Nicolai Levin

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Die Ferienlektüre – nochmal durchgeblättert

Die Liegestühle sind wieder im Gartenhäuschen verräumt, der Herbstregen klatscht auf die Terrasse, und nur das verblassende Jucken der Mückenstiche erinnert noch daran, dass bis vor ein paar Tagen Sommer war und Ferienzeit. Zwischen den Seiten der Urlaubsbücher haben sich da und dort ein paar Sandkörner verflogen. Was gab es denn nun in den Ferien zu lesen – und: Hat sich’s gelohnt?

Da war zum Anfang mal William Boyd und sein „Waiting for Sunrise“ – eine Entdeckung aus dem Empfehlungsstapel der Buchhandlung. Knisternd und doch luftig, unterhaltsam und spannend. Die Geschichte beginnt in Wien 1913, wo der englische Schauspieler Lysander Rief die Psychoanalyse-Praxis eines englischen Freud-Schülers besucht. Dort trifft er eine geheimnisvolle Künstlerin, beginnt mit ihr eine wilde Affaire, flieht mit Hilfe der englischen Botschaft nach Italien und findet sich aufgrund dieser abenteuerlichen Erfahrung ein Jahr später in Diensten der britischen Militärspionage des Ersten Weltkriegs. Man weiß nicht so recht, in welche Schublade man das packen soll, das Ende ist ein bisschen offen, aber es liest sich ganz wunderbar, und schon rein vom Dekor und den Schauplätzen her schreit es nach einer Verfilmung.

Dann ist durch den Tod des Autors Wolfgang Herrndorf sein Roman „Tschick“ in meinem Bücherstapel ganz nach oben gewandert. Ein geschriebener Roadmovie, in dem zwei vernachlässigte Vierzehnjährige sich zu Beginn der Sommerferien in einem ‚geliehenen’ Lada auf eine Spritztour durch Brandenburg machen. Jaja, ich weiß schon: Roadmovies sind irgendwie immer gleich, und in Deutschland muss man Verrenkungen machen, weil die Helden sonst einfach den Schildern folgen und man nach spätestens einem Tag da ist, wo man hinwill … Alles geschenkt. Denn der fünfundvierzigjährige Herrndorf schafft es, genau auf den Punkt zu bringen, wie das so ist, wenn man vierzehn ist. Unerwidert verliebt zu sein in die Klassenschönheit, nicht so recht zu merken, wie man auf andere wirkt, die einst fremde Erwachsenenwelt immer mehr teilnehmend zu beobachten. Das macht dieses Buch für mich so großartig. Wolfgang Herrndorfs Trick: Er verzichtet auf alles rund um den Körper. Die äußerlichen Veränderungen der Pubertät kommen nicht vor, die lösen nur Peinlichkeit aus. Es wird auch weder gesoffen noch geraucht, und es gibt nicht mal den ersten Sex. Dafür kommt beim Lesen immer wieder die schmerzhaft bestätigende Erinnerung: So war das damals bei mir auch. So hab ich mich gefühlt, so ist es mir gegangen. Der Ton schlicht und lakonisch, der Zeitkolorit behutsam und unaufdringlich – alles in allem: ganz großes Damentennis!

Jan-Uwe Fitz schätze ich sehr als originellen und angenehmen Twitterer – @vergraemer heißt sein Account, den ich seit langem und gern lese. Drum hab ich mir als nächstes sein Buch „Wenn ich was kann, dann nichts dafür“ vorgenommen. „These, Antithese, Polonäse“ steht auf der Rückseite, und damit wird der Ton des Büchleins klar. Es ist absurder Nonsens, den uns Fitz präsentiert, die Engländer haben dafür das schöne Wort ‚silly’ erfunden. Nur ein sehr loser Faden vom Scheitern des Taubenvergrämers in Juf (CH), Berlin, Venedig und wieder Berlin hält die aneinander gereihten Szenen zusammen. Ein bisschen mehr Stringenz und ein Spannungsbogen hätten dem Buch gutgetan. Ein paar der Szenen sind schon lustig und treffend, aber irgendwann überraschen einen die abstrusen Wendungen nicht mehr, man wartet auf mehr, und dann fehlt es irgendwie an der Substanz. Men merkt, dass Fitz mehr „in der kleinen Form“ zu Hause ist. Sagen wir es mal so: Wenn Max Goldt in der Champions League der absurden Komik in deutscher Sprache antritt, dann spielt Jan-Uwe Fitz halt noch gegen den Abstieg aus der zweiten Liga. Aber er ist jung, und Talent hat er allemal.

Neben soviel Pop und Leichtem sollte auch ein Stück „richtiger“ Literatur im Urlaubskoffer sein, hab ich mir gedacht. Meine Wahl fiel dann spontan in der Buchhandlung auf den spanischen Romancier Javier Marías und seinen preisgekrönten Roman „Die sterblich Verliebten“. Die Ich-Erzählerin Maria beobachtet darin jeden Morgen in einem Madrider Straßencafé ein Paar, das dort auf dem Weg zur Arbeit frühstückt. Es erscheint ihr vom Auftreten und dem Umgang miteinander als quasi „perfektes Paar“. Dann bleiben die beiden eines Tages aus, und Maria erfährt, dass der Mann, ein erfolgreicher Filmproduzent und Unternehmer, von einem geistig verwirrten Stadtstreicher erstochen wurde. Sie beginnt eine Beziehung mit dem besten Freund des Opfers und erkundet nach und nach die (vermeintlichen) Abgründe hinter dem Ideal und seinem grausamen Ende. Marías nimmt den Leser mit auf eine bewegende Reise, er hat eine fesselnde Geschichte mit überzeugenden Figuren zu erzählen. Was mich gestört hat, ist die Sprache – lange Wendungen von Dialogen, die teils nur in Gedanken geführt oder anderen in den Mund gelegt werden. Sie denken und reden sehr gebildet und korrekt bei Marías, das scheint mir – auch in den kulturintellektuellen Kreisen, in denen die Handlung spielt – zu sehr gedrechselt und lebensfern konstruiert. „Er neigte stark zum Vortragen, Abhandeln, Abschweifen” bescheinigt die Heldin ihrem Geliebten einmal, und das trifft leider auch auf Marías und sein Buch zu, so stark auch seine Inhalte sind.

Schauplatz wilder Verbrechen: die Glénan-Inseln vor der bretonischen Küste (Foto: Wikipedia)

Schauplatz wilder Verbrechen: die Glénan-Inseln vor der bretonischen Küste (Foto: Wikipedia)

Schließlich gab’s doch noch einen Krimi „Bretonische Brandung“ – die zweite Mordgeschichte aus der Bretagne, die der deutschen Feder von Jean-Luc Bannalec entsprungen ist (von dem die „Welt“ vermutet hat, dass in Wahrheit der Verlagsleiter des Fischer-Verlags, Jörg Bong, sich hinter dem Pseudonym verbirgt). Die Handlung spielt diesmal auf den Glénan-Inseln vor der Küste, und das Buch bringt sehr solide Krimiunterhaltung der eher bedächtigen Art. Commissaire Dupin braucht mindestens einen Kaffee, um denken zu können, und allein das macht ihn sympathisch.

Und der Maigret, von dem ich hier vor ein paar Wochen schrieb? Der wartet im Stapel, denn wieder mal reichte das bisschen Urlaubszeit nicht für alle interessanten Bücher. Ist ja auch ganz gut so, denn so bleibt noch was für die langen verregneten Herbstabende, die jetzt vor der Tür stehen, wenn die Mückenstiche ganz verheilt sind.

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1 Comment

  1. Jan-Uwe Fitz says:

    Das nächste Buch werde ich anders anlegen, versprochen. Auch wenn ich mit der Einschätzung »2. Liga Abstiegskampf« sehr gut leben kann. Ich bin leider schrecklich unehrgeizig.

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