Nicolai Levin

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Warten auf den Showdown.

Einigen sich die Gläubiger mit den Griechen? Erhält Griechenland weitere Hilfen? Jeden Tag neue Nachrichten, Spekulationen, Verhandlungsnächte ohne Durchbruch.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde diese Griechenland-Geschichte unendlich mühsam zu beobachten. Man wünscht sich eine Dramaturgie, die den Spannungsbogen des Betrachters langsam auf einen Höhepunkt hin zuführt, zum alles entscheidenden Showdown, der dann zum triumphalen Erfolg (Griechenland gerettet!) oder eben zum fatalen kathartischen Scheitern führt (Grexit!).

Stattdessen erzählt man uns Woche für Woche, dass dies jetzt wirklich die letzte Chance ist, und die Gespräche enden ergebnislos, und man setzt die allerletzte Verhandlungsrunde an, der dann bestimmt die allerallerletzte folgen wird.

Wenn die Geschichte jemals fürs Kino aufbereitet werden sollte, wird man gewaltig straffen müssen, um ein vernünftiges Drehbuch zu erhalten.

Die griechische Regierung spielt auf Zeit und Abnutzung der Gläubiger. Varoufakis & Co verzögern ihre Zusagen bis zur letzten Sekunde, nehmen hier ein bisschen dazu, dort ein bisschen weg, sie kommen der Troika in Teilen entgegen, halten das Ganze aber unübersichtlich. Die Gläubiger sollen keinen Grund bekommen, die Verhandlungen knall auf Fall als gescheitert zu erklären, aber in der Sache will man ihnen möglichst wenig entgegenkommen. Teppichhandel pur.

Varoufakis und Tsipras erinnern mich an einen Schachspieler, der in einer hoffnungslos unterlegenen Situation mit immer neuen Kniffen und Windungen die unabwendbare Niederlage hinauszögert und dabei hofft, dass ihm durch einen Fehler des Gegners vielleicht doch noch der geniale Befreiungsschlag gelingt.

Dabei frage ich mich, wofür die griechische Regierung überhaupt noch kämpft. Politisch handlungsfähig ist sie schon lange nicht mehr; alles, was sie noch tut, ist, das aus ihrer Sicht Allerschlimmste zu verhindern. Wobei der Schmerzpunkt offenbar da am heftigsten ist, wo griechischer Eigensinn und Stolz in Frage gestellt werden – etwa beim Rentenalter und den Verteidigungsausgaben. Ob es dem griechischen Volk materiell dreckig geht, scheint seiner Regierung dagegen weit weniger wichtig zu sein.

Für eine Einigung mit den Geldgebern werden die Griechen zu Kreuze kriechen müssen; die Hinhaltetaktik der letzten Wochen hat so viel Verärgerung bei Juncker und dem IWF hinterlassen, dass die umgekehrt auch ihre Zähne zeigen werden, bevor sie einer Einigung zustimmen. Mit anderen Worten: Wenn die Griechen im Euro bleiben und von EU, EZB und IWF weiterhin alimentiert werden, müssen sie sich den Forderungen der Gläubiger beugen. Dann wird Wirtschafts- und Finanzpolitik nach den Vorstellungen von Merkel und Juncker vorgeschrieben, und von den linken Wohltaten, die Tsipras (auf Kosten anderer) unter seine Wähler bringen wollte, wird nicht viel übrig bleiben.

Wenn aber die Verhandlungen scheitern und Griechenland pleite geht, dann hängen die Griechen erst recht am Tropf der reichen Europäer. EU-Kommissar Oettinger hat richtigerweise darauf hingewiesen, dass dann vermutlich ein humanitäres Notprogramm kommen muss, um Not und Elend in Grenzen zu halten. Dann aber sind die Griechen endgültig Bittsteller, wie ein Land der Dritten Welt, für das im Fernsehen Unterstützungsgalas laufen. Mit Verhandlungen ist es dann vorbei, denn sie werden nichts mehr haben, was sie auf Augenhöhe mit den Geberinstitutionen hebt.

Das letzte Druckmittel (das sie ja auch schon mal angedeutet haben) wäre höchstens, politischer Amoklauf, ein Blockieren der EU und eine Hinwendung zu Putin und anderen Bösewichtern. Dem kann die EU aber gelassen entgegensehen: Die Weltöffentlichkeit wird wissen, wie sie derartiges Verhalten einordnen sollte, die Griechen wären dann endgültig aus dem Kreise politisch ernstzunehmender Nationen raus, und wirtschaftlich oder militärisch sind sie noch nie ins Gewicht gefallen.

Warten wir also ab, wie der so unpassend hinausgezögerte Showdown ausgeht. Ein Verlierer steht jetzt schon fest: Der griechische Durchschnittsbürger wird so oder so nicht viel zu lachen haben in den nächsten Jahren.

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