Nicolai Levin

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Keinen Cent für “Wetten, dass …”!

Zum 01. Januar wird die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland verändert. Ab dann zahlt jeder Haushalt einen Gebührenbeitrag – unabhängig davon, ob ein Empfangsgerät im Haus steht oder nicht.

Es gibt Menschen, die gar nicht fernsehen. Die sind die Verlierer der Umstellung. Aber mal ganz grundsätzlich gefragt: Wieso eigentlich sollen alle Bürger einen Obolus für das gesamte öffentlich-rechtliche Rundfunkangebot leisten? Wenn Sie mich fragen: Ich will nicht für “Wetten, dass” zahlen – ich seh die Sendung seit ungefähr 1995 nicht mehr, sie interessiert mich nicht. Meine Freundin schert sich nicht um Fußball. Wieso soll sie mit ihren Beiträgen die Millionen finanzieren, welche ARD und ZDF dem Herrn Hoeneß in den gierigen Rachen werfen für die Übertragungsrechte von Bundesliga, Champions League & Co?

Es wäre doch weit gerechter, jeder zahlte nur für das, was er ansieht. Pay-TV für alle. Wenn ich Tatort gucken will, zahl ichs. Wenn meine Freundin bei Rosamunde Pilcher schmachten mag, zahlt sie. Im Kino oder bei iTunes ist das doch auch nicht anders. Wer viel sehen will, zahlt auch mehr, für Ganzvielseher bietet man meinetwegen Abos oder Rabatte an. Geht heute alles.

Die Logik der allgemeinen Fernsehgebühren stammt noch aus einer Zeit, als rein technisch niemand, der ein Empfangsgerät hatte, vom Konsum des Programms ausgeschlossen werden konnte. Die Wirtschaftswissenschaften nennen das ein “öffentliches Gut” – und über Preise lässt es sich nicht finanzieren. Das war so in den Kinderjahren des Rundfunks, inzwischen sind wir technisch ein bisschen weiter. Rundfunkangebote sind im digitalen Zeitalter zum privaten Gut geworden. Die Pay-TV-Anbieter zeigen sehr gut, dass Verschlüsselung und Bepreisung funktionieren. Und was bei privaten Stationen geht, wieso sollte das bei ARD und ZDF nicht auch möglich sein?

“Halt!”, rufen jetzt die Kultur- und Erziehungsbeflissenen, “öffentlicher Auftrag!” Klar: wir wollen Information und Kultur für den mündigen und kritischen Staatsbürger. Wenn es hingegen nur noch die Bezahllogik des Privatfernsehens gibt, dann droht der Republik die Invasion der Dschungelcamps. RTL regiert dann den Diskurs, und der Weg in die Verblödungsdiktatur steht offen.

Muss es wirklich so kommen? Oder ist es nicht bereits heute so schlimm?

Zum einen ist es längst so, dass zwar alle zahlen, die Programme der öffentlich-rechtlichen Anbieter aber nur noch einen Teil der Allgemeinheit erreichen. Die Rentnerbespaßungseinheiten bei ARD und ZDF senden für Zuschauer mit einem Durchschnittsalter von 60 Jahren, sagen die Marktforscher von GfK. Damit zielt der öffentliche Auftrag für die Jüngeren schon mal ins Leere, die entweder gar nicht mehr fernsehen oder ihre Zeit bei Pro Sieben und Vox verbringen.

Zum anderen ist öffentlicher Auftrag bereits heute kein Garant für anspruchsvolles und gutes Programm – wenn er es denn je war. Die öffentlich-rechtlichen Anbieter schielen ja genauso auf die Quoten wie die Privaten und machen munter mit beim Qualitätslimbo, wenn es nur die erhofften Zuschauer bringt. Wer es nicht glauben will, soll sich mal eine Christine-Neubauer-Schmonzette der Degeto von Anfang bis Ende ansehen.

Gegen die offene Konkurrenz der Öffentlichen mit den Privaten wäre nicht viel einzuwenden – sollen sie im Markt der Aufmerksamkeit um die Zuschauer kämpfen, das stört mich nicht. Aber ich will diesen Kampf nicht auch noch bezahlen!

Und – wenn es beim Fernsehen so wichtig sein soll, mit Mitteln der Allgemeinheit Anbieter zu subventionieren, um damit der Allgemeinheit Informations- und Unterhaltungscontent bereitzustellen: Warum gilt diese Regel dann nur beim Rundfunk? Warum ist das dann bei anderen Medien nicht so?

Wenn ich die Nachrichten- und Kommentarqualität der gedruckten FAZ haben will, muss ich mir die Zeitung eben kaufen – oder die Bild-Zeitung, wenn ich größere Schlagzeilen und reißerischere Themen bevorzuge. Will ich ein spannendes Buch von Henning Mankell lesen, ist kein Staatsbetrieb da, der es mir schenkt. Die Verfilmung gibts dagegen aus Steuermitteln am Sonntagabend im ZDF. Das ist doch schizophren!

Dass die FAZ im Zeitungsmarkt neben Bild bestehen kann, dass es Geo gibt und nicht nur Gala und die Super Illu, das macht mir Hoffnung, dass auch in einer Logik, in der man für Fernsehqualität bezahlen muss, genügend Gleichgesinnte sich finden werden, die dafür sorgen, dass neben Hansi Hinterseer auch Platz für Mad Men oder Breaking Bad bleibt.

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