Nicolai Levin

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Momente des Lächelns (2)

Eigentlich ist es noch viel zu früh am Morgen. Trotzdem ist der ICE, der am Bahnsteig bereitsteht, schon voller Leben. Im Waggon der Ersten Klasse richten sich Geschäftsleute für die Fahrt ein. Fast nur Männer. Graue Anzüge, graue Gesichter. Sie verräumen ihre Trolleys, einige radeln verbissen durch ihre Blackberrys, andere starren konzentriert in die Bildschirme ihres Laptops. An ein paar Plätzen verschwinden die Gesichter hinter Zeitungen – Frankfurter Allgemeine, Handelsblatt, Bild. Es herrscht freudlose Routine.

Da betritt auf einmal eine junge Frau den Wagen. Sie ist elegant angezgogen und wirkt sehr gepflegt, eine ausgesprochen attraktive Erscheinung, aber definitiv keine Geschäftsfrau. Hinter sich zieht sie einen monströsen Rollenkoffer. Etwas unsicher sucht sie einen Sitzplatz. Auf einen Schlag kommt Leben in die Szene. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf die Frau. Man springt auf, um ihr zu helfen. Zwei Mann hieven das Koffermonstrum in die Gepäckablage.

Testosteron liegt in der Luft. Im Raum steht die spannende Frage, wo sich die Dame hinsetzen wird. Wird sie die Kavaliere, die ihr den Koffer verstaut haben, mit ihrer Anwesenheit belohnen? Bekommt ein anderer die unverhoffte Chance zu Plauderei und Flirt? Krawattenknoten werden dezent zurechtgerückt, Bäuche eingezogen.

Da zückt die Dame einen Fahrschein. Oh weh! Sie hat eine Reservierung. An wessen Seite hat die Deutsche Bahn sie platziert? Die junge Frau blickt auf ihren Ausdruck, sieht sich um, zögert. Alle Männer rundum sind Vielreisende, man kennt sich aus. Sofort nimmt sich einer den Ausdruck – zeigensemaldashamwirdochgleich – und kommt zur Hilfe. Ja Platz 34, das ist hier … also, ach nein, das ist in der Zweiten Klasse, da müssen Sie leider einen Wagen weiter.

Vorbei der Zauber. Der Koffer wird wieder heruntergehoben. Die junge Frau bedankt sich freundlich, sie steckt ihre Reservierung wieder ein und zieht davon, den Riesenkoffer hinter sich herziehend.

Die betrogenen Kavaliere setzen sich hin, nehmen ihr Handelsblatt und ihren Blackberry wieder zur Hand und machen weiter wie vorher. Das Testosteron verzieht sich allmählich. Es wird eine triste stinknormale Bahnfahrt werden – mit den gleichen langweiligen Nasen wie jedesmal.

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