Nicolai Levin

Home » Uncategorized » Wie langweilig: 2013. So etwas wie ein Jahresrückblick.

Wie langweilig: 2013. So etwas wie ein Jahresrückblick.

“Mögest du in interessanten Zeiten leben.” Angeblich ein chinesischer Fluch. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich hab das Gefühl, als sei 2013 ein ganz besonders uninteressantes Jahr gewesen, so auf der übergreifenden allgemeinen Ebene.

Hochwasser in Passau Juni 2013 (Foto: Stefan Penninger, Creative Commons Lizenz)

Hochwasser in Passau Juni 2013 (Foto: Stefan Penninger, Creative Commons Lizenz).

Wer im Juni nicht gerade das Pech hatte, in den Hochwassergegenden an Donau und Elbe zu wohnen, oder jemanden kannte, der persönlich vom Taifun auf den Philippinen betroffen war, dem blieben einschneidende Großereignisse im vergangenen Jahr erspart

Wir sind ja alle gebildet und belesen. Beginnen wir den Überblick also in Rom. Im Frühjahr trat dort der Papst zurück, ein Novum, und mit großem Medieninteresse wurde sein Nachfolger gewählt. Was Papst Franziskus an historischer Bedeutung mitbringen wird, muss sich erst noch zeigen. Von seinem Vorgänger Benedikt XVI. hört man seit dem Rücktritt praktisch nichts mehr, was sehr für ihn und sein politisches Geschick spricht, aber alle Spekulationen rund um seinen Abgang Lügen straft. Es endete 2013 also auch im Vatikan weit unspektakulärer als man gedacht hatte.

Die größte Aufregung des Jahres hat somit ein Ereignis ausgelöst, das schon einige Zeit zurückliegt, aber erst im Laufe des Jahres 2013 bekannt wurde: Die umfassende Schnüffelei und Überwachung der amerikanischen und britischen Geheimdienste, die sich auch gegen die eigenen Verbündeten richtete. Das erstreckte sich von den E-Mails, die wir alle tagtäglich senden und empfangen, bis hin zum Abhören des Handys unserer Kanzlerin. Wir haben es erfahren, uns fürchterlich drüber aufgeregt, und seit ein paar Wochen herrscht nun wieder Funkstille. Und Funkstille ist schon allein deshalb gut, weil man da nichts abhören kann.

Auch beim zweiten Aufreger des Jahres liegt die Tat schon weit in der Vergangenheit, lediglich die juristische Aufbereitung fand 2013 ihren Anfang: In München begann der Prozess gegen Beate Zschäpe als einziger Überlebender, die für die Morde der Naziterroristen der NSU zur Verantwortung gezogen werden könnte. Mehr noch als die Prozessinhalte sorgte im Vorfeld die Verteilung der Medienplätze im Gerichtssaal für Aufmerksamkeit. Der Prozess selbst brachte bisher keine neuen Erkenntnisse – für viele Beobachter keine Überraschung, das Urteil und Strafmaß werden wir wohl erst 2014 erfahren.

2013 war ein ungerades Jahr, also sportlich ein Jahr ohne olympische Spiele, Fußball-Welt- oder Europameisterschaften – jedenfalls bei den Männern. Dort überzeugten die deutschen Vereine, allen voran Bayern und Dortmund, in der UEFA Champions League, und das DFB-Team qualifizierte sich souverän für die nächste WM. Die Frauen hatten mit der Europameisterschaft in Schweden ein bedeutendes Turnier, das sie sogar gewannen. Im Interesse von Medien und Öffentlichkeit holen die Frauen zwar langsam auf, liegen aber immer noch weit hinter den Spielen der Männer. Die schwarzrotgoldenen Autofahnen und Rückspiegelhalter blieben im Sommer jedenfalls im Garagenschrank.

