Nicolai Levin

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Berichte aus der Steinzeit: Kommunikation

Der vorerst letzte Teil meiner Zeitreise in die siebziger Jahre. Heute das Thema: Kommunikation.

Telefonapparate

Wir hatten keine Handys. Das klingt so banal, aber es bedeutete eine Menge. Wenn man sich verabredete und erst die Wohnung / das Büro verlassen hatte, war man einfach nicht mehr erreichbar. Kam etwas dazwischen: eine ausgefallene Zugverbindung, ein Unfall, etwas Unvorhergesehenes; dann wartete der andere einfach mal vergebens. Man konnte ihn ja nicht mehr erreichen, um das Rendezvous kurzfristig abzusagen. Wir verbrachten damals vergleichsweise viel Zeit mit vergeblichem Warten.

Telefonapparat aus den Siebzigern (Foto: Wikipedia)

Telefonapparat aus den Siebzigern (Foto: Wikipedia)

Vor Ort musste man dann ganz exakte Treffpunkte vereinbaren, um sich nicht zu verpassen. (“Am Seiteneingang vom Kaufhof” oder “unter der Normaluhr am Busbahnhof”) Man konnte ja nicht einfach am Marktplatz zum Telefon greifen und “Wo bist du denn genau?” fragen. Blöd war das, wenn sich zwei an einem Ort verabredeten, den beide nicht genau kannten! Man erkennt die Menschen des Zeitalters vor der mobilen Telefonie heute noch daran, dass sie geneigt sind, sich an sehr markanten und unverfehlbaren Landmarken zu verabreden. Die mobile Generation dagegen weiß sich vor Ort aufs Handy zu verlassen.

Da man Menschen damals nicht einfach so immer und jederzeit auf ihrem persönlichen Handy erreichen konnte, sondern nur über Festnetzgeräte — und man sich Festnetzgeräte üblicherweise mit Familienmitgliedern oder Mitbewohnern teilt, richtete man Dinge aus. Heute klingt das fremd, aber ich kannte die Geschwister und Eltern meiner Freunde und Schulkameraden ganz gut — rein vom Telefonieren her. “Kowalski?” “Tag, Frau Kowalski, Nico hier, ist Jürgen da?” So ging das, und dann bat man um Rückruf oder bat auszurichten, dass Pit, Claudia und ich uns um halb acht vor den Gloria-Lichtspielen treffen würden, um uns gemeinsam den neuen Bond anzusehen und wenn Jürgen wolle, solle er doch einfach dazukommen.

Nicht mal schnurlose Festnetztelefone gab es. Technisch wären sie wohl schon möglich gewesen, und ab den späten Siebzigern meine ich auch, sie mal in Filmen und Fernsehserien aus den USA gesehen zu haben, aber in Deutschland wachte die Deutsche Bundespost darüber, dass nur die posteigenen Apparate zum Einsatz kamen. Blöd war das in der Phase stundenlanger Dauertelefonate während der Pubertät (und danach). Wer Glück hatte (ich hatte einmal Glück!), bei dem reichte die Telefonschnur bis ins eigene Zimmer, und man konnte ungehindert schwatzen. Weniger glückliche Jugendliche blieben im Flur gefangen, und waren den finsteren Blicken ihrer Familie ausgesetzt!

Telefonieren war ungleich teurer als heute, und Pauschalangebote wie Flatrates kannte man nicht. Ortsgespräche kosteten 23 Pfennige (zunächst zeitlich unbegrenzt, ab 1980 auf 8 Minuten bechränkt), Ferngespräche in andere Vorwahlgebiete ein Vielfaches davon. Wenn wir Kinder mit Tanten oder Großeltern in der Ferne allzusehr ins Plaudern gerieten, wurden wir gemahnt: “Kinder! Das ist ein Ferngespräch!” Abends und am Sonntag war es günstiger, so dass meine Mutter ihre entfernt lebenden Geschwister grundsätzlich nur am Sonntag anrief!

Die Apparate mietete man zusammen mit dem Anschluss bei der Post. Standardmäßig gab’s ein graues Gerät mit Wählscheibe. Gegen Aufpreis konnte man auch einen grünen, orangen oder weinroten Apparat bekommen. Irgendwann in den Achtzigern kam der Schritt zum Tastentelefon, zunächst als kostenpflichtiger Zusatz, irgendwann dann als Standardmodell.

Andere Telefonapparate — etwa aus den USA — konnte man zwar in Geschenkeläden kaufen (das waren dann meist so betont originelle Geräte, die wie Micky Maus aussahen oder so Kisten im Retrolook, die aussahen wie in Filmen aus den zwanziger Jahren …), sie waren aber stets mit dem Hinweis versehen, dass sie für den Betrieb in der Bundesrepublik nicht zugelassen seien. Von Zeit zu Zeit machte die Post tatsächlich Stichproben und prüfte über irgendwelche Widerstandsmessungen in der Leitung, ob beim Anschluss auch wirklich nur ein Post-eigenes Telefon verbunden war! Wer mit nicht zugelassenen Apparaten erwischt wurde, hatte empfindliche Strafen zu erwarten.

Ab wann und wie es Anrufbeantworter gab, kann ich nicht mehr sagen. In den siebziger Jahren waren Anrufbeantworter bei Privathaushalten jedenfalls eine höchst unübliche Seltenheit (wenn es sie überhaupt gab) — so etwas blieb Firmen vorbehalten oder zumindest Ärzten und Anwälten. Auch die Betuchten und betont Modernen in meinem Freundeskreis schafften erst so gegen Ende der Achtziger die ersten Anrufbeantworter an. Wir waren jedenfalls darauf angewiesen, dass die Mütter und Geschwister unserer Freunde unsere Nachrichten weitergaben.

DFÜ

Was die Post mit ihren Messungen auch erkennen konnte, waren Akustikkoppler und später Modems. Und das einzige Modell, das die Post zugelassen hatte, taugte natürlich nix, sagten die DFÜ’ler. DFÜ? Datenfernübertragung (DFÜ), also der Austausch von Computerdaten per Telefon über Mailboxen erfolgte damals analog über das Telefonnetz. Das war sozusagen das Neandertal des Internets. Man musste den Telefonhörer in einen Akustikkoppler stopfen, der die Nullen und Einsen in Piepstöne wandelte, die dann per Telefonnetz weitgergegeben wurden. Wann genau welcher technische Stand da möglich war, weiß ich nicht. Ich war erst zu klein, dann zu wenig an diesen Dingen interessiert. Die DFÜ-Szene, an deren Rand ich in den Achtzigern schnupperte, war eine ebenso überschaubare wie extrem nerdige Subkultur. Die DFÜ’ler zogen dann peu à peu in den Neunzigern ins Usenet um, und einige tummeln sich da heute noch …

Telefonzellen

Telefonzelle (Foto: Jens Ohlig für Wikipedia)

Telefonzelle (Foto: Jens Ohlig für Wikipedia)

Telefonzellen standen an jeder Straßenecke. Sie waren gelb, eckig, die Apparate darin waren noch aus dem schwarzen Bakelit, aus dem bis in die sechziger Jahre auch die Privattelefone gefertigt waren. Man hob ab, warf mindestens 20 Pfennige (soviel kostete ein Ortsgespräch) ein und wählte dann auf der Wählscheibe die Nummer des Teilnehmers.

In den Achtzigern kamen dann Telefonkarten auf, mit denen man bargeldlos telefonieren konnte — im Prinzip so wie bei Prepaid-Handys heute. Die Karten schob man in einen entsprechenden Schlitz des öffentlichen Telefonapparats, und die entsprechend vertelefonierte Summe wurde abgezogen. Eine kurze Zeit lang waren bestimmte Telefonkarten mit Motiven Sammlerobjekte, und man hob die alten Karten sicherheitshalber auf (“Wer weiß, was die mal wert ist …”)

Telefonverzeichnisse

Wer unter welcher Telefonnummer zu erreichen war, erfuhr man aus dem Telefonbuch. Das Telefonbuch enthielt alle Fernsprech-Teilnehmer für den jeweiligen Vorwahlbereich. In ländlichen Gegenden war es also ein schmaleres gelb broschiertes Heft im Format DIN A 5, in den Großstädten ein dicker zweibändiger Wälzer in A4. Das Telefonbuch kam jährlich heraus (ich meine, im Herbst), und jeder Teilnehmer durfte sich ein Exemplar in seinem Postamt abholen. Der erste neugierige Blick zu Hause galt natürlich dem eigenen Eintrag: Stehen wir noch drin? Ist jemand unseres Namens in die Stadt gezogen?

