Nicolai Levin

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Der nette Rassist von nebenan

Rassismus ist Scheiße. Soweit herrscht gesellschaftlicher Konsens. Bei den meisten jedenfalls. Die wenigen, die das anders sehen, bilden das Problem. Im Fußball wie im wirklichen Leben.

Am letzten Wochenende hat es sich wieder gezeigt, beim Fußball-Zweitligaspiel von 1860 München gegen den FC Ingolstadt. Einige Zuschauer beschimpften den dunkelhäutigen Ingolstädter U21-Nationalspieler Danny da Costa. Einer der Schreihälse wurde identifiziert, gegen ihn will 1860 Anzeige erstatten und ein Stadionverbot aussprechen. Der DFB ermittelt, der gastgebende Verein bittet um Entschuldigung, es sind die üblichen gutgemeinten Gesten.

Eins aber ist neu: In den Medien wird den umsitzenden Zuschauern vorgeworfen, nicht gegen die rassistischen Schmähungen eingeschritten zu sein, die soziale Kontrolle habe nicht hinreichend funktioniert. Und da beginnt es interessant zu werden.

Fußball ist Konfrontation. Wir gegen die andern. Wir sind toll, die andern blöd. Von dieser schlichten Mechanik lebt der Sport. Das kann man Ersatzkrieg nennen, aber es lockt eben die Massen ins Stadion, macht sie bereit, Millionen auszugeben für Trikots und Fanartikel und Eintrittskarten und Bezahlfernsehen. „Euer Hass ist unser Stolz“, schreiben sie sich auf ihre Kutten. Wenn der Schiedsrichter unserer Mannschaft einen glasklaren Elfer verweigert oder das gegnerische Tor gelten lässt, obwohl der Stürmer doch tief im Abseits stand, regen wir uns auf. Der Schiri ist eine blinde Sau und ein Arschloch und gekauft obendrein.

Und die anderen, die gegnerische Mannschaft sind ohnehin die Letzten: Borussenschweine, Fischköppe, rote Lumpen, Gelbfüßler, Seppls …

Da sitzt oder steht man im Stadion, fiebert mit der eigenen Elf, spürt die Kraft der Menge. Die Gänsehaut, wenn viele Tausende das gleiche empfinden. Wer bestreitet, dass das ein erhebendes Gefühl ist, lügt. Man wird eingesogen, mitgerissen, aufgeputscht. Man schreit Dinge, die man sonst nicht so einfach sagt.

Für viele ist das auch ein Überlaufventil, wo aufgestaute Frustrationen sich entladen können. Dagegen finde ich auch wenig einzuwenden; ist ja allemal besser, die Leute lassen ihre Aggressionen ab, wenn sie im Stadion brüllen, als wenn sie irgendwo Leute überfallen oder Angriffskriege unterstützen.

In dieser aufgeheizten Stimmung brechen sich dann auch schnell Ressentiments Bahn. Da hört man schon viele böse Dinge, die einen schlucken lassen, wenn man drüber nachdenkt. Und da müsste – nein: muss – man ganz schnell die Grenzen neu ziehen. Dann ist der Typ, der mit mir gerade noch einträchtig den Schiri als „blindes Huhn“ beschimpft hat, schwuppdiwupp auf der anderen Seite, wenn er eben Dinge von sich gibt, die nicht mehr akzeptabel sind. Keine Frage: Rassistische, antisemitische, homophobe Beschimpfungen gehen nicht – im Stadion so wenig wie andernorts!

Ich will nichts entschuldigen, aber ich finde es nachvollziehbar, wenn Leute sich schwertun, diesen Schritt zu gehen. In so einer mentalen Kampfsituation schließt man Verbündete nicht gern aus. Es wäre das richtige Verhalten, die Leute, die inakzeptable Dinge von sich geben, zur Ordnung zu rufen, zu isolieren und ihnen klarzumachen, dass sie mit ihren Ansichten allein sind. Nur ist in dem Moment während des Spiels der gemeinsame Gegner als Identifikationsmerkmal halt meist stärker.

Die Dinge beginnen sich freilich zu ändern. Dass inakzeptable Schmähungen zum Thema geworden sind, ist erst seit ein paar Jahren so. Früher konnte man schon froh sein, wenn nicht die ganze Kurve mitgeplärrt hat, heute sind wir schon einen Schritt weiter. Wenn wir ehrlich zu uns sind, werden wir eingestehen müssen, dass es im Grunde auch nicht okay ist – und behindertenfeindlich dazu – den Schiedsrichter als blind, Arschloch oder schwarze Sau zu bezeichnen. Im Grunde müssten alle Anstandsregeln, die unser Miteinander an anderer Stelle leiten, auch auf dem Fußballplatz gelten. Was dann von der archaischen Faszination Fußball bleiben wird, ist eine andere Frage.

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