Nicolai Levin

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Baden-Württemberg verbietet Facebook

Facebook wird verboten! Jedenfalls für die Schüler in Baden-Württemberg! Typisch! Grünrote Steinzeitregierung! Medienkompetenz, die in Schiefertafeln denkt! Aber … Moment mal – ist das wirklich so?

Im Sommerloch schlägt dieses Jahr das Kultusministerium von Baden-Württemberg Wellen. Es verbietet den Lehrern im Südwesten, Facebook zu nutzen. Die geballte Medienkompetenz im Web schreit drauf Mordio. Ich seh das anders. Meines Erachtens hat man in Stuttgart völlig richtig gehandelt.

Denn dort hat man lediglich untersagt, Soziale Netze wie Facebook für „dienstliche Zwecke“ zu nutzen. Anscheinend haben  bislang Lehrer im Ländle via Facebook mit ihren Schülern Schulaufgaben besprochen, Termine fixiert und Lernstoff vereinbart. Klassenfahrten wurden mit Hilfe von Facebookgruppen organisiert. Davor hat die Behörde nun einen Riegel geschoben. Völlig zu Recht, wenn Sie mich fragen.

Natürlich sollen Schüler und Lehrer sich privat auch weiterhin auf Facebook tummeln dürfen. Selbst in Baden-Württemberg. Die „offizielle“ schulische Kommunikation darf sich aber nicht eines kommerziellen, privaten Mediums bedienen, dessen Umgang mit Kundendaten zumindest zweifelhaft ist. Es gibt bestimmt Schüler – oder deren Eltern -, die eine Mitgliedschaft bei Facebook ablehnen. Das ist deren gutes Recht. Sollen die dann nicht erfahren, was der Stoff für die nächste Prüfung ist? Darf man die kurzerhand als Technikverweigerer oder hoffnungslos altmodisch diskriminieren? Nein! Darf man nicht.

Soll die Schule stattdessen hektografierte Rundschreiben aushändigen wie zu Olims Zeiten? Diese lilafarbenen alkoholstinkenden Matrizenabzüge, an die sich die Älteren unter Ihnen bestimmt noch mit Grausen erinnern? Nein, keineswegs. Eine E-Mail-Adresse und ein Webzugang kann 2013 als zeitgemäß vorausgesetzt werden, so wie zu meiner Jugend ein Telefonanschluss. Dann mag man eine eigene Schulplattform aufbauen, wenn man allgemeine Infos zu verbreiten hat. Aber – egal ob nun Facebook, Google+ oder SchnulliVZ – die Nutzung einer kommerziellen Plattform darf die Schule den Schülern nicht aufzwingen. Punkt.

Die Lehrer sind ja schon mit dem außerschulischen Kontakt über die sozialen Netze nicht zu beneiden. Was macht man, wenn die eigenen Schüler einem Freundschaftsanfragen schicken? Wie wahrt man Gerechtigkeit unter den anfragenden Schülern? Wie schützt man dabei die eigene Privatsphäre? Diejenigen Lehrer, die ich kenne, haben sich eigene Accounts eingerichtet, die ihren Schülern offenstehen, auf denen dann auch nur Schülertaugliches geteilt wird. Die Privataccounts aber bleiben tabu. Es ist haarig genug, wenn man so als Lehrkraft einbezogen wird in allzu sorglos veröffentlichte Beziehungsdramen und Feierexzesse – Dinge also, die wir zu meiner Schulzeit vor den Lehrern lieber verborgen hielten.

Nun rufen wahrscheinlich einige von Ihnen: „Medienerziehung!“ Die Schule soll die Kinder fit machen für eine Welt, in der Soziale Netze eine Realität sind. Die überwiegende Mehrzahl der Schüler nimmt aktiv an diesen Netzen teil. Stimmt schon. Soll die Schule davor die Augen verschließen? Nein, soll sie nicht.

Indes muss man dafür nicht unbedingt zum Selbstversuch schreiten. Außerdem habe wenigstens ich die schulische Medienerziehung in unguter Erinnerung. Bei uns waren es noch Printmedien, die wir „kritisch zu untersuchen“ hatten. Textanalyse. Noch heute dreht sich mir der Magen beim Gedanken um, wie wir die kopierten Artikel aus der „Frankfurter Rundschau“ und der „Bravo“ vor uns hatten, Parataxen und Hypotaxen zählten und am Ende zu dem erwünschten Schluss kamen, dass die FR einen elaborierteren Sprachstil pflegte.

Natürlich kauften wir dann doch die „Bravo.“ Schließlich hatte die FR weder einen Dr. Sommer noch die Infos über das neue Kiss-Album zu bieten. Ich habe den Verdacht, den heutigen Schülern wird es nicht anders gehen – sie werden genervt die Augen verdrehen, wenn die Frau Lehrerin mit ihnen die Datenschutzbestimmungen von Facebook kritisch analysiert. Und abends doch die Partyfotos für alle wieder hochladen.

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