Nicolai Levin

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Berichte aus der Steinzeit: Autos

Teil drei der Reise in die siebziger Jahre. Thema heute: das Auto.

Die Autos meiner Kindheit erscheinen mir markanter und unverwechselbarer als die heutigen Modelle. Die Volvos sahen eckig aus, die Porsches flach und die Mercedes wuchtig. Audis waren langweilige Opa-Autos und Opel, Ford und Volkswagen praktische Fahrzeuge für Jedermann. Die Farbgebung wirkte einerseits schlichter (Metallictöne galten noch als exklusiv!), andererseits dominierten einige wenige Modefarben in meiner Erinnerung längst nicht so wie heute.

Bei weitem nicht jeder besaß ein Auto, aber ein eigenes Kfz galt ab den 1960-ern doch allmählich als ganz normales Ausstattungsmerkmal eines Mittelklassehaushalts, jenseits von Luxus oder Snobismus. Auf dem Land ging es gar nicht ohne —  und ‘auf dem Land’, das waren auch die wachsenden Speckgürtel um die Großstädte, die zu jener Zeit weit schlechter im öffentlichen Nahverkehr zu erreichen waren als heute. In der Stadt selbst kam man eher ohne Auto aus, freie Parkplätze hatten in Ballungszentren noch nicht den Seltenheitswert, den sie heute genießen, und von Ideen wie Anwohnerausweisen oder Parklizenzierungsquartieren wagte man nicht zu träumen.

Ein Auto kaufte man sich. Bei meinen Eltern hieß das: einen Gebrauchtwagen. Leasing steckte noch in den Kinderschuhen, und in der Erinnerung meiner Kindheit fuhr praktisch niemand einen Firmenwagen. Mein Onkel hatte einen, aber der arme Kerl musste in seinem Ford Escort auch als Vertreter durchs Land reisen.

Wenn man sich heute in einen Wagen aus jener Zeit setzt, fällt einem auf, wie schlicht die Technik vor dreißig oder vierzig Jahren noch war. Alles funktionierte mechanisch, Bordcomputer und Displays sucht man vergebens — ein paar Nadeln zeigten Treibstoffstand, Öl und Wasser, das wars. Autos, deren Tachoskala die 200 km/h überschritt, galten als extravagant, und wer neben der Geschwindigkeit auch noch die Drehzahl anzeigen lassen konnte, fuhr ein sportliches Gefährt.

Navigationsgeräte lagen jenseits jeder Zukunftsvorstellung. Um sich zurechtzufinden, nahm man stattdessen einen gedruckten Straßenatlas. Die meisten Autofahrer hatten so ein dickes Buch auf der Hutablage oder im Handschuhfach (wenn Platz war). Jedes Jahr im Herbst kam eine neue Ausgabe heraus, die Tankstellenketten (an Shell und Aral erinnere ich mich) und der Batteriehersteller Varta gaben jeweils einen Straßenatlas heraus. Zur Routenplanung oder zur Orientierung vor Ort wurden diese Wälzer dann herangezogen. Kaufen konnte man die Atlanten an den Tankstellen.

Die Tankstellen boten viel weniger Angebot als heute. Man konnte dort tanken, Autozubehör (Wischerblätter, Scheibenkratzer und so Zeug) erwerben und vielleicht noch eine Dose Cola, Kaugummis oder Zigaretten. Dass die Tankstellen (ähnlich wie die Bahnhöfe) zu Minisupermärkten mit angeschlossenem Imbiss ausgebaut wurden, ist eine Entwicklung späterer Jahre. In den winzigen Tankstellenhäuschen von damals hätte das ganze Warenangebot auch gar keinen Platz gehabt: Tankstellen waren nicht jene riesigen Anlagen im Grünen, die wir gewohnt sind, sondern beschränkten sich meist auf eine kleine Auffahrt mit zwei, drei Zapfsäulen neben einem Kassenhäuschen. So eine Tankstelle fand auch in den Innenlagen der Städte ihren Platz. Noch heute kann man in den Städten da und dort diese typische überdachte Auffahrt-Anordnung finden, die früher mal als Minitankstelle gedient hat. Taxiunternehmen und Lieferdienste nutzen sie ganz gerne wegen der Parkmöglichkeiten für die Fahrzeuge.

