Verbindung München-Berlin haben sie noch nicht gebaut. Zwischen Linz und Salzburg windet sich die Trasse so kurvenreich zwischen Tälern und Seen, selten geht es dort schneller als mit 100 km/h dahin. (Insgesamt ist man aber mit der Bahn immer noch deutlich schneller von München aus in Wien als mit dem Auto!)

Auch nach Süden hin stehen dem eiligen Reisenden wieder die Berge im Weg: Zwischen Wien und Graz gilt es den Semmering zu überwinden. Vor 170 Jahren galt es als höchste Ingenieurskunst, auf dieser Trasse überhaupt eine Eisenbahnverbindung zu bauen, heute zockelt die Bahn weit langsamer den Pass hinauf als das Auto. Wenn man weiter in den Süden will, von Graz etwa nach Klagenfurt und Villach, dann folgt die Bahnstrecke dem Murtal, macht also einen Riesenumweg (zugestanden, sie arbeiten derzeit an einer Direktverbindung). Auch auf der Strecke zwischen Inntal und Vorarlberg werden die Stationen hinter Innsbruck immer kleiner und unbedeutdender und die Fahrtzeit bis Bregenz ziiiiiiieht sich.

Es dauert also alles ein bissl länger. Dafür punktet der Railjet mit Komfort, den die Deutsche Bahn nie gekannt hat oder längst aufgab. Mit jeder Generation nähern sich die deutschen ICEs mehr dem Vorbild Flugzeug, speziell was Raumnutzung, Beinfreiheit und Sitzabstände angeht. In der neuesten Version des deutschen Zuges hat man inzwischen in der Ersten Klasse ungefähr so viel Platz wie der Railjet in der Zweiten bietet. In der Ersten Klasse des Railjets lassen sich herrlich die Beine ausstrecken, auch wenn man mehr als 1,70 Meter misst. Wer es noch luxuriöser braucht, bucht “Business” und erhält für einen fixen Reservierungszuschlag von etwa 13 Euro zum Ersterklasseticket einen freistehenden Luxussitz mit allen Einstellungsmöglichkeiten und einem Quadratmeter Abstand zu allem anderen!

Wo man in Deutschland die immer größer werdenden Koffer nirgends unterbringen kann, hat der Railjet in der Mitte jedes Wagens ein bequemes Gepäckareal zum Verstauen. Die Sitze lassen sich in der Ersten Klasse so weit nach hinten bewegen, dass man auf den Langstrecken tatsächlich ein Nickerchen machen kann.

Das Personal ist freundlich. Ich habe den Verdacht, dass die elektronischen Lesegeräte für Handytickets speziell bei deutschen DB-Tickets in drei von vier Fällen gar nicht funktionieren. Was macht da der ÖBB-Schaffner? Er lässt sich nichts anmerken, bedankt sich artig und zieht weiter.

Sehr praktisch ist auch, dass Schaffner und Caterer auf den ersten Blick auseinanderzuhalten sind: Trägt er/sie anthrazit, will er dein Billet sehen. Roter Rock oder fliederfarbene Krawatte zu weißem Hemd/weißer Bluse bedeuten hingegen, dass dir der-/diejenige etwas zum Essen oder Trinken bringen kann. Das Angebot ist breit, wechselt ein bissl mit der Saison, die Preise bleiben moderat (ein Paar Würstl mit Semmel kostet 4,90 EUR), die Qualität überragt um Längen den überteuerten Fraß, den es in Deutschland gibt.

Auch wissen sie klug um ihre Grenzen: Österreichs Biere taugen wenig, also offerieren sie mir böhmisches Budweiser und bayrisches Paulaner Weißbier, wo ich in Deutschland nur die Wahl zwischen Pest (Bitburger) und Cholera (Erdinger) habe.

Dass die Bedienungen jung und oft sehr erfreulich zu betrachten sind, kann man als weiteren Pluspunkt für Österreich werten, auch wenn das natürlich erstens ungerecht und zweitens – ehschonwissen – sexistische Kackscheiße ist. Ja, ich gestehe zu: Die Deutsche Bahn wird keine Bewerbung ablehnen, nur weil der Kandidat/die Kandidatin jung und hübsch ist, aber es wollen halt offenbar nur griesgrämige Sachsen mit deutlichem Übergewicht Gulaschsuppe in deutschen Eisenbahnen austragen, während es haufenweise junge fesche Menschen in den Dienst des Caterers der ÖBB zieht. Das Fahrerlebnis in Deutschland leidet drunter, ich kann es nicht ändern und will es nicht verschweigen.

Und dann die Kleinigkeiten. In Deutschland halten sie es effizient und kassieren sofort beim Servieren ab. Klar, so riskieren sie nicht, dass der Gast ohne zu zahlen aussteigt oder sich umsetzt. Nicht so in Österreich: Hier wird wie im Restaurant erst serviert und gegessen und irgendwann kommt wer und will ein Geld dafür. Es fühlt sich einfach besser an.

Die Durchsagen im Railjet erklingen vom Band. Sie haben die Stimme von Chris Lohner genommen und digitalisiert, und deren österreichisch gefärbtes Englisch klingt um so Vieles aparter als das hinlänglich verspottete Sänkjufortschusingdeutschebahntudäi, zu dem die DB-Schaffner gezwungen werden.

Nein, ich darf sagen, es fährt sich angenehm mit den Österreichischen Bundesbahnen, auch wenn es vielleich ein wenig länger dauern mag, bis man am Ziel ist.

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Momente des Lächelns (24)

Es ist einer dieser arabischen Friseurgeschäfte im Bahnhofsviertel. Lauter Ethnopop, großer Tiegel mit Haargel, nur Männer, keine Termine, günstige Preise. Alle Kunden sind ‘Bruder’ oder ‘Habibi’. Es geht geschäftig zu. Da stürmt ein junger Mann zur Tür herein: “Wie lange dauerts, bis ich drankomme?” Der Chef wiegt den Kopf: “Bist du nächster. So in fünf oder zehn Minuten.” Der Kunde zögert: “Knapp. Ich hab doch um halb das Vorstellungsgespräch!” Ich schaue auf die Uhr. Es ist zehn nach. Der Chef nickt: “Schaffen wir.” Sie schaffen es. An den Kunden aber, dem zwanzig Minuten vor dem Gesprächstermin noch einfällt, dass er einen Harrschnitt benötigt: “Respekt, Habibi!”

“Deutschland”. Ein sehr gutes Buch.

Sie suchen noch ein Buch, das Sie zu Weihnachten verschenken können? Hier meine Empfehlung:

Schon lange habe ich kein (Sach-) Buch mehr mit größerem Genuss gelesen als Neil MacGregors “Deutschland. Erinnerungen einer Nation.” Kurzweilig, lehrreich, informiert, klug, zurückhaltend – das Werk ist unbedingt zu loben und weiterzuempfehlen. Einige meiner Lieben werden es dieses Jahr unterm Christbaum finden.

Auch wenn es auf den ersten Blick so aussehen mag: Dieses Buch ist kein klassisches Geschichtsbuch. Sein Autor ist auch kein Historiker, sondern ein Museumsmann. Vielleicht liegt darin sein Geheimnis. Entstanden ist das Werk auf Basis einer Ausstellung des British Museums in London, dessen Leiter Neil MacGregor war, ehe er als Gründungsintendant zum Berliner Humboldtforum wechselte. Anlässlich der Ausstellung sendete BBC4 eine Reihe von Kurzbeiträgen zu Exponaten und Themen, die im Museum präsentiert waren. Und aus den Radiobeiträgen formulierte MacGregor jetzt dieses reich bebilderte Buch.

Neil MacGregor vertritt keine Theorie, er verkauft uns keine These, er folgt keiner argumentativen Kette. Sein einziger Anspruch ist es, den gebildeten englischen Ständen nahe zu bringen, was die Deutschen zu dem gemacht hat, was sie sind, welche Erfahrungen und Erlebnisse das kollektive Gedächtnis prägen, was uns Deutschen als gut und was als grauslich in Erinnerung geblieben ist. Dazu nimmt er eine Reihe von Artefakten, die er in je einem Kapitel beleuchtet und in ein paar Themenblöcke gliedert. Dieser museumspädagogische Ansatz, interessante Dinge aufzubereiten und zu präsentieren, das Schlussfolgern und Einordnen aber dem Betrachter zu überlassen, bekommt dem Buch unheimlich gut. Wie in einem Museum kann man in diesem Buch vor- und zurückgehen, Dinge auslassen oder überfliegen, die einen nicht so sehr interessieren, die Reihung der Exponate beliebig ändern. Das schadet alles nichts, es macht das Lesen einfach und bequem, nach Herzenslust kann man dieses Buch ganz nach eigenem Gusto erkunden.

Wenn man diese Einsichten über die Deutschen als Deutscher liest, entwickelt das seinen besonderen Reiz, hält uns doch ein Engländer einen recht intimen Spiegel vor. Natürlich schaut man da auf jeden Punkt: Hat der für mich Bedeutung, für mein Umfeld, für die Leute, die ich kenne? MacGregor begegnet unserer Geschichte und Kultur mit sehr behutsamem Wohlwollen. Klar: Deutschland fasziniert ihn, sonst hätte er nicht Germanistik studiert und sich dieses Themas angenommen. Eine freundliche Neugierde meint man zu erkennen, er segelt fern von allen Klischees, den Schlimmen (Militaristen, Besserwisser, Rüpel) wie den Bewundernden (Effizienz und Ordnung).

Und doch spürt er den Wurzeln der deutschen Ingenieurskunst nach, findet astronomische Uhren und Gutenbergs Druckerpresse als Beispiele für den Ehrgeiz nach handwerklicher Perfektion, die im deutschen Zunftwesen guten Nährboden fand, und für die geschäftssinnige Kombination von Innovation und Vermarktung. Vieles, was seine englischen Leser überraschen wird, trifft beim deutschen Publikum wohl auf breiteres Vorwissen, dennoch wird auch der gebildete deutsche Leser Dinge erfahren, die er noch nicht wusste.

Mir hat sehr gefallen, wie MacGregor mit der Nazizeit umgeht. Sein Buch dreht sich nicht vorrangig um diese Jahre, es sucht auch nicht den mehr oder weniger zwangsläufigen Weg dorthin zu erkunden, wie das viele Historiker machen würden. Vermutlich muss man ein gelassener Engländer sein, um so selbstverständlich die Nazijahre in ein deutsches Erinnerungsbuch einzubauen. Beispielhaft nimmt er das Lagertor von Buchenwald als eines der prägenden Artefakte, die er präsentiert. Bei einigen anderen Themen interessiert ihn viel mehr, ob und wie die Nazis sie vereinnahmen wollten, wo sie ihre Prägung aufgebracht haben und wo sie den Dingen ihren Lauf ließen.

Aus der Zurückhaltung beim Interpretieren ragt nur eine These heraus, die er aus seinen Erinnerungsstücken ableitet. Die bewegt ihn als Briten vor dem Hintergrund des heutigen Deutschland im heutigen Europa: Wie kommt es, dass die Deutschen so viel positiver zur EU stehen und mit der Funktionsweise der Brüsseler Politik innerlich weit besser zurechtkommen als etwa die Briten? MacGregor argumentiert anhand mehrerer Beispiele, wie die Deutschen in den Jahrhunderten des Heiligen Römischen Reiches gelernt haben, sich mit einer Konstellation zu arrangieren, in der über vielen kleinen Teilstaaten eine schwache übergeordnete Institution (der Kaiser) stand, der alle Einheitlichkeiten (wie Münzwerte) und Kontributionen (Steuern, Militär) mühsam auf Reichstagen und mit den Fürsten aushandeln musste. Es lief anstrengend, aber die Deutschen lernten über die Zeit: Das seltsame Gebilde war am Ende auch nicht schlechter aufgestellt als die zentralisierten Königreiche Frankreich oder England. Kein Wunder, dass den Deutschen heute eine Brüsseler Verhandlungsnacht mit einem unbefriedigenden Kompromiss als Ergebnis selbstverständlicher und akzeptabler erscheinen mag als etwa einem Briten.

Kritisieren kann man natürlich die Auswahl der vorgestellten Erinnerungsstücke. Und die, die rausgefallen sind. Mir fällt da die Fußballnationalmannschaft ein, die für meine Begriffe schon SEHR identitätsstiftend ist. MacGregor erwähnt zwar das Brandenburger Tor als zentralen Ort zum Feiern, etwa, wenn Deutschland Weltmeister wird. Zu berichten gäbe es aber auch reichlich über das Team an sich: Ab 1938 waren Österreicher dabei (nachdem sich Hitler Österreich einverleibt hatte, wurde Rapid Wien im Mai 1941 deutscher (!) Fußballmeister), ab 1945 nicht mehr. Ab 1948 blieben im DFB die Westdeutschen unter sich, deren Auswahl 1954 Weltmeister wurden, was die gesamte Bundesrepublik bewegte; so sehr, dass viele, die am Radio dabei waren, noch heute die Aufstellung von Bern herunterbeten können. Fast 60 Jahre später lief sogar ein erfolgreicher Kinofilm über das Endspiel dieser WM. 1966 in Wembley sprach der Linienrichter den Engländern das entscheidende Tor zu, obwohl nach Überzeugung aller Deutschen der Ball nie hinter der Linie gewesen sein konnte! Die getrennten Mannschaften aus DDR und BRD trafen ausgerechnet bei der Weltmeisterschaft in Deutschland 1974 aufeinander, und die Außenseiter aus dem Osten siegten 1:0 in Hamburg; dennoch wurde das DFB-Team Weltmeister. Die andere Niederlage, die sich den Deutschen eingeprägt hat, war die “Schmach von Cordoba” vier Jahre später, als man gegen Österreich verlor und vorzeitig ausschied. Wieder vier Jahre später einigten sich Deutsche und Österreicher auf ein gedeihliches Ergebnis zu Lasten der Algerier, auch daran erinnert man sich noch heute. Bis zum historischen 7:1 gegen Brasilien im Halbfinale von 2014 folgte noch manch Auf und Ab. Dass auch Menschen in Deutschland, die sich wenig bis gar nicht für Fußball interessieren, an all diesen Meilensteinen kollektiver Erinnerung nicht vorbeikönnen, spricht m.E. für sich. Nein, “la Mannschaft” hätte ein Kapitel verdient gehabt, das steht für mich fest.

Allein diese Gedanken, mit denen ich das Buch für mich selbst fortgesponnen habe, mögen Ihnen zeigen, wie tief es mich beschäftigt hat und immer noch bewegt. Gönnen Sie sich auch dieses Vergnügen!

(Der Verfasser dieser Zeilen hat das hier besprochene und gelobte Buch zum regulären Preis im Buchhandel erstanden und unterhält keinerlei Beziehung zum rezensierten Autor)

Neuwahlen? Wer will Neuwahlen?

Der Wähler hat gesprochen an diesem letzten Sonntag im September, und das Wahlergebnis macht den Gewählten seitdem ordentlich zu schaffen. Eine einfache, offensichtliche Regierungskonstellation ist nicht in Sicht. Das Gespenst von Neuwahlen geht um; die SPD quält sich, ob sie sich der Staatsraison wegen nochmal in eine Große Koalition zwängen lassen soll …

Ich bin ja ein großer Fan von Wettbewerb und Marktwirtschaft. Und demokratische Wahlen sind letztlich nichts anderes als ein Wettbewerb von politischen Ideen und Führungsgestalten. Der Wähler entscheidet, wer zum Zuge kommen soll. Insofern halte ich es auch für legitim, wenn politische Gruppierungen sich gegen eine Regierungsbeteiligung entscheiden, wenn sie ihren eigenen Interessen zuwider läuft. Andersrum: Ich finde, keine Partei oder Fraktion sollte aus purem Verantwortungsgefühl oder Staatsraison in eine Regierungsbeteiligung gelockt werden, falls das ihre Aussichten beim Wähler verschlechtert. Soviel politischer Egoismus ist in einem funktionierenden pluralistischen System schon okay.

Jetzt schreien Sie vielleicht: “Aber Weimar!” Ja, stimmt schon, die Weimarer Republik ist unter anderem untergegangen, weil die Demokraten sich im Klein-Klein verzettelten und damit die totalitären Kommunisten und vor allem natürlich die Nazis groß werden ließen. Aber eine derartige Konstellation sehe ich nicht im Deutschland des Dezembers 2017. Bei der AfD mögen fragwürdige Gestalten im Plenarsaal sitzen, deren Haltung zu unserer verfassungsmäßigen Ordnung nicht eben hasenrein ist, aber einen systematischen Plan zur Abschaffung unserer Demokratie sehe ich nicht.

Und auch wenn ich die Linke nicht mag, muss ich eingestehen, dass sie in den fast dreißig Jahren ihres Nach-DDR-Bestehens nicht wirklich vehement an der Ordnung des Grundgesetzes gerüttelt hat.

Das deutsche parlamentarische System sitzt so fest im Sattel, dass es das aushalten wird, wenn eine Zeit lang mit einer wackeligen Minderheitsregierung und wechselnden Mehrheiten das Land gelenkt wird. Daher bin ich der Überzeugung, dass eine Partei es riskieren darf, die Regierungsbildung scheitern zu lassen. Das galt für die FDP in den Jamaikasondierungen, und das gilt erst recht für die Sozialdemokraten jetzt nach dem Scheitern von Schwarz-Gelb-Grün.

Wenn die SPD also klug genug ist, nach ihrer klaren Niederlage die Finger vom Regieren zu lassen, bleibt eine Minderheitsregierung – oder eben (Horror!) Neuwahlen.

Und wenn wir jeder Partei/Fraktion zugestehen, dass sie ihren eigenen Erfolg an erster Stelle setzt, was haben die Beteiligten im Bundestag durch Neuwahlen zu fürchten oder zu hoffen? Gehen wir sie mal der Reihe nach durch.

CDU

Die CDU landete bei der Bundestagswahl vom 24.9. bei knapp 27% (die andern 6% zum Unionsergebnis trug die CSU bei). Damit war sie klar die stärkste Partei, aber zum einfachen Regieren langt es halt doch nicht. Wenn jetzt ein neuer Urnengang anstünde, wie schnitten die Schwarzen ab? Die Demoskopen sehen die Union in ihrer Sonntagsfrage weitgehend unverändert. Kein Wunder: Inhalte hatten die Christdemokraten schon im Sommer wenige zu bieten, sie fomulierten Plattituden (wissen Sie noch: “Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben”? Ich meine: Geht es noch wabbliger?). Vor allem setzten sie auf die Person von Angela Merkel. Die hat in den Jamaika-Verhandlungen an Strahlkraft verloren. Kann also gut sein, dass die CDU an Substanz verliert.

Jeder Prozentpunkt, den die CDU bei einer neuen Runde verliert, macht das Zusammensuchen von Koalitionsmehrheiten schwieriger. Das Problem der CDU ist, dass ihr auch ein leichtes Zulegen nichts helfen wird: Wenn die Sozis als Koalitionspartner ausfallen und Jamaika nichts wird, ist sie entweder auf die FDP oder auf die Grünen angewiesen. Die werden aber aller Voraussicht nach nicht viel über 10% kommen. Das hieße, dass die CDU für eine stabile Regierungsmehrheit in der Größenordnung von fünf bis zehn Prozentpunkten zulegen müsste, damit es zu einer sicheren Kanzlermehrheit reicht. Momentan sehe ich nichts, was Wählerstimmen in diesen Ausmaßen in die Arme der Union treiben sollte.

Ich komme zu dem Schluss, dass die CDU bei Neuwahlen nicht viel zu gewinnen hat.

CSU

Die CSU betrachte ich hier mit Fleiß separat. Denn sie ist ein Phänomen. Ihr Ergebnis ist in Stein gemeißelt und wird sich bei Neuwahlen genau so wieder einstellen wie im September 2017.

Zwar haben die Schwarzen aus Bayern ein aus ihrer Sicht lausiges Zweitstimmenergebnis eingefahren (mit 38,5% in Bayern). Dafür konnten sie alle Direktmandate im Freistaat holen, und diese 46 Sitze nimmt ihnen niemand, selbst wenn sie unter etwa 35% rutschen sollten und damit bundesweit unter der Fünfprozenthürde blieben.

Die CSU kann also bei den Zweitstimmen weiter verlieren, es darf ihr egal sein, beschert sie halt den anderen ein paar Überhangmandate, die sich ziemlich gleichmäßig unter die anderen Parteien verteilen und im Gesamtgewicht des Bundestages keinem auffallen.

Die CSU würde nur geschwächt, wenn die SPD der CSU Wahlkreise streitig machen könnte. Ich kenne die bayrische SPD und kann Ihnen sagen: Dieses Szenario ist angesichts des personellen Angebots der bayerischen SPD völlig unvorstellbar.

Zu verlieren hat die CSU also nichts. Und gewinnen könnte sie erst, wenn ihr Zweitstimmenanteil deutlich jenseits von 50% landen würde – und dies ist mindestens so utopisch wie der Verlust von Direktmandaten im Freistaat.

SPD

Die SPD hat am 24.9. ein Scheißergebnis eingefahren, und bei jeder Neuwahl wird es wohl noch schlimmer werden. Mit ihren 20% brauchen die Sozis niemandem mehr etwas von Kanzlerschaft vorgaukeln. Eine SPD-geführte Regierung wird es nicht geben. Also werden die potenziellen Wähler die SPD sehr genau fragen, was sie nach einer Neuwahl machen will: Wieder den Hilfsdackel einer Großen Koalition geben oder gleich die Oppositionsbänke anpeilen?

Für beides braucht die SPD keine große taktische Unterstützung von Wechselwählern. Zulegen kann sie eigentlich nur durch den Zustrom von besorgten Bürgern, die aus Angst vor Weimarer Verhältnissen zur Stabilisierung des Systems die Stimmen bei den “Großen” bündeln wollen; deren Anzahl wird überschaubar bleiben. Die Sozialdemokratie wird sich also bei Neuwahlen auf den harten Kern ihrer direkten Gefolgschaft zurückgeworfen sehen: Ich prognostiziere ihr irgendwas zwischen zwölf und achtzehn Prozent – je nach Strahlkraft des Spitzenkandidaten.

Die SPD sollte Neuwahlen daher fürchten wie der Teufel das Weihwasser.

Die Kleinen: Grüne und FDP

Für FDP und Grüne stellt sich die Situation etwas anders dar als im Wahlkampf 2017. Beide waren beteiligt an den Jamaikasondierungen. Die Grünen zeigten sich kompromissbereit und staatstragend und regierungsfähig – und hätten dafür wohl auch wesentliche inhaltliche Standpunkte sausen lassen. Ganz anders die FDP, die angeblich aus Treue zu ihren Positionen die Koalition platzen ließ, bevor sie zustandegekommen war. Sowohl bei den Grünen als auch bei der FDP wird es Wähler geben, die beides gut oder schlecht finden: Prinzipienreiter gegen machtorientierte Realisten, könnte man sagen. Laut den aktuellen Sonntagsfragen der Demoskopie-Institute halten sich die beiden Lager in etwa die Waage: Weder Grüne noch FDP würden aus einem neu gewählten Bundestag herausgewählt, noch würden sie dramatisch zulegen.

Das Dilemma der Regierungsbildung bliebe also dasselbe wie jetzt: Einer allein käme wohl mit der Union zu Potte, was die inhaltliche Ausrichtung einer schwarzgelben oder schwarzgrünen Koalition angeht, aber es geht sich halt rein mehrheitsmäßig nicht aus.

Grüne und FDP sollten vom Ergebnis her gelassen in Neuwahlen gehen können, werden aber in einem neu aufgelegten Wahlkampf Schwierigkeiten haben, ihr Verhalten bei den Jamaika-Verhandlungen gegenüber der jeweils unzufriedenen Hälfte ihrer Anhängerschaft zu erklären.

Linke und AfD

Linke und AfD spielten in der Regierungsarithmetik keine Rolle. Die Linke zerfetzt sich gerade selbst und dürfte ihren Wählern eigentlich nur mit hochrotem Kopf entgegentreten. Inhaltlich dürfte sie besser dastehen als im Sommer, da sie jetzt Seit an Seit mit der SPD Opposition macht. Solang sich die SPD programmatisch nicht sortiert hat, kann die Linke im Zweifel immer für sich in Anspruch nehmen, sozialer und linker und oppositioneller zu sein als die Sozis mit ihrer unbestimmten großkoalitionären Ausgleichshaltung.

Die AfD schließlich darf sich auf Neuwahlen freuen. Inhalte hat sie keine, parlamentarische Sachpolitik ist ihr eh zu kompliziert und schwierig. Ihr natürlicher Lebensraum ist der Wahlkampf; da kann sie Holtern und Poltern und Zetern und Wüten. Jeder Wahlkampf bietet Plattform und Medieninteresse – ein idealer Nährboden für Populisten eben.

Fazit

Es ist also nicht zu erwarten, dass sich die politische Großwetterlage mit einem erneuten Wahlgang fundamental ändert. Außer den Parteien ganz außen hat auch keiner ein Interesse daran, den Wähler so bald wieder um sein Votum zu bitten. Bundespräsident Steinmeier tut also ganz recht daran, die Akteure zu verpflichten, mit der jetzigen Sitzeverteilung eine Regierung zustandezubringen. Mag sein, dass das Durchregieren nicht so einfach wird wie bisher, aber dass Politik eben das langsame Bohren von dicken Brettern ist, das wusste schon Max Weber 1919. Damals war es übrigens auch gar nicht so einfach, eine Regierung in Deutschland zu bilden.

Acht Gründe, warum Wien nicht Berlin ist. Politisch jedenfalls.

Mit Befremden blickt das politische Deutschland auf Österreich. Dort steht ein Einunddreißigjähriger ohne Studienabschluss davor, Bundeskanzler zu werden – und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach gestützt von den Stimmen der Rechtspopulisten von der FPÖ, die 26% der Stimmen holen konnte.

Mancher Deutsche mag jetzt denken: “Die spinnen, die Österreicher!” Ich war in den letzten Monaten beruflich viel in Österreich unterwegs und habe so einiges mitbekommen vom Wahlkampf und dem politischen Klima im Land der Berge. Was hier abgeht, ist für uns Deutsche zwar nicht beruhigend, aber bevor wir losschimpfen und lästern: Acht Gründe, warum Österreich nicht Deutschland ist.

1. Die Große Koalition hat abgewirtschaftet. Aber sowas von.

Große Koalition ist in Österreich eher Normalzustand als Ausnahme. Von der Gründung der zweiten Republik nach dem Krieg bis 1964 und dann von 1987 bis 2000 regierten SPÖ und ÖVP miteinander und dann wieder von 2007 bis jetzt. Keine andere politische Konstellation hat länger in Österreich regiert als Rot und Schwarz.

Im Gegensatz zu Deutschland, wo sich CDU und SPD inhaltlich angenähert haben und bis zu den Wahlen weitgehend effizient und geräuschlos zusammen regierten, herrschte in der österreichischen Regierung von Jahr zu Jahr mehr Gereiztheit. Es kursiert der böse Witz, für jeden Regierungsposten brauche man drei Leute: einen Roten, einen Schwarzen – und einen, der die Arbeit macht. Wesentlicher Grund, zusammenzubleiben, war für beide Partner nicht so sehr der positive Antrieb von Gestaltungswillen und Regierenwollen, sondern eher der Drang, die Freiheitlichen von der Regierung fernzuhalten. Die konnten sich, je länger sie trotz erklecklicher Mandate aus der Regierung ausgesperrt waren, um so mehr als Stimme des kleinen Mannes profilieren, der gegen das Machtkartell der Etablierten wetterte.

Im Wahlkampf war für mich schon so etwas wie Wechselstimmung zu spüren. Klar war, die Große Koalition würde es nicht nochmal machen. Die SPÖ klammerte sich an das Bewährte, während die ÖVP versprach, neue Wege zu gehen. Und die Leute hatten einfach genug von der bisherigen Konstellation. Die plausibelste Alternative war von Anfang an rein rechnerisch Schwarz-Blau.

2. Österreich ist arm an politischen Talenten.

Wie kann es denn kommen, dass ein Jungspund mitten aus dem Studium heraus Abgeordneter und Minister wird und jetzt sogar ins Kanzleramt zieht? Fesch und eloquent mag Sebastian Kurz ja sein, aber reicht es vom Format her für Bundeskanzler? Diese Fragen kommen nicht nur aus Deutschland, auch die Österreicher haben sie natürlich gestellt.

Man muss einfach zugestehen, dass es leider sehr dünn aussieht, wenn man in Österreich nach überzeugenden Persönlichkeiten sucht, die das Zeug haben, ganz oben mitzutun in der Politik. Das Elend fängt mit dem Kandidatenpool an: Österreich ist ein kleines Land, und unter 320 Millionen Amerikanern findet sich halt eher mal ein Barack Obama als unter 8 Millionen Österreichern. Zudem war die Politik – wie bei uns auch – in den letzten Jahren nicht das Betätigungsfeld, das die brillantesten Köpfe angezogen hat.

In Deutschland kommen die meisten Talente über die Landespolitik nach oben. Österreichs Bundesländer aber verfügen über weniger Kompetenzen, das Staatswesen ist weit zentraler organisiert als die Bundesrepublik. Daher haben die Landeshauptleute der österreichischen Bundesländer auch weniger Chancen, sich national zu profilieren als die deutschen Ministerpräsidenten.

Wie groß die Not war, Spitzenkräfte zu finden, mag man daran ermessen, dass die SPÖ nach dem Rücktritt von Kanzler Faymann 2016 den Chef der Bundesbahn, Christian Kern, zum Kanzler machen musste – etwa so, als müsste unsere CDU Hartmut Mehdorn als Bundeskanzler nominieren, einfach weil es an personellen Alternativen mangelt.

Für vielversprechende Quereinsteiger bietet das Gelegenheiten. 2013 war es der austro-kanadische Unternehmer Frank Stronach, der mit seinem aus dem Nichts gestampften “Team Stronach” fast 6% der Stimmen holen konnte. 2017 hatte er genug, seine Wähler fanden sich mehrheitlich bei FPÖ und ÖVP wieder.

3. Die Zustände der SPÖ. Für die SPD ein nostalgischer Traum.

Christian Kern hat seine Sache dann übrigens überraschend gut gemacht und sich als Kanzler durchaus ordentlich geschlagen. Sein Problem aber war die SPÖ. Deren Ergebnis hat mich erstaunt. Nach den Skandalen um Dirty Campaigning im Wahlkampf und angesichts der Stimmung, die ich wahrgenommen hatte, hätte ich den Sozialdemokraten nicht mehr als 20% zugetraut – also ein Debakel, wie es die SPD bei uns erlebt hat. Am Ende erreichten sie doch klar über 25% der Stimmen.

Nun muss man wissen, dass die SPÖ am Land und im Westen praktisch nicht vorkommt. Sie hat ihre Hochburgen in den Großstädten, allen voran in Wien. Hier gibt es auch heute noch ein tiefverwurzeltes sozialdemokratisches Milieu, das für den auswärtigen Betrachter aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Man muss sich das so vorstellen wie Gelsenkirchen in den Fünfzigern, in Verbindung mit einem ausgebreiteten Systemen aus Vereinen, Verbänden und kommunaler Verwaltung. Man kennt sich, man hilft sich. Ohne die SPÖ geht nichts in Wien. Wer eine Wohnung sucht, einen Kindergartenplatz braucht oder ein Gartenhäusl umbauen will, der kennt am besten jemanden in der Partei. Hier gibt es sie tatsächlich noch, die unerschütterlichen Stammwähler, diese Leute, denen die Hand verdorren würde, wenn sie ihr Kreuzl nicht bei den Roten machen; man findet sie noch in den roten Hochburgen in der Wiener Leopoldstadt oder in Oberlaa.

Dieses Milieu hält. Noch. In Deutschland ist es schon weitgehend erodiert, und auch in Wien wird es über kurz oder lang ein Ende finden. Die Stimmen der Altsozis, die wegbrechen, gehen übrigens in überwiegender Mehrheit zu den Blauen von der FPÖ.

4. Es gibt keine Linke

Ein weiterer Grund für das vergleichsweise gute Abschneiden der SPÖ liegt im Fehlen linker Konkurrenz. Bei uns absorbiert die Linke einen guten Teil der Stimmen, denen die SPD zu modern und neoliberal geworden ist oder die linkspopulistisch denken. In Österreich bleiben diese Stimmen entweder zähneknirschend bei den Roten oder sie gehen zur FPÖ. Dass sich die Populisten von links und rechts schnell zusammenfinden, hat man ja auch in Deutschland gesehen, wenn man Herrn Lafontaine oder Frau Wagenknecht zuhört.

5. Es gibt keine Grünen

Doch, auf dem Papier natürlich schon. Aber man kann die österreichischen Grünen nicht mit den deutschen vergleichen. Österreichs Grüne sind ein chaotischer Haufen mit dem sicheren Gespür, ihre politischen Talente zu vergrätzen. So trennte sich die Partei 2017 von ihrer eigenen Jugendorganisation, nachdem diese bei den Hochschulwahlen eine konkurrierende Gruppierung unterstützt hatte. Für den Nationalratswahlkampf war das natürlich fatal, weil der Nachwuchs in allen Parteien gebraucht wird zum Plakatekleben und Flugblattverteilen und Infostandbesetzen.

Völlig verdient scheiterten die Grünen, die mit einer weitgehend unbekannten Europaparlamentarierin als Spitzenkandidatin angetreten waren, an der Vierprozenthürde. Der populäre exgrüne Querkopf Peter Pilz kam dagegen mit seiner Liste ins Parlament. Die Wählerwanderungsanalysen zeigten, dass ein Teil der grünen Wähler zu Pilz wanderte, der andere zur SPÖ. Wieder ein Grund, warum die Sozialdemokraten im Vergleich mit Deutschland so überraschend gut dastehen.

Was Pilz bringen wird, muss man abwarten. Die Zustände, die wir in Deutschland haben, wo die Grünen als linksliberale Machtoption – gemeinsam mit oder in Konkurrenz zur FDP – den Roten oder den Schwarzen zu einer zuverlässigen Mehrheit verhelfen, sucht man allerdings in Österreich vergebens.

6. Es gibt keine Liberalen

Der Liberalismus tut sich schwer in Österreich. Die FPÖ ist spätestens seit den Achtzigern das Projekt von Jörg Haider und nach den Turbulenzen um seine Person und sein Erbe jetzt das von Heinz-Christian Strache. Populistisch, frech, mit Sprüchen und Parolen auf die kleinen Leute zielend, dabei in ihren Positionen eher den Reichen dienend, voller Ressentiments und immer mit einem Bein am äußersten rechten Rand schwebend, dabei die Provokation gezielt suchend. Pendant in Deutschland wäre wohl der Björn-Höcke-Flügel der AfD mit einem Hauch von Kärntner Lokalkolorit à la CSU. Die Blauen nennen sich Freiheitlich, haben aber mit Liberalismus gar nichts am Hut.

Am ehesten entsprechen die pinken Neos noch unseren deutschen Vorstellungen einer liberalen Partei. Sie sind eine recht neue Gründung (2012), angetreten, um das liberale Vakuum zu füllen. Außerhalb von Wien und (warum auch immer) Vorarlberg spielen sie keine große Rolle. Sie machen geistreiche und durchgestylte Wahlwerbung und platzieren erfolgreiche junge Menschen als Kandidaten. Für eine ernsthafte Regierungsoption fehlt es an Rückhalt und Erfahrung. Von unserer FDP sind die Neos meilenweit entfernt.

7. Sebastian Kurz: Drachentöter statt Stubentiger

Wer sagt, dass Sebastian Kurz in seiner knappen Vita noch nichts vorzuweisen habe, der irrt. Vielleicht mag er als Abgeordneter und Außenminister nicht eben geglänzt haben, aber es ist ihm nicht weniger gelungen, als die ÖVP zu einer beinah normalen Partei zu machen. Angela Merkel musste einst ihre Rivalen in der CDU wegräumen und tat dies mit Geschick und Fortune; Kurz aber schmiss zudem das Organisationsprinzip seiner Partei komplett um.

In Österreich spielen ständische Elemente, Kammern und Verbände eine weit größere Rolle als bei uns, und nirgends in der politischen Landschaft waren sie so ausgeprägt und mächtig wie in der ÖVP. Die Partei ist in Teilorganisationen gegliedert wie den Bauernbund, den Wirtschaftsbund oder den Seniorenbund. Dort muss man Mitglied sein, um in der Partei mitzumachen, und die mächtigen Vorsitzenden bestimmten jahrzehntelang Kurs und Personal der Partei. Alle Parteivorsitzenden vor Kurz litten darunter, waren aber nicht in der Lage, die Volkspartei wirkungsvoll innerlich zu reformieren.

Sebastian Kurz hat das sehr clever gemacht. Bevor er sich als Spitzenkandidat aufstellen ließ, machte er zur Bedingung für sein Antreten, dass die Teilorganisationen entmachtet würden. Zur Wahl trat die “Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei” an. Insofern hatte er – im Gegensatz zur SPÖ – tatsächlich den Duft von Erneuerung im Gepäck. Wie lang der Schwung vorhalten wird und welche Rolle die ÖVP und ihre Teile in der Zukunft spielen werden, wird man sehen. Viele Wähler sehen in der Art und Weise, wie Kurz den Wahlkampf konsequent um seine Person stricken konnte und die müde alte ÖVP zur modernen Wahlkampfmaschine umformierte, als Gesellenstück für eine echte politische Führungspersönlichkeit.

8. FPÖ als Regierungspartei: Nix Neues

Während in Deutschland alle Welt fürchtet, dass die frischgewählten Abgeordneten der AfD die Umgangsformen im Hohen Haus über den Haufen werfen könnten, sitzt die FPÖ schon seit langem im Nationalrat. Selbst die jetzt zu erwartende Regierungsbeteiligung der FPÖ wäre nichts Neues für Österreich: Von 2000 bis 2007 waren die Rechtspopulisten schon mal Juniorpartner einer österreichischen Bundesregierung – unter Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP). Die FPÖ erwies sich als unzuverlässiger Partner, dessen innerparteiliche Querelen die Regierungsarbeit belasteten und bei Neuwahlen 2002 der ÖVP einen Stimmenzuwachs von 27 auf 42 Prozent brachten, während die Freiheitlichen von 26 auf 10 Prozent stürzten. Ja, auch die 26% für die Blauen hatten wir durchaus schon einmal. Die FPÖ hat sich als Regierungspartei nicht mit Ruhm bekleckert, aber auch mit ihr als Koalitionspartner ging die Demokratie in Österreich wider Erwarten nicht zugrunde.

Für die Wähler war ein Kreuz bei den Blauen daher weniger Tabubruch und Skandal als in Deutschland die Wahlentscheidung für die AfD. Die Österreicher wussten, worauf sie sich einlassen.

Sie sehen, es ist einiges anders in Österreich, und ein Teil des eigenartigen Wahlergebnisses vom 15.10.2017 lässt sich mit diesen Besonderheiten erklären.

Besser macht es das natürlich nicht, wenn man den Rechtspopulisten mit Ablehnung und Misstrauen begegnet und dem “Wunderwuzzi” Kurz mit einer gehörigen Portion Skepsis. Für beides besteht für meine Begriffe nach wie vor genügend Anlass.

Momente des Lächelns (23)

Die Sonne scheint warm an diesem Oktobermorgen. Mit dem Rad komme ich an einer Baustelle vorbei; ein Mehrfamilienhaus wird errichtet, der Rohbau ist schon ziemlich weit. Auf dem Gerüst im zweiten Stock steht ein Bauarbeiter und ruft seinem Kollegen, der vor dem Haus im Erdgeschoß steht, etwas zu, das ich nicht verstehe. Serbokroatisch oder niederbayrisch vermutlich. Der untere Kollege nimmt daraufhin eine Rolle mit Klebeband und holt schwungvoll aus.

In mir mischen sich Bewunderung und Neid. Vom Boden kann der bis zum zweiten Stock werfen, und er wird punktgenau treffen; ein eingespieltes Team sind diese beiden bestimmt, das machen sie dutzendmal am Tag. Ich hingegen würde kläglich versagen bei so etwas: zu hoch, zu tief, zu nah, zu unkoordiniert. Ach! Da sitze ich wichtig den ganzen Tag im Büro an meinem Schreibtisch. Meine Arbeitsergebnisse sind virtuell; wenn irgendein Key Performance Indicator passt, verschafft mir das nicht einen Bruchteil der Befriedigung, die es einem geben muss, so locker aus der Hüfte eine Rolle Klebeband meinem Kumpel im zweiten Stock zuzuwerfen. Diese Bauarbeiter sehen, was sie am Ende ihres Arbeitstages geschafft haben, sie beherrschen Körper und Material. Eigentlich müssten sie viel glücklicher sein als ich.

Ich bin fast schon vorüber an dem halbfertigen Haus. Aus dem Augenwinkel sehe ich gerade noch, wie die Rolle Klebeband elegant nach oben saust. Auf Höhe des ersten Stockwerkes erreicht die Flugkurve ihren Scheitelpunkt; die Rolle segelt wieder zu Boden. Der Arbeiter oben auf dem Gerüst steht mit leeren Händen da. Lautstark schimpft er auf seinen Kollegen. Wieder eine Illusion dahin.

13% Und nun?

Nun sitzt also die AfD im Bundestag. Alle, alle, alle haben ihren Senf dazu abgegeben. Nur ich fehle noch. Höchste Zeit, das zu ändern. Damit es sich ein bisschen unterhaltsamer liest, habe ich es als Interview mit mir selbst zusammengestellt. Endlich mal jemand, der die richtigen Fragen stellt … 🙂

Ist es schlimm, dass die AfD es in den Bundestag geschafft hat?

Keineswegs. Es wäre im Gegenteil schlimm und gefährlich, wenn sie draußen geblieben wäre.

Wieso das? Findest du denn die AfD gut?

Überhaupt nicht. Aber es ist seit einigen Jahren schon einfach nicht zu übersehen, dass es in Deutschland eine Menge Leute gibt, die hinter den Positionen der AfD stehen. Wenn letztes Jahr allein in Dresden 25.000 Demonstranten für die Pegida auf die Straße gegangen sind, erwarte ich nicht, dass die alle auf einmal ihr Kreuzchen bei CDU oder SPD machen. Diese Sorge vor Überfremdung und Identitätsverlust finden wir ausgeprägt in Deutschland, ich teile sie nicht, aber es ist nur fair, dass sie im Parlament vertreten ist.

Wieso wäre es denn dann gefährlich, wenn die AfD den Einzug in den Bundestag nicht geschafft hätte?

In allen Umfragen vor der Wahl ist die AfD bei rund zehn Prozent gelegen. Ich seh keinen Grund, warum sie jetzt bei der Wahl hätte abstürzen sollen. Da würde sogar ich vermuten, dass irgendwas faul ist. All den Verschwörungstheoretikern hätte das nur weiter Zunder gegeben.

Und wenn die Menschen, die eigentlich mit der AfD einer Meinung sind, sich nicht getraut hätten, ihr auch die Stimme zu geben, wäre das auch nicht gesund für die Demokratie. Die Tabuisierung von bestimmten Positionen in der öffentlichen Diskussion über viele Jahre hat meiner Meinung nach wesentlich dazu geführt, dass sich die Fremdenfeindlichkeit bei einigen so abrupt entladen hat: Eine Menge Leute haben sich lange Zeit nicht getraut, laut zu sagen, was sie denken. Aber nur weil man Äußerungen unterdrückt, werden ja die dahinterstehenden Gedanken nicht freundlicher oder liberaler.

Das heißt, die AfD ist keine Gefahr für unsere Demokratie?

Doch, ist sie schon. Ich fürchte aber nicht so sehr die Fremdenfeindlichkeit oder den Antisemitismus der AfD’ler, sondern mehr noch deren Unberechenbarkeit und ihren radikalen Protest.

Es stört dich also nicht, dass viele der AfD’ler Ausländer und Juden hassen?

Doch, klar, aber ich glaube, dass das keine großen Auswirkungen auf unseren Politikbetrieb haben wird. Die politische Richtung der Regierung wird davon kaum beeinflusst, dass ein paar Schreihälse gegen Fremde pöbeln. Und wenn die das im Plenum tun, wird ihnen der Bundestagspräsident entsprechend entgegentreten, da bin ich ganz zuversichtlich. Das ist halt widerwärtig und ein bisschen peinlich für uns alle, wenn im Bundestag solche primitiven Parolen fallen werden.

Aber viele fürchten, dass die AfD jetzt den Marsch an die Macht antritt wie einst die NSDAP. Die Zahlen sind je erschreckend ähnlich.

Ja, das sind sie. Aber: “Nicht alles, was hinkt, ist auch ein Vergleich”, wie mein alter Deutschlehrer zu sagen pflegte. Der war übrigens ein in der Wolle gefärbter 68er. Durchmarsch an die Macht? Nein. Weidel und Gauland sind nicht Hitler und Goebbels. Ich bin auch überzeugt, dass die AfD keinen Masterplan zur Errichtung einer Diktatur in der Schublade hat.

Wo siehst du dann die Gefahr?

Die größte Gefahr geht für mich von der radikalen Oppositionshaltung vieler AfD’ler aus. Was die treibt, ist ja dieses Gefühl, abgehängt und ausgegrenzt zu sein. Mich stören – mehr noch als das deutschnationale Geplärre – diese Sprüche gegen “Die da oben”, dieser Kreuzzug gegen die gefühlten Eliten. Dass die Medien angeblich nur Lügen verbreiten und die Regierung nur eine Marionette der Alliierten oder der Großfinanz oder der Anteilseigner der Bundesrepublik Deutschland GmbH sei. Das ist so abwegig und dumm, und die Vorstellung, dass Leute, die solchen Ansichten folgen, jetzt unsere Gesetze beschließen sollen, finde ich dann schon ein wenig gruselig. Außerdem fürchte ich, dass Abgeordnete mit so einer destruktiven Grundeinstellung den ganzen Parlamentsbetrieb blockieren und über den Haufen werfen könnten.

Werden die Führer der AfD das denn zulassen?

Das ist die Frage. Ich glaube ja, dass ein guter Teil der Radikalisierung, die wir bei der AfD in den letzten Monaten erlebt haben, gar nicht gezielt auf das Konto der Parteiführung geht, sondern – gerade im Osten – von neugewonnenen extremistischen Anhängern getrieben ist. Die AfD ist das Zugpferd der Rechten, da springen jetzt viele auf, die von ganz weit außen kommen. In Sachsen etwa hat bei der Bundestagswahl die NPD nur noch 1,1% der Zweitstimmen bekommen, nur noch ein Drittel des Ergebnisses von 2013. Wohin werden die wohl gewandert sein?

Zur AfD.

Genau. Und diese Abgewanderten versuchen jetzt, die AfD so weit wie möglich in ihrem Sinne nach Rechtsaußen zu ziehen.

Werden sie damit Erfolg haben?

Eben das ist die Frage, die momentan keiner beantworten kann. Das wird auch die Gretchenfrage für die AfD-Führung sein. Momentan freuen die sich über jeden, der ihnen hinterherläuft und mittut. Aber irgendwann vergrätzen sie die Bürgerlich-Konservativen, wenn sie zu sehr ins Nazilager rutschen. Die Balance müssen sie finden.

Ist der Austritt von Frauke Petry schon ein Zeichen für den Protest gegen zu extreme rechte Positionen?

Vielleicht. Was da innerparteiliche Machtkämpfe sind und was echter Richtungsstreit, lässt sich von außen schwer beurteilen. Aber wir haben auch jenseits von Frau Petry gesehen, dass AfD-Parlamentsfraktionen schnell Spaltungsneigungen entwickeln.

Ist das gut oder nicht?

Für die AfD als Institution ist es natürlich schlecht. Für die Demokratie ist es einerseits gut, wenn die Reihen ihrer Feinde zersplittert werden. Andererseits behindert es den inhaltlichen parlamentarischen Betrieb, wenn keiner an Inhalten arbeitet, weil alle nur drauf schauen, wer welche Fraktion verlässt oder neu gründet. Sowohl innerhalb des Parlaments als auch bei den Medien und uns allen als Beobachtern.

Wie stabil wird denn die AfD im Bundestag sein?

Nachdem schon am ersten Tag nach der Wahl die erste Abgeordnete sich losgesagt hat, verheißt das wenig Stabilität. Ich vermute auch, dass der Machtkampf in der Partei weitergehen wird und sich in der Fraktion wiederfindet. Da wird einiges scheppern, schätze ich.

Und sonst?

Die meisten der Abgeordneten der AfD sind ahnungslose Neulinge. Und es gibt auf den Landeslisten so einige zweifelhafte Spießgesellen, die sich jetzt Mitglied des Bundestags nennen dürfen. Es würde mich sehr wundern, wenn da nicht irgendwann einer Fraktionsgelder veruntreut oder mit der Portokasse durchbrennt. Das haben wir ja auch bei anderen Protestgruppierungen in Landtagen schon gesehen.

Zum Schluss: Was können wir tun, damit sich das nicht wiederholt?

Wir müssen runter vom hohen Ross. Es hilft nichts, die Wähler der AfD als Nazis zu beschimpfen und großkotzige Reisewarnungen für Sachsen auszugeben. Die Leute haben Stimmrecht wie wir, und sie werden es ausüben. Als Politikanbieter muss man also schauen, dass man sie zurückgewinnt. Das schafft man übrigens nicht, indem man blind nachplappert, was die AfD vorsingt, oder geflissentlich nach rechts rutscht, wie das Herr Seehofer jetzt anstrebt. Man braucht Glaubwürdigkeit, man braucht Kandidaten, die den Wählern die Sicherheit geben, dass ihre Sorgen und Nöte bei ihnen gut aufgehoben sind. Man muss die Leute überzeugen, dass sie auch in einer Welt, die sich dramatisch ändert, ihre Gartenlaube und ihr Wiener Schnitzel behalten dürfen.