Nicolai Levin

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Von Unworten und Untaten

Es ist entschieden. Das “Unwort des Jahres” heißt also “Opfer-Abo”. Ihnen mag es gegangen sein wie mir und den Menschen um mich herum: Wir haben es nie zuvor gehört. Das spricht ein bisschen gegen die Relevanz der Wahl, soll aber noch nichts heißen.

Meine erste Assoziation war, das Wort umzudrehen “Abo-Opfer” – irgendwas mit Klingeltönen oder Drückerkolonnen, die einem Fernseh-Illustrierte aufschwatzen wollen? Falsch. Zweite Assoziation: “Opfer” ist doch in den letzten Jahren unter Jugendlichen ein Schimpfwort geworden. Wer im Schulhof der Dickie ist, der es immer von allen abbekommt, vielleicht ist der das Abo-Opfer und hat ein Opfer-Abo … Auch falsch.

Jörg Kachelmann hat’s gesagt im Nachklang zu seinem Prozess. Frauen hätten in Fragen sexueller Gewalt vor Gericht und in der Öffentlichkeit ein “Opfer-Abo”. Es wurden bestimmt schon klügere und freundlichere Dinge gesagt, soviel steht fest. Was im Umfeld der Verhandlung zu lesen war über Kachelmanns Verhältnis zu Frauen, klang abstoßend und wirft kein gutes Licht auf ihn. Man muss ihn auch sonst nicht mögen. Aber ob das für das “Unwort des Jahres” reicht?

Wenn das “Unwort” gut gewählt ist – wie die “Peanuts” (1994), der “Kollateralschaden” (1999) oder die “Gotteskrieger” (2001) -, dann hat die Wahl Relevanz über den Urheber hinaus. Im besten Falle traf die Wahl Begriffe, die sich gut ins Ohr setzten und die deswegen bereitwillig von anderen übernommen wurden. Dass die Nachplapperer damit unreflektiert eine Geisteshaltung weiterposaunten, die man sich vielleicht bei genauerem Hinsehen nicht einfach so zu eigen machen sollte, davor wollte das “Unwort” das geneigte Publikum bewahren.

Besteht eine Neigung, sich Kachelmanns Einstellung zu Frauen generell und Vergewaltigungsopfern speziell zu eigen zu machen? Gab es Stimmen in dieser Richtung?

Ich kann mich zumindest nicht erinnern, je so etwas gelesen, gesehen oder gehört zu haben.

Die Erkenntnis, die ich persönlich aus dem unseligen Kachelmannprozess und dem Medienbohei drumherum mitgenommen habe, war die, dass bei derartigen Delikten Gerechtigkeit von der Justiz nicht zu erwarten sein kann. Wenn zwei Menschen alleine sind, Sex haben, und am nächsten Tag sagt einer von den beiden, dass es nicht freiwillig war, und der andere streitet es ab, dann wird in den allermeisten Fällen ein Richter daran scheitern, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Einer lügt, und nur die beiden Beteiligten kennen die Wahrheit. Das ist wohl bitter, aber mit den Mitteln eines freiheitlichen Rechtsstaates leider nicht zu ändern.

Neben der fehlenden gesellschaftlichen Relevanz, die ich diesem “Unwort” unterstelle, gibt es einen weiteren Grund, der mir Unbehagen bereitet – für den die Jury vermutlich gar nichts kann, wenn sie ihre Wahl schon vor einigen Wochen gefällt hat.

Ausgerechnet in den Tagen und Wochen vor der Bekanntgabe des Unworts des Jahres sind die Medien voll mit Berichten aus Indien. Dort stirbt ein Mädchen, nachdem sich in einem öffentlichen Bus eine Horde von Männern stundenlang brutal an ihr vergangen hat. Eine Massenvergewaltigung, ein barbarischer Akt, für den die deutsche Sprache keinen Begriff kennt, der hässlich genug wäre, die Abscheu, die er auslöst, in Worte zu fassen. Es kommt in der Folge ans Licht, dass das kein bedauerlicher Einzelfall war; wir lernen, dass “modern” aussehende Frauen in Indien immer wieder fürchten müssen, dass ihnen gleiches widerfährt. Die Dunkelziffer soll hoch sein, die Opfer schweigen aus Angst und Scham.

Angesichts solcher Zustände – in Indien und anderswo – verliert das Beziehungsdrama eines Wettermoderators mit seiner Ex doch ein wenig an Dramatik. Und es bleibt die Erkenntnis, dass es unter der Sonne weit schlimmere Dinge gibt, die es kundzutun gilt als das Frauenbild des Herrn Kachelmann.

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1 Comment

  1. cosima1973 says:

    Mir ging es genauso – ich hatte das Wort noch nie gehört. Ich war überhaupt kein eifriger Verfolger des damaligen Spektakels. Die Informationen, um die man nicht herum kam, weil sie allgegenwärtig waren, sagten schon genug, um die Sache an sich und den Fall abstossend und nicht verfolgenswert zu finden. Zum Wort selber aber.

    Wenn ein Unwort ein Wort sein soll, das besonders negativ auffiel und drum eine grosse Prominenz erhielt, dann ist dieses Wort ganz bestimmt die falsche Wahl, denn es ist zu wenig populär, zu wenig bekannt. Was sonst könnte ihm den Status “Unwort des Jahres” einbringen?

    Du selber sprichst die grausame Tat in Indien an, die ans Licht brachte, dass solche Vorfälle an der Tagesordnung sind. Vor allem bei modern ausschauenden Frauen. In den letzten Tagen ging auch noch die Geschichte mit Klaus Kinski und dessen Tochter durch die Medien. Dies zwei Beispiele von vielen. Auf der ganzen Welt passieren Vergewaltigungen immer wieder, die Dunkelziffer ist erschreckend hoch. Wieso? Weil viele Frauen sich schämen. Weil viele Frauen sich fürchten, dass sie für das, was ihnen passierte, verurteilt werden, angeklagt werden, selber beschuldigt werden, etwas falsch gemacht zu haben.

    Vor diesem Hintergrund ist das Wort Opfer-Abo durchaus ein Unwort. Es unterstellt, dass die Frauen keine Opfer sind im wirklichen Sinn, sondern sie quasi ein Abo haben, von dem jede bei Bedarf eine Zone abstempeln kann. Das relativiert ihren Opferstatus und macht sie zu quasi Nutzniessern eines Systems, welches Frauen diesen Status per Abo zuspricht. Damit relativiert er den ganzen Schrecken dieser Taten. So gesehen ist es ein Unwort und zwar eines der ganz bösen Sorte. Nicht bezogen auf den Fall Kachelmann, sondern auf die Geschichte der Vergewaltigungen auf dieser Welt, die alle mit drin stecken.

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