BMW 1802 (Foto: Wikipedia)

BMW 1802 (Foto: Wikipedia)

Automatikgetriebe gab es bereits, aber sie galten als anfällig und zudem als sehr spritschluckend. Mein Vater (der zu dieser Zeit einen uralten BMW fuhr — es muss wohl ein 1802 gewesen sein) lehnte das ab, und meine Mutter stimmte ihm pflichtschuldig bei. Mein bester Freund dagegen war superstolz auf den Peugeot seiner Familie (die Bilder bei Wikipedia legen mir nahe, dass es ein Modell 504 war), der mit Automatik fuhr. Das sei viel besser zum Ziehen des elterlichen Wohnwagens, argumentierte er, und ich wusste nicht recht, was ich entgegnen sollte.

Die Radios bestanden aus Druckknöpfen für die Wellenlänge (UKW/MW) einem Drehknopf für die Frequenz und einem weiteren für die Lautstärke. Ende der Siebziger kamen die ersten Kombiradios auf den Markt, die auch noch Audiokassetten abspielen konnten!

Sicherheitsgurte waren als Ausstattungsmerkmal bereits vorgeschrieben, ihre Nutzung blieb den Fahrern aber noch bis

Peugeot 504 (Foto: Wikipedia)

Peugeot 504 (Foto: Wikipedia)

1984 faktisch freigestellt. Das Gesetz schrieb das Angurten vor, Verstöße blieben aber straffrei. Eine intensive Diskussion begleitete die Einführung der Gurtpflicht — im Kern stritt man sich dabei um die Frage, ob der Staat den Bürger zu dessem eigenen Besten bevormunden dürfe. Auch wenn Liberale und Libertäre aufheulten, bescherten die schnell gesunkenen Opferzahlen von Autounfällen den Verfechtern der Gurtpflicht am Ende die besseren Argumente.

Auch die Kopfstützen setzten sich erst allmählich durch. In meiner Erinnerung jedenfalls boten die AUtos, in denen ich als Kind fuhr, freien Blick nach vorn. Die einzige Sicherheitsauflage bestand darin, dass wir Kinder bis zum 12. Lebensjahr auf der Rückbank zu sitzen hatten.

Türverriegeler - ohne Knubbel und aus den Neunzigern oder so  (Foto: Wikipedia)

Türverriegeler – ohne Knubbel und aus den Neunzigern oder so (Foto: Wikipedia)

Ich weiß nicht, ob damals die Zentralverriegelung schon erfunden war. Die Modelle, die wir fuhren, hatten jedenfalls bis tief in die Achtziger hinein keine. Jede Tür war einzeln aufzusperren und zu verschließen. Als fahrender Mann schloss der Herr von Welt also der Beifahrerin die Beifahrertür auf, öffnete sie, half ihr beim Einsteigen und wandte sich dann erst seiner Fahrertür zu. Von innen verriegelte man die Türen über Türverriegler, die damals zum besseren Greifen geformt waren wie ein Pilz. Drückte man runter, war die Tür versperrt. Wir Kinder wurden beim Aussteigen immer ermahnt, nur ja nicht das Verriegeln zu vergessen! Umsichtige Fahrer prüften nach dem Aussteigen, ob wirklich jede Tür verriegelt war. Später erkannte man die pedantischen Autofahrer “der alten Schule” daran, dass sie an dieser Gewohnheit festhielten, auch wenn ihr Auto längst über eine Zentralverriegelung verfügte.

Wenn ich so zurückblicke, ist der Volkswagen 1600 vielleicht das idealtypische Modell für Autos im Straßenbild jener Zeit. Japanische Hersteller kannte man eigentlich noch nicht, dann und wann begegnete einem ein Honda, aber damit hatte es sich auch. In meinem Umkreis fuhren dagegen auffällig viele Leute französische Autos, etwa den Citroën DS oder die kleinen sportlichen Peugeots, aber das wird Zufall sein — oder eine soziodemografische Verzerrung des eher inksliberalen Lehrer- / Journalisten- / Architektenumfelds meiner Eltern. Auch die Familie meines besten Freundes (die mit dem Automatik-Peugeot) fiel darunter: Seine Mutter war Lehrerin, der Vater Redakteur bei der örtlichen Tageszeitung.

Das Benzin enthielt Blei und kostete im heutigen Vergleich grotesk wenig. Nach Ölkrise und Benzinpreis-Schock bot der Spritpreis reichlich Diskussionsstoff; neben den politischen Preissprüngen, welche die Ölförderländer der OPEC veranlasst hatte, war die Endlichkeit der fossilen Rohstoffe ein brandneues Thema, so passte der steigende Preis zu der dreisten Erkenntnis, dass dem Wachstum auf dem Planeten doch irgendwie Grenzen gesetzt sind.

