Nicolai Levin

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Die Marxisten vom FC Bayern

Spätkapitalismus in der Bundesliga. Ausgerechnet der FC Bayern scheint dem Marxismus recht zu geben und den freien Markt mit dem eigenen Erfolg zu ersticken.

 

Kauft die Liga auf: Uli Hoeneß (Foto: Alexander Kortschik)

Kauft die Liga auf: Uli Hoeneß (Foto: Alexander Kortschik)

Der FC Bayern verpflichtet für 37 Millionen Euro Ablöse und ein kolportiertes Jahresgehalt von sieben Millionen Euro den wohl besten Spieler von Borussia Dortmund, Mario Götze. Auch an Dortmunds erfolgreichstem Stürmer Lewandowski sollen die Bayern dran sein. Ein paar Tage zuvor hat Bayern-Präsident Hoeneß noch in den Medien Krokodilstränen vergossen, dass die Dominanz der Bayern gefährlich werden könnte für die Attraktivität des Fußballs in Deutschland. Dass die unschönen Taten die frommen Worte Lügen strafen, ist nichts Neues bei Hoeneß, das hat die Berichterstattung um sein Steuerverfahren gezeigt.

Dabei hat er natürlich recht mit seinem scheinheiligen Lamento. Dumm ist er ja beileibe nicht. Seien wir ehrlich: Schon in dieser Saison war die Bundesliga eine ziemlich langweilige Veranstaltung. Mit den anstehenden Verstärkungen bei Bayern – und der damit einhergehenden Schwächung der Mitbewerber – ist für die kommende Saison nicht viel mehr Spannung zu erwarten. Wer soll denn mit den immer reicheren, immer dominanteren Bayern mithalten können, wenn das nicht einmal Borussia Dortmund gelingt?

Die Bayern sind im Fußball so erfolgreich wie Microsoft bei der PC-Software. Und ähnlich beliebt. Beide haben aus einer günstigen Ausgangsvoraussetzung über viele Jahre das beste gemacht und damit ihre Position im Markt ausgebaut und gefestigt. Stets die besten Talente geholt, die Erlöse sehr geschickt investiert, mit personeller Kontinuität an der Spitze für Partner und Zulieferer ein Bild der Seriosität erreicht. Die Konkurrenz gnadenlos weggebissen. Dass die Bayern dabei auch einen gewissen Wert auf ihr Bild gegenüber Fans und Öffentlichkeit legen, liegt auf der Hand. Müsste Microsoft einen Großteil seiner Erträge aus dem Verkauf von Fanartikeln generieren, würden sie sich auch anders aufführen.

Monopolisten sind ein Ärgernis für den Verbraucher. Beim Sport, wo der Zuschauer einen Teil seiner Unterhaltung aus Unvorhersehbarkeit und Abwechslung zieht, wird eine Vormachtstellung, wie sie die Bayern derzeit haben, zum Einnahmenkiller. Eine Liga, in der schon vorher jeder weiß, wer gewinnen wird, lockt weniger Stadiongäste, Fernsehzuseher und Merchandisekäufer. Darunter wird auf längere Sicht auch der Dominator leiden.

Bis heute hat der freie Markt im deutschen Profifußball einigermaßen funktioniert. Das lag zuvörderst an der freiwilligen Beschränkung der Erfolgreichsten: Alle Vereine haben sich bei den Fernsehverträgen in einen vom Ligaverband ausgehandelten Kollektivvertrag eingefügt, obwohl die Spitzenclubs mit der Einzelverwertung ihrer Spiele deutlich mehr Geld hätten machen können. Abgesehen davon herrscht ein freies Spiel der Kräfte. Jeder Bundesligist wirtschaftet in Bezug auf Spielergewinnung, Gehälter, Werbeverträge etc. für sich allein, und es blieb dennoch spannend für alle. Diese Freiheit scheint nun durch die marktbeherrschende Stellung der Bayern an ihr Ende gekommen zu sein.

Was uns erwartet, sind amerikanische Verhältnisse. Dort sind die Ligaverbände die zentralen Herren des Geschehens. Die Vereine dagegen bilden lediglich regionale Vertriebsgesellschaften für das Große Ganze. Die Liga sichert den „Franchises“ kalkulierbar konstante Erträge durch Gebietssicherheit: Pro Metropolregion gibt es in jeder Profisportart nur einen Vertreter. Damit ist gewährleistet, dass jeder einträgliche Einschaltquoten und Sitzplatzauslastung bekommt. Der Preis dafür ist, dass es die besonders reizvollen Lokalderbys (wie in Deutschland Köln gegen Düsseldorf oder Fürth gegen Nürnberg) in den USA nicht geben kann. Fernsehrechte und Spielergehälter handeln ebenfalls kollektiv die Verbände aus.

Wirtschaftlich sorgen damit die Verbände für gleiche Rahmenbedingungen für alle. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass durch ein glückliches Händchen oder besonderes Talent ein Team sportlich die Liga dominiert. Auch dagegen haben die Profiverbände ein Mittel: Das sportliche Gleichgewicht wird dadurch gesichert, dass die Transfers vom Verband kontrolliert sind. Die sportlich schwächsten Teams einer Saison haben die ersten Rechte bei der Verpflichtung von wechselnden Spielern. Im amerikanischen System wäre Götze also zu Fürth oder Hoffenheim gewechselt. Auch eine interessante Vorstellung.

Ist das schön? Nicht unbedingt. Die strenge Marktregulierung der Profisportverbände erzeugt den schalen Beigeschmack, dass dem Publikum zu Zwecken der Ertragsmaximierung ein wohlaustariertes Spektakel geliefert wird. Dem Sportfan wird deutlich, dass seine Begeisterung ausgenutzt wird für den Cashflow der Clubbesitzer. Das ist entlarvend, aber allemal besser als eine freie fade Bundesliga, in der alle Jahre wieder die Bayern gewinnen.

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