Nicolai Levin

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Putin rafft sich die Krim. Unappetitlich. Aber nachvollziehbar.

Putin hitlert durch die Weltgeschichte, der Westen droht mit Sanktionen, die Stimmung ist frostig. Warum eigentlich?

Wladimir Putin greift gierig nach der Krim und vermutlich bald nach dem Rest der Ukraine. Der Westen tobt; die Konfrontationen sind hart, Sanktionen drohen. Auf G8-Ebene stehen alle gegen einen.

Die Sicht des Westens

Die Strandpromenade von Jalta am Schwarzen Meer.

Die Strandpromenade von Jalta am Schwarzen Meer.

Aus unserer westlichen Sicht sind Gut und Böse in diesem Spiel klar verteilt. Hier das tapfere ukrainische Volk, das soeben mit tätigem Bürgerprotest einen despotischen Präsidenten vom Hofe gejagt hat. Auf dem Maidan haben sich die Ukrainer ihre Demokratie wiedergeholt. Jetzt streben sie Richtung Europa und wollen so nah wie möglich an die EU heran. Das gefällt den umworbenen Europäern natürlich.

Auf der anderen Seite die Russen – in der Ukraine und auf der Krim. Sie sind die undankbaren Spielverderber, die leider nichts mit dem freien Westen zu tun haben wollen. Vielmehr streben sie ausgerechnet nach Russland. Das können wir nicht verstehen. Wie kann man freiwillig in ein Land drängen, wo es keine Freiheit gibt, wo die Medien gelenkt sind und man nach Sibirien ins Arbeitslager muss, wenn man gegen die Regierung den Mund aufmacht?

Das russische Vorgehen

Natürlich ist die Art und Weise, wie die Russen vorgehen, völlig daneben. Kaum ist ihr Marionettenpräsident Janukowitsch weg vom Fenster, entdecken sie in Moskau die Liebe zu den Brüdern in der Ukraine und auf der Krim. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das die Russen auf der Krim so vehement einfordern, treten sie selbst mit Füßen, wo es ihnen nicht passt – etwa bei den nach Unabhängigkeit strebenden Völkern des Kaukasus (Stichwort: Tschetschenien). Die werden mit eiserner Faust im russsischen Reich gehalten.

Mit militärischer Gewalt (und der Drohung davor) schaffen die Russen auf der Krim Fakten, setzen in kürzester Zeit ein “Referendum” an – gläserne Wahlurnen, keine Umschläge, keine echte Wahlmöglichkeit. Wer eine andere Meinung vertritt, wird als Faschist abqualifiziert. Mit Volksentscheid hat das nicht das Geringste zu tun. Die Russen greifen sich, was ihnen passt und stellen die Weltgemeinschaft möglichst bald vor vollendete Tatsachen. Dass dieses rabiate und zielgerichtete Schlucken in so vielen Ausprägungen dem Verhalten ähnelt, das die Nazis in den Jahren von 1937 bis 1939 in Österreich und dem Sudetenland an den Tag legten, macht die Sache nicht eben sympathischer.

Indes steht kaum zu befürchten, dass Putin wie weiland Hitler bald einen Weltkrieg vom Zaun brechen wird, um sich Lebensraum im Westen zu erobern. Aber das rücksichtslose russische Verhalten muss einen nicht wundern, wenn man sieht, wie es die Russen sonst so mit Rechtsvorschriften, Demokratie und Meinungswettstreit halten. Das Land wird autoritär von einer Machtclique geführt, und die macht, was sie will. Ob in Moskau oder anderswo.

Die russischen Argumente

Ich verstehe dabei nicht ganz, warum Putin und seine Knechte ohne Not so ungeschickt agieren. Denn in der Sache haben sie durchaus gute Argumente. Wenn sie sich an die internationalen Spielregeln halten würden, fänden sie bestimmt auch im Westen viele Unterstützer für ihre Position.

Historisch gesehen hat das zaristische Russland die Krim seit dem 18. Jahrhundert immer für sich beansprucht. Die

Die russische Schwarzmeerflotte in Sewastopol - Gemälde von Iwan Aiwasowski (1846)

Die russische Schwarzmeerflotte in Sewastopol – Gemälde von Iwan Aiwasowski (1846)

Krimtataren (die zuvor seit den Zeiten von Dschinghis Khan den Landstrich beherrscht hatten) sträubten sich gegen die Herrschaft des Zaren, unterlagen aber 1783 dem Fürsten Potemkin (ja, der mit den Dörfern) und der Zarin Katharina der Großen; im Konflikt Russlands mit dem Osmanischen Reich wurde um die strategisch wichtige Halbinsel gekämpft, Europas Großmächte mischten hin und wieder mit (so im Krimkrieg in den 1850er Jahren). Seit ihrem Bestehen hat die russische Schwarzmeerflotte ihren Heimathafen in Sewastopol auf der Krim. Mit der Ukraine aber hatte die Krim nie etwas zu tun. Es war erst im Jahre 1954, dass der sowjetische Führer Nikita Chruschtschow die Krim anlässlich der 200-Jahr-Feier russisch-ukrainischer Verbundenheit symbolisch von Russland auf die Ukraine übertrug. Zu Zeiten der Sowjetunion war diese Schenkung ein reiner Verwaltungsakt ohne weitere Auswirkungen. Bis heute leben auf der Krim neben den Tataren vor allem Russen.

