Nicolai Levin

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Lob des Niedriglohnes

Es ist ein Elend: Mehr als anderthalb Millionen Deutsche sind im Niedriglohnbereich beschäftigt. Das heißt, dass sie weniger als 7,50 Euro pro Stunde für ihre Arbeit bekommen. Wo immer der Arbeitsmarkt in Deutschland diskutiert wird, geht dann stets ein großes Geheule los: “Das ist unanständig, das muss sich ändern.” Am besten per gesetzlich verordnetem Mindestlohn – der soll dann, so das Argument, sicherstellen, dass jeder von seiner Arbeit gut und möglichst üppig leben kann.

Das ist natürlich Unfug. Gefährlicher Unfug sogar.

Zunächst geht es aber darum, herauszufinden, wer dafür verantwortlich ist, dass so viele Menschen so erbärmlich schlecht bezahlt werden. Ich will es Ihnen sagen: Sie und ich, wir sind dran schuld. Weil wir keine 50 Euro oder mehr für einen normalen Herrenhaarschnitt ausgeben wollen. Weil wir im Internet vergleichen und uns dann für das billigste Hotel auf der Liste entscheiden. Weil wir am liebsten zum All-you-can-eat-Schnitzelwirt gehen.

Wenn der Friseur aber pro Kunde nur 20 Euro oder noch weniger bekommt, für jeden Haarschnitt mindestens eine Viertelstunde benötigt, wenn er Miete, Strom, Wasser und Steuern und Shampoo zahlen muss, dann bleibt am Ende eben nur ein kümmerlicher Rest in der Kasse. Höhere Preise können nur eine Handvoll Promi-Schnippler durchsetzen. Der Rest der Branche kann froh sein über jeden, der überhaupt noch regulär zum Haareschneiden kommt, obwohl die Nachbarn den Kopf schütteln und lieber am Samstagnachmittag zu Sabine oder Agnieszka gehen, die ohne Steuern und Abgaben in der Wohnung zu Kampfkonditionen Kundenköpfe bearbeiten.

Vergleichbares passiert überall, wo menschliche Arbeit relativ frei und ohne große Umstände eingesetzt werden kann: in der Gastronomie, in der Pflege, bei Reinigungsdiensten – also in all den Branchen, in denen die Tariflöhne ganz unten dümpeln.

Würde ein Mindestlohn helfen? Kaum. Wenn er sich denn durchsetzen würde, hieße das, dass die Preise in die Höhe schnellen. Sabine und Agnieszka freuen sich über weiteren Zulauf, und die korrekt sozialversicherte und offiziell angestellte Friseurin erhält mit der Einführung des Mindestlohnes eine kräftige Lohnerhöhung, aber am Jahresende muss der Salon zusperren, weil die Kunden gänzlich ausbleiben.

Dann ist die Friseurin arbeitslos, lebt von ALG und wartet auf eine neue Chance. In der Zwischenzeit verliert sie das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, von ihrer charmanten Art bleibt nicht mehr viel übrig, und die technischen und modischen Neuerungen der Branche gehen auch an ihr vorbei. Kurz: Ihr geht es in jeder Hinsicht schlechter als vorher: weniger Geld, weniger Lebenszufriedenheit, schlechtere Jobchancen für die Zukunft.

Der Niedriglohnsektor ist nicht das Problem. Es sind die Lebenskosten im reichen Deutschland und insbesondere in seinen Metropolregionen. Wer nicht genug verdient, um von seinem Lohn anständig zu leben, der muss eben von der öffentlichen Hand subventioniert werden. Das ist allemal besser, als aus dem legalen Job gedrängt zu werden, nur weil Politiker mit besten Absichten die Lohnkosten so haben, dass Sie und ich die damit verbundenen Leistungen nicht bezahlen wollen oder können.

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