Dennoch blieb das Auto des Deutschen liebstes Kind. Die vergleichsweise schlichte Mechanik erlaubte es den Tüftlern (meist waren es Männer), auf eigene Faust an ihrem Fahrzeug zu reparieren und zu werkeln. Ein echter Kerl suchte die Werkstatt (das war damals meist ein unabhängiger Kleinbetrieb) nur auf, wenn er selbst nicht mehr weiterkam, und so banale Dinge wie Keilriemen wechseln, Zündkerzen reinigen oder austauschen, übernahm man natürlich selber. Kfz-Mechaniker war mit Abstand der beliebteste Ausbildungsberuf unter jungen Männern. Auf dem Land bohrten die jungen Burschen ihre Mopeds auf, um deren Leistung zu erhöhen — die folgenden Unfälle mit viel zu schnellen “frisierten” Zweirädern galten als echtes Problem.

Insgesamt scheinen mir die Autos aus jenen Tagen viel störanfälliger gewesen zu sein als heute. Dass im Winter die Kiste nicht anspringen wollte: Bei älteren Modellen eine Standardsituation. Das Jaulen überforderter Anlasser, das mir aus Kindheitstagen in den Ohren klingt, habe ich auf den Straßen der Gegenwart schon lange nicht mehr gehört. “Nicht zu viel Gas, sonst säuft er dir ab!” — eine Alltagsweisheit für alle, die damals in kalter Luft ein Auto zum Laufen bringen sollten. Unsere heutige Start-Stop-Automatik hätte die Anlasser der 70-er in kürzester Zeit in die Knie gezwungen!

Volkswagen 1600 (Foto: Rudolf Stricker für Wikipedia)

Volkswagen 1600 (Foto: Rudolf Stricker für Wikipedia)

Manche Modelle verfügten über einen “Choke”-Hebel. Wenn man den zog, dann gab man beim Starten irgendwie mehr Treibstoff zu, so dass der Motor leichter ansprang. Lief die Kiste, schob man den Choke wieder rein.

Andererseits waren die Modelle der 1970-er weit weniger empfindlich gegen kleinere Macken. Die Stoßstangen bestanden aus Chrom und machten ihrem Namen Ehre: Wenn man mal gegen einen anderen Wagen stieß, gabs einen Kratzer in der Stoßstange, der niemanden störte. Heute gehen solche Schäden mit durchlackierten Front- und Heckpartien, die mit Sensoren, Kameras und Elektronik vollgestopft sind, schnell in die Tausender. Damals scherte sich kaum wer drum.

Auch der Lack konnte nicht so empfindlich sein wie heute. Jedenfalls klebten sich etliche Autobesitzer Aufkleber ans Heck: “Nicht hupen! Fahrer träumt von Borussia Mönchengladbach!”, “ADAC Lichttest ’74”, politische Statements (“Stoppt Strauß!”), Pickerl von Urlaubszielen, vermeintlich Witziges, Frivoles, die Playboy-Bunny-Silhouette, der Schattenriss von Elvis Presley — wenn wir in der Stadt spazieren gingen, suchte ich die Heckpartien der geparkten Wagen immer nach lesenswerten Aufklebern ab. Gerade die etwas älteren Modelle waren oft vollgeflastert mit mehr oder weniger originellen Aufklebern!

Die Autofahrer waren im deutschsprachigen Raum übrigens auch die Geburtshelfer des Formatradios. In Österreich sendete ab 1967 Ö3, und in Bayern folgte 1971 Bayern 3 als spezieller Servicesender. Nachrichten, Wetter, Verkehrsinformationen sollten (besonders) den Autofahrern unterwegs schnelle Orientierung geben. Die Blöcke dazwischen füllte man praktischerweise mit moderner Popmusik. Die Österreicher waren darin den Bayern und den Schwaben voraus, und wem es mit dem Transistorradio gelang, Ö3 einigermaßen trennscharf hereinzubekommen, der war König unter uns musikbegeisterten Kindern!

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1 Comment

  1. Die Eltern meiner Freundin hatten eine alte Ente, die gern an der roten Ampel absoff. Dann mussten alle aussteigen und das Auto hin und her wackeln, damit es wieder anspringen konnte.
    Wir hatten einen Ford Taunus Silbermetalic, und ich weiß noch, wie mein Vater das METALIC immer betonte 😀

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