Nicolai Levin

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Denunzianten! Wo denn?

Steuerabkommen. Steuerhinterzieher. Steuerfahnder. Steuersünder. Steuer-CDs. Sollen die Behörden Geld bezahlen für gestohlene Daten? „Denunzianten!“, ruft es aus der Schweiz und aus dem Leitartikel der heutigen FAZ. Denunzianten? Moment mal:

Denunziantentum ist schlecht. So wie früher Petzen in der Schule; bloß viel schlimmer. Was macht eigentlich das Denunzieren aus?

Mein erstes Bild zum Denunzianten kommt aus der Vergangenheit. Wer in der Nazizeit Regimegegner oder Juden versteckte, wer auch nur Zweifel am Sieg der Deutschen äußerte oder die Machthaber verspottete, der musste fürchten, dass jemand ihn bei der Gestapo anzeigte. Ein Denunziant, wer so etwas tat. Wer in der DDR Westfernsehen sah, tat das leise, um nicht bei der Stasi denunziert zu werden.

Wenn aber heute jemand sieht, dass die Nachbarskinder immer blaue Flecken haben und so verhuscht wirken? Wenn die Drogeriemitarbeiterin bemerkt, dass der Mann an der Fotostation immer so seltsame Bilder nackter Kinder ausdruckt? Ist das Denunzieren, wenn man sich da an die Polizei wendet? Nein. Viel eher wäre es verwerflich wegzuschauen und nichts zu sagen.

Für mich besteht der Kern des Denunziantentums darin, dass man etwas zur Strafverfolgung meldet, was gar kein Unrecht ist und bestraft gehört – unabhängig von Verordnungstexten und der herrschenden politischen Richtung. Eine eigene Meinung zu äußern mag unter den Nazis oder den Kommunisten gegen das Gesetz verstoßen haben, aber wir empfinden es nicht als Unrecht.

In der Tat ist Denunziation nichts anderes als das Petzen in der Schule. Wer beim Lehrer gerufen hat, weil einer abschrieb oder heimlich Comics unter der Bank las, der petzte. Wer sich aber an Lehrer wandte, wenn Mitschüler terrorisiert oder bestohlen wurden, der war vielleicht zu schwach, das Recht nach Schülerehre in die eigene Hand zu nehmen, gepetzt aber hat er nicht.

Auf die Steuerdebatte bezogen heißt das folglich, dass diejenigen, die jetzt auf Denunzianten schimpfen, in der Steuerhinterziehung kein Unrecht sehen, kein bestrafungswürdiges Vergehen. Wenn sie die beiden Verstöße gegeneinander abwägen, dann empfinden sie den Diebstahl von Bankdaten für schlimmer als das Nichtbezahlen fälliger Steuern.

Nun ist unser Steuerrecht zweifellos kompliziert und manches Mal sogar in seinen Auswüchsen ziemlich absurd. Man kann dafür eintreten, es zu ändern. Sich aber einfach in eigener Machtvollkommenheit drüber hinwegzusetzen à la Robin Hood, davon muss mich einer erstmal überzeugen. Und dann können wir meinetwegen über Denunzianten oder Datendiebe reden. Erst dann.

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