Nicolai Levin

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Der Zopf sammelt Geld

Mal wieder Aufregung im Netz. Ein gut gemeinter Spendenaufruf. Anfeindungen. Stress. Streit. Was für ein Scheiß!

Kennen Sie Christian A. Franke? Das Mittelinitial ist in dem Fall keine ärgerliche Eitelkeit – ich habe beim Googeln gelernt, dass es einen Schlagersänger gleichen Namens gibt. Jedenfalls, der Mann ist in Sachen IT und Neue Medien unterwegs; einer breiteren Öffentlichkeit wurde er durch seinen Twitteraccount @arschhaarzopf bekannt, in dem er beschreibt, wie er große Teile seines Lebens in den ICEs der Deutschen Bahn verbringt.

Franke hat nun auf seinem Blog http://arschhaarzopf.wordpress.com/helft-sandra-alicevanwunder-aus-dem-gefangnis/ einen Spendenaufruf gestartet zugunsten von Sandra, bei Twitter als @alicevanwunder recht bekannt. Die sitzt – so berichtet der Zopf – im Gefängnis, weil sie eine Strafzahlung von EUR 1.800 nicht bezahlt hat. Christian Franke lässt jetzt virtuell den Hut rumgehen, um die achtzehnhundert Euros zusammenzubringen, die der Dame aus dem Gefängnis helfen sollen.

Soweit so gut. Die Sachlage und die Umstände des Falles kennt man nicht so genau; wofür die Dame bestraft wurde, wie es sein konnte, dass sie die Konsequenzen ihres Nichtbezahlens nicht erkennen konnte oder wollte, all das bleibt nebulös. Ist dem Zopf auch schnuppe – dem geht es darum, einer Freundin in Not zu helfen. Und da fragt er nicht nach dem Wiesoweshalbwarum, sondern handelt. Das ehrt ihn, wie ich finde.

Ins Rollen kam das Ganze vor allem, weil die Initiatoren der Aktion – neben Christian Franke ist auch der Autor Matthias Sachau (@matthiassachau auf Twitter) beteiligt – die Summe nicht selbst aufbringen konnten oder wollten.

Ich finde die Aktion gut. Ich wünsche mir Freunde, die das für mich machen würden, wenn ich in eine so blöde Situation käme. Ich finde es vor allem gut, dass einer einfach Hilfe organisiert und nicht wertet oder fragt: „Not kennt kein Gebot“, wie es so schön heißt. Ich würde nie ausschließen, dass ich selbst mich mal durch eigene Dummheit oder falsches Verhalten in die Bredouille bringe. Und wie froh werde ich dann sein, wenn Freunde nicht erst moralisch abwägen und exakt alle Umstände untersuchen und bewerten, bevor sie zur Hilfe schreiten. Drum wünsche ich der Sammlerei viel Erfolg – die letzten Infos auf dem Zopf-Blog deuten darauf hin, dass das funktionieren kann.

Dabei werde ich mich nicht finanziell beteiligen. Ich kenne besagte Sandra nicht (weder auf Twitter noch sonst), und ich schätze zwar den Zopf als sehr lesenswerten Twitterer und Blogger, aber ich kenne ihn nicht genügend gut, um ihm Geld anzuvertrauen.

Dass ich eine gute und unterstützenswerte Aktion selbst nicht unterstützen will, mag widersrpüchlich klingen. Mir erscheint es völlig schlüssig.

Was mich aber auf die Palme bringt, sind viele der Reaktionen auf den Aufruf. Wie der kluge Zopf vorhergesagt hat, rief seine Aktion heftige, zum Teil widerliche Proteste hervor. Im Kommentarbereich seines Blogs kann man sie nachlesen.

Es steht jedem frei, dem Aufruf des Zopfes zu folgen – oder eben nicht. Den Aufruf niederzumachen und zu behindern und dagegen anzuschreiben, das geht in meinen Augen gar nicht! Ein paar Kommentatoren argumentieren sinngemäß: „Was soll man für diese dubiose Person Geld spenden, wo doch $MEINLIEBLINGSVORHABEN das Geld viel nötiger hätte.“ Und diese Haltung finde ich – mit Verlaub – zum Kotzen. Ja, es gibt jede Menge ehrenwerter Vorhaben, Not und Elend zu lindern. Gemeinerweise gibt es aber so viel Not und Elend auf der Welt, dass am Ende unserer Hilfsbereitschaft noch jede Menge davon übrig ist. Jeden Euro, den wir für Apps, Favstarmitgliedschaften oder Sonnenbrillen ausgeben, könnten wir für afrikanische Aidswaisen, Kinderhospize oder den Erhalt des Regenwaldes spenden. Jede Kugel Eis, die wir unseren Kindern gönnen, ist im Grunde unmoralisch angelegtes Geld.

Eigentlich müssten wir uns angesichts des Elends auf der Welt von früh bis spät für unsere mittelprächtigen mitteleuropäischen Existenzen schämen. Jeder von uns. Aber mal ehrlich: Die meiste Zeit leben wir doch ganz gut und zufrieden in unserem ethischen Widerspruch  – auch die, die sich auf den Kommentarfeldern des Zopfes in die lichten Höhen der moralischen Selbstgerechtigkeit emporschwingen. Also: Kommt wieder auf den Boden zurück! Werbt für Unterstützung für eure Lieblingsprojekte, tut Gutes, wo ihr könnt. Aber macht bitte niemanden nieder, nur weil der für eine Freundin um Hilfe bittet. Einfach so.

Nachtrag, 03.11.2013:
Christian A. Franke hat in der Zwischenzeit seinen Twitteraccount umbenannt und zwitschert jetzt als @turbozopf .

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