Nicolai Levin

Nicolai Levin

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Lieblingsserien: The End of the f***ing world

Die nächste Serie, die ich Ihnen ans Herz lege, stammt aus England. Vorlage war übrigens ein Comic.

wo zu sehen: Netflix (original produziert fürs britische Fernsehen Channel 4)
wann gemacht: 2017
abgeschlossen: ja
Staffeln / Folgen: Miniserie aus 8 Folgen
Folgenlänge: ~20 Minuten
Originalsprache: Englisch

Worum geht’s?
Zwei Jugendliche, James und Alyssa, beide Außenseiter, beschließen, sich gegen das gutbürgerliche wohlstandssatte südenglische Vorstadtidyll aufzulehnen, in dem sie aufwachsen. Sie brennen gemeinsam im Mercedes von James’ Vater durch – auf der Suche nach Alyssas Vater, den sie nie getroffen hat, von dem sie aber jedes Jahr eine Geburtstagskarte erhält. Die Polizei macht sich auf die Suche nach den beiden, die bis zum Ziel irgendwo zwischen Norfolk und Sussex eine Spur von diversen Delikten hinter sich lassen.

Was macht The End of the f***ing World so besonders?
TEOTFW ist eine wunderbar lakonische Liebesgeschichte, ein Road Movie, eine Coming-of-Age-Story, eine Geschichte über enttäuschte Erwartungen und über das Suchen und Finden der eigenen Persönlichkeit. Wenn man die Pointen auf den Kern herunterbrennt, könnte man die Moral ein klein wenig langweilig finden (die beiden Hauptfiguren sind gar nicht so freakig und abseitig, wie sie einen anfangs glauben machen und die vermeintlich so aufregend-rebellischen Elternteile enttäuschen auf ganzer Linie, während sich die piefigen Spießer als leidlich zuverlässig erweisen); aber diese Erkenntnis wird überdeckt von der fantastischen Schauspielleistung der Hauptdarsteller und ausreichend schrägen, komischen, erschreckenden und knalligen Ereignissen zwischendurch. TEOTFW ist nicht hektisch erzählt, hat aber im Fortschritt des Plots ein beachtliches Tempo. Für Abwechslung ist jedenfalls gesorgt.

Spielt jemand mit, den man kennt?
Nein.

The End … wird Ihnen gefallen, wenn …
… Ihnen Tschick zu brav war.
… Ihnen Jugendgeschichten mit erhobenem Zeigefinger zuwider sind.
… Sie sich bei Aushilfsjobs an der Tankstelle schon mal entsetzlich gelangweilt haben.

Sie werden The End … nicht mögen, wenn …
… Sie nichts mit abgehauenen Jugendlichen anfangen können.
… Sie Kinder im Teenageralter zu Hause haben (hoffentlich zu Hause!)
… Sie noch nie auch im entferntesten den Wunsch verspürt haben, einen Mitmenschen umzubringen.
… Sie Angst davor haben, sich ihre Hand an einer Friteuse zu verbrennen.

So ähnlich wie The End …:
Tschick, aber der ist eben bei weitem nicht so hart.

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Offiziere raus aus den Schulen?

Die Berliner SPD schießt ein ziemlich blamables Eigentor.

Eins vorweg zur Klärung: Die Jugendoffiziere der Bundeswehr haben NICHT den Auftrag, Nachwuchs zu werben oder Schüler über die Karrierechancen als Berufssoldat zu beeinflussen. Sie sollen die Aufgaben der Bundeswehr darstellen und im Rahmen der politischen Bildung erklären, wie unsere Armee ihre Mandate wahrnimmt.

Die Berliner SPD hat nun entschieden, dass an Berliner Schulen Jugendoffiziere der Bundeswehr unerwünscht sein sollen. Damit haben die Delegierten ihre eigene Dummheit eindrucksvoll unter Beweis gestellt; für die SPD ist es ein deutlicher Schritt auf dem Weg zur politischen Bedeutungslosigkeit einer Splitterpartei. Für die ist es nämlich typisch, dass manche Landesverbände mit etwas wunderlichen oder extremen Thesen leider nicht zu bremsen sind.

Der Beschluss ärgert mich vor allem deswegen, weil er einmal von Unkenntnis zeugt (was tun Jugendoffiziere?) und außerdem die Falschen trifft: Was können die Jugendoffiziere dafür, dass die Berliner Sozis ein generelles Problem mit der Bundeswehr zu haben scheinen?

Bittesehr, man kann durchaus den politischen Standpunkt vertreten, dass man keine Bundeswehr will. Ich halte das für ein legitimes Ansinnen: Costa Rica leistet sich schließlich auch den Luxus, auf Streitkräfte zu verzichten, und ich gebe zu, die rund 43 Milliarden Euro Verteidigungshaushalt könnte man auch anderweitig gut gebrauchen.

Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Ich halte die Idee trotz ihrer Legitimität politisch für reinen Wahnsinn. Ohne eigenen Verteidigungsbeitrag dürfen wir nicht hoffen, dass unsere Partner in Nato oder EU ihrerseits den Kopf für uns hinhalten, wenn’s mal hart auf hart kommt. Und in Zeiten der Putins und Erdogans finde ich die Vorstellung einer Einbettung in ein mächtiges und abschreckendes Verteidigungsbündnis durchaus förderlich fürs sorgenarme Einschlafen.

Die Bundeswehr aber ist in unserem demokratischen Rechtsstaat das Instrument der Regierung, welches diese mit Zustimmung des Parlaments einsetzt. Wer dieses Instrument nicht mehr möchte, soll bei Wahlen um Stimmen für dieses Anliegen werben. Das kann die SPD gerne tun. Zu besseren Zeiten hätten derlei Ansinnen keine Chance gehabt bei den Sozialdemokraten, aber damals – die Älteren unter Ihnen werden sich vielleicht erinnern – wilderte die SPD nicht am radikalpazifistischen Rand, sondern konnte in der Mitte so viele Stimmen gewinnen, dass sie den Kanzler und den Verteidigungsminister gestellt hat.

Solange es aber eine Bundeswehr gibt, muss die auch über sich, ihren Auftrag, ihr Selbstverständnis informieren dürfen. So wie der Bundestag und die anderen Bundesbehörden auch. Das nennt man politische Bildung. Es besteht zugegeben immer die Gefahr, dass die Information zu werblich gerät, und die Grenze zwischen politischer Bildung, PR und Wahlkampf verläuft allemal fließend. Wobei ich mich dann aber wundere, dass die SPD dagegen ist, wo sie doch immer noch Bestandteil der Bundesregierung ist und somit die Erfolge der Berliner Regierenden für sich mit verbuchen dürfte …

Zum Rekrutieren würde ich die Bundeswehr allerdings nicht in die Schulen lassen – jedenfalls nicht bevorzugt oder nicht mehr als das andere Jobanbieter auch dürfen. Das ist aber keine Frage des Pazifismus, sondern der Wettbewerbsgleichheit. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich frei und gleich informieren können, ob sie ihren Berufsstart bei der Bundeswehr anstreben wollen oder doch lieber beim Finanzamt, der Telekom, bei der Diakonie oder der Metzgerei Hirschvogel.

Sallys Führerschein

Wie der Brexit ein Mädchen aus England zwingt, sich für zwei Wochen einen neuen Führerschein zu besorgen.

Ich habe eine Freundin. Sally. Sie kommt aus England, lebt und arbeitet aber schon seit fast zehn Jahren in Stuttgart. Am Gründonnerstag (ja, sie ist nicht besonders religiös) wird sie ihren Freund, einen Schwaben, heiraten. Der ist eher konservativ gestrickt; jedenfalls nimmt sie seinen Nachnamen an. Mit der Eheschließung erhält sie auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Nach den Osterfeiertagen wird sie zur Meldebehörde gehen, um ihre deutschen Papiere mit neuer Staatsbürgerschaft und neuem Nachnamen zu beantragen: Personalausweis, Reisepass, Führerschein.

