Nicolai Levin

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Lektüre für den Liegestuhl 2015.

Mitte Juli – höchste Zeit! Denn auch dieses Jahr will ich Ihnen ein paar Anregungen für die Urlaubslektüre mitgeben.

Beginnen wir mit den Krimis. Durch eine Freundin bin ich auf Tess Gerritsen gestoßen. Vielleicht kennen Sie ihre Ermittlerinnen Rizzoli & Isles, die auch in Deutschland im Privatfernsehen ihre Fälle lösen. Ich konnte mich noch nicht durchringen, mir das anzusehen, aus Angst, von der Fernsehfassung enttäuscht zu werden: Inwieweit die Fernsehfilme an die Bücher heranreichen, weiß ich daher nicht. Egal. Die Romane von Tess Gerritsen bieten eigentlich ideale Krimikost für Strand oder heiße Tage am Badesee. Weibliche Helden, meist Medizinerinnen, irgendwo im Nordosten der USA, ordentlich Spannung und Action, ohne dass es allzu widerlich wird (wobei man in dem ganzen Chirurgen- und Pathologie-Umfeld schon eine robuste Grundeinstellung mitbringen sollte). Was mir neben den stimmigen Plots gefällt: Tess Gerritsens Heldinnen sind vergleichsweise normal; klar, sie haben ihr Päckchen mit Familien, Exmännern, pubertierenden Kindern und missgünstigen Kollegen zu tragen, aber niemand hat ihr Leben zerstört, ihre Seelen traumatisiert und ihr Gemüt kaputtgemacht, wie leider sonst so oft bei so vielen Krimi-Autoren derzeit. Kann man lesen. Macht Spaß.

Wenn’s ein bisschen subtiler sein darf, möchte ich Ihnen Tana French ans Herz legen. “The Secret Place” spielt im modernen Dublin. Ein Jungen- und ein Mädcheninternat. Tür an Tür. Katholisch. Konservativ. Elitär. Ein Schüler wird auf dem Rasen gefunden, mit der Rasenhacke des Gärtners brutal erschlagen. Die Polizei ermittelt erfolglos. Ein Jahr später hängt am schwarzen Brett der Mädchenschule ein Foto des Opfers mit dem Satz “Ich weiß, wer ihn umgebracht hat!”. Ein Ermittlerduo wärmt den kalten Fall wieder auf. Einen Tag lang befragen sie die Schülerinnen zweier rivalisierender Cliquen, wer den Zettel fabriziert haben könnte, wer was weiß, wer es war. In Rückblenden zwischen den Interviewrunden lässt die Autorin das Schuljahr vor dem Mord Revue passieren. Die harten Revierkämpfe um die Hackordnung im Internat; das Rivalisieren um die Gunst der Burschen nebenan; Irrungen, Wirrungen, Intrigen, Treue, Verrat. Eigentlich ist dieses Buch mehr ein Psycho- und Soziogramm der pubertierenden Schülerinnen, aber das hat man ja gern bei richtig guten Krimis – dass der Kriminalfall nur die Folie bildet für eine viel spannendere Geschichte dahinter. Wenn Ihnen das jetzt nach Befindlichkeitssuche oder schmachtender Emo-Story klingt, habe ich mich falsch ausgedrückt: Dieses Buch ist spannend, fesselnd und ganz, ganz große Klasse!

Die Engländer haben diesen schönen Ausdruck “guilty pleasure”, wenn man sich – wie soll ich sagen – unter seinen Ansprüchen amüsiert. Martin Suters “Allmen“-Reihe ist für mich so ein Fall. Die Geschichten um den verarmten Schnösel Allmen und sein Faktotum Carlos, die gegen Entgelt Kunstgegenstände aufspüren, lesen sich hübsch und leicht. Die Krimihandlung spielt auch hier die zweite Geige – eigentlich geht es nur darum, den verschwenderischen Lebensstil des Helden zu preisen, den sich dieser eigentlich nicht leisten kann. Martin Suter ist ein kluger Kopf, der seine Leser kennt, und er weiß natürlich, dass er damit perfekt die Wunschträume aller Ästheten und Möchtergern-Großkotze bedient, die auch so gerne mondän wären, sich mit ihrem Gymnasiallehrer-Gehalt aber halt nur einen Passat und einen Ferienwohnungs-Urlaub auf Baltrum leisten können. Man amüsiert sich mit dem Buch und ertappt sich auf einmal dabei, Zielgruppe zu sein, und das ist dann natürlich wenig schmeichelhaft. Aber was soll’s: Selbst wenn man die Masche durchblickt hat, bleiben die Allmen-Geschichten eine gelungene Fingerübung, die man sich gerade in den Ferien gut gönnen kann.