Neben den normalen Einträgen, die kostenfrei waren, konnte man auch — etwa als Gewerbetreibender — seinen Eintrag durch Fettdruck und größere Type hervorheben lassen. Ganz große Unternehmen ersetzten ihren Eintrag sogar durch selbst gestaltete Anzeigen, in denen sie auch die Durchwahlnummern für bestimmte Anliegen aufzeigten.

Auch in den Telefonzellen waren die jeweils örtlichen Telefonbücher vorgehalten. Durch Plastikklappen vor Feuchtigkeit geschützt, konnte man nach einer vertikalen Drehung das Buch öffnen und den Teilnehmer suchen. Viele Telefonzellenbenutzer hatten die dumme Angewohnheit, wenn sie eine Seite gesucht hatten, diese aus dem Telefonbuch herauszureißen (das Papier war so dünn wie möglich), so dass man schon mal Pech haben konnte, wenn man in der Telefonzelle nach einem bestimmten Anschluss suchte.

Auskunft

Die telefonische Auskunft gab es auch schon. Sie war ein (wenn ich mich recht erinnere: pauschal) gebührenpflichtiger Service der Bundespost und funktionierte wie heute, nur dass niemand versuchte, durch Verzögerungen oder Zusatzdienste mehr Umsatz zu generieren.

Telefax

Gabs nicht. Das kam erst in den Achtzigern auf.

Telex

Telex (Foto: Wikipedia)

Telex (Foto: Wikipedia)

Fernschreiben (Telex) waren der bevorzugte Weg für schnelle Kommunikation im Geschäftsverkehr. Jede bessere Firma, die (speziell mit dem Ausland) Informationen auszutauschen hatte, nutzte Telex. Der Zeichensatz im Telex war extrem begrenzt, es gab keine Sonderzeichen, keine Großbuchstaben. Ich selbst habe Telex noch in den späten Achtzigern im internationalen Geschäftsleben aktiv erlebt im Austausch von Nachrichten mit Weltgegenden, wo zu dieser Zeit das Faxen noch nicht funktioniert hat.

Telegramme

Telegramme waren bereits eine antiquierte Sache, als ich Kind war. Man kannte das aus Filmen und Büchern, aber im echten Leben telegrafierte eigentlich niemand mehr. Ich entsinne mich einer Ausnahme, das war ein Verwandtschaftsbesuch aus der DDR, der seine Ankunftszeit per Telegramm durchgab. Es klingelte bei uns nachmittags an der Tür, draußen stand ein Postbote, erklärte, er habe ein Telegramm für uns und gab uns den Umschlag. Ich machte große Augen! Ob das Telegrafieren in diesem Falle am fehlenden Telefonanschluss der Verwandten lag oder ein Spleen war, weiß ich freilich nicht mehr.

Die Post versuchte dann, den notorisch defizitären Telegrammdienst durch peppige Glückwunschtelegramme aufzupeppen — da gab es dann sogar Telegrammkarten, die dank eines Minichips Musik spielten, wenn man sie aufklappte. Diese Mischung aus veralteter Kommunikation und modernster Technik wirkte ein wenig bizarr.

Briefe

Briefe funktionierten wie heute. Man beschrieb Papier mit dem Inhalt, den man weitergeben wollte. Dieses Briefpapier faltete man dann und steckte es in einen Umschlag, auf den man die Adresse des Empfängers schrieb. Fensterumschläge gab es bereits. Die Postleitzahlen waren vierstellig, das Postleitzahlenbuch der Bundespost eine schmale Broschüre (sie beschränkte sich ja auf knapp 10.000 Einträge, einmal nach Postleitzahlen, einmal nach Ortsnamen). Für große Städte wie Berlin, Hamburg oder München musste man noch das Zustellpostamt angeben, man schickte also einen Brief nach “2000 Hamburg 70”, 2000 stand für Hamburg und mit “70” ging der Brief direkt ans Postamt 70, wo er entsprechend flott zugestellt werden konnte.

Da sowohl die Datenbanktechnik als auch die Druckmöglichkeiten noch nicht besonders leistungsstark waren, erhielt man weniger personalisierte Werbung als heute. Briefe waren entweder mit der Maschine getippt (oder gar per Hand geschrieben), dann galten sie einem persönlich, oder es waren plumpe Massendrucksachen ohne Adresse und Anrede.

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