Nicolai Levin

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Momente des Lächelns (3)

Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen des Frühlings strömen die Menschen wieder ins Freie. Im Straßencafé in der Fußgängerzone haben sie schon die Tische im Freien aufgestellt, und die Menschen nehmen es dankbar an. Auf vielen Tischen stehen Gläser mit Latte Macchiato und Cappuccinotassen; dazwischen blitzt es da und dort schon orange von den Aperol-Sprizz-Gläsern als Vorboten des Sommers.

Es ist voll, alle Tische sind besetzt. Obwohl: Nein! In der Mitte des Pulks ist ein einzelner Tisch freigeblieben. Und zwei Männer haben ihn entdeckt! Sie kommen von gegenüber liegenden Seiten, einer von der linken Seite, einer von rechts, und jetzt kämpfen sie sich aufeinander zu. Ein Wettlauf um den freien Tisch, die beiden Konkurrenten wühlen sich vorwärts, boxen sich durch die Sitzenden, haarscharf an der Grenze dessen, was noch akzeptables Verhalten ist: “Tschuldigung, darf ich mal eben.” Und – wusch – sind sie weiter.

Sie erreichen den freien Tisch gleichzeitig. Naja, nahezu gleichzeitig. Ein kaum messbarer Unterschied. Die Herrschaften an den Tischen rundum schauen schon interessiert. Es entwickelt sich:  ein seltsamer Kampf um diesen Tisch, der ganz ohne Worte auskommt.

Herr Links kneift die Augen zu, ballt die Fäuste, lässt sie nach unten sausen, deutet an: “So ein Mist, haarscharf daneben!” Herr Rechts traut dem Braten nicht, er blickt sich um, sucht wohl Unterstützung unter den Umsitzenden, die ihm seinen Sieg bestätigen sollen. Doch die tun einen Teufel, sich auf eine Seite zu schlagen. Und Herr Rechts? Lehnt sich zurück und deutet mit großer Geste einladend zu Herrn Links, im Sinne von: “Bitte, ich will den Sieg gar nicht, nehmen Sie.” Mit mehr Grandezza könnte man keine olympische Goldmedaille ausschlagen.

Herr Links wird von dieser Wendung unvorbereitet getroffen. Er wehrt ab, weist das Angebot mit beiden Händen von sich: “Nein, nein, nein! Kommt gar nicht in Frage!”

So geht es eine Zeit lang hin und her. Stumm und gestenreich. Die Cafégäste rundum schauen inzwischen völlig ungeniert dem Schauspiel zu. Einige feixen.

Da auf einmal nimmt Herr Rechts, den Stuhl, der vor Herrn Links steht, zieht ihn zurück, wie man das als Kavalier für eine Dame macht. Und dann … setzt er sich rasch einfach selbst auf den anderen Stuhl. Und grinst.

Herr Links zögert kurz, dann lässt er sich langsam auf den bereitgestellten Stuhl gleiten. So sitzen die beiden Streithähne am Ende einträchtig Seite an Seite. Leise glucksend beginnen sie zu lachen. Alle beide.

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