Nicolai Levin

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Lektüre für den Liegestuhl

Ferienzeit. Urlaubszeit. Endlich wieder Zeit und Gelegenheit zum Lesen. Was kann man denn mitnehmen in den Strandkorb oder auf die Liegewiese?

Der ideale Ort für Lektüre: Liegestühle am Strand (Foto: Wikipedia)

Der ideale Ort für Lektüre: Liegestühle am Strand (Foto: Wikipedia)

Für mich teilt sich die Urlaubslektüre in zwei Kategorien: Krimis und andere Belletristik. Ich lese ja für mein Leben gern Krimis; aber als guter Bildungsbürger geniere ich mich ein wenig für diese Vorliebe. Deshalb folge ich der strengen Regel: Ein Krimi, dann ein „richtiges“ Buch, immer im Wechsel.

Für die Sommerzeit sollte meine Krimilektüre nicht zu blutig oder brutal sein. Autoren wie Jo Nesbø oder Simon Beckett sind mir da einfach zu grausig, auch wenn ich sie sonst sehr schätze. Kathy Reichs’ Romane um die Gerichtsmedizinerin Temperance Brennan gehen gerade noch in Sachen Blutrunst, sie bieten eine erfreulich realistische Atmosphäre, und ich mag den dezenten Lokalkolorit von Québec, den sie bieten. Lange Zeit zählte auch Elizabeth George zu meinen Sommersonnenfavoriten. Dicke Krimischinken mit gut durchdachten Plots, dazu die Entwicklungsgeschichte der Hauptdarsteller Lynley und Havers – ich mochte das. Mit der Zeit drängte sich aber die Seifenoper um die Protagonisten immer mehr in den Vordergrund und wurde immer unglaubwürdiger und künstlicher fort und fort geschrieben. Als die Autorin den gramgeplagten tragisch verwitweten Inspector Lynley auf Seelenheilungswandertour nach Cornwall schickte, habe ich ihr die Freundschaft gekündigt. Dann lieber gleich den Klassiker:  Georges Vorbild Dorothy Sayers und ihre Romane um Lord Peter Wimsey. Da sieht man, wie sich aristokratische Gentleman-Detektive vollendet zurücknehmen und die brillant komponierte Geschichte im Vordergrund bleibt. Für mich ist Peter Wimsey allerdings keine Option mehr – ich hab alle Romane von Dorothy Sayers schon hinter mir. Schade eigentlich.

Eine gute Wahl für Zwischenrein bieten die Krimis von Dick Francis. Intelligente spannende Storys, interessante Charaktere mit Ecken, Brüchen und Kanten, die stets unverhofft durch ein Verbrechen aus ihrer Komfortzone gerissen werden. Zwei Einschränkungen: Für genussvoll opulente Urlaubslektüre sind die Geschichten ein bisschen zu kurz geraten, man ist immer viel zu schnell durch. Und man sollte nichts gegen Pferde haben – die allermeisten Geschichten spielen im Rennsportmilieu des Ex-Jockeys Francis.

Regionalkrimis aus Deutschen Landen verkaufen sich derzeit wie geschnitten Brot. Manche davon mag ich, es hängt auch immer vom eigenen Bezug zur Region ab. Eine Geschichte aus der Gegend, in der man gerade Ferien macht, hat natürlich ihren Reiz. Wenn ich aber irgendwo am Mittelmeer liege, finde ich es doof, Kriminalgeschichten aus der Eifel oder dem Bayerischen Wald zu lesen. Passenderen Lokalkolorit bieten da die Romane von Donna Leon, die in Venedig spielen – und wer würde Venedig nicht lieben? Allerdings – wie bei ihrer Landsmännin Elizabeth George – verdünnt sich auch bei Donna Leon die Krimistory von Band zu Band. Außerdem hat mir die deutsche Fernsehverfilmung den Spaß an Brunetti ein bisschen verdorben: Ich kann das nicht mehr lesen, ohne in Gedanken zu hören, wie ein urdeutscher Schauspieler auf Deutsch „Commissario“ sagt (mit dem „r“ ganz hinten im Gaumen).

Nachdem sich die Brunetti-Romane von Frau Leon so gut verkaufen, haben die Marketingstrategen der Buchverlage wohl einige Nachahmer zu ähnlichen Reihen ermuntert. Im schönen Périgord ermittelt Martin Walkers Dorfpolizist Bruno – mir ist hier die ganze Kleinstadtidylle allzu plump auf die Sehnsüchte der Großstadtleser in England und Deutschland zugeschnitten. Auch Jean-Luc Bannalec trägt in der Bretagne den Lokalkolorit arg dick auf – immerhin weiß hier zumindest die Kriminalgeschichte zu überzeugen, im Gegensatz zu Walkers Bruno.

Ich werde mich dieses Jahr wohl mal bei Georges Simenon bedienen. Die „Maigret“-Romane habe ich bisher vernachlässigt, und diesen unhaltbaren Zustand will ich ändern. Ein weiterer Kandidat für den Sommerferienliegestuhl sind für mich übrigens die Romane von John Grisham; stets solide konstruiert – ja, schon klar, natürlich immer zu schematisch und oft vorhersehbar, aber für meinen Geschmack doch in moderaten Abständen wunderbar zu verschlingen. Grisham ist der McDonald’s der Belletristik. Und was er schreibt, ist im Grunde kein Krimi mehr.

Bei den „richtigen“ Büchern habe ich mich weit von den Ansprüchen meiner Jugend entfernt. Als ich siebzehn oder achtzehn war, habe ich mal in vier verregneten Sommerferienwochen Tolstois „Krieg und Frieden“ durchgeackert. Auf diese sportliche Leistung bin ich heute noch stolz, der Roman – ein breitwandiges historisches Epos aus dem Moskau zu Zeiten des napoleonischen Russlandfeldzuges – hat mich freilich enttäuscht; zu viele unübersichtliche Figuren, zu viel Struktur, zu wenig Handlung. Dazu verführt hatte mich ein anderer großer Roman von Leo Tolstoi. Ich hatte zuvor in jenem Jahr „Anna Karenina“ gelesen, und wie hatte dieses Meisterwerk mein schwer liebesbekümmertes Herz berührt! Doch, das kann man sich auch heute noch gut im Strandkorb zu Gemüte führen, zumindest wenn die Temperaturen nicht allzu hoch gehen.

Für den Strand an richtig heißen Tagen eignen sich dann doch eher eingängige Werke. Von Wasser, Sonne und Sand, verwellt und aufgequollen ist mein Paperback-Ziegelstein von Noah Gordons „Medicus“. Der ist bestimmt keine große Literatur, aber er hat Spaß gemacht. Die Folgeromane („Der Schamane“ usw.) fielen dagegen deutlich ab. Überhaupt eignet sich Historisches gut für den Urlaub, finde ich. Etwa Ken Follett. Auch der hat in meinen Augen eigentlich nur ein richtig tolles Buch geschrieben: „Die Säulen der Erde“ (das steht ebenfalls ziemlich gewellt und zerfleddert im Regal). Ich hab es immer wieder probiert mit seinen anderen Büchern und wurde jedes Mal enttäuscht.

Ziemlich konstant schreibt dagegen in Qualität und Umfang der Amerikaner John Irving – man muss seine etwas abseitigen Leitmotive und die ornamentale Konstruktion mögen; dann ist man mit einem Buch von ihm eigentlich gut versorgt für einen Urlaub. In der gleichen Liga spielt für mich T.C. Boyle, auch wenn der vielleicht ein bisschen weniger bekannt ist;  an „World’s End“ hatte ich jedenfalls meine helle Freude.

In den Sommerferien bin ich generell offener für Gefühlvolles als sonst. Wenn man weiß, dass abends gegrillter Fisch und kühler Weißwein auf einen wartet, erträgt man untertags auch mal eine Extradosis Emotion. Und so hatte ich vor ein paar Jahren viel Spaß mit Anna Gavalda und ihrer sehr sentimentalen Geschichte „Zusammen ist man weniger allein“. Was die „Fabelhafte Welt der Amélie“ im Film war, ist diese Geschichte in Buchform – schlicht im Gemüt, ein bisschen schräg und einfach herzerwärmend. Auch die romantisch-mysteriösen Räuberpistolen von Carlos Ruiz Zafón („Der Schatten des Windes“) kann ich eigentlich nur im Urlaub genießen und schüttele nach erfolgter Lektüre im Herbst meinen weisen Kopf darüber.

Ein Bestseller des letzten Jahres, der sich hervorragend eignet, in der Hängematte oder am Pool gelesen zu werden, ist Jonas Jonassons witziges Schelmenstück „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Und schließlich eine Empfehlung, die ebenfalls auf den Verkaufscharts herumturnt und unabhängig von der Jahreszeit empfohlen sei: John Lanchester und sein wunderbarer Roman „Capital“ – ein treffendes, unterhaltsames und herrlich zu lesendes Gesellschafts-Kaleidoskop aus dem London des Jahres 2008. Ich habe mir jedenfalls für die Ferien gleich das nächste Buch von John Lanchester auf den Stapel gelegt.

In diesem Sinne: Genießen Sie die Urlaubszeit!

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