Nicolai Levin

Home » Kultur » Liebe Wenigreisende, ihr geht gar nicht!

Liebe Wenigreisende, ihr geht gar nicht!

Wenigreisende vs. Vielreisende. Beinahe ein Streitgespräch. Hier Teil 2: Der Vielreisende hat das Wort.

“Was beim Reisen am meisten nervt, sind Wenigreisende.

Passagierabfertigung - hier können Wenigreisende zur Qual werden (Foto: Mikano, Creative Commons Lizenz)

Passagierabfertigung – hier können Wenigreisende zur Qual werden (Foto: Mikano, Creative Commons Lizenz)

Wenn man – wie ich – viel unterwegs ist, versucht man, die Reisezeiten, so gut es eben geht, zu straffen. Man hat über die Zeit ein paar Tricks gelernt und Gewohnheiten angenommen, die das lästige Reisen etwas leichter und angenehmer machen. Wenn Geschäftsreisen gut laufen, bekommen sie eine Routine, in der eine Reihe von gleichgesinnten Vielreisenden ein gemeinsames Verständnis und einen Modus gefunden haben, einander das Leben erträglich zu halten.

Es gibt da so ungeschriebene Regeln. Eine davon: Im ICE herrscht morgens vor 9 Uhr Ruhe. Alle wollen arbeiten oder noch eine Mütze Schlaf nehmen. Alle wissen das und halten sich dran. Außer natürlich das Lehrer-Ehepaar in Cordhosen mit den Riesenkoffern und den Studiosus-Anhängern. Die schwatzen aufgeregt und kommentieren lautstark jede durchgefahrene Station und schimpfen über die Bistro-Preise.

Oder am Flughafen. Da versuche ich, die lästigen Wartezeiten am Flugsteig zu minimieren. Zugegeben, ich plane zeitlich nicht viel Puffer ein. Aber wenn alle spuren, klappt es wunderbar. Alles, was piepsen könnte, halte ich schon bereit, wenn ich dran bin mit dem Sicherheits-Check. Im Aktenkoffer ist nichts, was suspekt aussehen könnte. Gürtel und Schuhe haben sich schon in vielen Flügen bewährt, die muss ich gar nicht erst ausziehen. Es geht folglich ruckzuck bei mir. Aber da ist unter Garantie vor mir in der Schlange die Trulla mit den Stulpenstiefeln oder der Opa, der seine Thermoskanne mit Kakao in die Maschine mitnehmen will. Sind die seit 2001 nicht mehr geflogen, oder was? In dem Film “Up in the air” gibt die Figur von  George Clooney ein paar wertvolle Tipps, wie man solche Mitreisenden erkennen und meiden kann.

Am schlimmsten ist aber nicht, dass Wenigreisende den reibungslosen Betrieb aufhalten. Dafür, dass sie sich nicht so gut auskennen, können sie ja nichts. Nein, das Nervigste ist ihre selbstgefällige Art. Die Trulla kichert erst blöd und zieht sich dann aus Protest extra umständlich und langsam ihre peinlichen Stiefel aus. Der Opa mit der Thermoskanne hält nicht nur die Schlange hinter sich auf, weil er den Kakao abgeben muss. Nein, er beschwert sich auch noch lautstark, protestiert, ruft was von “Stasimethoden” und blickt sich beifallheischend um – in der Erwartung, die anderen Reisenden würden sein Unverständnis teilen. Und wundert sich, wenn alle wegschauen, facepalmen und ihn gar nicht beachten …

Das gleiche Bild bei der Bahn. Jeder Bahn-Comfort-Kunde weiß zu schätzen, dass er mit der Bahn zuverlässiger und pünktlicher ans Ziel kommt als mit Auto oder Flugzeug. Nichtsdestoweniger verspätet sich natürlich auch die Bahn mal, wenn sich ein Lebensmüder vor den Zug wirft oder ein Motor kaputtgeht oder ein umgefallener Baum die Gleise blockiert. Die Bahn unternimmt inzwischen wirklich viel, um ihre Kunden per Web und App und Twitter schnell zu informieren und Ersatztransport bereitzustellen, wenn im Ablauf was dazwischenkommt. Bloß die Wenigreisenden tun überrascht und empört und meinen dann auch noch, sie müssten ihre Ignoranz möglichst laut mit anderen teilen.

Da kommt man also bei dichtem Schneetreiben und minus fünf Grad Celsius irgendwo an den Bahnsteig, und der Zug wird tatsächlich mit 20 Minuten Verspätung angekündigt (während auf den Autobahnen längst alle stehen und der Flugverkehr bundesweit zum Erliegen gekommen ist). Gerade wenn man sich aufgemacht hat, die Wartezeit lieber bei Kaffee und Zeitung in der warmen DB-Lounge zu verbringen, kann man sicher sein, dass so ein Cordhosen-Studiosus-Anhänger-Papa lautstark schimpft, dass das doch eine Sauerei sei und mal wieder typisch für die Bahn, und dann gifter er sogleich den nächsten Bahnangestellten an, wo und wie er jetzt sein Geld zurückbekommt.

Nur deshalb will ich eine spezielle Businesskategorie für Vielreisende. Die soll gar nicht mehr Komfort bieten als das Fluglinien und Bahn schon jetzt für ihre Passagiere bereithalten. Aber sie möge mich vor den ignoranten Wenigreisenden verschonen!”

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: