Nicolai Levin

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Wo sind die Lieder hin?

Wenn ich an die Werbe-Erfahrungen meiner Jugend zurückdenke, kommt mir Gesang ins Gedächtnis. Es wurde richtig viel gesungen, damals im Werbefernsehen der siebziger und achtziger Jahre.

Da war die Geschichte vom Mann, der auf der Bananenschale ausrutschte und am Ende zufrieden und glücklich im Krankenhaus lag, weil er die richtige Police bei der richtigen Versicherungsgesellschaft abgeschlossen hatte. Die Geschichte ohne Worte war mit einem liedermachermäßigen Song unterlegt, dessen Ende so klang: „Denn wer sich Allianz versichert, der ist voll und ganz gesichert – der schließt vom ersten Augenblick ein festes Bündnis mit dem Glück.“

Ein anderes Bild: ein Frauenkopf, der in Zeitlupe sein voluminöses Haupthaar schüttelte. Optisch nicht viel anders als die Shampoowerbung heute, nur halt viel mühsamer ohne Computertricks produziert. Dazu in der Harmonie von jubililierend aufsteigenden Dur-Dreiklängen: „Schönes Haar ist dir gegeben, lass es leben mit Gard. Gib ihm Liebe, gib ihm Pflege und du fühlst dich gut mit Gard.“ Jeder, der Anfang der Achtziger bewusst fern sah, wird mitsingen können. Otto Waalkes persiflierte den Song: „Fettig Haar ist dir gegeben, lass es kleben mit Quark.“ Damals lachten wir, heute wirkt die Pointe ein bisschen gequält.

Oder – etwas später im Jahrzehnt – ein Paar nachts nach Schließung auf der Kirmes. Ihm gelingt es, für Sie das Kettenkarussell zu aktivieren.  Jauchzend karussellt Sie, während er mit dem Karussellisten ein Bier trinkt. Dazu erklingt das Lied: „Ein schöner Tag, die Welt steht still, ein schöner Tag, komm, Welt, lass dich umarmen – welch ein Tag.“ Die Altbierbrauerei Diebels versuchte damals, bundesweit Fuß zu fassen.

Irgendwann muss dann ein Psychologe herausgefunden haben, dass die Werbeliedchen uns Konsumenten zwar ins Ohr und ins Gedächtnis gewandert sind, aber offenbar keine zusätzlichen Umsätze generiert haben. Und so sind die Werbelieder aus der Mode gekommen, selbst die Kurzform als gesungene Slogans („Waschmaschinen leben länger mit Calgon.“) hört man kaum noch.

Stattdessen versuchen die Werber, uns von Akustiklogos zu überzeugen. Intel war da der Vorreiter, die fünf Piepser der Telekom folgten, und heute geben die Markenheinis viel Geld dafür aus, dass wir bei zwei dumpfen Amboss-Schlägen an Autos aus München denken sollen. Es mag der Lauf der Zeit sein, aber trotzdem: Mir haben die Liedchen damals mehr Spaß gemacht.

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