Nicolai Levin

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Nehmt endlich den Rosenkranz aus dem Notarztkoffer

Kirche und Krankenhaus – eine unselige Verbindung. Die Debatte um das abgewiesene Vergewaltigungsopfer zeigt, dass Religionsgemeinschaften als Träger von Notfalleinrichtungen nichts verloren haben.

Hier hat die Kirche nichts zu suchen: Intensivstation. Foto: Norbert Kaiser – Creative Commons Lizenz

 

In Köln wurde vor kurzem eine junge Frau mit K.o.-Tropfen bewusstlos gemacht, vermutlich wurde sie anschließend vergewaltigt. Zwei Krankenhäuser in katholischer Trägerschaft verweigerten ihr am nächsten Morgen die Betreuung zur Behandlung und Beweissicherung, weil sie fürchteten, durch die “Pille danach” in Konflikt mit kirchlichen Richtlinien zu kommen. Soweit in aller Kürze die Grundlagen des Skandals, der momentan heiß diskutiert wird.

Es geht hoch her in den Talkshows zum Thema. All die Fragen rund um Empfängnisverhütung, Abtreibung und Lebensschutz will ich hier gar nicht abhandeln. Auch die Debatten um die Sexualmoral der Kirche und die Interpretationen der Glaubenslehre sollen nicht mein Thema sein.

Mich treibt eine ganz andere Empörung: Wie kann es sein, dass unsere Notfallmedizin in die Geiselhaft von weltanschaulichen Gruppen gekommen ist? In den Notaufnahmen unserer Krankenhäuser darf Religion keine Rolle spielen – weder bei den Patienten noch beim Personal! Für die allgemeine Notfallversorgung haben die Regeln der Heilkunst zu gelten und die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland. Und sonst gar nichts!

Mag sein, dass wir uns alle aus Überlieferung und Bequemlichkeit daran gewöhnt haben, dass es Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft gibt. In 99% der Fälle merkt man davon ja auch gar nichts. Aber der Kölner Fall zeigt, wie problematisch diese Verbindung von Religion und Notfallmedizin ist. Ich bin überzeugt: Medizinische Ethik hat einer säkularen Übereinkunft zu folgen, jedenfalls dann, wenn die Patienten keine Wahl haben bei der Wahl ihres behandelnden Arztes.

Nur um die Absurdität zu zeigen: Lassen sie uns auch anderen weltanschaulichen Gruppen mal hypothetisch ihr Krankenhaus zusprechen. Nachdem ich einen schweren Autounfall hatte, fliegt mich dann der Helikopter zum Spital der Zeugen Jehovas, wo ich aber leider aus religiösen Gründen keine Bluttransfusion bekomme. Wenn ich mir beim Skifahren den Schenkel zertrümmere und sie mich zum Klinikum der abergläubischen Schwestern fahren, werde ich am Freitag leider nicht operiert, weil man das am 13. nicht wagen will. Und im jüdischen Krankenhaus muss ich hungrig schlafen gehen, weil blöderweise heute Jom Kippur ist und damit Fastentag.

So geht’s natürlich nicht. Krankenhäuser werden von Krankenkassen und Steuergeldern bezahlt, entsprechend haben sie sich weltanschaulich neutral zu verhalten. Sie gehören in die Hände der (säkularen) Allgemeinheit – also in öffentliche Trägerschaft. Wenn sie es ohne Qualitätsverlust schaffen, profitabel zu arbeiten, meinetwegen auch in private Hand, die sich freilich nur an den Gewinnen freuen darf, nicht aber in Ethos und Moral der Mediziner hineinregieren darf.

Natürlich sollen Glaubensgemeinschaften Einrichtungen aller Art für ihre Mitglieder unterhalten dürfen. Auch Krankenhäuser. Das hat seinen guten Platz in einer Welt, in der Menschen religiös sind. Wenn ich als strenggläubiger Jude keine Lust habe, der Krankenschwester im städtischen Krankenhaus zu jeder Mahlzeit aufs neue erklären zu müssen, was koscher ist; wenn ich außerdem Sicherheit haben will, dass alles, was der Onkel Doktor mit mir anstellt, auch die Billigung meines Rabbiners findet, dann ist ein spezielles jüdisches Krankenhaus eine gute Wahl für mich. Aber dorthin darf der Notarzt eben keine bewusstlosen Katholiken bringen. Und umgekehrt.

Notarztwägen nämlich haben Menschen an Bord, die dringend hilfebedürftig sind. In den seltensten Fällen sind die Patienten in der Lage, jetzt und hier schwerwiegende Entscheidungen mit ethischem Gehalt zu treffen. Umso höher hängt die Verantwortung bei denen, die sie als Rettungssanitäter und Ärzte behandeln und diese Entscheidungen anstelle und für die Patienten zu treffen haben.

Wenn man hier partikulare Glaubenslehren der eigenen Religion anwendet und sie zwangsweise dem Patienten aufdrückt – in der Regel ohne zu wissen, wie der Patient es mit der Religion hält – dann ist das in meinen Augen nichts anderes als eine Vergewaltigung der Glaubensfreiheit. Man betreibt faktische Zwangsmissionierung an den wehrlosen Patienten, denen so die eigene Glaubenspraxis aufgezwungen wird. Und diese Schweinerei wird dann auch noch mit unser aller Krankenkassenbeiträgen und Steuergeldern bezahlt.

Die Kirche soll im Dorf bleiben und sie mag auch gerne einen Seelsorger in die Krankenhäuser senden. Aber von den Gewissensentscheidungen der behandelnden Notärzte muss sie endlich ihre Finger lassen!

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