Nicolai Levin

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Heiraten ist sowas von schwul

Die Union zofft sich, wie weit sie gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit der Ehe gleichstellen will. Das Verfassungsgericht hat in Sachen Adoptionsrecht eine Steilvorlage geschlagen, jetzt ist eigentlich nur noch offen, wer ins leere Tor köpft.

Doch halt! Die Christdemokraten fürchten, ihre traditionsverhaftete Stammwählerschaft zu vergraulen, wenn sie allzu liberal mit den

Eine Institution: die Ehe (Brautpaar in Spanien in den 1930er Jahren)

Eine Institution: die Ehe (Brautpaar in Spanien in den 1930er Jahren)

Homosexuellen umgehen. Deshalb lautet der Beschluss, aggressiv abzuwarten und sich nur ja nirgendwo in die Nesseln zu setzen.

Man mag es eklig finden, wenn sich Männer lieben. Man kann auch Brokkoli eklig finden, aber deswegen muss man ihn nicht gleich verbieten oder steuerlich benachteiligen. Schauen wir also mal, wie es der Staat jenseits von Ekel und Milieu und Befindlichkeit mit den Schwulen halten sollte.

Da sind Ehe und Familie erstmal rein materiell gesehen soziale Einheiten, die den Staat entlasten. Wer dafür aufkommt, (seine eigenen oder andere) Kinder großzuziehen, erspart dem Staat Waisenhäuser und Kinderheime. Wer mit seinem Gehalt einen Ehepartner mitversorgt, entlastet die Sozialkassen. Wer seine Eltern oder Geschwister pflegt und versorgt, ebenso. Im Gegenzug gewährt der Fiskus den Familien Freibeträge und Vergünstigungen im Steuerrecht, zahlt Kindergeld und andere Unterstützungsleistungen.

Solange die Familien netto dem Staat mehr bringen, als er an Wohltaten für sie bereithält (und dafür spricht einiges, auch wenn das so genau keiner ausrechnen kann), dann sollte das Bestreben dahin gehen, möglichst viele Menschen als “Ehe und Familie” zu definieren, um den Staatssäckel zu entlasten.

Für die materielle Seite spielt es überhaupt keine Rolle, in welcher Männlein-Weiblein-Konstellation das stattfindet. Dem Sozialstaat sollte jede finanzielle Entlastung gleichermaßen recht sein.

Jetzt fragen Sie vielleicht: “Was aber ist mit Ehe und Familie jenseits des schnöden Mammons? Familie als gesellschaftlicher Institution? Als Wert an sich?” Wie sie auch im Grundgesetz geschützt ist (Art. 6 Abs. 1)? “Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung”, heißt es da lapidar.

In Diskussionen um die Schwulenehe war zu lesen, die Basis der besonderen Bevorzugung der klassischen heterosexuellen Ehe im Grundgesetz, sei in der Reproduktion zu suchen. Der Staat habe systemisch ein Interesse an seinem eigenen Erhalt, und deshalb gehe es darum, die (potenziell) kinderbringende Ehe zu fördern.

Fast wie "Mad Men": Traditionelle Familie beim gemeinsamen Fernsehen, USA in den 1950er Jahren

Fast wie “Mad Men”: Traditionelle Familie beim gemeinsamen Fernsehen, USA in den 1950er Jahren

Das halte ich für Quatsch. Dass Kinder einmal knapp werden könnten, war 1948 so unvorstellbar wie ein offen schwuler Außenminister, eine Frau als Kanzler oder ein Präsident in “wilder Ehe”. “Kinder werden immer geboren”, lautete das Argument, mit dem Konrad Adenauer noch 1957 die Umstellung der Rentenversicherung vom Kapitaldeckungsverfahren auf die Umlage durch die laufenden Rentenbeiträge begründete. Erst mit dem Pillenknick Ende der 1960-er Jahre nahm der demografische Wandel an Fahrt auf, und die Sorge geisterte erstmals durch die Diskussionen, dass die Deutschen mal aussterben könnten.

Wohl kannten die Verfasser der Grundgesetzes Geburtenförderung, aber sie haben sie schwerlich gebilligt. Kinderreichtum war ein großes Ziel der Nazis gewesen, die mit Mutterkreuz und anderen Maßnahmen gezielt zu mehr Nachwuchs in Deutschland beitragen wollten. Unverblümter Zweck der Nazis war es, die deutschen Streitkräfte nachhaltig mit neuen Kämpfern zu bestücken. Familienförderung als Soldatenzucht also. Das fand man nach dem Kriege nicht mehr so toll, und dieses Unbehagen hält sich eigentlich bis heute.

Liest man den Artikel 6 aber vor dem Hintergrund, dass die Autoren des Grundgesetzes ein Gegenbild gegen die Nazizeit zeichnen wollten, drängt sich eine ganz eigene Lesart auf. Die Familie bewahrt sich ein Recht auf Autonomie vor den Eingriffen der Staatsmacht.

Die Familie bildet die kleinste gesellschaftliche Einheit. Wir alle sind von unserer familiären Herkunft geprägt. In der Familie werden wir zu Tischmanieren ermahnt, wir erleben Konflikte, lernen Kompromisse zu schließen und Toleranz zu üben. Wir erfahren Ungerechtigkeit, Streit und Versöhnung. Das Zusammenleben in der Familie prägt unser Kommunikations- und Sozialverhalten. Prägende Rituale, überlieferte Traditionen. Wertvorstellungen, die wir übernehmen, und solche, die wir vehement ablehnen: All dies vermittelt uns das Zusammenleben mit Eltern und Geschwistern.

Freiheitliche Gesellschaften lassen der Familie ihren Lauf. Wer dagegen totalitären Anspruch auf die Menschen hegt, dem ist die Familie ein Dorn im Auge. In vielen Stammeskulturen werden die Halbwüchsigen aus dem Familienverbund getrennt, müssen sich allein oder in einer Gruppe mit Gleichaltrigen durch Initiationsriten als vollwertige Gesellschaftsmitglieder bewähren, bevor sie in neuer Rolle als junge Erwachsene zurückkehrten. Die Spartaner haben die Knaben früh ihren Familien entrissen und sie zu Kriegern ausgebildet – den Nazis galt das als Vorbild: Sie schufen mit Jungvolk, Hitlerjugend, BDM, Arbeitsdienst, Pflichtjahr, Wehrdienst eine lückenlose Reihe von familienfernen Organisationen, in denen der Jugend das braune Gift eingeflößt werden sollte. Auch die kommunistischen Regime griffen nach den Kinderköpfen: Junge Pioniere, FDJ oder Komsomol hießen ihre Massenorganisationen.

Auch in abgeschwächterer Form finden wir immer da einen Eingriff in die Familienautonomie, wo Institutionen Menschen drastisch umerziehen und beeinflussen wollen: Ob das traditionell die Armee mit ihren Kadettenanstalten für Offiziersanwärter ist, in der schon Bübchen kaserniert wurden, oder die katholische Kirche mit ihren Priesterseminaren. Freiheit im Kopf können beide nicht brauchen.

Das Grundgesetz dagegen lässt den Familien ihre Freiheit. Die freiheitliche Demokratie in Deutschland überlässt ihren Bürgern gezielt die bürgerliche Freiheit, das menschliche Zusammenleben im kleinsten Kreis und die häusliche Erziehung der Kinder weitestgehend ungestört zu gestalten, wie es ihnen gefällt.

Warum diese Gestaltungsfreiheit nur heterosexuellen Paaren vorbehalten sein soll, lässt sich nur schwer begründen. Die Freiheit, die das Grundgesetz unserer Privat- und Erziehungssphäre überlässt, bleibt unbehelligt von unserer sexuellen Orientierung.

Alles in allem haben die Schwulengegner keine wirklich schlagenden Argumente auf ihrer Seite. Für sie spricht lediglich das Unbehagen der Traditionsbewahrer, die unbestimmte Ablehnung eines Lebensstils und die Sorge, dass mit der Gleichstellung der Lebensmodelle jetzt allen abseitigen Spielarten von sexueller Identität Tür und Tor geöffnet werden. Das lässt sich aus bürgerlicher Perspektive durchaus nachvollziehen, aber bei Licht betrachtet hilft es nichts. Die Gleichstellung der Schwulen – auch in Fragen des Ehe- und Familienrechtes – wird kommen, wenn uns der Gleichheitsgrundsatz unserer Rechtsordnung etwas bedeutet. Und das ist auch gut so.

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