Doch halt! Hier beginnt das Drama. Sally hat nämlich schon einen Führerschein, einen britischen, den sie mit 18 in England gemacht hat. Und die Osterfeiertage liegen nach dem drohenden Brexit-Datum 12. April. Sally sorgt sich nun, dass sie zur Führerscheinstelle kommen wird und ihren Führerschein dann nicht mehr ohne weiteres umschreiben lassen kann. Denn das Vereinigte Königreich ist ja dann mutmaßlich nicht mehr in der EU, und Führerscheine von sonstwo überschreiben sie nicht so einfach.

Einen neuen Führerschein beantragen hieße Fahrstunden nehmen und die Fahrprüfung bestehen, das kostet Zeit und viel Geld und birgt in Sallys Fall auch ein gewisses Risiko, denn, im Vertrauen: Sie ist eine miserable Autofahrerin. Jedenfalls haben Sally und ihr Freund in gut schwäbischer Manier nachgerechnet, was günstiger kommt und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass zweimal umschreiben billiger und schneller ist als einmal neu anfangen.

Deshalb geht Sally in diesen Tagen vor dem Brexit zur Führerscheinstelle und lässt als freizügige EU-Britin ihren englischen Führerschein zu einem deutschen umschreiben. Noch mit ihrem Mädchennamen. In drei Wochen, nach erfolgter Eheschließung wird sie diesen nagelneuen, pfennigguten Führerschein erneut umtauschen, damit der Name wieder stimmt.

Und Sie stimmen mir jetzt bestimmt zu, dass das doch der blanke Wahnsinn und dieser Brexit eine totale Schwachsinnsidee ist!

Fridays for future

Immer wieder Freitags gehen Schüler auf die Straße, um gegen Klimawandel und Umweltzerstörung zu protestieren. Was als Alleingang eines schwedischen Mädchens begann, zieht mittlerweile Kreise, und auch die Erwachsenen beginnen zu debattieren, wie man mit dem Protest umgehen soll.

“Ach was, Klimawandel. Alles Blödsinn!”

Von allen Einwänden und Beiträgen den Dümmsten zuerst. Ausgangs- und Kernpunkt aller Diskussion um den Umgang mit den Protesten ist aus meiner Sicht die Einsicht, dass der Protest inhaltlich berechtigt ist. Ja, die Jugend hat allen Grund sich zu beklagen. Zwar beginnen die Mächtigen und die Trägen so ganz langsam zu begreifen, dass wir tatsächlich mit unserem westlichen Lebensstil den Planeten zu Grunde richten werden – Stichwort Kohleausstieg. Mir erscheint die Einschätzung aber plausibel, dass wir unsere Prioritäten und Zeitleisten immer noch nicht richtig setzen – Stichwort Klimawandel, Stichwort Mikroplastik, Stichwort Artensterben. Unsere Kinder werden in dieser Welt leben müssen, die wir ihnen hinterlassen, und sie sieht nicht gut aus.

“Warum können die Schüler nicht nach Schulschluss demonstrieren?”

Natürlich könnten sie das. Sie könnten auch nach 20 Uhr demonstrieren, dann blockieren sie keine Einzelhändler, und am besten gehen sie zum Demonstrieren gleich in den Wald, dann stören sie auch den Verkehr nicht mehr. Rosa Parks hätte sich auch einfach hinten in den Bus setzen können …

Nein: Wer demonstriert, will Aufmerksamkeit erregen, ziviler Ungehorsam verlangt sogar einen gewissen Regelverstoß, und die Reaktion der Medien zeigt, dass das mit Schuleschwänzen ganz gut zu funktionieren scheint.

“Denen geht’s doch nur ums Schuleschwänzen!”

Natürlich sind unter den Demonstranten etliche, die nur des Spektakels wegen da sind, manche, die nur aus Gruppenzwang mitgehen und einige, die sich nur wichtig machen wollen. Das ist aber bei jeder sozialen Bewegung so, dass es ein paar in der Wolle gefärbte Aktivisten gibt, ein paar Halbherzige und so einige Mitläufer. Auf jedem Kirchentag sind Atheisten dabei. Wie viele der Demonstranten ’83 gegen die Nachrüstung im Bonner Hofgarten sind nur der Schau wegen hingegangen? Ich selbst habe mir seinerzeit am Bauzaun der WAA in Wackersdorf den Hintern abgefroren – nur weil ich in Julia aus der Umwelt-AG verknallt war. Egal zu welchem Thema Leute auf die Straße gehen, ein paar Gestalten kann man gedanklich wegrechnen, aber das tut der Dringlichkeit des Anliegens keinen Abbruch.

“Erst demonstrieren sie gegen Klimawandel – und in den Ferien fliegen sie dann in die Karibik!”

Auch solche Fälle mag es geben. Die kratzen an der Glaubwürdigkeit der betreffenden Demonstranten, aber sie stellen (siehe oben) deswegen nicht die Legitimität der Forderungen in Frage. Ja, auch Leute, die mehr Klimaschutz fordern, sind keine Heiligen. So wie es Pfarrer geben soll, die sündigen. Deshalb sind die Zehn Gebote oder die Ansagen der Bergpredigt nicht weniger gültig. So wie manche Ärzte rauchen. Deswegen ist deren Rat um meinen gesunden Lebenswandel nicht weniger wahr. Es ist eine superbequeme Ausrede, dass ich mich nicht um Klima und Zukunft kümmern muss, solange diejenigen, die mich dazu ermahnen, sich nicht ihrerseits hundertprozentig vorbildlich verhalten – und restlos ökologisch vorbildlich verhält sich schließlich nur, wer sich mit einer bleifreien Kugel selbst erschießt.

“Super! Da müssen wir gleich mitmachen!”

Das ist so ein Reflex der Helikopterelterngeneration. Die können es nicht ertragen, wenn ihre Kinder mal selbst was auf die Beine stellen und satteln mit “Parents for Future” gleich einen drauf. Ich finde das doof: Lasst die Kinder doch machen, gönnt ihnen den Erfolg, wenn das Ganze abebben sollte, bevor es was bewirken konnte, dann lasst sie an ihren Erfahrungen lernen! Sie brauchen euren faden Abklatsch dieses Protests nicht. Glaubt mir: Mit bemalten Plakaten auf einem zentralen Platz stehen – das schaffen die Kinder ganz allein! Das Schlimmste, was den Protesten passieren kann, wäre eine Vereinnahmung durch das Establishment – dann enden wir noch bei einer großen “Fridays For Future” Spendengala im ZDF, die Eckart von Hirschhausen und Helene Fischer moderieren!

“Und wie sollen wir jetzt reagieren?”

Das ist vermutlich die heikelste Frage, speziell für Schulverwaltungen und Eltern. Aus Elternsicht kann ich nur sagen: Ich respektiere die Entscheidung meiner Kinder, an den Protesten teilzunehmen, ich find das auch richtig, aber ich werde sie nicht vor den Konsequenzen abschirmen. Sprich: Ich denke nicht daran, ihnen Entschuldigungen zu schreiben. Gewissensentscheidungen haben einen Preis, und den müssen sie zahlen. Wenn sie am Freitag Stoff verpassen, müssen sie den nachholen, ebenso allfällige Prüfungen; wenn sie fürs Schulschwänzen Verweise kassieren, dann sei es so. Von der Schule werden sie schon nicht fliegen.

Für die Schulverwaltungen gilt meines Erachtens das Gleiche. Ich als Schulleiter würde zwar, wo es Spielraum gibt, Milde walten lassen, aber den Protestierern nicht über Gebühr entgegenkommen. Die Abwesenheiten sind unentschuldigte Fehlzeiten, da beißt die Maus keinen Faden ab. Man kann aus Sicht der Bewegung nur hoffen, dass bald so viele Schüler demonstrieren, dass das individuelle Abstrafen von Schwänzern an seine Grenzen kommt. Wenn Dutzende Schulleiter im Kultusministerium anrufen, dass ihnen die Verweisformulare ausgehen und sie nicht wissen, was sie tun sollen, dann haben die Proteste schon mal einen Teil ihres Zieles erreicht.

Mangelwirtschaft

2019. Gutgehende Ladengeschäfte und Kneipen in Deutschland bleiben geschlossen, weil es an Personal fehlt. Geht’s eigentlich noch?

Wenn man die Wirtschaftsnachrichten liest, häufen sich die Warnungen vor einer Rezession. Rezession heißt: Wirtschaft schrumpft, Auftragsbücher sind leer, Leute verlieren den Job.

In meinem Alltag merke ich wenig davon. Im Gegenteil: Kaum ein Ladengeschäft, in dem nicht per Zettel Verkäufer gesucht werden. Auf 450-Euro-Basis, Teilzeit oder als Vollzeitstelle. Die Stadtwerke werben um U-Bahn- und Busfahrer. Dass Pflegedienste und Kindertagesstätten händeringend nach Personal suchen, ist ohnehin ein alter Hut.

Im letzten halben Jahr hat sich der Personalmangel in Deutschland für mich spürbar verschärft.

Die Bäckerei, die noch selbst in der eigenen Backstube bäckt (und damit eigentlich ohnehin kulturhistorischen Bestandsschutz verdient hat), sperrt seit letztem Sommer Montags nicht mehr auf. Es fehle einfach an verfügbarem Personal hinter der Theke, erklärt die Bäckersfrau, die selbst jenseits der sechzig ist und es an den Beinen hat. Immer wenn ich hinkomme, bilden sich Schlangen, die Brötchen sind gut, das spricht sich rum, also an fehlendem Kundeninteresse liegt es definitiv nicht.

Zweites Beispiel: die Gartenwirtschaft. Sie liegt am Stadtrand mitten in einer lauschigen Kleingartenanlage. Faire Preise, Hausmannskost, gemischtes Publikum, bei ordentlichem Wetter stets gut besucht. Im Herbst kam ich an einem sonnigen Dienstagmittag hin mit Mordskohldampf und Lust auf Schnitzel – und fand die Gaststätte geschlossen. Dabei ist Montags Ruhetag. Ich ärgerte mich und ging. Beim nächsten Besuch sprach ich die Bedienung drauf an. Ja, sagte die, da sei unerwartet die einzige Küchenhilfe krank geworden und man suche schon seit Jahren vergeblich nach weiteren Kräften, aber finde halt niemanden.

Da sperren also zwei durchaus profitable und gutgehende Betriebe zu, verzichten auf Umsatz und Gewinn, einfach weil es am erforderlichen Personal fehlt! Ist das nicht ein Alarmsignal?

Ja, ich weiß, dass die Jobs, um die es hier geht, nicht gut bezahlt werden. Andererseits erfordern sie auch kein Unistudium, Programmierkenntnisse und drölf Praktika. Alle rufen, die Geringqualifizierten seien die größte Problemgruppe auf dem Arbeitsmarkt. Ich hab keine tiefergehende Erklärung und erst recht keine Lösung, aber es nagt an mir! Irgendetwas liegt deutlich schief in unserer Mangelwirtschaft.

Lieblingsserien: Mad Dogs.

Die nächste Serienempfehlung für Sie führt Sie in den Dschungel von Belize.

wo zu sehen: Amazon Prime (Remake einer britischen Sky-Serie)
wann gemacht: 2015
abgeschlossen: ja (zu einer 2. Staffel ist es nie gekommen)
Staffeln / Folgen: 1 Staffel zu 10 Folgen
Folgenlänge: ~50 Minuten
Originalsprache: Englisch

Worum geht’s?
Milo aus Chicago ist in Belize zu Geld gekommen. Zu viel Geld. Nun lädt er vier alte Freunde aus Collegezeiten für einen Kurzurlaub ins Paradies ein. Eine Gruppe mäßig erfolgreicher Mittvierziger, denen schnell klar wird, dass Milos Wohlstand nicht ganz legal zustande gekommen sein kann. Aber hey! Wen kümmert das? Kurz darauf ist Milo tot, die Freunde müssen eine Tasche Drogengeld im Wert 4 Millionen Euro loswerden – wobei wollen sie es eigentlich loswerden? – und haben die Drogenbarone, die örtliche Polizei und die CIA auf den Fersen …

Was macht Mad Dogs so besonders?
Wie bei meiner Empfehlung Bloodline spielt die Natur eine wunderbare Rolle: Vom Palmenparadies zur Dschungelhölle sind es nur ein paar Schritte und ein oder zwei dumme Fehlentscheidungen. Fehlentscheidungen aber treffen die Jungs ständig, und sie führen sie immer weiter in den Abgrund. Wenn die Sinne im Dschungel so richtig benebelt sind, kommen die grotesken Nebenfiguren (ein kleinwüchsiger Rächer mit Katzenmaske, Mennonitenfrauen als Hilfs-Mafiosi, ein Olympiabronzegewinner in Diensten der CIA …) besonders schön zur Geltung. Während die Männer allesamt ziemlich chaotisch agieren, bleiben die starken Rollen durchweg den Frauen vorbehalten, was auch mal eine ebenso lebensnahe wie wohltuende Abwechslung bietet.

Spielt jemand mit, den man kennt?
Es sind keine Stars im Ensemble, aber Ben Chaplins Gesicht hatte ich schon mal gesehen.

Mad Dogs wird Ihnen gefallen, wenn …
… Sie den Gegensatz von paradiesischem Ambiente und düsterer Handlung mögen.
… Sie den unerbittlichen Sog lieben, mit dem das Unglück seinen Lauf nehmen kann.
… Sie ein Faible für Antihelden haben.

Sie werden Mad Dogs nicht mögen, wenn …
… Sie kein Blut sehen können.
… die potenziellen Probleme mittelalter Männer Sie grundsätzlich kalt lassen.

So ähnlich wie Mad Dogs:
Bloodline (wegen des Tropenparadiesambientes), Hangover (nur in ziemlich humorfrei).

Krebs. Das alte Arschloch.

Krebs ist schlimm; er verursacht Schmerz und Leid und rafft eine ganze Menge Leute dahin. Auch ich habe liebe Menschen verloren, die an Krebs gestorben sind, viel zu früh. Um so mehr ärgert es mich, wenn Leute zu diesem Thema dummes Zeug reden. Da bekomm ich Schnappatmung, und bevor ich an Schnappatmung sterbe (auch kein schöner Tod), möchte ich hier ein oder zwei Dinge zurechtrücken.

Prämisse

Bevor wir uns mit dem Thema auseinandersetzen, müssen wir uns über zwei grundlegende Dinge einig sein, die banal klingen mögen, aber uns in der Diskussion einholen werden.

1. Wir alle werden sterben.
2. Die Frage ist nur wann und woran.

“Immer mehr Menschen erkranken an Krebs. Das ist schrecklich!”

Natürlich ist es schrecklich, Krebs zu bekommen. Aber unvermeidlich, wenn wir immer älter werden.

Krebs ist eine typische Alte-Leute-Krankheit. Es gibt einige wenige Formen (Blut, Knochen und Lymphknoten), die kann man auch als Kind bekommen, und das tut dann natürlich besonders weh. Hodenkrebs ereilt junge Männer bis 40. Die allermeisten Krebsarten aber sind Alterserscheinungen.

Unser Körper teilt jeden Tag zig Zellen. Und je älter wir werden, desto schlampiger und nachlässiger macht er das. Unsere Leistungsfähigkeit nimmt ab, so wie wir mit Mitte fünfzig keine Weltrekorde mehr laufen, so unterlaufen dem Körper beim Zellenteilen immer mehr Fehler. Und so können aus ganz normalen Körperzellen durch Kopierfehler tückische Krebszellen werden. Je älter wir sind, destor schlechter arbeitet der Körper, desto höher ist das Risiko, Krebszellen zu kreieren.

Früher gab es weniger Krebserkrankungen. Kein Wunder. Die Leute sind an anderen Dingen gestorben, bevor sie überhaupt das Alter erreicht haben, in dem Krebs zum ernstzunehmenden Risiko wird. Wer mit Mitte zwanzig von der Wildsau aufgespießt wird oder im Wochenbett stirbt, wer in der Blüte seiner Jahre an Pest, Cholera oder Blinddarm verreckt, der kann mit Ende achtzig natürlich nicht mehr an Krebs sterben.

Insofern ist die Zunahme an Krebserkrankungen nicht so sehr Zeichen unserer ungesunden Lebensführung, sondern vor allem die Folge davon, dass unsere Lebenserwartung dramatisch gestiegen ist. Krebs ist sozusagen ein Luxusproblem für alle, die es bis ins kritische Alter geschafft haben.

“Wer gesund lebt, bekommt keinen Krebs.”

Es gibt eine Menge Faktoren, die Krebs befördern. Wer raucht, säuft, Fleisch isst, die Pommes knusprig frittiert, erhöht sein Krebsrisiko. Wir kennen schon ziemlich viele ungesunde Gewohnheiten, mit denen wir uns ruinieren. Blöderweise können wir aber nur messen, wer Krebs bekommt. Umgekehrt können wir bei jemandem, der nicht raucht und – herzlichen Glückwunsch! – zum Zeitpunkt X keinen Lungenkrebs hat, nicht sagen, ob es ihn erwischt hätte, wenn er sich ungesund verhalten hätte.

Das andere Problem ist, dass jemand, der nicht raucht und deswegen auch mit Mitte fünfzig keinen Lungenkrebs bekommt, trotzdem nicht davor gefeit ist, mit Ende achtzig an Darmkrebs zu sterben. Und schon haben wir einen Krebstoten, der Nichtraucher war. Deshalb sind die Gefahren des Rauchens nicht geringer, aber unsere Statistik hängt schief.

Wir können es auch bei gesündester Lebensweise nicht ausschließen, dass uns der Krebs erwischt – wir kennen nur punktuelle Risikofaktoren, aber keine globalen Schutzschilde, die wir uns eigentlich wünschen würden. Unser Beispielpatient ist an Krebs gestorben, nur eben mit Ende achtzig statt mit Mitte fünfzig. Stellt sich die fast schon philosophische Frage, wie wir diesen Erfolg gewichten wollen – denn sterben müssen wir ohnehin, und damit wären wir schon bei unserer Prämisse!

“Krebs wird heilbar sein.”

Sagt Jens Spahn, den ich auch sonst nicht zu den Hellsten im Lande zählen würde. Richtig ist, dass Früherkennung und Risikovorsorge immer genauer und umfassender werden. Wir erkennen die frühen Warnsignale und können mit der Behandlung einsetzten, bevor der Tumor sein Vernichtungswerk vollendet hat. Fakt ist auch, dass wir immer besser lernen, Krebs zu bekämpfen. Wir sind immer besser bewaffnet gegen die fiesen Zellen, die sich in unsere Körper fressen. Die Ursachen für Krebs werden wir aber kaum bekämpfen können, die Kopierfehler unserer Zellen werden sich weiter ereignen, sie werden sich mit zunehmendem Alter häufen, und immer wieder wird eine tückische bösartige Tumorzelle daraus entstehen.

Schließlich muss uns klar sein, dass nur weil wir eine Krebserkrankung erfolgreich überwunden haben, wir also “den Krebs besiegt haben”, die Chancen nicht geringer werden, dass irgendwo anders in unserem Körper der nächste Kopierfehler passiert und der nächste Tumorherd entsteht. Es gibt nicht DEN Krebs, der sich enttäuscht zurückzieht, weil er keine Chance mehr sieht gegen einen starken Feind, der ihn bezwingt.

Fazit

Niemand will ihn, fast alle (mich eingeschlossen) haben Angst vor ihm. Aber wenn wir ihm uns mit teuren Maßnahmen und großen Worten entgegenstellen mögen (und damit wieder zur Prämisse): An irgendetwas werden wir am Ende doch sterben müssen. Alle.