Insofern wissen sich die Russen auf der Krim schon in einer besonderen Situation, und die Ukraine hat wenig Argumente, wenn die russische Mehrheit weitgehende Autonomie fordert. Auch ein Übergang auf Russland ist historisch und ethnisch durchaus gerechtfertigt, wenn man dabei die Spielregeln des Völkerrechts für solche Fälle anwendet. Es gibt ja durchaus Beispiele, wo so etwas in Europa friedlich und gut funktioniert hat. Man denke nur an die Spaltung der Tschechoslowakei oder den Anschluss des Saargebietes an Westdeutschland 1955.

Die Rolle der Ukraine

Die Russen jedenfalls wissen genau, wohin sie wollen, auch wenn der Westen den Kopf schütteln mag. Russische Identität und Kultur sind gefestigt und stark. Das Land blickt auf eine jahrhundertelange staatliche Tradition zurück – von den ersten Zaren über die Sowjetunion bis heute. Für die Ukraine gilt das nicht. Die ukrainische Staatlichkeit ist eigentlich eine Erfindung der Sowjetunion, die 1922 die Landstriche, die sie nach dem Ersten Weltkrieg und den Kämpfen mit den Zaristen nach der Oktoberrevolution am Unterlauf des Dnjeprs in ihre Gewalt bekam, zur Ukrainischen SSR deklarierte. Als Stalin nach dem Zweiten Weltkrieg mit mächtiger Gewalt (die zum Teil erschreckend an das Vorgehen von heute erinnert) die Grenze der Sowjetunion um ein paar hundert Kilometer nach Westen verlegte, wurden weite Flächen, die zuvor polnisch waren, auf einmal sowjetisch – im Norden schuf Stalin “Weißrussland”, im Süden reicherte er die Ukraine an. Die Bewohner wurden zwangsweise umgesiedelt, die polnischen Altsassen wurden vertrieben und mussten in die Gebiete in Schlesien, Masuren und Pommern wandern, aus denen wiederum die Deutschen vertrieben worden waren.

Dabei war der Osten der Ukraine (also das Land links des Dnjepr) seit dem 18. Jahrhundert stets von den russischen Zaren beherrscht worden und galt als “Kleinrussland” zum Kernreich der Reussen. Die westlichen Gebiete rechts des Dnjepr zählten über weite Strecken historisch zu Polen-Litauen und wechselten häufig den Beherrscher. Polen wurde mehrfach geteilt und verschachert. So waren die Bewohner Galiziens mal dem Zaren, mal dem polnischen König, mal dem Kaiser in Wien untertan.

Die ukrainische Kultur

So etwas wie eine eigene kulturelle und sprachliche Tradition der Ukraine gibt es auch noch nicht so lange. Das ukrainische Nationalbewusstsein ist in weiten Teilen eine Erfindung einiger Dichter und Intellektueller des 19. Jahrhunderts. Es entstand im Westen des Landes, wo auch heute die Mehrheit der Bevölkerung pro-ukrainisch und pro-westlich fühlt und abstimmt. Als eigenständige und von Russland abgegrenzte ukrainische Kultur wurde sie halb entdeckt, halb gefördert, aus einem Dialekt wurde eine Sprache. In Wien förderte man diese Bestrebungen nach Kräften, denn eine kleine ukrainische Volksgemeinschaft am Rande des Reiches war dem Kaiser weit lieber, als wenn die Ruthenen (wie die Ukrainer damals genannt wurden) ihre Gemeinsamkeiten mit den Russen vertieft hätten und zum Zaren hätten überlaufen wollen.

Die innere Spaltung der Ukraine

Die Festung von Chotyn am Dnistr (Foto: Wikipedia)

Die Festung von Chotyn am Dnistr (Foto: Wikipedia)

Diese historische Spaltung zwischen westlicher, europäisch-ukrainisch geprägter Landeshälfte und dem östlichen Teil, der sich in erster Linie als kleiner Bruder der Russen sieht, findet sich auch heute noch. Man muss sich nur mal die Abstimmungsergebnisse bei der letzten Präsidentenwahl ansehen. Östlich des Dnjepr hatte Janukowitsch eine satte Mehrheit von zum Teil über 80%, im Westen des Landes stimmte man mehrheitlich gegen ihn.

Die Attraktivität der Ukraine

Hinzu kommt, dass die ukrainischen Politiker nach dem Ende der Sowjetunion und der Unabhängigkeit der Ukraine sehr schlecht mit ihrem Land umgegangen sind. Die Korruption blüht, Misswirtschaft findet sich allerorten. Auch die Helden des Westens, etwa Julia Timoschenko, mussten sich böse Vorwürfe von Vetternwirtschaft und Günstlingspolitik gefallen lassen. Das Land ist arm, und auch nach zwei siegreichen Revolutionen (der orangenen von 2004 und der vom Maidan 2014) ist die ukrainische Politik den Beweis ihrer Vertrauenswürdigkeit schuldig geblieben – auch wenn der Westen immer wieder große Unterstützungssummen in das Land gepumpt hat.

Fazit

Die Entscheider der EU und der Nato kennen natürlich die Argumente. Der Protest gegen die Russen ist also mehr einer gegen die Art und Weise des Vorgehens als gegen die Sache selbst. Putin muss klar werden, dass er in diesem Stil nicht weitermachen darf. Wenn die Staaten des Westens nun die Ukraine – oder jedenfalls den Rest davon, den Putin ihnen überlässt – als Einflussgebiet adoptieren wollen, muss ihnen klar sein, dass sie damit einen Problemkandidaten erster Kategorie unter ihre Fittiche nehmen.

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