Nicolai Levin

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Don Draper mit Rokoko-Perücke

Kurzlebig: Modetrends (Foto: Alexander Hauk)

Kurzlebig: Modetrends (Foto: Alexander Hauk)

Es wird endlich wärmer, man sieht die Frühlingsmode. Mode ist etwas Faszinierendes. Eigentlich bedeutet sie nichts, doch Millionen richten sich nach ihr.

Der permanente Wechsel von Formen, Farben, Stoffen und Schnitten ernährt Tausende bei den Herstellern, den Händlern und allen, die darüber berichten.

Mir ist es ein Rätsel, wie die Modemacher es schaffen, mit ihren individuellen Kollektionen so etwas wie einen gemeinsamen Trend zu kreieren. Woher wissen die, ob kurz oder lang, trist oder bunt, weit oder eng in der nächsten Saison angesagt sein werden? Es muss eine unsichtbare Hand sein, fast wie die des Marktes.

Es ist ein Leichtes über die Absurdität der Mode und des Modebetriebs zu spotten – und viele haben es bereits getan; meisterhaft etwa Robert Altman mit seinem Film “Prêt à Porter”, etwas lahm David Frankel mit “Der Teufel trägt Prada”. Menschen, die sich sklavisch dem Diktat der Couturiers unterwerfen, die ihr Selbstwertgefühl allein daraus ableiten, dass ihr Äußeres dem letzten Schrei entspricht – wir kennen sie und haben über sie gelacht.

Wie aber ist es mit den Modeverweigerern? Ich rede nicht von denen, die dem Trend hinterherhecheln und wegen ihres Zuspätkommens peinlich wirken, weil es halt leider dauert, bis sich die neusten Vorgaben auch bis Kleinkleckersdorf herumgesprochen haben. Auch soll es nicht um die Vielen gehen, deren ökonomische Beschränkung es verbietet, stets der Mode zu folgen. Nein, es soll um die gehen, die sich bewusst gegen das Modische entschieden haben.

Da gibt es einmal die Utilitaristen. “Hauptsache bequem”, ist ihr Motto. Sie orientieren sich konsequent am Nutzen. Daran, ob die Frisur, die Jacke, die Schuhe ihren praktischen Zweck erfüllen und komfortabel zu tragen sind. Diese Einstellung hat unseren Fußgängerzonen und S-Bahn-Wägen die optische Dominanz von Ballonseide und Jack Wolfskin beschert.

Beinah das Gegenteil sind die Korrekten. Ihnen geht es nicht um Ästhetik oder Originalität, sie wollen der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Sie sind die Obrigkeitshörigen unter den Konsumenten. “No brown after six”, “der unterste Westenknopf bleibt offen” – all diese Regeln haben sie inhaliert, und eine Industrie von Kniggeratgebern lebt nicht schlecht von den Unsicherheiten und Wissenslücken dieser Klientel.

Kurios ist, dass viele der Regeln einst als Stilbrüche hochgestellter Paradiesvögel entstanden sind, die dann von Höflingen nachgeahmt wurden und sich irgendwann als Norm durchgesetzt haben. Eduard VII. von England war so einer – über seinem feisten Leib ließ sich die Weste nicht mehr schließen, bums, war ein Trend geboren, dem noch heute jeder bessere Investmentbanker folgt.

Seltsam ist nicht nur, wie Konventionen entstehen, sondern auch, wie sich vermeintlich starre Regeln über die Zeit doch abschleifen und ändern. Selbst der konventionellste Korrektling käme heute nicht mehr auf die Idee, in seidener Kniebundhose und gepuderter Perücke zu einer Party zu erscheinen. Und doch war dieser Aufzug erst Mode, dann Konvention – irgendwann ist man übereingekommen, dass er altmodisch wirkt (das war übrigens zur Zeit Jane Austens, die das sehr fein beschrieben hat) und heute wirkt er völlig aus der Zeit.

Vermutlich ist das Bild der korrekten Herrn in Anzug und Krawatte, das unser (Wirtschafts-) Leben prägt, eben im Begriff, altväterlich zu wirken. Es ist eine Frage der Zeit, bis dieses Outfit den Weg der Rokoko-Mode nimmt. Und dann steht Don Draper neben Valmont im Museum des modischen Äußeren.

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