Nicolai Levin

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Momente des Lächelns (15)

Schon vor einigen Jahren hat die Stadtbibliothek ihr Ausleihsystem automatisiert. Seitdem leiht man Bücher (nein: Medien sind das inzwischen, denn es gibt ja auch CDs und DVDs zu leihen!) selbstständig an einem Registriergerät aus und gibt sie an einer Art Pfandautomat zurück; kein Mitarbeiter ist mehr erforderlich, der Bücher ausgibt oder entgegennimmt.

Am einzigen Ausleihregistriergerät der Stadtteilfiliale hat sich eine kleine Schlange gebildet. Es warten zwar nur vier oder fünf Leute, aber in dem kleinen Saal fällt das auf. Auslöser ist ein älterer Herr, der mit seiner Ausleihe irgendwie nicht vorankommt. Die Stimmung ist weniger gereizt als wenn sich anderswo eine Schlange bildet – an der Supermarktkasse oder beim Geldautomaten etwa -, aber der Mann ganz vorn hat trotzdem unverkennbar Stress.

Wieder und wieder drückt der arme Kerl auf dem Bildschirm herum und fuchtelt mit seiner Ausweiskarte und hält seinen Bücherstapel vor den Erkennungsbereich. Entweder (möglich, aber der Erfahrung nach sehr selten) der Apparat spinnt oder (wahrscheinlicher) der Mann macht einfach etwas fundamental falsch. Die junge Dame, die nach ihm an der Reihe wäre, zögert, ihm zur Hilfe zu kommen. Ich kann das verstehen – zum einen hat es ja was Entwürdigendes, als gestandenes Mannsbild mit der Technik überfordert zu sein. Und dann ist die persönliche Lektüre auch etwas durchaus Intimes, das Diskretion verdient. Man will kaum entdecken, dass es am Ende irgendwas Anrüchiges sein könnte, was der Herr zu lesen beabsichtigt – oder der Ratgeber “Leben mit Hämorrhoiden” oder so etwas.

Nach gefühlten zehn Minuten tritt die Frau doch vor: “Sie müssen erst den Ausweis dahin …” – “Ja!”, etwas zu laut, aber doch dankbar antwortet der Mann, “mach ich ja! Versuch ich doch die ganze Zeit!” Er hält ihr die Karte hin. Sie stutzt: “Sind Sie sicher, dass das Ihr Bibliotheksausweis ist?” Er schaut. Blaue Scheckkarte mit Foto und gelbem Schriftzug METRO. “Die Metro-Karte!” Er betrachtet die Schlange, schüttelt den Kopf. “Dann kann’s ja nicht gehen.” Er nimmt seinen Bücherstapel und zieht grimmig davon.

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