Nicolai Levin

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Ich bin kein Star! Holt mich hier raus!

Das Dschungelcamp hätten wir also durchgespielt. Die 2013er-Ausgabe zeigt, dass das RTL-Format trotz guter Quoten keine neuen Impulse mehr zu bieten hat.

Als RTL mit der Sendung vor neun Jahren anfing, ging ein Aufschrei durchs Land. Mit “Ich bin ein Star, holt mich hier raus!” hatte die Grundidee des zynischen Menschenzoos eine neue Ebene erreicht. Nach dem reinen Voyeurismus der “Big Brother”-Reihe kamen diesmal Prominente ran, die sich unter möglichst fiesen Bedingungen im Dschungel zu bewähren hatten.

Mit den Jahren sank die Prominenz der Kandidaten, und die öffentliche Relevanz stieg kuriorerweise im gleichen Maße. Das Dschungelcamp etablierte sich, der Termin im Januar wurde zum allgemeinen Ereignis für die Fernsehnation, und seit ein oder zwei Jahren hat sogar das Feuilleton Interesse angemeldet.

Die Kombination aus publikumsgeiler Prominenz in Geldnöten und zynisch-geistreichen Kommentaren hatte ihren Reiz. Das kongeniale Duo Zietlow-Bach bot augenzwinkernde Moderation und spielte mit dem Grundthema, dass sich alle Beteiligten – Kandidaten, Moderatoren, Zuseher – gerade deutlich unter ihrem eigentlichen Niveau zum Affen machten, wenn auch aus unterschiedlicher Motivation.

2012 starb Dirk Bach, der wie kein zweiter dick und klein und schwul und sentimental und gebildet und schrill und primitiv auf einmal sein konnte. Ein Verlust für die Sendung, keine Frage.

Aber eigentlich leidet das Dschungelcamp unter zwei Abnutzungserscheinungen. Zum Einen: Der Ekelfaktor ist weitgehend ausgereizt. Die australische Fauna hat ihren Einsatz gehabt: Spinnen, Maden, Ratten, Raupen, Fledermaushoden, Kakerlaken – die Zuschauer wissen, dass die Kandidaten nicht in echte Gesundheits- oder Lebensgefahr gebracht werden, es lässt sich nach soundso vielen “Dschungelprüfungen” hier nichts mehr steigern oder viel Neues bringen, was auf dem Fernsehschirm interessant anzusehen wäre.

Außerdem sinkt von Jahr zu Jahr die Promi-Relevanz der Kandidaten. In den ersten Jahren kämpften immehrin noch leidlich bekannte Filmschauspieler und Sportler um den Titel des Dschungelkönigs. Selbst ein Fußballnationalspieler war unter den Dschungelcampern! Inzwischen haben die PR-Berater auch bei den verzweifeltsten C-Promis erkannt, dass das Dschungelcamp zwar reichlich Aufmerksamkeit generiert, aber zugleich die Gefahr erzeugt, dass der Kandidat sich derart blamiert, dass am Ende mehr Stigma als Nimbus für die weitere Karriere rumkommt. Da bringen Auftritte in Auto- oder Möbelhäusern zwar weniger Resonanz, aber sind auf Dauer auch gefahrloser für allfällige Comeback-Aussichten.

So musste man bei RTL immer weiter ausweichen und ist jetzt bei der Qualität “Mutter / Tochter von …” angelangt; dazu kommen Leute, die mal bei Castingshows kurz hoch- und dann weggespült wurden. Von “ich bin ein Star” ist man auch bei gutem Willen inzwischen weit, weit entfernt – mir jedenfalls waren auf Anhieb gerade mal zwei der Kandidaten namentlich bekannt.

Auch für die regelmäßigen Konsumenten von Talentsuchen- und Castingformaten dürfte aber der Reiz fehlen, DSDS- oder Bachelor-Probanden im Dschungelcamp recycelt zu sehen; diese Castingshows leben ja gerade davon, unbekannten Menschen ihre 15 Minuten Ruhm in Aussicht zu stellen. Wenn RTL so weiter macht, müssen sie im nächsten Jahr das Dschungelcamp mit Gastwirten besetzen, denen die Kochprofis schon mal aus der Patsche geholfen haben oder Menschen, denen die Helferengel von Vox irgendwann ihr ärmliches Zuhause verschönert haben.

Für das Prinzip der Show ist das schädlich. Es fehlt die Fallhöhe. Ein Reiz für den Zuschauer liegt ja darin, sich schauernd daran zu ergötzen, wie jemand sich zum Horst macht, der mal für viele ein Idol war. Ein Ex-Nationaltorhüter, der für ein paar tausend Euro und die Aussicht auf öffentliche Aufmerksamkeit durch Maden watet, das erzeugt Kribbeln, da entsteht dieser Phasenwechsel von Häme, Mitleid und Fremdschämen, dessen wohltarierte Melange wohl das Erfolgsgeheimnis des Dschungelcamps ist. Wenn irgendeine Hausfrau aus Wuppertal durch Maden watet, erntet sie lediglich Schulterzucken. Da bleibt blanker Voyeurismus, und auch der macht mehr Spaß, wenn man die Leute kennt, bei denen man durchs Schlüsselloch guckt.

Das Dschungelcamp hätten wir also durch. Das Tabu, an dem die Show nicht gerührt hat, war die Unverletzlichkeit der Kandidaten: Niemand würde sich ernsthaft verletzen oder bleibende Schäden davontragen. Im Sinne der Gladiatorisierung unserer Fernsehunterhaltung wäre das der nächste logische Schritt, den ein findiger, zynischer Produzent wagen müsste. Es werden Wetten angenommen, wann es soweit sein wird.

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