Nicolai Levin

Home » Wirtschaft » Stell dir vor, es ist Rezession, und keiner geht hin.

Stell dir vor, es ist Rezession, und keiner geht hin.

Hallo! Sie da! Wir haben Krise! Stört Sie nicht? Komisch, mich auch nicht. Es geht uns blendend in der Rezession. Ist das nicht seltsam?

Geschäftiger Containerhafen - Zeichen stabiler Konjunktur (Foto: Rainer Knäpper, Lizenz Freie Kunst)

Geschäftiger Containerhafen – Zeichen stabiler Konjunktur (Foto: Rainer Knäpper, Lizenz Freie Kunst)

Im letzten Quartal 2012 ist die Wirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland geschrumpft. Um 0,6%. Damit stecken wir sozusagen amtlich in der Rezession. Wir haben weniger erwirtschaftet als im Vorquartal. Deutschland steht zahlenmäßig nicht besser da als der Rest der EU und taugt somit nicht mehr als Konjunkturlokomotive.

Eigentlich müssten jetzt alle Mordio schreien. Die Arbeitslosenzahlen sollten in die Höhe geschnellt sein, weil die Unternehmen schon seit letztem Sommer angesichts ihrer leeren Auftragsbücher reihenweise Leute entlassen haben müssten. Die Wirtschaftsforscher müssten Tiefststände bei ihren Umfragezahlen zur Zuversicht der Unternehmen und dem Konsumklima melden. Die Regierung sollte debattieren, ob man auf die Selbstheilungskräfte des Marktes vertrauen wolle oder doch nach keynesianischem Muster Konjunkturprogramme auflegen solle. Tiefe Löcher müssten im Bundeshaushalt klaffen, weil die Sozialsysteme nur mit Hilfe von milliardenschweren Bundeszuschüssen in der Lage wären, all die Arbeitslosen zu unterstützen, wo doch gleichzeitig die Zahl der Beitragszahler wegbräche und die Steuereinnahmen in den Keller ginge.

Soweit der Konjunktiv.

Wie aber sieht die Realität aus? Die Arbeitslosenzahlen steigen zwar leicht an, bleiben aber nahe den historischen Rekordmarken am Rande der Vollbeschäftigung. Das Konsumklima hält sich stabil, die Unternehmenszuversicht steigt wieder. Die Steuereinnahmen sprudeln, der Finanzminister steht unter Druck, mit der Haushaltssanierung ernst zu machen. Niemand will ernsthaft Geld in staatliche Konjunkturprogramme stecken. Die Sozialsysteme erwirtschaften Überschüsse, die schon wieder Begehrlichkeiten wecken.

Darüber darf man sich freuen. Es geht uns – trotz Schuldenkrise und schwieriger Weltwirtschaft und der Konkurrenz aus Fernost – wirtschaftlich gut. Um hochqualifizierte Bewerber prügeln sich die Arbeitgeber. Brauchbare Lehrlinge werden händeringend gesucht. Die Deutsche Bahn fahndet auf riesigen Plakaten in den Bahnhöfen selbst nach wenig qualifizierten Kräften, wie etwa Gebäudereinigern! Im Supermarkt und beim Bäcker hängen Zettel “Verkäufer/-in gesucht”.

Was ganz offensichtlich nicht passt, sind die Konjunkturmodelle der Ökonomie. Eigentlich müssten in den Makroökonomik-Vorlesungen unserer Hochschulen gerade jetzt ein paar hundert wütende Studenten ihren Lehrern den Lernstoff vom Konjunkturzyklus und seiner Mechanismen klatschend um die Ohren hauen! Wie es scheint, taugen die Erkenntnisse von Friedman, Keynes, Kondratjeff eben doch nicht für alle Zeiten und Umstände. Irgendwas hat sich geändert, sei es die Technik, seien es die Menschen, sei es der Fluss der Informationen.

Also auf zu neuen Ufern. Die Wirtschaftswissenschaft hat nichts zu verlieren, außer die Fesseln ihrer historisch widerlegten Erklärungsmodelle. Ökonomen, überzeugt uns, indem ihr uns diese verrückte Welt erklärt! Wir warten gespannt …

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: