Nicolai Levin

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Besser als befürchtet: Til Schweiger am Tatort

Rekordeinschaltquoten. Häme eimerweise vorab. Der Hamburger “Tatort” mit Til Schweiger. Gestern abend im Ersten.

ermittelt am Tatort in Hamburg: Til Schweiger (Foto: gdcgraphics)

ermittelt am Tatort in Hamburg: Til Schweiger (Foto: gdcgraphics)

Wenn ein sehr erfolgreicher Kinoschauspieler und Filmemacher sich als “Tatort”-Kommissar verpflichtet, regt das unser Land mehr auf als drohende Atomkriege in Korea. Die einen sehen die Fernsehreihe durch den prominenten Neuzugang geadelt, die andern heulen über die Schändung des Sonntagabends durch den notorischen Nuschler mit der eingeschränkten mimischen Bandbreite.

Der heutige Artikel auf Spiegel-Online rezitiert in erster Linie motzende Twitterer; das scheint die neue Art der Kulturredakteure zu sein, “Volkes Stimme” in ihre Artikel einzubauen, und sich davor zu drücken, ohne fremde Hilfe vollständige Sätze formulieren zu müssen. Ich fand den Tatort übrigens okay. Und wenn Sie den Film erst noch ansehen wollen, sollten Sie hier lieber erstmal nicht weiterlesen.

Die Inszenierung war actionlastig, das hat im Reigen der Tatortteams noch gefehlt. Einer rasanten Geschichte verzeiht man logische Stolpersteine im Drehbuch eher als langsamen Kriminalgeschichten, die zum Mitdenken einladen.
Dass man uns keine klassische Mördersuche zugemutet hat, spricht für die Autoren. Wie diesem Tatort überhaupt Lob zukommt für all das, was er an Fettnäpfchen und Klischees ausgelassen hat. Erspart blieb uns:

  • Til Schweigers nackter Oberkörper
  • schlagfertige Antworten des Helden oder coole Sprüche
  • irgendwelche “in-letzter-Sekunde”-Aktionen (nun ja, meistens jedenfalls)
  • weibliche Eroberungen des Helden
  • die verkrampfte Suche nach Lokalkolorit
  • Imbissbuden, Currywürste, Fischbrötchen

Die Hauptfigur wirkt insgesamt so plausibel, wie man das von einem Actionhelden erwarten darf. Der Typ ist schlüssig: Da hat einer nie aufgehört, Indianer zu spielen – diese Logik verkörpert dieser Nik Tschiller, und Til Schweiger bringt es glaubhaft rüber. Die Jahre und die Zigaretten haben Spuren in Schweigers Gesicht hinterlassen, die ihm gut stehen – aber dafür kann er nichts. Ordentlich zu verstehen war er auch, egal welcher Ruf ihm da vorauseilt.

Klar, das Gesäusel des Helden mit seinem Töchterchen wirkt bemüht, vor allem da der Held hier auf einmal superschlau und lebenserfahren die Welt erklärt, während er sonst überzeugenderweise nicht der Mann großer Worte und Konzepte ist. Aber irgendeinen Kontrast zum Ballermacho braucht die Figur eben.

Beim Sidekick, der als Chef-Nerd mit seinem Notebook vom Krankenhausbett aus einfach alles hacken kann, da hätte man zwei Schichten weniger dick auftragen können. Und dass ein soignierter Bankvorstand kurz vor dem Prozess, in dem er als letzter verbliebener Zeuge gegen den Paten der organisierten Kriminalität aussagen wird, nachdem alle anderen Zeugen umgebracht oder erpresst worden sind, sich einfach so von Mittelsmännern eben dieses Paten eine zwölfjährige Zwangsprostituierte zuführen lässt, zeugt von extremer Dämlichkeit der Figur oder großen Nöten der Drehbuchschreiber, die Fäden ihrer Story zusammenzubringen – ich tippe auf Letzteres.

Kamera und Design waren unaufdringlich und stimmig, die Dialoge meist erfreulich lebensnah (von der sehr deplatzierten Staatsanwältin abgesehen). Bei der Besetzung der Frauenrollen kamen nur sehr gutaussehende Schauspielerinnen zum Zuge; das freut den männlichen Zuschauer, schadet aber der Glaubwürdigkeit. Andererseits sieht man rasanten Actiongeschichten solche Fehler eher nach …

Ob Til Schweiger schauspielern kann oder nicht – diese Frage bleibt offen. Die Figur des Nick Tschiller (der Name führt auch zu Abzügen in der B-Note) verlangt nicht mehr von ihm, als er liefern kann. Der Hamburger Tatort jedenfalls ist erstmal als Pflichttermin der Reihe notiert, egal was sie auf Twitter schimpfen.

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