Nicolai Levin

Home » Politik » Liebe Briten, ihr nervt!

Liebe Briten, ihr nervt!

Hort der Unschlüssigen;Foto: Mario Modesto Mata, Quelle: Wikipedia. Creative Commons Lizenz GNU.

Hort der Unschlüssigen;
Foto: Mario Modesto Mata, Quelle: Wikipedia. Creative Commons Lizenz GNU.

Drinbleiben? Austreten? Die Briten sollten sich gefälligst entscheiden, wie sie es künftig mit der EU halten wollen. Und dabei nicht versuchen, dem Rest der Union ihre Vorstellungen aufzuzwängen.

Die Briten sind schon ein komisches Volk. Sie fahren auf der linken Straßenseite. Sie essen fürchterlich ungesunde Sachen zum Frühstück, und abends trinken sie warmes Bier. Sie feiern mit Pomp und Inbrunst Seeschlachten, die 400 Jahre zurück

liegen. Sie drucken seit über sechzig Jahren das Abbild ihrer jungen adretten Königin auf ihre Geldscheine, obwohl die Dame inzwischen stramm auf die neunzig zugeht. Sie haben eine eigene Staatskirche mit besagter greiser Königin an der Spitze, die aber irgendwie trotzdem das gleiche Theater spielt wie die Katholiken in Rom – Skandale inklusive. Sie haben die Eisenbahn erfunden und leisten sich heute das miserabelste Schienennetz der entwickelten Welt.

Dabei tragen die Briten die ärgsten Zumutungen (englisches Wetter, deutsche Luftangriffe) mit stoischer Gleichmut. Sie werden für ihren Humor gerühmt und sind im menschlichen Umgang von ausgesuchter Höflichkeit.

Außer es geht um die EU. Da verstehen sie keinen Spaß und da ist dann auch Sense mit höflich. “I want my money back”, polterte einst Maggie Thatcher in Brüssel. Und heute plant Premier David Cameron eine Volksabstimmung über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU – als Drohkulisse, um vorher möglichst viel am Brüsseler Regelwerk zu eigenen Bedingungen neu hinzudrehen.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch – ich will niemanden in die EU zwingen. Bei manchen Mitgliedern wäre ich sogar ganz froh, wenn sie (noch) nicht hineingedrängt wären. Die Schweiz – obwohl rundum von EU-Gebiet eingeschlossen – hat sich gegen den Beitritt entschieden. Auch die Norweger wollen ihren Reichtum, den ihnen das Nordsee-Öl beschert hat, lieber nicht mit anderen teilen. Das ist beides schon okay so.

Die Briten sind in dieser Europäischen Union aus freien Stücken und ohne Zwang dabei, und jetzt zicken sie rum. Das nervt. Sie führen sich auf wie die aufgetakelte Cousine, die zum Wanderausflug der Familie in Pumps und mit Cocktailkleidchen erscheint und dann alle zwanzig Meter über die spitzen Steine jammert und bei jeder Bushaltestelle vorschlägt, ob man nicht doch lieber umkehren soll …

Ich halte die EU für eine gute Sache, und die Vereinigten Staaten von Europa erscheinen mir immer noch als erstrebenswertes Ziel. Nun komme ich aus einem Land, das gute Erfahrungen damit gemacht hat, kleinteilige Einzelstaaterei zugunsten eines föderalen Systems im größeren Maßstab einzutauschen. (Naja, wenn man von einem größenwahnsinnigen Kaiser und einem durchgeknallten Kunstmaler mal absieht, die die Gesamtstatistik etwas versauen.)

Im Ganzen aber ist uns Deutschen der deutsche Bundesstaat weit besser bekommen als die Duodezfürsterei zuvor. Und mit der europäischen Gemeinschaft sind wir wirtschaftlich und politisch nochmal besser gefahren als im Alleingang. Ja, ich finde Ausschuss-Sitzungen besser als Angriffskriege, um Differenzen zu klären. Ich mag es, ans Mittelmeer zu fahren, ohne mich über Passkontrollen und Umtauschkurse zu ärgern. Ich freue mich, dass Parmesan und Rioja nicht durch Zölle teurer werden.

Natürlich ist nicht alles Gold in Brüssel und Straßburg. Aber ich frage mich manchmal, ob das unbedingt was mit Europa zu tun hat. Man kann leicht über Bananenkrümmungsverordnungen lästern, klar. Aber wer die Reformbemühungen im deutschen Gesundheitswesen verfolgt hat oder die Diskussionen um den Länderfinanzausgleich betrachtet, der wird erkennen, dass absurde Bürokratie und kleinliche Kirchturmpolitik wahrlich kein europäisches Privileg sind. Das können wir auf nationaler Ebene mindestens genauso gut!

Doch zurück zu den Briten. Die wollen sich nun überlegen, ob sie nicht doch lieber nicht und wenn, dann wollen sie, dass sich einiges zu ihren Gunsten ändert und eigentlich wollen sie, dass das Spiel komplett nach ihren Regeln gespielt wird. Linksverkehr für alle.

Also, liebe Briten: Ich fände es schade, wenn ihr euch gegen die EU entscheidet. Weil ihr zu Europa dazugehört. Weil ihr zu groß seid, um dem Rest Europas egal zu sein, und zu klein, um ohne Europa Bedeutung zu behalten. Weil ich euch einfach vermissen würde.

Erwartet aber bitte nicht, dass Europa euch zuliebe Sperenzchen macht. Ich hoffe sehr, dass der Rest der EU in dieser Frage ähnlich denkt wie ich und standhaft bleibt. Entscheidet euch bitte und tragt so oder so die Konsequenzen. Mit dem Gleichmut, den wir von euch kennen. Denn seid mal ehrlich: Schlimmer als die Luftwaffe der Nazis kann selbst die Europäische Kommission nicht für euch sein.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: