Nicolai Levin

Home » Gesellschaft » Leben mit Kind oder ohne – was ist besser?

Leben mit Kind oder ohne – was ist besser?

Noch so eine Frage aus dem Stöckchen von Frau Schreiberling. Fast bin ich versucht, mit Loriot zu rufen: “Da regt mich doch schon die Frage auf!” Ja: Allein diese Frage zu stellen, verrät viel über unser Verhältnis zu Kindern – und was dabei irgendwie schief läuft.

Vor nicht allzu langer Zeit waren Kinder nichts besonderes. Man schenkte ihnen keine spezielle Beachtung. Wer (hetero-) sexuell aktiv war, hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit über kurz oder lang einen Stall voller Blagen zuhause; wem Alter oder Anlage Kinder verwehrten, der blieb eben kinderlos.

Entsprechend interessierten sich die wenigsten dafür, wie man Kinder am besten großziehen sollte und wie man sie zu behandeln hätte. Die Familien organisierten sich, die Kinder hatten nach Kräften mitzuhelfen in Haus und Hof. Wenn es am Geld nicht reichte, mussten die Kleinen auch erwerbstätig sein und ihren Beitrag zum Haushaltsgeld leisten. Wurden es gar zu viele, übergab man manche in die Obhut kinderloser Verwandter oder der Kirche (die daraus ihren Nachwuchs rekrutierte), und in drastischen Fällen verkaufte man sie sogar.

Wenn die Kinder nicht folgten (oder man ihrer sonstwie überdrüssig war), schlug man sie. Vom großen Thema Missbrauch erfahren wir wenig aus den historischen Quellen, wir dürfen aber wohl annehmen, dass es nicht weniger Kinderschänder gab als heute.

Alles in allem war es wohl kein Zuckerschlecken, in der “guten alten Zeit” Kind zu sein, und heutige Pädagogen würde wohl auf der Stelle der Schlag treffen, wenn man sie ins Deutschland des 19. Jahrhunderts reisen ließe. Eigentlich wirkt es da fast wie ein Wunder, dass die vielen seelisch und körperlich malträtierten Kinder dieser Zeit nicht alle zu neurotischen Massenmördern und Menschenquälern wurden.

Umgekehrt genossen die Kinder damals natürlich auch viel mehr Freiheit als heute; sie spielten weitgehend unbeaufsichtigt und schufen sich ihren eigenen kindlichen Mikrokosmos in Großfamilie und Nachbarschaft. Sie durften draußen spielen und forschen, es gab noch wilde und unentdeckte Winkel in Hinterhöfen und Ställen und Scheunen, wo Abenteuer warteten. Wenn es dunkel wurde, hatten sie halt zum Abendessen daheim zu sein.

Es kam der Fortschritt, und mit ihm die Familienplanung. Mit dem Verlauf des 20. Jahrhunderts kamen immer mehr junge Menschen in die privilegierte Situation, dass sie nur noch dann Kinder bekamen, wenn sie das auch wollten. Einen Riesensprung bedeutete die Einführung der Antibabypille in den sechziger Jahren. Die Demografie wandelte sich: Die Zahl der Kinder sank dramatisch. Parallel machte die Fortpflanzungsmedizin ihre Entdeckungen und erlaubte immer mehr Paaren auch im fortgeschrittenen Alter oder mit Einschränkungen bei der Fruchtbarkeit, sich den bewussten Kinderwunsch zu erfüllen.

Zugleich wurde das Kindererziehen immer mehr zur Wissenschaft. Pädagogen und Psychologen erforschten Erziehung und Verhalten von Kleinen und Großen. Das Kindeswohl wurde um so höher gehoben, je weniger Kinder es betraf. Erziehungsratgeber machten sich in den Regalen der Buchläden breiter und breiter. Heute gibt es tatsächlich Leute, die keine Kinder bekommen, weil sie Angst haben, mit der Aufgabe überfordert zu sein, ein Kind großzuziehen.

Die Kinder selbst sollten eigentlich heute so glücklich und zufrieden sein wie nie zuvor. Sie werden beschützt und gefördert von früh bis spät. Sie lernen Chinesisch und Oboe, sie sind angehalten, ihre Streits argumentativ zu lösen. Ihre Eltern hüten sie als kostbaren Schatz, den sie sich gönnen.

Aus Sicht der Eltern sind die Kinder vom selbstverständlichen Beiwerk des eigenen (meist vorgezeichneten) Lebenslaufs zum Mittelpunkt der aktiven Lebensplanung geworden. Sie sind ein teurer Luxus: Schon ihre Entstehung kann zehntausende kosten, wenn sie nicht auf natürlichem Wege zuwege kommt. In den Ballungsräumen kosten Kinder (die natürlich ein eigenes Zimmer brauchen) sündhaft teuren Wohnraum, auf dem Lande teure Transportkosten zu Sportverein und Nachhilfe.

Mit den Kindern verlängern die Eltern heute ihre persönliche Erfolgsbilanz. Die Erfolge und das Scheitern der Kleinen nehmen die Erzeuger auf ihre Kappe. Redet man mit den Eltern, leiden mindestens 80% der Jungen und Mädchen eines jeden Kindergartenjahrgangs unter dem bedauernswerten Schicksal der “Hochbegabung”. Stellt man sich am Wochenende an den Spielfeldrand eines beliebigen Fußballspiels der E-Jugend und beobachtet die echauffierten Eltern, kann man richtig was erleben! Wenn das Kind später in der Schule eine schlechte Note nach Hause bringt, wird erstmal mit dem Lehrer gestritten über Notenverteilung und missverständliche Aufgabenstellung.

So wie das Kind zum persönlichen Erfolg und Prestige beiträgt, wird auch das Kinderkriegen zu einer Entscheidung, die man konsumerfahren auf ihren Nutzen hin bewertet. Ist das Erlebnis “Leben mit Kind” seinen Aufwand wert? Als moderne Konsumenten sind wir gewohnt, solche Fragen zu stellen. Bevor wir etwas Großes, Teures kaufen, haben wir gelernt zu schauen, welche Bewertungen das Produkt bei Amazon bekommen hat. Blöderweise funktioniert das mit den Kindern nicht so wie beim Kauf des Plasmafernsehers. Die Entscheidung fürs Kind bindet einen auf Jahrzehnte, und Zurückgeben ist nicht. Der Klapperstorch ist leider weniger kulant als die Online-Versender.

Umso besorgter fragen die An-Familie-Denker die erfahrenen Kinder-Haber nach ihrer Einschätzung: Lohnt sich die Anschaffung eines Kindes? Wie ist die Konsumerfahrung? Ist es ein Fehlkauf, den ihr bereut habt? Kann man natürlich fragen.

Freilich werden die Antworten unbefriedigend bleiben. Was bringt es einem, wenn einen das Baby zum ersten Mal anlacht? Was kosten durchwachte Nächte mit Bauchwehkindern? Wie hart ist es, mit Kind und blutender Platzwunde am Sonntagabend in der Notaufnahme des Krankenhauses auf den Arzt zu warten? Wie geht man mit Trotz um, mit Kuschelbedürfnis, mit klugen Fragen und frechen Bemerkungen? Wie ist es, angelogen und bestohlen zu werden? Sein Kind gegenüber Angriffen anderer zu verteidigen? Das Konto zu überziehen, weil die Schulsachen wieder so teuer sind? Ein gekrakeltes Bild geschenkt zu bekommen: “Das bist du!”?

Wie viele Amazon-Sterne geben Sie auf so etwas?

Advertisements

2 Comments

  1. Carsten says:

    Die Frage ist natürlich Blödsinn. Für mich selbst ist der Gedanke, eigene Kinder zu haben und großzuziehen, völlig abwegig, ich bin sehr glücklich ohne. Andererseits versichert eine überwältigende Mehrheit der Menschen, dass genau das für sie das größte Glück des menschlichen Daseins ist, ich glaube ihnen das. Dennoch möchte ich keine haben. Ein “Richtig” oder “Falsch” muss wohl jeder mit sich selbst ausmachen.

  2. Ob man die Sterne den Kindern geben sollte? Ich denke, damit müsste eher die Qualität der Erziehung durch die Eltern bewertet werden. Kinder kommen ja schließlich nicht als Diebe oder Lügner zur Welt.
    Ich für meinen Teil könnte mir ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen. 🙂

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: