Nicolai Levin

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Von jungen Hüpfern und alten Säcken

Es ist ein komisches Ding mit dem Altern. Mit “Altern” meine ich hier gar nicht die Veränderungen, die unser Körper mit fortschreitenden Jahren erlebt – sprich: dem allmählichen Verfall der jugendlichen Leistungskraft. Das erste graue Haar, die unvermeidliche Lesebrille: Sie machen uns klar, dass wir älter werden, aber darum soll es hier nicht gehen.

Nein, hier soll es um das Gefühl gehen, das damit einhergeht, dass wir mit den Jahren in der Grundmenge der lebenden Menschen vorwärts wandern – von ganz jung nach ganz alt. Das ist manchmal eine recht seltsame Angelegenheit, besonders wenn man an bestimmte Punkte stößt, die einem unmissverständlich klarmachen, dass man jetzt wieder eine Stufe nach rechts gerutscht ist, in Richtung alt und irgendwann tot.

Für die meisten von uns beginnt es im Kindergartenalter, dass wir uns unseres eigenen Alters bewusst werden. In diesem Alter verspüren wir vor allem diesen Drang, möglichst schnell größer werden zu wollen, weil die Großen viel mehr können und dürfen als die doofen Kleinen. Die großen Vorschulkinder, die auf den Abgang in die Schule warten, sind die gefühlten Könige, die ganz Kleinen dagegen taugen aus Sicht der Großen noch gar nichts (aber da denen das Altersgefühl noch abgeht, stört sie diese Herabwürdigung gar nicht so arg).

Wurde nicht alt: Amy Winehouse (Foto: Wikipedia)

Wurde nicht alt: Amy Winehouse (Foto: Wikipedia)

In der Schule durchlaufen wir dann von Klassenstufe zu Klassenstufe den Lehrplan, vom ABC-Schützen bis zum Abschluss. Der innere Bezugspunkt sind die anderen Kinder der eigenen Jahrgangsstufe, alle kommen aus zwei Geburtsjahrgängen, wer eine Klasse überspringt oder durchgefallen ist, der fällt schon richtig auf. Ein Jahr mehr oder weniger – das ist eine ganze Menge, wenn man sieben oder acht Jahre alt ist. Die Leute, die zwei oder drei Jahre drüber oder drunter liegen, sind gefühlt “viel älter” oder “viel jünger”. Die Lehrer sind meist jenseits der Dreißig, also unvorstellbar alt. In dieser Zeit lernt man, das eigene Geburtsjahr für sich als normal zu kalibrieren, und man beginnt abstrakt zu errechnen, wie alt jemand wohl ist, der im Jahr X geboren wurde.

Alle Älteren erscheinen uns erstmal “groß”. Die spannende Frage ist in diesem Alter, ab wann wohl jemand als “erwachsen” gelten darf? Fünfzehn? Sechzehn? Das ist schon ziemlich erwachsen, wenn man selbst nur halb so alt ist.

Wenn ich an meine eigene Jugend zurückdenke, gibt es einen markanten Punkt, an den ich mich erinnere, in dem das Alter und sein Fortschreiten auf einmal sehr präsent waren. Seit ich etwa zwölf war, kaufte ich mir jedes Jahr das Kicker-Sonderheft zur aktuellen Saison der Fußball-Bundesliga. Da waren die Mannschaftsaufstellungen aller Bundesligisten aufgelistet, und irgendwann, als ich siebzehn war, tauchten im Heft die ersten Spieler auf, die aus meinem Jahrgang kamen. Das war so ein Moment, in dem mir klar wurde, dass es für die wunderbare Entdeckung meines Talents wohl zu spät war und ich mit einer Karriere als Fußballprofi nicht mehr rechnen durfte. Das Alter war zum ersten Mal spürbar unwiederbringlich vorangeschritten, aus der Unzahl der Optionen, die der Jugend offen stehen, war eine der süßesten schon mal ausgeschieden.

An der sehr engen Orientierung auf das eigene Geburtsjahr ändert sich bei den Jugendlichen aber erstmal wenig bis zum Schulabschluss, außer dass man realistischerweise das “Erwachsenenalter” mit jedem Jahr ein bisschen hinausschiebt. Mit achtzehn oder neunzehn scherzt man dann gern, man sei zwar volljährig, mit dem Erwachsenwerden habe es aber noch Zeit.

Der kindliche Wunsch, älter zu werden, hat sich in der Regel gelegt, wenn man auf die Zwanzig zugeht. Und bis Mitte zwanzig haben auch die wenigsten ein Problem mit ihrem Alter. Das ist ein Phänomen, das dann mit Ende zwanzig einsetzt, dieses Bedürfnis, die eigene Jugend ewig fortzuschreiben. Vornehmlich Frauen beginnen, ihren 29. Geburtstag wieder und wieder zu feiern.

Mit dem Studium endet die starre Einbindung in die eigene Alterskohorte. Da begegnet man auf einmal einer breiteren Schar von Altersgenossen. Im ersten Semester sitzen eben auch Leute, die schon Mitte oder Ende zwanzig sind, schon mal einen “richtigen” Job hatten oder ein anderes Studienfach abgebrochen haben. Vielleicht arbeitet man als Hilfskraft, macht Aufsicht in einer Bibliothek oder so. Und im siebten oder achten Semester fällt einem spätestens auf, wie schrecklich jung die Erstsemester auf einmal sind. Die kamen zur Welt, da war man selbst schon in der Schule, vielleicht sogar im Gymnasium!

Man macht seinen Abschluss, beginnt zu arbeiten. Bei den vorgegebenen Geburtsjahren in Auswahlfeldern auf Onlineformularen muss man dann jedes Jahr weniger scrollen, Altersunterschiede von zwei oder drei Jahren erscheinen einem zunehmend belangloser. Irgendwann ist man froh, im Kader eines Bundesligisten im Kicker-Sonderheft noch auf einen Spieler zu stoßen, der genauso alt oder gar älter ist als man selbst.

Bei mir war ein weiteres Schlüsselerlebnis für die Wahrnehmung meines Alterns, dass Autoritätspersonen plötzlich jünger werden als man selbst. In meinem Fall war es die neue Zahnärztin – sie stellte sich vor, war professionell, angenehm, aber ich war trotzdem von ihr geschockt. So ein junges Ding von Anfang Dreißig! Würde die in der Lage sein, mein Gebiss angemessen zu behandeln? Das war ein sehr bizarres Gefühl.

Wurde sehr alt: Ernst Jünger (Foto: Ludwig Wegmann, Bundesarchiv)

Wurde sehr alt: Ernst Jünger (Foto: Ludwig Wegmann, Bundesarchiv)

Aber die Jahre schreiten weiter fort. Die Praktikanten oder die jungen Kollegen sind irgendwann in dem Jahr zur Welt gekommen, in dem man selbst Abitur gemacht hat oder sogar den Hochschulabschluss. Irgendwann gehen einem die Bezugspunkte im eigenen Leben aus, an denen man das Geburtsjahr der jungen Leute verankern kann. Dann rechnet man vom heutigen Tag zurück. 2014 minus 1998, aha, der junge Mann ist also sechzehn.

Das Leben geht weiter. Es kommt der Bezugspunkt der Vierzig. Früher war das “unfassbar alt”. Dann rutscht er von “bisschen älter als ich” zu “bisschen jünger als ich”, und eh man sichs versieht, sind die “bisschen älter als ich” Leute schon fünfzig. Auch wieder so ein Schreckpunkt. Der fünfzigste Geburtstag bringt Erinnerungen aus der eigenen Jugend; als die Eltern den seinerzeit gefeiert hatten, waren sie schon ziemlich alt und gesetzt. Mit fünfzig ist man nicht mehr in der relevanten Zielgruppe fürs Werbefernsehen! Danach ist der Rest des Arbeitslebens schon überschauber, bei allem Schönrechnen der Statistik ist man unzweifelhaft über die Mitte seiner Jahre hinaus.

Da ist man dann schon so weit auf der Kurve nach rechts gerutscht, dass es zahlenmäßig mehr Leute gibt, die jünger sind als man selbst, denn Leute, die älter sind. Auf einmal ist man in der Defensive! Man ertappt sich bei Gedanken und Sprüchen, die man als junger Mensch bei den depperten Alten belacht hatte. Bei den etwa Gleichaltrigen (dieser Terminus ist inzwischen auf die Bandbreite von mindestens fünf Jahren in beide Richtungen anzuwenden) beobachtet man komische Reaktionen: Die einen beginnen sich mit dem Status als älterer Mensch auseinanderzusetzen und proben schon mal (gerne selbstironisch!) das Seniorendasein, die anderen versuchen verzweifelt und zunehmend lächerlicher, sich im Auftreten, Aussehen und Gebaren an den Jungen zu orientieren.

An den eigenen Kindern und Enkeln kann man dann die Reise von außen nochmal beobachten. Und lächelt weise, wenn das Kindergartenkind über die “Krippenbabys” spottet. Es hat was Tröstliches, dass sich an einigen Dingen nichts ändert, auch wenn die Geburtsjahre vierzig Jahre weiter sind als damals bei uns.

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