Nicolai Levin

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myTaxi – Gier frisst Erfolg.

MyTaxi kennen Sie. Eine tolle Idee. Mal schauen, ob sie die Gier ihrer Macher überlebt.

Wer wie ich viel unterwegs ist, wird von der Idee von MyTaxi angetan sein. Eine App, mit der man sich auf Knopfdruck am Smartphone ein Taxi bestellen kann, egal, wo man gerade ist – das hat was.

Ich jedenfalls war begeistert von meinen ersten Bestellungen. Hatte ich bislang die Telefonnummern der lokalen Taxizentralen von vier oder fünf Großstädten in meinem Handy – jetzt gab es nur noch eine Anwendung, egal ob Berlin, Frankfurt, Hamburg, Stuttgart oder München.

Taxistand in Ravensburg (Foto: Fabian Börne für Wikipedia)

Taxistand in Ravensburg (Foto: Fabian Börne für Wikipedia)

Ging vorher schon mal eine Bestellung verloren, weil mich der Fahrer nicht fand oder irgendeine Adresse falsch übermittelt wurde, konnte ich jetzt auf einen Blick sehen, wo mein bestelltes Taxi gerade fuhr und wie lang ich noch warten müsste. Wenn ein bestellter Fahrer die Anfahrt wegen Staus entnervt abbrach, sah ich das sofort und konnte reagieren.

Wenn ich mir im Gewühl von Gästen und Autos am Bahnhof oder Flughafen nie sicher sein konnte, wer zu wem gehört, sah ich in der App das Kennzeichen und den Fahrzeugtyp; zudem kannte ich den Namen “meines” Fahrers – und er den meinen. Bei Rückfragen (“wo genau stehen Sie denn?”) konnte man sich per Handy kurz abstimmen.

Die Bezahlung lief über die Pauschale für den Funkruf. Da schlagen die Taxis je nach Stadt 1,20 bis 1,50 drauf, wenn man sie per Anruf (bei der Zentrale oder an den Telefonsäulen der Taxistände) bestellt. Dieses Geld ging als Gebühr an die App-Betreiber. Faktisch zahlte also ich als Gast den Spaß, kam aber genauso teuer weg, wie wenn ich mir ein Taxi per Telefonanruf geordert hätte. Nachvollziehbar und fair.

Es kamen im Laufe der Zeit ein paar Updates, ich hätte auch per App bezahlen können (wollte ich aber nie), sonst waren es die üblichen Feinjustierungen und Weiterentwicklungen.

Auf Fahrgastseite. Bei den Taxlern war es anders, wie mir einer neulich zornentbrannt berichtete: “Die wollen jetzt von uns Fahrern auch eine Provision. 3% bis 15% vom Fahrpreis; das geht jetzt mit dem Auftrag raus, wie so eine Auktion. Wenn Sie den Auftrag wollen, müssen Sie blechen!” Angesichts der schmalen Margen im Taxigewerbe und der langen Wartezeiten vieler Fahrer sei das nicht mehr tragbar, meinte der Fahrer. “Ich mach da nicht mehr mit. Und etliche Kollegen, mit denen ich gesprochen habe, auch nicht! Werdense sehen, in Zukunft wirds für Sie weit schwieriger werden, per App ein Taxi zu kriegen …”

Ich war gespannt, ob der Markt die Gier der MyTaxi-Macher tatsächlich bestrafen würde. Es ist ja sowas wie ein Experiment über Zahlungsbereitschaften. Nur nicht im Labor, sondern im echten Markt. Haben die Appbetreiber den Bogen überspannt?

Heute morgen 6:07 Uhr. Ich muss zum Bahnhof und klicke die MyTaxi-App an. Wie in den letzten Wochen auch an jedem Montagmorgen um diese Zeit. “Ein Taxi wird gesucht.”

6:08 Uhr. Die App sucht. Es dauert. Zugegeben, es gab auch schon vorher Tage, da war es nicht möglich, ein Taxi per MyTaxi zu erwischen. Ganz zu Beginn, als die App an den Start ging und nur wenige Fahrer dabei waren.

6:09 Uhr. Die App sucht. Dann aber, so ab Ende 2012 lief es eigentlich immer sehr flott, einen Fahrer für mich zu finden. Außer, es war grad eine Messe im Gange in der Stadt und alle verfügbaren Taxis auf Achse. Es ist aber heute weder Messe noch Ferienbeginn noch sonst irgendeine Großveranstaltung. Ein stinknormaler Montagmorgen.

6:10 Uhr. Die App sucht immer noch. Letztes Jahr, also 2013, da gab es nur einen einzigen Tag, an dem ich vergeblich nach einem Taxi gesucht habe. Das war in München, an dem Abend des Champions-League-Finals Bayern gegen Dortmund. Da waren aber auch die Taxistände verwaist und auf allen anderen Wegen herrschte Funkstille.

6:11 Uhr. Die App sucht immer noch. Komisch – ich war schon zu der Überzeugung gelangt, dass MyTaxi zu diesen bahnbrechenden Innovationen zählen würde, die eine Branche über den Haufen schmeißen. Die Telefonzentralen der Funkrufe würden über kurz oder lang zusperren müssen, war ich sicher gewesen. So wie die ganzen Entwicklungslabors für analoge Fotofilme, als die Digitalfotografie ihren Siegeszug antrat.

6:12 Uhr. Die App sucht immer noch. Um 6:36 Uhr geht mein Zug; wenn ich am Bahnhof noch einen Kaffee kaufen will, wird es langsam eng.

6:13 Uhr. Ich storniere den Auftrag bei MyTaxi. Zum ersten Mal seit einem Jahr rufe ich bei der Telefonzentrale der Taxigenossenschaft an. Die Dame ist sehr freundlich. Nach drei Minuten steht der Wagen vor der Tür.

Der Markt scheint zu funktionieren.

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1 Comment

  1. Als Taxiunternehmer ist es doch mal interessant das Thema – TaxiApp aus Sicht eines Kunden zu erfahren.
    Feindliche Übernahmen, mit dem Ziel das Grundbedürfnis nach gesellschaftlicher Mobilität mit eigenen Produkten zu bedienen (Autoindustrie/Ölindustrie/Reifenindustrie), gab es bereits in den USA. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert. Heute sind es App-Anbieter, die den Taximarkt übernehmen möchten, um sich einen Marktanteil in der neuen Welt von carsharing und Mobilität ohne eigenen PKW zu sichern. Bisher konnten wir uns in Deutschland erfolgreich gegen diese Großinvestoren wehren (z.B. Uber), die nach eigener Aussage so lange gegen nationales Recht verstoßen, bis sich das Recht ihnen anpasst. Meiner Meinung nach werden Lobbyisten und Investorenkapital die Politik noch überzeugen, dass das Taxigewerbe nicht in die Hand einzelner kleiner Unternehmen mit einem oder zwei Fahrzeugen gehört. Das ist für uns Taxiunternehmer der Grund für die Verweigerung einer Taxi-App wie mytaxi und nicht allein der Preis für die Vermittlung.

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