Nicolai Levin

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Europäisches Befindlichkeits-Barometer

Die Amerikaner haben ihren Superbowl, wir Europäer den Eurovision Song Contest (ESC). Ein gemeinsames Ereignis, das den gesamten Kontinent vor die Fernseher und an die Telefone treibt. Der Liederwettstreit liefert Gesprächsstoff für die Kaffeepause, und das Drumherum ist immer viel wichtiger als das eigentliche Thema.

Das erste, was mir dabei aufgefallen ist: Das Europa der Eurovision ist groß; viel größer als das der EU. Es reicht (wie das der Uefa auch) bis hinter den Kaukasus und nach Israel. Wie nah wir uns (gefühlt) mental in Kerneuropa genähert haben, wird mir an solchen Abenden bewusst, wenn wir uns zweifelnd fragen, wie man wohl in Aserbaidschan drauf reagiert, wenn eine bärtige Dragqueen sich zur Wahl stellt.

Zweite Merkwürdigkeit: Die Musik ist so einheitlich geworden! Es klingt alles nach Formatradio, mit sehr kleinen individuellen Einsprengseln. Ich erinnere mich an Bewerbe aus meiner Jugend, da hatten alle Kandidaten in Landessprache zu singen, aus Griechenland und der Türkei klangen traditionelle Melodien ungewohnt in unsere westlichen Ohren. Die Flöten wimmerten, die Fiedeln jaulten und die Leute jodelten. Schräg war das und ungewohnt; er klang nicht immer schön, aber interessant. Heute könnte nahezu jeder Beitrag in der Heavy Rotation von Radio Schubidu laufen.

Überhaupt die Musik: Die richtig tollen Lieder kommen immer noch nicht über den ESC. Den Siegertitel wird man in einem Jahr genau so vergessen haben wie all die anderen Songs der Vorjahre. Echte Knaller hat der Grand Prix kaum hervorgebracht – selbst wenn große Künstler gewonnen haben. 1966 gewann Österreich zuletzt – mit Udo Jürgens’ “Merci Chérie”. Einer seiner schwächeren Titel. Selbst Abba haben weitaus besseres abgeliefert als ihren 1974er Eurovisions-Siegertitel “Waterloo”.

Aber um die Musik geht’s ja nur am Rande. Die Europäer sehen (wenigstens im Westen) den ESC (auch) als europaweite Gelegenheit, um ihre Befindlichkeiten auszutauschen. Es gibt ja sonst keine Plattform für sowas, solang die Wahlen zum Europaparlament für nationales Abwatschen unliebsamer Regierungen missbraucht werden.

So wurde jeder Punkt für die Russen vom Publikum im Saal ausgebuht, so laut, dass die beste Tonregie es nicht wegblenden konnte; Schuld an diesem Unmut hatten natürlich nicht die brav-putzigen Zwillinge, die für Russland starteten. Sie büßten für Putins Griff nach der Ukraine.

Auch der Sensationserfolg für die österreichische Starterin Conchita Wurst war ein Statement, das über den Song und den Interpreten hinausreicht: Europa feiert an diesem Abend in Kopenhagen sich selbst, die Liberalität, die Modernität und Toleranz. Und dabei richtet sich dieser Sieg wieder gegen Russland und die anderen rückständigen Kulturen, die sich den Kampf gegen die gleichgeschlechtliche Liebe auf ihre verwitterten Fahnen geschrieben haben.

Conchita Wurst hat es dem Publikum leicht gemacht. Perfekt inszeniert mied sie jede Vulgarität und Provokation. Eine sympathische schöne junge Frau (halt nur mit Bart und dargestellt von einem Mann) sang mit passabler Stimme einen pathetischen Schmachtfetzen. Zur Wahl stand die junge Whitney Houston in schwul. Eine wohldosierte Provokation, die keinem weh tat. Und Europa jubelte.

Solche Meilensteine hatte der ESC bereits häufiger zu bieten. Der Wettbewerb dient ja schon länger als Seismograf der gesellschaftlichen Veränderung.

1998 entschieden sich die Deutschen mit Guildo Horn für eine Ironiefigur. Guildo hatte uns lieb und die Deutschen bewiesen den Europäern und der Welt, dass sie Selbstironie konnten, Spaß haben wollten, unbeschwert lachen und feiern und die Jahrzehnte des nationalen Nachkriegstraumas hinter sich lassen wollten. Es dauerte weitere acht Jahre bis zum Sommermärchen bei der Fußball-WM 2006, dass die Welt das vereinte Deutschland auch so wahrnahm.

2004 gewann die mehr als halbnackte Ruslana für die Ukraine und belegte, dass im Internetzeitalter die Erotik (für manche: Pornografie) ein gesellschaftsfähiges Phänomen geworden war.

Die Gruselrocker von Lordi aus Finnland waren die nächsten, die 2006 zeigten, dass die postmoderne Spaßgesellschaft auch den Songcontest durchdrungen hatte. “Anything Goes” – auch Geisterbahnfiguren auf der Chansonbühne genießen das Wohlwollen der europäischen Fernsehzuschauer.

Wie modern Europa sich fühlte, zeigte sich auch im Abstimmverhalten. Wer schaffte es, nationale Befindlichkeiten über Bord zu werfen und nach individuellem Gusto zu befinden? Wer war dagegen noch im nationalstaatlichen Korsett gefangen? Die Griechen und die Zyprioten, die sich notorisch die Spitzenpunkte gegenseitig zuerkannten; die russischen Satelliten, die in treue fest zu Moskau standen. Aber vergessen wir hier nicht auch das kollektive deutsche Gejammer, wenn es schon wieder keine Punkte aus Österreich gab! Heute gilt solches Denken (im Westen wenigstens) als rückständig und pfui, und der Moderator muss abwiegeln, dass es vielleicht ja wirklich der Musikgeschmack sei, der die tumben Brüdervölker vereine.

Das ist natürlich Unfug. Denn auch die Fortschritte betrafen immer nur die Interpreten und ihre Auftritte, nie die Musik an sich. Die blieb immer sehr dem Mainstream verhaftet – wer sich hier zu weit vorwagt, hat keine Chance – das galt auch 2014.

Eigenartig finde ich in diesem Zusammenhang das notorisch schwache Abschneiden der Briten, die doch eigentlich einen doppelten Startvorteil haben. Sie dürfen seit jeher auf englisch singen und sollten sich mit der Sprache doch leichter tun als der gemeine Armenier oder Weißrusse. Zudem sind sie das Kernland der angelsächsisch geprägten Pop- und Rockmusik. Da sollte es doch ein Leichtes sein, aus dem Riesenfundus ein Klassetitelchen für Europa abzuzweigen …

Was schließlich 2014 am Rande zu bemerken war, ist der offenkundige Verlust der kulturellen Deutungshoheit durch Frankreich. Der Beitrag der Franzosen war wohl humorig gedacht, aber das verstand keiner; jedenfalls landete er auf dem letzten Platz. Hinzu kommt, dass außer dem französischen Fernsehen keiner mehr französisch spricht im Songcontest. Auch das war früher anders, da lag die Französischquote bei den Sendern bei ungefähr einem Drittel und halbfrankofone Länder wie Belgien oder die Schweiz hätten nicht im Traum dran gedacht, englisch zu reden.

NACHBEMERKUNG: Bitte nehmen Sie wohlwollend zur Kenntnis, dass ich mir in der Überschrift jedwedes Wortspiel rund um “Wurst” verkniffen habe.

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