Nicolai Levin

Home » Kultur » Liebe Vielreisende, ihr geht gar nicht!

Liebe Vielreisende, ihr geht gar nicht!

Wenigreisende vs. Vielreisende. Beinahe ein Streitgespräch. Hier Teil 1: Der Wenigreisende hat das Wort.

“Was beim Reisen wirklich nervt, sind die Vielreisenden.

Leider nur selten so leer: ICE-Großraumabteil (Foto: Sebastian Terfloth; Creative Commons Lizenz)

Leider nur selten so leer: ICE-Großraumabteil (Foto: Sebastian Terfloth; Creative Commons Lizenz)

Ihnen gehört die Lounge, der Flugsteig oder der Eisenbahnwagen. In Flugzeug oder Bahn sind sie das, was Audifahrer auf der Autobahn sind. Immer mit der Lichthupe auf der linken Spur; alles wegballern, was nicht zweihundert fahren kann oder mag.

Sie sind so schrecklich effizient, sie kennen sich aus, und sie erwarten das ganz automatisch von allen anderen Reisenden auch.

Wenn ich nur zweimal im Jahr mit dem ICE fahre, weiß ich nicht mit einem schnellen Blick auf mein Handy, dass Platz 89 der rechts hinten im Eck ist. Ich muss mich erstmal orientieren, um den Flugsteig, den Waggon, den Sitzplatz zu finden oder herauszubekommen, ob ich mich nun auf diesen verlockend freien Platz hier setzen darf.

Die Vielreisenden halten sich offenbar für eine Gemeinschaft von Auserwählten. Sie tun gern so, als wären sie Freimaurer oder so was. Wehe, wenn in geselligen Runden zwei aufeinander treffen! Dann tauschen die erstmal Geheimtipps aus: Dass es am Flughafen Düsseldorf eine gut versteckte Sicherheitskontrolle hinter dem Subway gibt, die praktisch keiner kennt, und dass der Wagen 23 im 18:49-Zug von Hannover immer so leer ist, weil da eine Lücke im Reservierungssystem der Bahn bestehen muss. Wenn sie das dann durch haben, ziehen sie mit Vorliebe über uns Wenigreisende her. Wie wir immer im Weg stehen, uns nicht auskennen und den Vielreisenden auf die Nerven fallen!

Sie tun so, als seien die Fahrten, die sie im Auftrag ihrer Arbeitgeber und Kunden (und auf deren Kosten) unternehmen, so etwas wie eine persönliche Leistung. Voller Stolz tragen sie die Meilenstände ihrer Vielflieger- und Bonuskarten vor sich her. Im Film “Up in the air” überspitzt George Clooney diese Haltung, aber ich kann Ihnen versichern: Die sind wirklich so! Alle!

Das Schlimmste aber ist, dass sich die Wenigreisenden davon beeindrucken lassen. Sie versuchen krampfhaft so zu tun, als seien sie auch Routiniers des Reisens. Sie wollen nur ja nicht auffallen. Sie genieren sich ihres Status, so wie viele Deutsche sich im Ausland als Deutsche genieren.

Aber dazu besteht kein Grund. Wenigreisende, wo bleibt unser aller Selbstbewusstsein?

Bitteschön, wenn ich einmal im Jahr in die Ferien fahre, wenn ich beruflich eben nur zwei- oder dreimal jährlich unterwegs bin, muss ich mich dafür rechtfertigen? Nein, das muss ich nicht! Für mich ist ein Tag, an dem ich nicht mit der Tram oder dem Rad ins Büro fahre, ein besonderer. Ich bin gespannt und – ja! – ein bisschen aufgeregt, Reisen ist für mich ein kleines Abenteuer! Den Morgenkaffee nicht bei der Bürokaffeemaschine holen, sondern “to go” im Café. Die wimmelige Atmosphäre am Bahnhof oder Flughafen, die Durchsagen – für Leute wie mich ist das nicht der Alltag, und ich schäme mich kein bisschen dafür.

Und dann kann es durchaus sein, dass ich am Check-In-Schalter drei Sekunden länger benötige, weil mir Dinge nicht klar sind, die andere längst wissen. Doch da steht da unter Garantie irgendein Vielflieger: Wenn ich Glück habe, rollt er nur die Augen, aber es kann auch sein, dass ich mir dann zu allem Überfluss auch noch blöde Sprüche anhören muss.

Ich habe ja den Verdacht, dass dieser Popanz, den die Vielreisenden da aufbauen, nur davon ablenken soll, dass sie es eigentlich hassen, ständig unterwegs zu sein. Tief im Inneren beneiden sie uns, die wir jeden Arbeitstag um halb sechs aufs Rad oder in die Tram steigen und nach Hause kommen dürfen. Ihre Verachtung gegenüber uns Seltenreisenden ist eigentlich nur der verkappte Wunsch, so zu werden wie wir.

Also, Vielreisende: Treibt eure Effizienz ruhig auf die Spitze! Macht euch auch während eurer Fahrten zum Sklaven eures Berufes! Aber lasst mir doch bitte meine schlichte Freude am Abenteuer Reisen.”

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: