Nicolai Levin

Home » Politik » Die Toten von Lampedusa

Die Toten von Lampedusa

Südlich von Sizilien liegt im Mittelmeer die kleine Insel Lampedusa. Sie ist flächenmäßig ungefähr so groß wie Langeoog, die fünftausend Einwohner leben vom Fischfang und etwas Tourismus.

Da Lampedusa zu Italien gehört, ist es administrativ der südlichste Vorposten Europas im Mittelmeer. Das macht das Inselchen zum begehrten Ziel für Flüchtlinge aus Afrika. Wenn man in Libyen in See sticht, sind etwas über 200 km zu überwinden, von Tunesien aus sogar nur etwa 150 km. Jedes Jahr machen sich tausende von Flüchtlingen in allen Arten von Booten auf die gefährliche Reise. Keiner weiß genau, wie viele Menschen es sind, die losfahren, auf Lampedusa angekommen sind in diesem Jahr etwa zwanzigtausend.

Viele scheitern, müssen umkehren, weil die Wetter- und Seeverhältnisse die Überfahrt unmöglich machen. Etliche der oft kleinen, ungenügend ausgestatteten und hoffnungslos überfüllten Kähne kentern, hunderte Flüchtlinge sterben. Keiner weiß, wie viele. Am Donnerstag ist ein weiteres Flüchtlingsschiff gesunken. Es geschah nahe der Küste Lampedusas, die dramatischen Umstände und die große Zahl der Toten macht das Unglück zum Medienereignis.

Mich lässt das Ereignis ratlos. Natürlich fühle auch ich Betroffenheit, aber etwas in mir sträubt sich, die Opfer zu verklären. Es hat keine Unwissenden getroffen. Niemand ist so naiv, die Gefahren nicht zu kennen, die drohen, wenn man auf so einen wackeligen Kahn steigt. Die Flüchtlinge sind das Risiko ganz bewusst eingegangen – daher stört es mich etwas, wenn von “Tragödie” die Rede ist; das erscheint mir einfach scheinheilig. Da geht es mir ein bisschen so, wie wenn ich vom Absturz eines Extrembergsteigers lese.

Es muss allerdings eine Menge Mut dazugehören, dieses Abenteuer auf sich zu nehmen. Oder Verzweiflung. Die Opfer stammen aus Eritrea und Somalia – weit weg von der libyschen Küste. Sie hatten viele tausend Kilometer gefahrvoller Reise hinter sich, ehe sie überhaupt den Strand des Mittelmeers erreichten. Dafür gebührt ihnen Respekt – vielleicht sogar Bewunderung. Wenn Verzweiflung die Flüchtlinge trieb, verdienen sie unser Mitleid.

Dabei habe ich – ganz egoistisch – Angst vor ihnen. Zwanzigtausend waren es schon in diesem Jahr. Und jeden Tag kommen neue Menschen – und mehr. Ich mag die Vorstellung nicht, Millionen afrikanischer Flüchtlinge in Europa zu haben. Ohne Ausbildung, ohne Verwurzelung, ohne Papiere. Die im günstigsten Falle Rosen verkaufen oder gefälschte Pradataschen – häufiger aber wohl Drogen und ähnliches Zeug. Sie sind rechtlos, sie haben nichts zu verlieren, das macht sie zu idealen Instrumenten für verbrecherische Tätigkeiten.

Aber, so frage ich mich dann, woher nehme ich dieses Recht, mich vor ihnen abschotten zu wollen? Ich als reicher Europäer bin sozusagen der Villenbesitzer, der nicht will, dass der hungernde Pöbel seine Rosenbeete zertrampelt. Andererseits: Ich gehe auch nicht in fremde Gärten, nur weil ich ärmer bin als die. Wo beginnt das Recht auf Eigentum und Wohlstandsunterschiede – und wo endet es? Eine verzwickte Frage, auf die ich so recht keine Antwort weiß.

Fest steht für mich, dass sich Europa mit seiner derzeitigen Flüchtlingspolitik keinen Gefallen tut. Die Glücklichen, die es bis Lampedusa schaffen, werden zwar in den seltensten Fällen anerkannt, aber doch toleriert. Nach einer Zwischenlagerung auf der Insel schafft man sie irgendwann aufs italienische Festland und überlässt sie dort – ohne Papiere – ihrem Schicksal. Und damit beginnt dann die traurige Karriere als Rosenverkäufer oder Kleinkrimineller.

Was Europa aus meiner Sicht braucht, ist eine klare Kante: Es muss Regeln geben, mit denen man ganz legal den Eintritt nach Europa bekommt – mit allen Privilegien. Diejenigen, die diesen Kriterien nicht entsprechen, müssen aber rigoros zurückgebracht werden. Denn es spricht sich natürlich herum, bis Somalia und noch weiter, dass man es nur erst mal auf europäischen Boden geschafft haben muss, um in Europa bleiben zu dürfen. Das lockt dann nur weitere Menschen an – wie miserabel das Leben als Guccischalverkäufer in Turin tatsächlich ist, erzählt einem nämlich keiner.

Zugleich aber muss uns klar sein, dass es einfach zu viele Menschen gibt, für die das Scheißleben als Illegaler in Europa allemal verlockender ist als das in Somalia oder Eritrea. Dass deshalb echte Entwicklungspolitik und Transferleistungen nach Afrika keine freundliche Morgengabe sein dürfen, sondern handfeste Interessenpolitik. Wenn wir wollen, dass Millionen Afrikaner in Afrika bleiben, müssen wir mithelfen, das Leben in Afrika besser zu gestalten. Das ist eine blöde Sonntagsredenphrase, stimmt schon, aber deswegen ist sie nicht weniger wahr.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: