Nicolai Levin

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Wer ist noch gut genug für einen Straßennamen?

Nach wem darf eine Straße benannt werden? Wir werden immer kritischer bei den Anforderungen an die Namenspatrone unserer Straßen.

Früher war alles ganz einfach, auch die Benennung der Straßen. Örtlichkeiten (Kirchplatz, Marktstraße) oder die ansässigen Gewerbe (Metzgergasse, Böttcherweg) bestimmten die Straßennamen. Der Weg nach Neustadt war die Neustädter Straße. Man nahm noch die wesentlichsten Heiligen der zugehörigen Kirche (Stefansplatz) und markante Wegmarkungen (Breiter Weg, Graben) dazu – fertig war das Straßenregister.

Als die Städte nach dem Dreißigjährigen Krieg zu wachsen begannen, wurden gern die neu überbauten Räume und ihre Funktion als Namenspatron (Exerzierplatz, Bastei) verwendet – den Rest gab die örtliche Aristokratie mit ihren Herrschernamen her. Da gab es dann in Preußen die Wilhelms-, Friedrich-, Sophien- und Charlottenstraßen, anderswo dominierten eher die Georgs, Ludwigs, Maximilians, Franz-Josephs oder Maria Theresias.

Straßenschild in Bozen (Foto: Wikipedia)

Straßenschild in Bozen (Foto: Wikipedia)

Die Städte wuchsen aber weiter und im 19. Jahrhundert ging man dazu über, Straßen nach Dichtern, Denkern, Komponisten, Feldherrn, Altbürgermeistern und anderen mehr oder weniger lokalen Größen zu benennen. Die Gründerzeit der 1870-er Jahre bescherte dem wilhelminischen Deutschland französische Straßen, benannt nach den Orten der siegreichen Schlachten des Kriegs von 1870/1871.

Wie auch sonst, zeigten die Nazis auf dem Gebiet der Straßenbenennung wenig Rücksicht. In jeder besseren Stadt hatten die Hauptstraßen nach den braunen Größen benannt zu werden. Es hagelte also Adolf-Hitler-Straßen und Hermann-Göring-Plätze über Deutschland. Im Krieg hagelte es dann Bomben, und danach wurde im Westen meist schamhaft zurückbenannt, im Osten ging die ideologisch motivierte Benennerei weiter, nur dass die Namenspatrone jetzt Liebknecht, Thälmann und Stalin hießen.

Man kann der Namenslogik nach oft recht treffsicher die Zeit der Erstbebauung eines Viertels bestimmen. Vielerorts würdigte man im Westen in den ersten Nachkriegsjahren die Neubauviertel für Flüchtlinge und Vertriebene mit Namen aus deren Herkunftsgebiet. So finden wir häufig Sudetenstraßen und Danziger Plätze, Breslauer und Ostpreußenstraßen. Alle in den Fünfzigern hochgezogen.

Während in der DDR weiterhin Linientreue galt, experimentierte man im Westen in den Sechzigern und Siebzigern. Die SPD hatte ihre große Zeit, Sozialbauprojekte an den Stadträndern wurden errichtet. Die Straßennamen ehrten – im vertretbaren Rahmen – die Vordenker der Arbeiterbewegung; auch in westdeutschen Großstädten kamen so Karl Marx, Friedrich Engels und Rosa Luxemburg zu Straßennamenehren, die Konservativen ballten die Faust in der Tasche und erhielten im Gegenzug eine repräsentative Konrad-Adenauer-Allee.

Heute müht man sich in den Stadtverwaltungen um Vielfalt, sucht händeringend nach großen Frauen, um den männerdominierten Straßenschilderwald zu bereichern. Einige große Städte haben nach dem Krieg klugerweise beschlossen, nur noch Menschen zu ehren, die bereits tot sind. Das vermeidet schon mal, dass ein Namenspatron sich im vorgerückten Alter seiner Ehre unwürdig erweist.

Zudem gibt es seit einigen Jahren die Tendenz, bei Namenspatronen vergangener Jahrzehnte kritisch zu prüfen, ob sie denn heutigen Anforderungen an so eine Ehre noch genügen. Wernher von Braun wurde da kritisiert, der für die Nazis “Vergeltungswaffen” baute. Kolonialgeneräle, die in Deutsch-Südwest die Einheimischen niederschießen ließen. Heimatdichter, die während der Nazizeit Blut-und-Boden-Propaganda machten.

Die Ansprüche steigen, es wird immer schwieriger, ein würdiger Namenspatron zu sein. Bei Richard Wagner gehen die Diskussionen schon los: Sicher, ein begnadeter Komponist, aber eben auch unbestritten ein Antisemit. Ernst Moritz Arndt – ja, mit Worten wusste er umzugehen, aber mit seinen politischen Ansichten würde er heute zweifellos vom Verfassungsschutz überwacht. Wenn es so weitergeht, wird bald zu diskutieren sein, ob Goethe nicht nur ein leidlich begabter Dichter war, sondern eben auch ein Lustgreis, der sich anschickte, junge Mädchen zu verführen.

Einige Kommunen umgehen das heikle Thema, indem sie für ihre Straßennamen nicht mehr auf Personen zugreifen, sondern auf Flurbezeichnungen. Wer in den letzen zehn Jahren sein Häuschen gebaut hat, wohnt mit großer Wahrscheinlichkeit “Am Brombeerstrauch” oder “Im Weichselschlag” – in Zeiten der Regionalisierung gerne auch mit Dialektbezug “Achtern Diek” oder so. Ich mag diese Namen nicht besonders; sie klingen so nach gewolltem Idyll, außerdem ist es unpraktisch, wenn man jemandem die  Adresse sagen soll, geben Sie mal “Beim Haselnussstrauch” telefonisch durch. “Nein, ich bin kein Kindskopf, so lautet die Adresse!” Dann doch lieber in der Goethestraße bleiben.

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