Im politischen Leben dominierte 2013 die Bundestagswahl. Das hieß: Erst hatten wir gar keinen, dann einen uninspirierten und langweiligen Wahlkampf. Das aufregendste am Wahlabend war, dass die FDP an der Fünfprozenthürde gescheitert war. Seither feilschen Union und SPD um die Details ihrer großkoalitionären Zusammenarbeit, Deutschland hat seit fast drei Monaten lediglich eine geschäftsführende Bundesregierung auf Abruf; man kann aber nicht behaupten, dass man als Normalbürger irgendwelche negativen Auswirkungen spüren würde …

Auch das Wirtschaftsjahr 2013 verlief weitgehend unspektakulär. Die Zinsen bleiben auf Niedrigstniveau, die Anleger fliehen in Aktien, deren Kurse nach oben steigen. Der Euro war stabil, Praktiker ging pleite, Siemens wechselte den Chef aus, der Berliner Flughafen wurde noch immer nicht fertig.

International blieb die Lage schlimm, wo sie schon vor einem Jahr schlimm war: In Syrien tobt der Bürgerkrieg weiter, nur dass es die Toten, die Verletzten und die Fliehenden nur noch in die Randnotizen unserer Nachrichten schaffen. Im Mittelmeer saufen die Flüchtlinge aus Afrika ab. In Afghanistan reiht sich die westliche Allianz mit dem anstehenden Truppenabzug in die lange Liste der fremden Besatzer, die daran gescheitert sind, das unwirtliche und widerständige Land und seine Bewohner zu besiegen und zu befrieden.

Dass dem Komitee für den Friedensnobelpreis kein geeigneterer Kandidat für den wichtigsten Ehrenpreis der Welt eingefallen ist als die Chemiewaffeninspekteure der UN, ist ja auch ein Zeichen.

Nicht einmal Gevatter Hein hat im vergangenen Jahr spektakulär zugeschlagen. Aus der Reihe der Verstorbenen ragen als ungewöhnlich oder überraschend die Schriftsteller Jakob Arjouni und Wolfgang Herrndorf hervor, die beide die Fünfzig nicht erreichen durften. Beide waren allerdings schon länger krank, die Nachrichten von ihrem Tode kamen daher nicht unerwartet, was Trauer und Bestürzung nicht kleiner macht.

Natürlich starben viele weitere bedeutende Menschen: Dieter Hildebrandt, Marcel Reich-Ranicki und Walter Jens hatten ihre große Schaffenszeit bereits länger hinter sich, genau wie Paul Kuhn oder Wolfgang Sawallisch. Lou Reed und Georges Moustaki starben ebenfalls 2013, auch von ihnen hatte man schon seit einiger Zeit nichts mehr gehört. Aus dem aktiven Schaffen wurde Berthold Beitz abberufen, im hundertsten Lebensjahr darf man aber sagen, dass seine Zeit gekommen war – gleiches gilt für einen Gründervater der modernen Wirtschaftswissenschaft, Ronald Coase, der im biblischen Alter von 102 Jahren verschied.

Über Lothar Bisky sagten selbst seine politischen Gegner, dass er ein anständiger Kerl gewesen sei und mit 72 Jahren noch nicht richtig seinen Lebensweg vollendet hatte. Beides galt nicht für den christdemokratischen Paten des alten italienischen Politsystems, Giulio Andreotti, der mit 94 starb. In der Mitte beim Alter und beim allgemeinen Respekt lag Margaret Thatcher; auch sie starb 2013 – nach langer Demenz im Alter von 87.

Selbst das Wetter reiht sich ein. Der sehr verregnete Mai schuf zwar die Wetterlage, die das große Hochwasser auslöste, sonst aber zeigte sich der Sommer sonnig und warm, ohne Grund für Schlagzeilen. Der Herbst war wieder nass, der Winter kam früh.

Es war also alles in allem ein schlechtes Jahr für sensationsgeile Jahresrückblicke. Das wiederum ist eigentlich wieder eine gute Nachricht für uns alle – sollen die Chinesen doch verwünschen, wen sie wollen …

Nachtrag: Einen sehr bedeutenden Todesfall hat das Jahr noch gebracht – mit Nelson Mandela. Auch “Madiba” war lang schwer krank gewesen und durfte die Fülle vieler Jahre erleben, nachdem er aus dem Gefängnis freigekommen war.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: