Nicolai Levin

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Wofür zahl ich denn hier?

Krautreporter (http://www.krautreporter.de) hat es also geschafft. Mehr als 15.000 Unterstützer, mehr als 900.000 Euro für leserfinanzierten Journalismus.

Der Online-Journalismus sei tot, haben die Krauterer provokativ vermeldet. Qualität habe keine Chance in Zeiten, wo Google-Rankings und Klickzahlen alles sind.

Das klingt erstmal sehr nach Jammern und böserböser Onlinewelt. Aber wir brauchen uns nix vorzumachen: Die Zeiten sind hart für Journalisten. In gedruckten Zeitungen und Magazinen herrscht Dauerkrise; Blätter mit großen Namen müssen Insolvenz anmelden und gehen den Bach runter. Im Onlinebereich verdirbt vielleicht der Zwang zum schnellen Klick die Sitten und die Qualität, definitiv verderben in den Redaktionen Heerscharen von Praktikanten und halbprofessionellen Freiberufler die Preise. Aus Sicht der qualitätsbewussten Macher steht es also schlecht um unsere Presse.

Aus dem Blickwinkel der Konsumenten sieht die Welt anders aus. Noch nie waren so viele Menschen so gut informiert vom Tagesgeschehen. Noch nie war so viel so billig zu lesen und zu schauen, so schnell und so viel: Nachrichten, Meinungen, Kommentare. Die bunte Medienwelt liefert frei Haus mehr als man verarbeiten kann. Wer als Leser und Konsument genauer hinschaut, findet ein Schlaraffenland vor, in dem er gratis (oder für wenig Geld) die herrlichsten Beiträge genießen kann. Nie ging es uns Medienkonsumenten besser.

Als ich jung war, steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Unsere Dosis an Nachrichten, Informationen, Reportagen mussten wir uns über Zeitungen und Magazine besorgen. Man las täglich die SZ oder die FAZ (je nach politischer Neigung), dazu montags den Spiegel oder den Focus; wer es unterhaltsamer wollte, donnerstags den Stern, ansonsten die Zeit. Darunter ging es nicht, wenn man als politisch interessierter Bildungsbürger grundversorgt sein wollte.

Die Verleger und Zeitungsmacher konnten sich in diesen goldenen Zeiten eine kunterbunte Mischung von Angeboten leisten, über die wir heute wahlweise nostalgisch oder spöttisch den Kopf schütteln können.

Die Samstagszeitung passte kaum in den Briefkasten, sie war immer doppelt so dick wie die Wochentagsausgaben – den fetten Packen mit den Stellenanzeigen hat man entweder ungelesen weggeworfen oder hoffnungsfroh mit gezücktem Textmarker durchgeblättert. Dazu kam an bestimmten Wochentagen der Immobilienmarkt und die Autoanzeigen – auch die waren viele Seiten stark. Wer in einer Boomstadt eine bezahlbare Wohnung suchte, passte am Abend die Auslieferung der druckfrischen Kopien ab und konnte so als erster beim potenziellen Vermieter wegen eines Besichtigungstermins anrufen. Ja, es klingt heute seltsam, aber damals lief fast jede derartige Geschäftsanbahnung über die Tageszeitung. Die Anzeigen waren teuer, so flossen sichere Einnahmen in die Verlage. Als Leser hatte man keine Wahl, die Anzeigen lagen der Zeitung bei, auch wenn man sie nicht brauchte, weil man noch bei den Eltern wohnte, mit der Trambahn fuhr und sich lediglich über die Neuigkeiten informieren wollte.

Wir wissen es, die Zeiten haben sich gründlich geändert. Die bunte Wundertüte ist passé. Autos, Wohnung, Job – dafür gibt es passende Portale im Netz. Die Einnahmen landen anderswo, die Verluste aus dem Anzeigengeschäft sind es, die den Tageszeitungen bis heute wirtschaftlich am meisten zu schaffen machen. Dieses Geld aber ist futsch und Ersatzquellen sind nicht in Sicht.

Bei den Nachrichten verlieren die Printmedien zwar keine unmittelbaren Einnahmen, aber doch an Bedeutung und damit auf Sicht auch an Lesern. Wenn heute irgendwo die Erde bebt, Präsidenten gestürzt werden oder Prominente sterben, braucht man keine Tageszeitung mehr. Man erfährt das quasi in Echtzeit. Wer CNN oder Reuters auf Twitter folgt, trägt immer einen Agenturticker mit sich herum. Und selbst wenn man so etwas nicht will, ist doch irgendjemand aus der Umgebung erfahrungsgemäß immer vernetzt und bekommt die Eilmeldung  live aufs Handy. Sie kennen das bestimmt auch: ein langweiliges Meeting, einer hängt mindestens am Smartphone – “Ach du Scheiße, der X ist gestorben!” Schon wissen es alle.

Wenn man in der Großstadt lebt, hat man meist innerhalb von drei, vier Stunden die aktuellen Nachrichten mitbekommen. Man bemerkt es erst, wenn man sich über längere Zeit wirklich offline begibt, dass man wieder dankbar wird für eine konzise Zusammenfassung der Eilmeldungen der letzten Tage, wie sie Zeitungen und Fernsehnachrichten liefern.

Meinungen gibt es ebenfalls billig im Netz. Auch das war nicht immer so. Der wöchentliche Kommentar von Rudolf Augstein, ein Einwurf von Joachim Fest; wenn sich Marion Gräfin Dönhoff mal in der Zeit äußerte – wir lasen es mit Andacht und wogen es respektvoll gegen die eigene Meinung. Heute darf jeder Depp den Augstein spielen, zu jedem Pups können wir unsere Meinungen hinausposaunen in die Welt. Selbstdarsteller, Profilneurotiker, Sektierer und Protestierer, kluge Leute und dumme – alle finden ihre Bananenkiste, das Web ist eine einzige Speakers’ Corner. Die Kunst ist nicht, eine Meinung zu haben oder niederzuschreiben, sondern jemanden zu finden, den sie interessiert.

Wir Medienkonsumenten sind nicht mehr bereit, viel Geld für eine Wundertüte auszugeben, in der uns die Hälfte der Bonbons gar nicht schmeckt und wir außerdem vieles davon irgendwo anders für lau erhalten können. Die Printmedien haben reagiert, sie versuchen online ihr Glück – ein paar wenige gegen Geld, die meisten und die größten Redaktionen im deutschsprachigen Raum versuchen, ihre Arbeit mit Werbeeinnahmen zu finanzieren. Im Gegensatz zur gedruckten Wundertüte lässt sich hier genau ermitteln, wer welchen Artikel aufruft und wie lang drauf verweilt. Werbekunden erhalten die höchstmögliche Transparenz. Die Journalisten hingegen agieren als Wanderhuren auf dem Aufmerksamkeitsstrich. Nur Klicks bringen Kohle!

Das Angebot, das rauskommt, wenn wir eine rein werbefinanzierte und klickgeile Logik anwenden, stimmt einen in der Tat traurig. Spiegel und Bild haben – zumindest online – mehr als die Hausfarbe rot gemein. Fotostrecken, Psycho- und Bildungstestspielchen, Rührstücke und Kuriositäten – all das ist nett und fein zwischendurch, aber es lässt eine Menge Wünsche offen. Kundige Reportagen, sauber dokumentierte Features, Hintergrundberichte, intelligente Interviews mit interessanten Gesprächspartnern. Da beißt es online aus.

Denn da droht keine Konkurrenz aus dem Netz, da sind die klassischen Medien mit ihren Methoden und ihrem geschulten Personal nach wie vor schwer zu schlagen. Ich kann ohne große Investitionen nach Feierabend schimpfen und loben und schwadronieren, wenn die Erde gebebt hat. Um hinzufahren, mit den Leuten zu reden, den Verantwortlichen kritische Fragen zu stellen, dafür brauche ich Geld, Zeit, eine Akkreditierung, Kenntnisse der Landessprache und Beziehungen. Klassische Recherchearbeit also. Die bekomme ich nicht für lau auf irgendwelchen Bloggerseiten. Dafür bin ich als Leser auch in Zeiten der Gratismedien bereit zu zu zahlen. In diesem Kernbereich haken nun die Krautreporter ein und wittern Zahlungsbereitschaft beim Leser.

Das Kalkül könnte aufgehen.

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