Nicolai Levin

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“Wenn wir nur das bekämen, was wir verdienen”

Ja, manchmal möchte man nur kotzen, wenn man die Löhne für unterschiedliche Berufsgruppen vergleicht. Warum bekommt ein Immobilienmakler ungleich mehr als eine Kindergärtnerin? Wie kann es sein, dass ein Jungschnösel im Investment Banking nur müde lächelt, wenn er den Gehaltsauszug eines Beamten im Justizvollzug sieht?

Wo der Markt die Lohnhöhe regelt, haben letztlich die Nachfrager Preise und Löhne in der Hand (zu diesem Thema habe ich am 30.11. meine Gedanken hier veröffentlicht). Viele Berufe, die so kläglich bezahlt werden, liegen aber in der Hoheit des Staates bzw. von Unternehmen in öffentlicher Hand. All die Erzieher, Polizisten, Pflegekräfte, Busfahrer werden nicht durch direkte Kundenzahlungen vergütet, sondern erhalten ihr Geld aus dem großen Topf der Steuereinnahmen oder der Sozialbeiträge.

Das ist schade. Denn einmal produzieren die riesigen bürokratischen Umverteilungsmaschinerien selbstbezüglichen Schwund und erhebliche Reibungsverluste in ihren Abläufen. Das ist schon mal eine Menge Geld, das potenziell fehlt, um es an die Menschen draußen in den Kitas, Krankenhäusern, Pflegestationen und JVAs zu geben. Zum andern liegt die Hoheit für die Bezahlung beim öffentlichen Dienst, und damit liegt es am Ende mal wieder an uns allen.

Und das ist so schrecklich unvedbindlich. Denn wenn es uns alle trifft, fühlt sich am Ende keiner persönlich in der Verantwortung. Wären wir denn bereit, ein Viertel mehr Steuern zu zahlen, damit die Krankenschwestern und Gefängnisaufseher endlich leistungsgerecht bezahlt werden? Und ich meine jeden von uns mit seiner Steuerbelastung am Ende des Monats.

Ein weiterer Punkt, der mir häufig fehlt, wenn die Niedriglöhne diskutiert werden: Sie waren immer schon niedrig. Niemand, der den Beruf Friseur, Pflegekraft oder Vollzugsbeamter anstrebt, darf rechnen, damit zu Wohlstand zu kommen. Wenn Menschen dennoch diese Berufswahl treffen, dann setzen sie eben andere Prioritäten. Sie finden Erfüllung und Spaß im Beruf, sie ernten Anerkennung in ihrem Umfeld und können stolz auf das sein, was sie leisten. Das kann der Makler nicht. Wer nun Anerkennung und Selbstachtung wählt und dafür auf ein dickes Gehalt verzichtet, hat eine Entscheidung getroffen, die ich respektiere. Mein Mitleid bekommt er freilich nicht. Und ich werde nicht in den Chor derer einstimmen, die gemeinsam die Ungerechtigkeit der Welt beklagen.

Was nicht heißen darf, dass wir mit einem “selbst schuld” die Menschen ignorieren dürfen, deren Arbeit einen wesentlichen Beitrag für unser Zusammenleben leisten. Wir fordern schließlich Top-Qualität. Niemand mag unaufmerksame und ignorante Erzieher, keiner hat ein Interesse an alkoholkranken Busfahrern oder korrupten Gefängniswärtern.

Und damit sind wir auch hier wieder beim Punkt. Egal, ob öffentlicher oder privater Sektor – wenn Beschäftigte mit guter Leistung in ihrem achtbaren Beruf nicht genug erhalten, um davon angemessen zu leben, und wir das als Gesellschaft nicht so stehen lassen wollen, dann müssen wir die Betreffenden eben – aus allgemeinen Mitteln – unterstützen. Auch das wird Steuermittel kosten. Die uns potenziell alle treffen werden.

Denn wer jetzt in wohlfeiler Polemik danach schreit, doch bitte einfach die Reichen zur Kasse zu bitten, hat keine Ahnung von Fiskalpolitik. Die Mentalität des “lass es doch die anderen zahlen, die habens ja” wird nicht funktionieren. Hat sie noch nie.

Wenn Sie beim Zahlen nicht mitmachen können oder wollen, bleibt immer noch ein Weg, die Niedriglohnempfänger zu unterstützen. Strafen Sie einfach all die geldgeilen Unsympathen – die Businesskasper und die Radiologen, die Werbedjangos und Notare, die Berater und Banker, die Immobilienfuzzis und die Vertriebsheinzels – mit der ihnen gebührenden Verachtung.

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