Nicolai Levin

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Die Zocker im Rathaus

Nach der Freigabe des Wechselkurses durch die Schweizer Nationalbank fällt der Kurs des Euros gegenüber dem Schweizer Franken dramatisch. Mit bitteren Konsequenzen für Deutschlands Kommunen. Wie kann das sein?

Jahrelang hat die Schweizer Nationalbank (SNB) den Preis des Frankens künstlich niedrig gehalten. Mit Stützungskäufen hat sie gesichert, dass man für einen Euro nicht weniger als 1,20 CHF erhielt bzw. für einen Franken nicht mehr als rund 0,83 EUR zahlen musste. Nachdem der Druck aber sowohl vom Markt selbst als auch von der Europäischen Zentralbank (EZB) immer stärker wurde, hat die SNB nachgegeben und den Kurs wieder dem freien Spiel der Marktkräfte überlassen. Prompt ging der Preis des Frankens durch die Decke. Zwischenzeitlich lag der Eurokurs bei 0,95 CHF, was hieß, dass man für einen Franken bereits 1,05 EUR hinlegen musste.

Das ist gut für die Europäer, die in die Schweiz exportieren. Güter aus dem Euroraum werden für die Schweizer billiger. Europäische Hersteller können also den Schweizer Markt mit Dumpingpreisen aufrollen, ohne dabei an Gewinn einzubüßen. In den letzten Tagen haben das bereits die deutschen Einzelhändler im grenznahen Raum zu spüren bekommen. Sie wurden überrollt von Schweizer Kunden, die mal so richtig billig shoppen wollten.

Harte Zeiten kommen dagegen auf die Schweizer Exporteure zu. Alles, was in der Schweiz hergestellt und abgerechnet wird, ist für Eurozahler teurer geworden. Dazu zählt auch der Tourismus mit Ausländern. Hotelzimmer, Skipässe, Raclette, Schoki — alles kostet jetzt rund 20% mehr für Gäste aus dem Euroraum.

Und noch jemand zittert und bibbert nach der Aufwertung des Frankens: Die Kämmerer zahlreicher deutscher Kommunen, vor allem in Nordrhein-Westfalen. Sie hatten das günstigere Zinsniveau in der Schweiz genutzt, um sich für geringe Zinsen Schweizer Franken zu leihen. Fremdwährungskredit nennen die Banker so etwas. Eine praktische Sache, um Unterschiede beim Zins für sich zu nutzen. Kredite gab es in den letzten Jahren in der Schweiz deutlich billiger als im Euroraum. Blöderweise muss man dann aber den Kredit auch in der Fremdwährung zurückzahlen — in diesem Fall in Schweizer Franken. Und die sind eben 20% teurer geworden. Schwups, wird aus dem Schnäppchen ein Albtraum.

Betroffen sind laut einem der Bericht der “Süddeutschen Zeitung” etliche Städte im Ruhrgebiet: Bochum, Bottrop, Essen, Gladbeck, Herne, Lünen, Recklinghausen und Siegen. Es geht um beachtliche Summen: 290 Millionen Einstandswert in Essen (aus denen zwischenzeitlich 450 Millionen wurden dank des gestiegenen Kurses) und 220 Millionen in Bochum. Die Kämmerer gehören CDU und SPD an — Dummheit und Leichtsinn sind parteiübergreifend.

Mir ist dabei ein Rätsel, wieso die Kämmerer so mit Steuergeldern zocken dürfen! Fremdwährungskredite sind eine hochriskante Angelegenheit, und ich rate jedem — auch im privaten Bereich, etwa bei der Häuslefinanzierung — dringend davon ab! Währungsschwankungen sind einfach nicht vorhersehbar, und die Auswirkungen können verheerend sein, wie das Beispiel der Kommunalkredite eindrucksvoll zeigt.

Freilich kann man das Währungsrisiko auf dem Kapitalmarkt abfedern: Man weiß ja, wieviel man über den Kreditzeitraum in Fremdwährung für Zinsen und Tilgung aufbringen muss. Für diese Summen kann man Währungsoptionen kaufen, also das Recht zum jeweiligen Tilgungszeitpunkt die erforderliche Summe zu einem festgesetzten Kurs zu tauschen. Dann hat man das Risiko ausgehebelt, dass der Kurs der Fremdwährung unerwartet steigt.

Natürlich haben solche Optionen einen Preis — und der wird um so höher sein, je größer die Wahrscheinlichkeit ist, dass sich der Kurs nachteilig entwickelt. In einem perfekten Markt müsste sich der Zinsvorteil des Fremdwährungskredits und der Preis der Währungsoption in etwa aufheben, sonst könnte ja jeder Depp völlig risikolos reich werden!

In den großen Banken sitzen viele kluge Leute jeden Tag daran, diese Balance für die eigene Rechnung zu halten. Am Ende jedes Handelstages versuchen die Händler, ihre Positionen “glattzustellen”. Das bedeutet, dass sie es durch eine Reihe von Geschäften hinbekommen, dass am Abend für die Bank in jeder Währung Verbindlichkeiten und Forderungen einander ausgleichen. Wenn über Nacht ein Kurs plötzlich fällt oder steigt, kann die Bank so nicht gefährdet werden, denn für die jeweilige Währung steht das Konto auf Plus/Minus Null!

Ausgeklügelte interne Kontrollsysteme stellen sicher, dass auch in einem global agierenden Konzern für jede Währung, jeden variablen Zinssatz, jede Niederlassung, die bankeigenen Konten und Positionen weitestgehend ausgeglichen sind. Bei den Kommunen scheint es nichts dergleichen zu geben, da dürfen die Finanzverantwortlichen offenbar nach Herzenslust zocken und Währungspositionen über viele Monate und Jahre eingehen. Das ist umso dramatischer, als die Banken “nur” das Geld ihrer Eigentümer verbrennen, wenn etwas schiefgehen sollte, während die Kämmerer mit unser aller Steuergelder Monopoly spielen!

Es wird höchste Zeit, dass sich hier etwas ändert. Ich jedenfalls möchte nicht, dass mit meinen Steuern gezockt wird!

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