Nicolai Levin

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Neuland für Victoria’s Secrets

Gestern hab ich’s gelesen, und es lässt mir immer noch keine Ruhe. In ihrem Blog http://victoriahamburg.wordpress.com/2013/06/25/fake/ hat Victoria aus Hamburg berichtet, wie sie ein Jahr lang mit jemandem eine intensive Fern- und Internetbeziehung gepflegt hatte – und dann erfahren musste, dass dessen ganze Existenz (samt Dokumenten, Freunden, Accounts) von vorn bis hinten erfunden war. Was man als albtraumhaftes Durchexerzieren von  finstersten paranoiden Verschwörungstheorien vielleicht aus Film und Fernsehen erwarten mag, wurde da im echten Leben brutale Realität. Die Autorin berichtet von zahlreichen Reaktionen, die sie per Mail erreicht haben. Auch die Wellen, die das Geständnis bei ihren Twitter-Folgern ausgelöst hat, zeigt, dass die Geschichte nicht nur mich bewegt.

Für meine erste Reaktion habe ich mich spontan geschämt. Ich hatte nämlich als erstes Zweifel am Wahrheitsgehalt. Inzwischen erscheint mir meine eigene Reaktion nicht mehr so schlimm: Da berichtet mir eine unbekannte Person aus der geschützten Sphäre der Internet-Anonymität, wie ihr jemand durch Ausnutzen der geschützten Sphäre der Internet-Anonymität übelst mitgespielt hat. Und sie mahnt mich, allem zu misstrauen, was mir durch die geschützte Sphäre der Internet-Anonymität vorgegaukelt wird. Man müsste strohdoof sein, um nicht auf das Paradoxe dieser Konstellation zu stoßen. Dazu technische Fragen: Wenn die beiden via Skype redeten, wie kann sie dann sein echtes Gesicht nicht  kennen? Details. Der wesentliche Punkt, mit dem ich meine Zweifel schließlich beiseite geschoben habe: Warum sollte Victoria sich die Mühe machen, das zu konstruieren und niederzuschreiben, und vor allem: Wieso sollte sie sich jetzt nach der Veröffentlichung all der lästigen, nervigen, zum Teil bestimmt ekligen Reaktionen der Netzgemeinde aussetzen, wenn gar nichts dahinter wäre – nur um sich wichtig zu machen? Nein, das ergibt keinen Sinn.

Das bringt mich zu meiner zweiten Reaktion: Warum tut sie sich das an, dieses intime, wichtige, mit dem wirklichen Leben verbundene Thema ausgerechnet auf diesem Wege ans Licht zu bringen? Wenn ihr das Thema wichtig ist, warum wählt sie ausgerechnet als Medium ihren Blog? In den Blogs regieren ja doch nur die wortgewaltigen Meinungsfürsten, die sich zu unverbindlichen Themen echauffieren. Da sitzt sie doch zwischen Baum und Borke: So halb anonym, so halb geoutet, so halb mit Fakten belegt und halb Spekulation, halb ernsthafte Ausnahme und halb auf der Spielwiese der allgemeinen Eitelkeiten der Blogger und Twitterer mitturnend. Ich kenne ihre Gründe nicht, will aber auch gar nicht nachbohren. Sie ist erwachsen, sie ist klug, sie wird schon wissen, was sie tut.

Lange haben mich auch die Gedanken um den Täter bewegt: Wer macht so was? Warum? Wie geht er vor? Richtet er erst seine Scheinwelt ein und sucht dann gut präpariert nach einem geeigneten Opfer? Oder entwickelt er seine Figuren nach und nach bei Bedarf? Woher nimmt er die Zeit und das Geld für so was? Und – was bringt ihm das? Klar, er erfährt intimste Details seines Gegenübers und kann sich selbst immer hinter der Maske seiner Scheinexistenz verstecken. Mag sein, dass er das geil findet.

Und dazu mein Unverständnis, das mich hier als plumpen neandertaligen Durchschnittsmann outen mag: Mal ehrlich, der Typ ist doch blöd! Macht all den Scheiß, der bei Beziehungen nervt: Zuhören, verständnisvoll sein, sich einfühlen, blabla. All das, was die Frauen von uns Neandertalern wollen und was wir so ungern leisten. Im Umkehrschluss verzichtet er auf all das, was der Neandertaler an einer Beziehung so schätzt: Sex, die Bestätigung seines Egos, Zuwendung und Händchenhalten bei den Herausforderungen seines wirklichen Lebens (Victoria konnte ja nur die falsche Persona bewundern und die Scheinexistenz mit den gefälschten Problemen mental pämpern). Nicht zu vergessen die Hilfe beim Praktischen – vom Haushalt bis zur Auswahl bei den Krawattenfarben. Der Täter hat einen frauenverstehenden Traummann für sein Zielobjekt gespielt, um ihr zu gefallen. Anstrengend, mühsam und wenig ertragreich. Aber gut, wer blickt schon in so eine kranke Seele?

