Nicolai Levin

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Der Papst twittert

Der Papst ist jetzt auch bei Twitter. Die Nachricht stieß auf großes Interesse. Fast 12.000 Leute folgen seinem deutschsprachigen Account bereits, bevor er überhaupt zum ersten Mal etwas geäußert hat – das dürfte noch niemand vorher geschafft haben. Im Übrigen fallen die Reaktionen im Twitter-Universum vorhersehbar aus: Häme, Galle und die übliche Bandbreite von flachen bis geistreichen Scherzen.

Natürlich bedeutet die Anmeldung des Papstes ein markantes Signal in der Medienwelt. Die katholische Kirche will da präsent sein, wo die Menschen sind – gerade die jungen; sie will den Anschluss an die moderne Technik nicht verlieren; sie zeigt, dass sie dazugehört und mitten im Leben steht.

Aber ausgerechnet Twitter? Diese Plattform, die alles auf 140 Zeichen reduziert? Die radikale Komprimierung hat ihren Reiz für alle Schreiber und Leser, die sich dort tummeln. Ja, man kann vieles auf die erforderliche Kürze zuspitzen. 140 Zeichen sind genug für Standpunkte und Standpauken, für Komödien und Tragödien, für Dramen, für Lyrik und für Prosa. Die Zuspitzung zwingt zur Schärfe, zur Pointierung – für die Meister des Fachs bildet der Tweet ein feines spitzes Florett, mit dem sie ihre Positionen ausfechten. Das setzt Intelligenz beim Leser voraus – vieles muss er sich zwischen den Zeilen dazudenken. Der vorherrschende Ton klingt ironisch,

Nicht gerade das ideale Spielfeld für einen Papst. Der hat alle Gläubigen anzusprechen: die Langsamen und die Schnellen genauso wie die Dummen und die Gescheiten. Der Papst kann keine Insiderscherze machen. Seine Position hat differenziert zu sein und klar – zu viele Böswillige warten nur darauf, ihm jedes Wort im Mund umzudrehen und gegen ihn zu richten. Es darf bezweifelt werden, ob ihm das in 140 Zeichen gelingen wird.

Dann ist da die Geschichte mit der Zeit. Soziale Medien – und speziell Twitter – sind ein schnelllebiges Geschäft. Wer mitspielen will, muss innerhalb weniger Stunden, besser noch: Minuten, reagieren, wenn ein Thema hochkocht. Eh man sichs versieht, wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Die Kirche, die mindestens in Millennien denkt und ihr Handeln auf die Ewigkeit ausrichtet, wird sich gewaltig umstellen müssen, wenn sie da mithalten will.

Natürlich ist die Vorstellung, dass ein alter Mann von 85 Jahren in seiner weißen Soutane das Smartphone zückt und sich überlegt, welchen Tweet er in die Welt ballern soll, grotesk. Es wird beim Vatikan selbstverständlich ein Medienteam geben, das im Namen des Papstes seine Nachrichten hinaussendet. Die Herrschaften sind nicht zu beneiden. Worauf dürfen wir uns einstellen?

Die einfachste Variante wäre, vorbereitete fromme Sprüche, Segenssprüche und Gebete zu verwenden. Das passt in 140 Zeichen, ist einigermaßen überraschungsfrei, und außer den notorischen Kirchengegnern wird sich keiner groß dran stören. Der Nutzen für die Welt und die Follower hält sich allerdings auch in engen Grenzen.

Variante zwei: der Twitterpapst nimmt auch zu aktuellen Themen Stellung. Die Position wird aber bei brisanteren Themen politisch abgesichert. Vermutlich die klügste Wahl. Hier wird die Kirche in die Bredouille kommen, dass ihre internen Strukturen und Kommunikationsformen vom Tempo her nicht mit der Welt draußen mithalten können. Der Papst wird kluge Dinge von sich geben, die im Einklang mit der Haltung des Vatikan stehen, aber die laufende Diskussion wird ihm immer mindestens einige Tage vorauseilen.

Oder die riskanteste Variante: Der Papst vertraut seine Äußerungen einem fähigen Mitarbeiter an, der quasi als Ghostwriter fungiert. Derjenige kann zeitnah reagieren und sicherstellen, dass @pontifex_de im Sog der sozialen Medien auf der Höhe der Diskussionen mitschwimmt. Freilich gibt es kaum einen Twitterer, der nicht in der Hitze des Gefechts schon einmal übers Ziel hinausgeschossen wäre. Insofern dürfen wir bei dieser Variante gespannt warten, wann der erste Fauxpas des Papst-Accounts die Runde macht.

Wie auch immer; bis heute hat der Papst das getan, was allen Neu-Twitterern empfohlen sei: Erstmal nur mitlesen.

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