Genug von Krimis. Obwohl: Ein Verbrechen knüpft auch die Fäden in meiner nächsten Empfehlung zusammen. Letztes Jahr hatte ich schon angekündigt, Donna Tartts “Goldfink” zu lesen. Ich habe es nicht bereut. Das Buch lässt sich schwer in eine Schublade stecken. Es schildert die Entwicklungsgeschichte eines ziemlich sensiblen Jungen, der bei einem Bombenanschlag auf ein New Yorker Museum seine Mutter verliert und ein Bild gewinnt (das er im Trubel mitgehen lässt). Nach einer Zwischenstation bei einem Freund aus New York muss er zu seinem Vater (einem ziemlichen Hallodri) nach Las Vegas, der ihn weitgehend sich selbst überlässt. Erwachsen geworden, steigt er ins Antiquitätengeschäft ein, beginnt mit kleinen Betrügereien, verliebt sich in … Ach! Es ist sinnlos, die Geschichte nacherzählen zu wollen. Stellen Sie sich einfach folgende Mischung vor: ein bisschen Woody Allen (schon wegen der bissigen Dialoge und der kulturbeflissenen Oberschicht aus New York), ein bisschen John Irving (wegen der Freundschaften und der Absurdität mancher Wendungen), ein bisschen Günter Grass (schon wegen John Irving), ein bisschen Bukowski (Drogen und Alkohol), ein bisschen Chandler (die fatalistische Grundhaltung und das Verbrechen). Bestimmt bietet der Stoff für Literaturstudenten eine Menge Anhaltspunkte, um nach Bedeutungen und Symbolen und tieferen Ebenen zu suchen. Wenn man sich einfach von der Geschichte fesseln und mittreiben lässt, erhält man eine Menge guter Unterhaltung, die im Kopf hängen bleibt.

Ian McEwan ist einer meiner Lieblingsautoren der Gegenwart. “Honig” spielt im England der späten sechziger und frühen siebziger Jahre. Während zwischen Ost und West noch der Kalte Krieg wabert, swingt London, obwohl England in den letzten Vor-Thatcher-Jahren durch eine schwere wirtschaftliche und politische Krise geht. Die Bergarbeiter streiken, Strom und Benzin sind knapp, die Regierung führt notgedrungen die 3-Tage-Woche ein. Die kältesten der kalten Krieger sitzen im Geheimdienst, und genau da beginnt die Heldin Serena nach ihrem Mathestudium in Cambridge ihr Berufsleben. Frauen sind zu jener Zeit etwas unerhört Neues beim MI5. Um die antikommunistische Sache zu fördern, soll sie einen talentierten jungen Autor mit verschleierten Fördergeldern unterstützen. Schnell gerät die Geschichte aus dem Ruder, und Gefühle kommen ins Spiel … Einen kurzweiligen Mix aus Literaturszene, Siebziger-Jahre-Charme und Spionageschach hat McEwan zusammengestrickt. Was ein bisschen stört, sind die länglichen Zusammenfassungen der Werke, die der umkämpfte Autor als Geschichten in der Geschichte vorstellt. Auch sonst dachte ich beim Lesen erstmal, hier eine der schwächeren Geschichten von Ian McEwan vor der Nase zu haben, bis er am Ende nochmal alles gedreht hat und ich das Buch doch zufrieden weglegen konnte.

Angekündigt hatte ich letztes Jahr an dieser Stelle auch, mir endlich mal die “Chroniken von Narnia” von C.S. Lewis vorzunehmen. Die ersten fünf Bände der Reihe hab ich inzwischen durch. Unverkennbar ist es Literatur für Kinder, mit einem onkelhaften auktorialen Erzähler, an Komplexität und Stringenz meilenweit entfernt von der Konkurrenz aus Mittelerde, die sich J.R.R. Tolkien ausgedacht hat. Jeder Band erzählt ein in sich geschlossenes Abenteuer, einen Auftrag, den die Kinder erfüllen müssen. Man findet ein paar sehr hübsche Ideen – durch einen alten Kleiderschrank ins Märchenland zu gelangen, halte ich schon mal für allerliebst -, und von Band zu Band steigt bisher die Klasse. Anfänglich fehlt es an innerer Schlüssigkeit, da taucht auf einmal der Weihnachtsmann auf und verteilt Geschenke, wo es doch die Weiße Hexe zu besiegen gilt, aber das legt sich. Aslan, der gottgleiche Löwe wacht über ein Reich, das in einer mittelalterlichen Reichs- und Lehenslogik gebaut ist und von Menschen, sprechenden Tieren und Fabelwesen bewohnt wird. Am besten haben mir “The Horse and his Boy” gefallen, ein ebenso simples wie packendes Reiseabenteuer, das nur am Rande mit dem Narnia-Mythos in Berührung kommt, und die witzige und immer wieder überraschende Geschichte “The Silver Chair“. Im Abenteuerland irrende Kinder, die von Riesen zum Herbstfest freundlich aufgenommen werden und aus einem herumliegenden Kochbuch entnehmen, dass sie als Spezialität dieses Herbstfestes verspeist werden sollen – das hat was! Wenn man akzeptiert, dass die Narnia-Geschichten als Kinderbücher geschaffen wurden, kann man schon sein Vergnügen damit haben.

Und dieses Jahr? Als vernachlässigten Klassiker habe ich Evelyn Waughs “Wiedersehen mit Brideshead” auf dem Reader geladen. Dazu wird sich “Go Set a Watchman” gesellen, von Harper Lee mit Spannung erwartet. Was an Krimis dazukommt, muss ich erst noch sehen. Demnächst mehr.

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