Nicolai Levin

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Der abgedankte Negerkönig

Nach heftigen Protesten wird aus Otfried Preußlers Kinderbuch “Die kleine Hexe” das Wort “Negerlein” gestrichen. Auch der Vater von Pippi Langstrumpf ist künftig kein “Negerkönig” mehr; “Zigeuner” wird es nach dem Willen der Verlage ebenfalls nicht mehr geben.

Ich will hier gar nicht der Meinung das Wort reden, dass “Neger” ein wertfreier Begriff sei. Das mag historisch so stimmen, aber es ist hier wie bei der alten Geschichte vom missverstandenen Kaufmann: Wenn alle Welt sagt, dass du pleite bist, dann bist du auch pleite – über kurz oder lang. Wenn also alle “Neger” abwertend verwenden, dann kann ich mich tausendmal auf Historie und Etymologie berufen und wider die vermeintliche Korrektheit kämpfen – dann hat im Sprachgebrauch einfach die Mehrheit die Deutungshoheit und somit recht.

Mich stört bei der politisch korrekten Retusche mehr, dass die Leser für blöd verkauft werden. Ich stimme dem Vorgehen zu, soweit es um Lexika oder Bilderbücher für die Allerkleinsten geht. Wenn da Begriffe drinstehen, die nicht mehr zeitgemäß sind, ist das nicht richtig.

Die “kleine Hexe” jedoch wendet sich nicht mehr an Kinder, die ihre Muttersprache erst erlernen; das Buch ist geschrieben für die Altersgruppe der Schulkinder – genau wie Pippi Langstrumpf. Die Zielgruppe kann eigentlich schon lesen, derart umfangreiche Texte fallen ihr aber noch schwer; deshalb zählen die Preußlerbücher ebenso wie die von Astrid Lindgren zur quasi “letzten Reihe” der Vorleseklassiker (die mit anderthalb oder zwei Jahren mit der kleinen Raupe Nimmersatt ihren Anfang nimmt). Was altersmäßig danach kommt, lesen die Kinder schon selbst.

Die Leser bzw. Zuhörer sind durchaus vernunftbegabt; sie haben – zumindest wenn sie in der Stadt leben – schon Kontakte mit Menschen anderer Hautfarbe gehabt. Sie haben vielleicht sogar schon Rassismus erlebt. Sie sind klüger und einsichtiger als die Verlagslektoren und die protestierenden Änderungsforderer meinen. Also nehmen wir sie doch bitte auch ernst!

Wenn man den Kindern nur Kinderbücher vorlegt, die “zeitgemäß” geschrieben sind, wie sollen sie je lernen, wie die Welt sich dreht? Die Kinder müssen lernen, dass früher anders gesprochen und anders gedacht wurde als heute. Gerade, wenn wir sie auf eine digitale Welt voller widersprüchlicher Inhalte vorbereiten wollen, müssen sie irgendwann beginnen, sich auch kritisch mit Medien und mit Sprache auseinanderzusetzen. Was für ein Glücksfall, wenn ihnen dabei vorlesende oder mitlesende Eltern oder Erzieher erklärend zur Seite stehen, wie das hier mehrheitlich der Fall sein dürfte. Warum fügt man nicht eine Fußnote ein, in der dem Leser erläutert wird, dass die Leute früher zu dunkelhäutigen Menschen “Neger” gesagt haben? Bei Turgenjew oder Tolstoj krieg ich ja auch per Sternchen erklärt, wie weit ein Werst ist (“altes russisches Längenmaß; entspricht ca. einem Kilometer”). Wenn sich aus der Verstörung um den unpassenden Begriff dann eine Diskussion entspinnt, weil das Kind kritisch nachfragt, warum man das denn früher gesagt hat und heute nicht mehr – umso besser!

Bücher haben ihre Schicksale und ihre Geschichte. Wir sollten sie ihnen lassen, auch wenn sie damit allmählich aus der Zeit fallen. Ich frage mich manchmal, wie lange der Realismus der zwanziger Jahre, den Erich Kästners Kinderbücher so meisterhaft zeichnen, noch von heutigen Kindern verstanden wird. Die Welt ist von heute ist eine völlig andere. Will man deshalb im “Fliegenden Klassenzimmer” aus dem “Nichtraucher” (Wie? Früher hat man in Zügen geraucht?) einen “BordBistro” machen? Sollen Emil und die Detektive sich dann per Handy verständigen, weil die Kinder heute nicht mehr wissen, was ein Telegramm ist?

Wer seinen Kindern zumuten kann, dass Torsten Torstenson (Warum heißt der so komisch?) im Dreißigjährigen Krieg (Was ist ein Dreißiger Krieg?) mit seinen Schweden (Was sind Schweden? Warum sind die böse?) das Städtchen Eulenberg (Wo ist denn Eulenberg? Fahren wir da mal hin?) belagert hat (Was ist belagern?), der kann ihnen auch erklären, was ein Negerkönig ist und warum man das heute besser nicht mehr so sagt. Und wenn die Kinder dunkelhäutig sind, kann man ihnen nahebringen, dass es nicht schlimm ist, wenn in alten Büchern Menschen, die dunkle Hautfarbe haben, mit einem bösen Wort benannt werden. Dass deshalb die Frau oder der Mann, die das Buch geschrieben haben, nichts gegen Menschen hatten, die dunkler aussehen.

Mit Retuschen und Streichungen tun wir der Literatur keinen Gefallen. Und den Kindern, egal welcher Hautfarbe, auch nicht.

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