Und schließlich die Reaktion, die den Kreis zum generellen Thema dieses Blogs schließt: Mir hat die Causa Victoria gezeigt, dass Angela Merkel Recht hat, wenn sie sagt, dass das Internet Neuland ist! Da können Sie alle lästern, soviel Sie wollen!

Dieser Typ gehört doch bestraft. Was er Victoria angetan hat (gesetzt, ihre Schilderung stimmt so), ist in meinen Augen ein Verbrechen: Betrug an ihren Gefühlen und schwere Seelenverletzung mit Vorsatz. Aber was gibt das Strafrecht her? Stalking? Nö, Victoria hat sich ja freiwillig und gerne mit dem Täter eingelassen. Betrug? Wo ist der materielle Schaden? Nötigung? Es bleibt dünn. Denn Lug und Trug sind an sich nicht strafbewehrt. Im Grunde ist Victoria einem Heiratsschwindler aufgesessen. Nur dass der falsche Fuffziger nicht auf ihr Geld aus war (da hätte die Justiz einhaken können), sondern auf intime Informationen, ihr Vertrauen, ihre Zuwendung und ihre emotionale Reaktion.

Fake-Existenzen sind gang und gäbe im Netz. Die meisten zum Spaß, einige zum Schutz. Normalerweise liefern sie harmlose Charaden. Diesmal ging es zu weit, und mit den analogen Standards unserer Rechtsordnung stehen wir ziemlich hilflos davor.

Meine letzte Reaktion war, einen eigenen Artikel zu diesem Thema zu schreiben und auf meinem Blog zu veröffentlichen. Aber ich glaube, ich lasse das lieber …

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1 Comment

  1. Victoria says:

    Lieber Nicolai,

    interessiert habe ich deinen Blogartikel gelesen.
    Erst dachte ich: ‘Toll, da werde ich nun wieder zu hören bekommen, dass Dummheit eben bestraft gehört’. Dann war ich positiv überrascht.

    Dass du an der Echtheit der Geschichte zweifelst, kann ich verstehen. Hätte ich sie nicht genauso erlebt, würde es mir wohl auch so gehen. Zu deiner Beruhigung: Ich habe alles per Screenshot belegt, alle Bilder, Mails, Postkarten, Briefe, Paketscheine aufbewahrt, ich habe Zeugen, die unfreiwillig involviert waren, sowohl via Facebook, als auch bei Twitter.
    Und, wie du schon sagst: Ich bekleckere mich mit dieser Geschichte ja nicht gerade mit Ruhm. Warum sollte ich so etwas also erfinden? Da würden mir schönere Plots einfallen …

    Über den Absatz mit den Neandertalern habe ich laut gelacht. Deine Frage, warum der Mann sich das angetan hat, alle Gespräche, alles Verständnis, die “Anbetung” seiner Fakepersönlichkeit, nicht seiner echten – und das alles ohne erkennbare Gegenleistung … Warum?!
    Mein bester Freund sagte irgendwann mal: “Meine Güte. Der hat aber auch nicht gerade Spaß mit dir, so misstrauisch, wie du bist. Diese ewigen Diskussionen und Sticheleien – der MUSS dich wirklich wollen, sonst würde er das nicht aushalten!”.
    Ich denke, es ging ihm nur um Manipulation und die psychische Ebene.
    Die Gegenleistung war meine Reaktion auf sein “Spiel”. Wozu kann er mich treiben, was ertrage ich, wie reagiere ich, wenn er Dies und Das macht? Teilweise tat er ganz gezielt Dinge, von denen er genau wusste, dass ich sehr unter ihnen leiden würde. Er hat sich wohl an meinem Leid ein Stück weit erfreut, denn damit ging seine Rechnung auf.
    Diese Seite von sich zeigte er übrigens nicht in der ersten Zeit. Da war er ausschließlich freundlich und sensibel. Er hat das Ganze sehr, sehr langsam aufgebaut, sonst hätte ich wahrscheinlich schon eher Zweifel gehegt …

    Liebe Grüße,
    Victoria

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