Nicolai Levin

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#aufschrei

Durch das Netz gellt ein Aufschrei: Unter dem Schlagwort #aufschrei empören sich besonders auf Twitter tausende über ihre Erfahrungen zu Belästigungen, Anzüglichkeiten und den “ganz normalen” Sexismus im Alltag.

Auslöser war eine Bemerkung, die der Politiker Rainer Brüderle vor längerer Zeit spät am Abend an einer Hotelbar gegenüber einer Journalistin des “Stern” gemacht hat. Die war unpassend, und Brüderle muss nun die Häme einstecken und als Prototyp des lüsternen alten Sackes herhalten. Wenn wir realistisch bleiben, müssen wir zugeben, dass Brüderles Anmach-Spruch zwar bestimmt unangebracht war, dass er aber auf einer Skala dessen, was Frauen in solchen Situationen befürchten müssen, eher im unteren Mittelfeld rangiert.

Dass aber ausgerechnet so ein – nun ja – dummer, aber lässlicher Ausrutscher das Fass zum Überlaufen bringt, sagt auch schon einiges über die Füllhöhe des Fasses aus. Und dass die Männerwelt einigermaßen unvorbereitet getroffen wird, belegt die unterschiedliche Wahrnehmung der Geschlechter – um nicht zu sagen, die Blindheit und Ignoranz von uns Männern.

Nein, ich bin in meinem ganzen Leben noch nie von einer Frau unangemessen angemacht worden. Ich musste mir noch nie augenzwinkernde Bemerkungen über meinen Hintern oder mein Geschlechtsteil anhören. Noch nie wurde – außerhalb intimster Gespräche – von Frauen in meiner Gegenwart spekuliert, ob ich ein guter Liebhaber sei, wie es um meine Libido bestellt wäre und ob ich wohl sexuell ausgelastet sei. Die Furcht, im Lift oder im Gedränge von einer fremden Frau begrapscht oder betatscht zu werden, ist, meiner Erfahrung als Mann nach, geradezu absurd und vollkommen weltfremd. Ich kenne keinen Mann, der andere Erfahrungen gemacht hat als ich. Und das Beschämende ist: Ich kenne keine Frau, die das mit derselben Sichrheit von sich behaupten kann.

Nicht dass die Frauen in meiner Umgebung mit diesem Thema groß hausieren gehen würden. Von den meisten Frauen meines Freunden- und Bekanntenkreises weiß ich gar nicht, wo und wie sie schon mal unangemessen bedrängt wurden. Diejenigen, die  in kleiner Freundesrunde berichtet haben, taten es erst nach ein, zwei Glas Wein, wenn die Hemmungen geringer werden. Da erfährt man dann, wie es so ist als Referentin in einem deutschen Parlament – wenn der Herr Minister im Lift auf einmal seine Hände an ihrem Po hat. Oder in hochangesehenen DAX-Unternehmen bei Betriebsfeiern ungeniert Frauen auf die karrierehinderliche “Prüderie” angesprochen werden. Doch. Es stimmt schon: Die Frauen haben allen Grund, sich aufzuregen.

Der #aufschrei bei Twitter hat sein Gutes. Aus der Anonymität der virtuellen Welt wagen sich Frauen ans Licht, die sonst bestimmt geschwiegen hätten. Da bricht sich eine Empörung Bahn, die lange zurückgehalten wurde, das merkt man, bei allem, was da auch sonst noch an Gefälligkeitsapplaus, Trittbrettfahrerei und blindem Geltungsdrang als Beifang dazukommen mag. Männer lesen ungeschminkt, wie es Frauen so ergeht, was sie sich gefallen lassen müssen, welche bitteren entwürdigenden Erfahrungen so viele von ihnen so oft schon machen mussten. Ausgerechnet hinter den beliebigen Masken der Twitter-Accounts zeigt sich eine Frauenbewegung, in der nicht nur Frauen mitmarschieren und die trotz abseitiger Benutzernamen durch und durch authentisch wirkt. Keine Politik, keine Alphatierchen des Feminismus verwässern mit abstrakten Gesellschaftstheorien das klare hässliche Bild von der Wirklichkeit.

Im Gegenteil, diese Empörungswelle zeigt, wie weit die akademische Diskussion um Frauenrollen und -rechte sich von der tatsächlichen Situation der Frauen im Lande entfernt hat. Die selbsternannten Vorkämpfer des radikalen Feminismus robbten sich durchs Gestrüpp von LesbenFrauenTransGenderSonstigeRandgruppenRechten. Die politische Elite stritt darum, wie hart man denn nun eine Frauenquote in den Aufsichtsräten von großen Aktiengesellschaften durchboxen wollte. Alle Kommentatoren waren sich einig, dass Deutschland mit einer respektierten Frau im Kanzleramt nun endgültig kurz vor dem Durchbruch der Gleichberechtigung stand. Und gleichzeitig ist es ein akzeptierter oder zumindest tolerierter Zustand, dass Frauen stets den notgeilen Spruch, die anzügliche Anmache oder die Grapschehand irgendeines ignoranten Mannes zu fürchten hatten.

Das Dumme an der Welle im Netz ist nur, dass sie erstmal nichts hilft. Nur weil bei Twitter für ein paar Tage Feminismus en vogue ist, wird keine Frau sicherer sein. Im Schutze der Anonymität ist gut schimpfen, und nächste Woche wird eine neue Sau durchs virtuelle Dorf getrieben. Aber hinter jedem Account steht ein Mensch. Es gibt erste Anzeichen, dass das Thema weitere Wellen schlägt. Fernsehen und Zeitungen beginnen zu berichten. Aus dem gezwitscherten #aufschrei muss ein gebrüllter werden. Und er muss zu hören sein an jedem Lift und jeder schummrigen Hotelbar im Lande.

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