Nicolai Levin

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Unser täglich Brot wird verzockt

Irgendwie sind sich mal wieder alle einig: Nahrungsmittelspekulationen gehen gar nicht. Die Banken, die sowas machen, sind böse. Die Preise für die Ärmsten schnellen in die Höhe. Und das gehört überhaupt verboten.

Es ist in der Tat schwer zu verkraften, wenn man die Bilder des Hungers sieht. Millionen sterben jedes Jahr, weil sie nicht genug zu essen haben. Und anderswo werden Menschen und Banken reich, weil sie Spekulationsgeschäfte mit Lebensmitteln betreiben; das wirkt wie blanker Hohn. Schon die Großmutter ermahnte uns: “Mit Essen spielt man nicht.” Und sie hat natürlich Recht damit.

Wie funktioniert Nahrungsmittelspekulation? Worum geht es überhaupt bei diesen Derivaten?

Im Prinzip schließen auf dem Kapitalmarkt Leute Wetten ab über Preise. Man kann da so ziemlich auf alles wetten: auf steigende Zinsen, auf einen sinkenden Dollarkurs, dass der Kurs der Facebook-Aktie über oder unter einen bestimmten Wert steigt oder fällt, auf den Goldpreis in einem Jahr und so weiter und so fort. Man kann auch auf die zukünftigen Preise von Schweinebäuchen, gefrorenem Orangensaft oder Weizen wetten. Man zahlt einen Einsatz und erhält beim Eintreten eines definierten Ereignisses eine vereinbarte Summe – es funktioniert im Grunde tatsächlich wie beim Buchmacher, und die Höhe der Einsätze hängt auch hier von der Wahrscheinlichkeit ab, mit der ein Ereignis eintritt.

Man mag das Casinokapitalismus nennen, aber es kann durchaus seinen Sinn haben. Nehmen wir mal einen Weizenbauern in Norddeutschland. Wenn er seinen Weizen erst gesät hat, kann er nichts weiter tun als warten und darauf hoffen, dass der Preis sich bis nach der Ernte positiv entwickelt. Fällt der Weizenpreis dramatisch, macht der Bauer Verluste. Das will er nicht. Drum kann er zur Bank gehen und dort eine Wette auf einen niedrigen Weizenpreis abschließen. Wenn nun der Preis für Weizen drastisch fällt, erhält der Bauer zwar nur den niedrigen Marktpreis für den Verkauf seiner Ernte, dafür erhält er zusätzlich von der Bank die Auszahlung seiner gewonnenen Wette. Die Spekulation auf Nahrungsmittelpreise ist für ihn also nichts anderes als eine Versicherung gegen Einnahmeverluste.

Auch in die andere Richtung funktioniert so eine Wette. Nehmen wir eine kleine Brauerei in Bayern. Der schrumpfende Markt für Bier ist hart umkämpft, der Preiskampf erbittert. Wenn der Preis für Braugerste steigt, kann die Brauerei nicht einfach höhere Preise für ihr Bier verlangen, sondern muss die Einbußen selbst tragen. Das will sie nicht. Mit einer Wette auf gestiegene Gerstenpreise kann sie das Risiko höherer Einkaufspreise begrenzen. Steigt der Preis für Braugerste, muss die Brauerei zwar ihren Lieferanten mehr zahlen, kann aber die Verluste zum Teil dadurch abfedern, dass sie aus ihrer Wette Einnahmen generiert.

Solche Absicherungsgeschäfte werden die wenigsten moralisch verwerflich finden.

Nur dürfen eben nicht nur der Bauer und der Bierbrauer solche Wetten abschließen, sondern auch Sie und ich und die Hedgefonds und die Deutsche Bank. Man kann sich absichern, aber auch viel Geld gewinnen. Die Grenzen zwischen defensiver Absicherung und Spekulation sind dabei ziemlich fließend – sie bewegen sich mit den Preisen der Grundgüter, der Risikoeinstellung und der Erwartung der Marktteilnehmer.

Wenn der Weizen heute fünf Euro pro Scheffel kostet, wie soll der Bauer seine Wette für die Ernte des nächsten Sommers gestalten? Ab wann will er den Ausgleich haben: bei vier Euro, bei drei Euro oder erst bei 2,50? Es ist wie bei der Gestaltung von Kasko-Versicherungen: Wie hoch soll der Selbstbehalt liegen? Ab wann soll der Versicherer wie viel zahlen? Das muss jeder individuell auskaspern. Wer sein Risiko komplett wegversichern will, muss einen entsprechend hohen Preis dafür zahlen. Wer voll ins Risiko geht, hat auch hohe Gewinnchancen. Man kann das Spekulation nennen – oder Marktwirtschaft. Ganz wie man will.

Wenn gesamtwirtschaftlich alles im Lot ist, sollten Wetten auf künftige Preise jedenfalls keine markante Auswirkung auf das Marktgeschehen haben. Die Käufer wollen natürlich am liebsten niedrige Preise zahlen, die Verkäufer streben dagegen nach möglichst hohen Preisen, die sie erzielen wollen. Bei den Wetten zielen die einen in die eine Richtung, die anderen entgegengesetzt. Der Markt trifft sich in der Mitte, und addiert sollte alles ein Nullsummenspiel sein.

Wenn jetzt den Banken vorgeworfen wird, mit Spekulationen die Nahrungsmittelpreise systematisch in die Höhe zu trieben, sagt uns dass, das mit dem Markt etwas nicht stimmen kann. Wenn der Markt in einer Schieflage hängt, dann führen Finanzwetten zu einer Verschärfung des Ungleichgewichts.

Ein Markt kann nämlich aus dem Gleichgewicht kommen. Zum Beispiel, wenn Nahrungsmittel weltweit knapp sind. Weil Menschen nicht einfach ihre Nachfrage verringern können, indem sie aufs Essen verzichten. Weil umgekehrt Agrarproduzenten lieber Raps für Biosprit anbauen als Weizen für Mehl. Weil die Reichen dieser Welt die Nutzpflanzen erst an Schlachttiere verfüttern, statt sie selbst zu essen. Weil irgendwelche absurden Subventionsregeln es lukrativer machen, fruchtbare Felder brach liegen zu lassen. Weil Krieg ist und sich die Bauern nicht aufs Feld wagen. Wenn im Markt jeder weiß, dass in diesem Jahr zu wenig Weizen angebaut wird, wetten natürlich alle auf steigende Preise. Dann steigen die Preise doppelt: Erstmal wegen der Knappheit. Und dann wird das noch verschärft, weil Spekulanten die Rechte am wenigen Weizen zur Abdeckung ihrer Wetten aufkaufen.

Das ist schlimm. Uns muss aber eines klar sein: Spekulation ist nie die Ursache, sondern zeigt nur die Symptome. Einen gesunden Markt können Spekulanten gar nicht kaputt machen, weil immer irgendwo ein Schlauberger die Chance wittern wird, reich zu werden, indem er gegen den Trend wettet. Das gilt übrigens nicht nur für Nahrungsmittel, sondern auch für Miethaie und fiese Arbeitgeber.

Leider machen die Erkenntnisse der Ökonomie allein niemanden satt. Das Problem ist ja kein akademisches, sondern für tausende, ja Millionen Menschen existenziell. Wir sollten die Diskussoin um Nahrungsmittelspekulation daher sehr ernst nehmen. Nicht um dem Kapitalmarkt das Wetten zu verbieten, sondern um uns zu überlegen, was derzeit bei der Versorgung der Menschheit mit Lebensmitteln schiefläuft. Worin die Ursache liegt, dass da draußen offenbar keiner auf fallende Preise setzt. Und da gibt es so einiges zu tun …

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