Nicolai Levin

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Lasst doch mal die Vegetarier in Ruhe!

Was soll ich’s Ihnen vorenthalten? Ich bin Fleischesser. Zwar weiß ich, dass es gesünder wäre – und besser für den Planeten -, wenn ich mich ausschließlich pflanzlich ernähren würde. Aber mir schmeckt Fleisch einfach zu gut, als dass ich dauerhaft darauf verzichten wollte.

Es gibt Menschen, die das anders halten. Alle Schattierungen davon; vom Puddingvegetarier bis zum hartgesottenen Veganer, der auch Wollkleidung und Lederschuhe verweigert.

Das Verhältnis der Fleischesser zu den Fleischverweigerern ist nicht spannungsfrei, um es mal vorsichtig zu sagen. Woran liegt das?

Klar, es gibt die veganen Nervensägen, die einem spätestens im zweiten Satz reindrücken müssen, dass sie vegan leben und wie toll das sei und dass ich das unbedingt auch mal ausprobieren müsse. Diese Typen sind ein gefundenes Fressen (Wortwitz beabsichtigt) für Comedians und Lästermäuler – etwa auf Twitter. Aber sie bleiben eine kleine Minderheit.

Die große Mehrheit der reinen Pflanzenesser in meinem Umfeld hält sich hingegen zurück. In der Regel merkt man da erst was, wenn sie irgendwo zum Essen eingeladen sind und die Fleischgerichte stehen lassen oder vorsichtig nach einer fleischlosen Alternative fragen. Dann folgt – und darüber hab ich noch keinen Komödianten spotten hören – in der Regel die fassungslose Inquisition durch die Fleischesserfraktion: “Echt, du bist Vegetarier? Warum denn? Tun dir etwa die armen Tiere leid? Aber Fisch isst du schon, oder?! He, da fehlen dir doch total wichtige Nährstoffe? Eisen! Eisen ist unverzichtbar! …”

Wenn jemand auf Zigaretten verzichtet, gibt’s keine Nachfragen. Auch wenn einer keinen Alkohol trinkt, hebt sich nur selten eine Augenbraue. Aber wenn jemand kein Fleisch mag, dann stürzt sich die Horde der Karnivoren argumentativ auf ihn mit Gebrüll. In meinem Umkreis jedenfalls.

Da steckt viel Aggressivität dahinter, finde ich. Ist es das schlechte Gewissen, das uns Fleischesser packt? Weil wir wissen, dass es eigentlich falsch ist, wie wir uns ernähren – und uns dann in die Ecke getrieben fühlen? Ich weiß es nicht.

Die wenigsten Vegetarier verzichten gern und leicht auf fleischliche Kost. Das tun eigentlich nur die, denen Fleisch nicht schmeckt oder denen die Vorstellung zuwider ist, tierische Biosubstanz zu sich zu nehmen, weil sie sich dann irgendwie kannibalisch fühlen. Wer aber aus religiösen Geboten auf Fleisch verzichtet, hätte ja vielleicht durchaus Bock auf eine Currywurst. Ist dann halt leider Sünde. Wer die Massentierhaltung und die Schlachtindustrie aus ethischen Gründen ablehnt, tut das kopfgesteuert, auch wenn Geschmacksnerven und Magen einem Schnitzel nicht abgeneigt wären. Also tun sich die meisten Vegetarier schwer mit ihrem Verzicht.

Doch wehe, wenn einer mal schwach wird: Dann fallen die Reaktionen nach meiner Erfahrung richtig hämisch aus. “Erzählt er mir doch, dass er kein Fleisch isst – und dann erwisch ich ihn am Bratwurststand!” Triumphales Geheul! Wieder ein scheinheiliger Weltverbesserer der Scharlatanerie überführt! Wenn ein Nichtraucher angesäuselt auf der Party eine Fluppe schnorrt, sagt keiner was. Wenn jemand, der eigentlich keinen Alkohol trinken wollte, sich breitschlagen lässt, zum Jubiläum mit einem Glas Sekt mit anzustoßen, gibt es garantiert keinen blöden Spruch. Aber der inkonsequente Vegetarier, der kriegt todsicher Haue!

Dabei macht es ihnen die Umwelt ohnehin schon schwer. In Gaststätten in der Provinz wird der Salat mit Schinken und Ei häufig als “fleischloses” Gericht angepriesen. Wer als Vegetarier in Deutschlands Gastronomie unterwegs ist, wird eine signifikante Häufung von Käsespätzle und Gemüselasagne auf seinem Speisezettel erleben. Da endet meist die Fantasie der Wirte.

Und dann kommen wir Fleischesser noch mit blöden Sprüchen. Muss nicht sein, liebe Mitkarnivorinnen und Mitkarnivoren! Vielleicht denken Sie das nächste Mal daran, wenn einer kein Fleisch haben will.

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1 Comment

  1. LichtWerg says:

    Hat dies auf LichtWerg rebloggt und kommentierte:
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