Nicolai Levin

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Twitterer unter sich

Irgendwo taucht die Info auf: Ein Twittertreffen!

Hmh, neugierig klickt man auf den Link, stellt verblüfft fest, es sind sogar noch Plätze frei, und es ist in einer Stadt, die mit vertretbarem Aufwand erreichbar wäre … Schnell mal anmelden, bevor es wieder ausgebucht ist. Nachher absagen kann man immer noch, kostet ja nix.

Erste Euphorie. Platz gesichert! Letztes Mal gab es immerhin Ärger, weil Leute von der langen Warteliste sich ungerecht behandelt fühlten …

Nach ein paar Tagen der Blick auf die Gästeliste. Ein paar ganz prominente Namen haben sich angesagt – die Neugier steigt. Wie wohl der @twittersuperstar aussieht und wie er sich so “in echt” gibt?

Nach ein paar Wochen noch ein Blick auf die Gästeliste, die inzwischen voll ist und geschlossen wurde. Neben den Stars und vielen vielen ganz unbekannten Accounts haben sich ein paar angekündigt, die man auf Twitter kennt und schätzt, denen man schon länger folgt. Freude und Spannung steigen. Ja, den @bruderimgeiste wollte man schon lang mal gern kennenlernen – ein paar Fragen stellen, die per Reply oder DM blöd gekommen wären … Super! Zweite Euphorie!

Dann folgt die erste Panik. Wie konnte man nur auf die Schnapsidee kommen, sich da anzumelden? Am Ende gar noch hingehen wollen? Bestimmt wird das ganz schrecklich! Alle werden sich kennen und geistreich sein und witzig, und man selbst wird blöd danebenstehen und nicht wissen, was man sagen soll! Wobei — abgesagt wird doch noch nicht, ist ja auch noch lang hin; aber ob man wirkich gehen wird zu dem Treffen, das will man dann doch erst kurzfristig entscheiden. [Hinterher wird sich zeigen: Es ging allen andern genau so.]

Indes: Bald kommt die dritte Euphoriewelle. Man beginnt, in der Timeline auf die Accounts besonders zu achten, die sich fürs Twittertreffen angekündigt haben. Fragen beginnen sich zu formen, die man unbedingt stellen muss. “Ach, wenn ich die @ganzbesonderssympathischetwitterin auf dem Twittertreffen sehe, kann ich sie ja fragen, wie sie das gemeint hat mit diesem seltsamen Tweet heute …”

Nächste Stufe: Sicherheitsbedenken. “Wie ich wirklich heiße und aussehe, darf keiner wissen! Wenn mein Chef erfährt, was ich alles getwittert habe — und am Ende auch noch während der Arbeitszeit … Oh Gott!” Und bei dem Treffen twittern sie bestimmt alle wieder ihre Handyfotos, und irgendwer schreibt, dass @supersexytyp in Wahrheit eine Nickelbrille trägt, Übergewicht hat und bei der AOK arbeitet!

Erneute Panik. Und der feste Vorsatz, nicht hinzugehen. Abzusagen wagt man aber auch nicht, weil es jetzt schon blöd aussehen würde. Ist ja nur noch ein paar Tage hin. Lieber ganz kurzfristig Krankheit vortäuschen! [Hinterher wird sich zeigen: Es ging fast allen andern genau so.]

Dann ist irgendwann der Tag des Treffens da. Die Neugier wird doch stärker. Man fährt los mit gutem Mut, auf der Strecke holen einen die sehr gemischten Gefühle ein und kurz vor der Ankunft ist es dann schon fast wie vor einem Zahnarzttermin. Je näher man dem Lokal kommt, desto einsamer fühlt man sich. Man geht doch tatsächlich zu einer Veranstaltung, wo man nicht eine einzige Person kennt! [Hinterher wird sich zeigen: Es ging allen andern genau so. Und diejenigen wenigen, die einander bereits kannten, die trafen sich sicherheitshalber schon vorher, um nur ja gemeinsam hinzugehen!]

Man betritt also zögernd das Lokal. Eine weitere Sorge wird einem erst bewusst, wenn man den ersten Blick über die Runde der Anwesenden schweifen lässt: Keiner da, den man persönlich kennt! Uff! Erleichterung! Denn manchmal hatte man schon den ganz winzigleisen Verdacht, hinter @flacherwitzbold könnte der Bernd ausm Controlling stecken oder der Torsten vom Fußballverein. Aber nichts: Die Welten von Twitter und dem sonstigen sozialen Leben bleiben separat, und das ist auch gut so. [Hinterher wird sich zeigen: Es ging vielen andern genau so.]

Auf dem Treffen löst sich sehr schnell alles in Wohlgefallen auf. “Duuuu bist @angsthasi ??? Nääää!” – man ist schnell im Gespräch, allein die Tatsache, sich persönlich zu treffen, bietet Gesprächsstoff genug. Keiner macht ungewollte Fotos. Einige erzählen einiges von sich, das sie auf Twitter lieber nicht bekanntgeben wollen. Aber das bleibt bei denen, mit denen sie es im persönlichen Gespräch geteilt haben. Niemand twittert Indiskretionen, kein Inkognito wird gelüftet, auch wenn reichlich Bierglasfotos und “Wir jetzt hier”-Tweets losgeschickt werden. Es macht Spaß, der Abend geht viel zu schnell rum.

Man freut sich auf ein nächstes Mal. Da kann man dann endlich ganz entspannt an die Sache rangehen.

Was nehme ich mit an Erkenntnissen von meinem ersten Twittertreffen?

  1. Leute, die einem auf Twitter sympathisch sind, empfindet man auch von Angesicht zu Angesicht als angenehme Zeitgenossen.
  2. Leute, die sich auf Twitter tummeln, sind in Sachen Schlagfertigkeit und Esprit allemal gut für einen amüsanten Kneipenabend. Ein  Der-ist-ja-schon-nett-aber-halt-leider-langweilig-und-so-schwiegen-wir-uns-eben-an gibt es nicht. Echt nicht!
  3. Nicht alle Leute auf Twitter empfindet man als angenehm — darum folgt man ja auch nicht allen. Trotzdem dürfen alle zu einem Twittertreffen kommen. Drum sind in der Runde natürlich auch solche, die nicht auf derselben Wellenlänge senden, die einem fremd oder sogar eher unsympathisch sind. Aber das ist schon okay — es finden sich immer genügend andere, mit denen man um so lieber klönen kann.
  4. Manche Leute sind auf Twitter, weil da die soziale Interaktion (“das gefällt mir: ja / nein; dir folge ich: ja / nein”) so schön digital und unmissverständlich ist. Die tun sich schwer, zwischenmenschliche Signale im wirklichen Leben zu interpretieren. Solche Typen gibt es auch auf Twittertreffen, und — sie sind im besten Fall ein bisschen anstrengend. Dafür hat man, wenn sie sich dann doch irgendwann verzogen haben, umso mehr Gesprächsstoff mit den andern.
  5. Hinterher fragt man sich, warum man so etwas nicht schon viel früher gemacht hat.
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