Nicolai Levin

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Ganz großes Kino

Sie kennen diese Listen mit Dingen, die wir nur aus Filmen kennen – dass das Revolvermagazin des Helden nie leer wird, dass der Bösewicht zwanghaft dem gefesselten Helden in scheinbar hoffnungsloser Lage des Rätsels Lösung verrät, dass mittelalterliches Fußvolk perfekte Zahnreihen aufweist und dass die entscheidende Nachricht immer genau in dem Moment auf dem Bildschirm erscheint, wenn jemand zufällig das Fernsehgerät einschaltet.

Ich hab meine persönliche Fortschreibung dieser Liste begonnen – ganz banale Dinge, die ich im Leben nicht so toll oder elegant hinbekommen werde wie die Helden der Leinwand.

1. Zähneputzen

Die Szene: Das Filmpaar diskutiert vor dem Zubettgehen noch etwas. Einer liegt schon im Bett, der/die andere steht im angrenzenden Bad und putzt sich die Zähne. In Filmen wird meist manuell geputzt, denn dann gibt’s kein Störsummen der Elektrobürste in den Dialogen. Aber egal ob elektrisch oder von Hand: Im Film wird ein paar mal geschrubbt, dann energisch ausgespuckt und dazwischen gibt’s geistreiche Dialoge. Bei mir dagegen läuft nach einer Minute unvermeidlich eine Speichel-Pastaschaum-Mischung aus dem Mund am Kinn herunter; das sieht offen gestanden ziemlich debil aus. Alle Versuche einer Kommunikation während des Zähneputzens enden bei mir und meiner Liebsten nach drei oder vier “Hähs!” damit, das Zähneputzen zu unterbrechen und zu sagen: “Liebling, ich versteh kein Wort von dir, solang ich mir die Zähne putze. Das kannst du mir doch auch nachher erzählen!”

2. Wein rationieren

Wenn Leute im Film Wein trinken (in der Regel Rotwein), dann bleibt die Flasche immer Dreiviertelvoll, egal wie viele Gläser daraus eingeschenkt werden. So eine Flasche hätte ich auch gerne mal. Leere Weinflaschen gibt es in Filmen nur, um: a.) exzessive Partys anzudeuten oder: b.) auf ein Alkoholproblem hinzuweisen. Bei mir zu Hause dagegen ist die Flasche entweder neu und voll, oder es haben im Normalfall zwei Leute davon getrunken, was heißt, dass die Flasche – je nachdem – noch zu einem Drittel oder einem Viertel voll ist. Das hat dann unweigerlich Diskussionen zur Folge, wenn dieser Rest gerecht auf zwei Gläser verteilt ist und diese Gläser sich zur Leere neigen. Machen wir noch eine Flasche auf? Und wenn ja: Von welchem, denn von dem, den wir hatten, ist leider nichts mehr da. Und der Teure, den uns Andi und Petra neulich mitgebracht haben, muss es ja eigentlich nicht sein und … Doch genug! Jedenfalls: So eine Dauerdreiviertelvollflasche wie im Film hätte ich auch gerne.

3. Elegant Fliegen

Loriot hat mal in den Siebzigern in einem Fernsehsketch gezeigt, wie Fliegen tatsächlich aussieht. Sonst aber zeichnen Film und Fernsehen ein völlig illusorisches Bild vom Fliegen. Luxuriöse Sitzabstände, halbleere Sitzreihen. Dazu Flirts mit gutaussehendem Kabinenpersonal.

Vermutlich hat es was mit Kameraposition und Bildaufbau zu tun. Wenn alles so vollgebaut und eng ist wie in einem modernen Flugzeug: Aus welcher Perspektive will man denn filmen, um ein ansprechendes und gutes Bild zu bekommen? Das ist vermutlich wie bei Pornofilmen, wo die Darsteller auch die abseitigsten Verrenkungen machen müssen, damit der Zuschauer was erkennen kann.

Jedenfalls sitzt im Film nie jemand in einer vollgepferchten Maschine im Mittelsitz und versucht verzweifelt, irgendwas zu lesen, ohne von rechts und links eine gelangt zu bekommen. Ich sitz da leider nur allzu oft. Dem genervten Kabinenpersonal sage ich, was ich trinken möchte, und das wars.

4. Stilvoll Verschlafen

Sie kennen diese (Film-)Szene: Nach einer heißen Liebesnacht wacht einer auf und stellt fest: Herrje, es ist ja schon viel zu spät! Dann schlüpft er/sie eilig in die nächste herumliegende Hose, streift sich ein T-Shirt über und rennt los.

Nicht dass ich nicht auch schon verschlafen hätte. Nur: Ich stinke dann, bin unrasiert, hab verwuschelte Haare und das Bedürfnis nach Zahnhygiene. Nicht auszudenken, was los wäre, würde ich so wie ich bin, zur Arbeit gehen. Vermutlich wäre ich meinen Job los. Die Filmhelden hingegen sehen nach dem nächsten Schnitt wieder so perfekt aus wie immer.

5. Nebenher essen

Der Drehbuchautor verordnet seiner Figur eine längere Textpassage und so ganz nebenher soll er etwas essen. Meist ist das im Gehen ein Sandwich oder ein Hot Dog oder ein Hamburger – die meisten Filme kommen ja aus Amerika. Der Held beißt dann einmal ab und dann erzählt er seinen Text. Und erzählt. Und erzählt. Zwischenrein macht er ostentative Kaubewegungen, damit wir uns auch dran erinnern, dass er ja nebenher noch was isst. Die Filmhamburger und -würstchen müssen aus Hartgummi sein, so wie die Schauspieler auf ihnen rumkauen. Wenn ich hingegen so ein Labberbrötchen futtere, brauche ich drei oder vier schnelle Bissen, und happs! ist der Burger oder der Hot Dog fort. Geredet wird davor oder danach. Das ist vielleicht nicht pittoresk, aber praktisch! Sie mögen mir jetzt vorwerfen, dass ich nicht gründlich genug kaue, und Sie haben sicher recht damit, aber meine langjährigen Feldstudien bei Burgerbratern und den Eingangsbereichen schwedischer Möbelhäuser zeigen mir, dass die meisten meiner Mitmenschen es ähnlich halten wie ich.

6. Döner essen (nebenher oder richtig – egal)

Bleiben wir beim Fastfood. In deutschen Produktionen gibt es da noch Döner und Currywurst im Angebot. Döneressen endet bei mir auch jedesmal in der Katastrophe. Sie machen das ganz raffiniert beim Film, indem sie immer nur die ersten Bissen zeigen. Da geht es bei mir auch noch. Aber noch jeder Döner, den ich gegessen habe, wurde in seinem letzten Drittel zu einer ziemlich unappetitlichen Angelegenheit von (beinah) heruntergefallenen Fleischfetzen, rausgepressten Tomatenstücken und Soßenspuren überall. Die Soßenflecken auf Jacke und Hemd, die beim Dönergenuss unweigerlich drohen, will ich gar nicht erst in Feld führen.

7. Kurz und knapp telefonieren

Ich finde, das Telefonieren im Film sollte uns allen zum Vorbild dienen. Kurz und knackig werden Dinge vereinbart, Informationen ausgetauscht – alles ist sehr auf das Wesentliche reduziert. Telefonieren gibt ja dem Zuschauer nicht richtig viel, und so beschränken sich die Filmemacher auf das absolut Notwendige. Meine Telefonate dagegen sind pure Redundanz – und die Entscheidungsfindung dauert ewig.

Wenn also im Film ein Treffen vereinbart wird, läuft das so ab: “Kennst du das Einkaufszentrum am See? Komm um 5 zum Eingang!” Peng! Bei mir liefe das dagegen eher so: “Wir könnten uns am Einkaufszentrum am See treffen? … Ja, oder am Bahnhof. … Nein, wenn du ohnehin zu Mama musst, bist du schneller am Einkaufszentrum. … Wann? … Um vier? … Ach so, du bist erst um halb vier bei Mama. … Nein, dann schaffst du vier nicht … Um sechs? … Nein! Ich will dich nicht den ganzen Nachmittag bei Mama festfrieren! … Wann kannst du denn frühestens weg? … Halb fünf? … Gut, dann treffen wir uns halt um fünf. … Nein, ich glaub nicht, dass du im Stau stehen wirst … Von mir aus können wir uns auch erst um halb sechs treffen, dann macht es nix, wenn du ein bisschen im Stau … Nein! Ich will dir nicht eine halbe Stunde … Nein, nein, von mir aus um fünf – und wenn du im Stau stehst, rufst du mich halt an. Dann mach ich mich auch ein wenig später auf den Weg …” Und so weiter. Bis wir den exakten Treffpunkt vereinbart haben, geht garantiert eine weitere Viertelstunde ins Land, und ich halte mich nicht für übermäßig geschwätzig.

Und weil ich all diese großartigen Dinge nicht kann, rette ich auch nicht die Welt wie James Bond oder überliste Casinobosse in Las Vegas wie Danny Ocean. Wahrscheinlich ist es ganz gut so.

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1 Comment

  1. Carsten says:

    Eins fehlt noch, was mir immer wieder auffällt: regnet es im Film, dann tobt auch immer ein Gewitter dazu. Regen ohne Gewitter gibt es nicht.

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