Nicolai Levin

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Die armenische Katastrophe, ein spannendes Buch und ein nie gedrehter Film

Vor genau hundert Jahren, im Sommer 1915, ereigneten sich schreckliche Dinge im Nahen Osten. Während in den Schützengräben Westeuropas der Erste Weltkrieg tobte, massakrierte in Anatolien und Syrien osmanisches Militär hunderttausende Armenier. Dieser Völkermord hat weit weniger Resonanz in der Öffentlichkeit und im Kulturschaffen gefunden als etwa der Massenmord an den europäischen Juden. Einer der Gründe liegt darin, dass Regierung und offizielle Stellen der Türkei bis heute alles tun, um die Erinnerung an den Genozid kleinzuhalten.

Ich bin auf das Thema gestoßen, weil ich mir — ohne mir des Themas oder des Datumsbezugs recht bewusst zu sein — in diesem Sommer Franz Werfels historischen Roman “Die vierzig Tage des Musa Dagh” vorgenommen habe. Der schildert, wie auf ebenso wagemutige wie kuriose Weise, sieben armenische Dörfer am Rande des großen Reiches das Massenmorden überleben konnten.

1915 also. Der erste Weltkrieg geht in sein zweites Jahr; im Westen hat sich der Stellungskampf in den Gräben Frankreichs festgefahren, Deutsche auf der einen Seite, Briten und Franzosen ihnen gegenüber. Im Osten tobt der Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Russland. Italien stößt im Süden dazu und greift in den Alpen die Österreicher an. Nach einigem Zögern ist das Osmanische Reich auf Seiten Deutschlands und Österreichs in den Krieg eingetreten. Der Vielvölkerstaat steht an seiner Südflanke gegen die Briten, die in Ägypten und Mesopotamien sitzen, im Kaukasus grenzt er an Russland.

Eine der größten Minderheiten im türkisch dominierten Osmanischen Reich bilden die christlichen Armenier. Sie haben keinen eigenen Staat, der Großteil lebt in Anatolien und dem Süden der heutigen Türkei, viele aber auch unter russischer Herrschaft im Kaukasus (dem heutigen Staatsgebiet Armeniens).

Das Osmanische Reich hat zu jener Zeit seine besten Tage lange hinter sich, im Westen spricht man vom “kranken Mann am Bosporus”, Reformbestrebungen und Revolutionen haben das Reich immer wieder geschüttelt — regelmäßig mussten dabei die Armenier als Spielball herhalten und wurden zum Opfer von Pogromen, Ausschreitungen und Massakern.

Als die russische Offensive im Kaukasus armenische Gebiete erreicht, werden die Soldaten des Zaren von vielen Armeniern als Befreier begrüßt. Die türkische Regierung fürchtet, dass die Armenier der Feind im eigenen Bett sein könnten und reagiert mit harten Maßnahmen: Armenische Einheiten der Armee werden entwaffnet, die Soldaten umgebracht oder in Straf- oder Baubatallione versetzt. Die Regierung befiehlt, etliche armenische Gemeinden aufzulösen und die Bevölkerung zu deportieren.

Im Mai 1915 erlässt die Regierung dann ein Deportationsgesetz, das vorsieht, alle armenischen Gemeinden “umzusiedeln”. Verantwortlich dafür ist Innenminister Mehmed Talât, der zusammen mit Ismail Enver und Ahmed Cemal ein Triumvirat gebildet hat. Die arbeitsfähigen jungen Männer werden zur Zwangsarbeit abkommandiert und in kurzer Zeit erschossen. Der Rest der Bevölkerung hat die Dörfer und Städte zu verlassen. Sie dürfen mitnehmen, was sie tragen konnten. Ihre Häuser, ihr Hab und Gut werden beschlagnahmt oder geplündert. Auf den Todesmärschen gehen die meisten an Hunger, Durst und Entkräftung zugrunde. Es gibt kein Ziel, die Regierung hat keine neuen Siedlungsgebiete ausgewiesen, die für die Armenier vorgesehen sind. Wer nicht entkommen kann, geht den Weg bis in die Steppen und Wüsten Syriens, wo die letzten Deportierten sterben.

Die Aktionen ziehen sich bis ins Jahr 1917. Die Opferzahlen schwanken naturgemäß stark. Zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Armenier finden den Tod.

In der Bucht von Alexandrette nahe der heutigen Grenze zu Syrien flüchten sich die Einwohner von sieben armenischen Dörfern, etwa tausend Familien auf ein schwer zugängliches Hochplateau, den Musa Daği. Es gelingt ihnen, mehrere Angriffsversuche der Osmanen zurückzuschlagen. Geführt werden sie von Moses Der Kalousdian, einem Armenier, der als Offizier der osmanischen Armee ausgebildet worden ist. Nach einigen Wochen Belagerung werden sie von einem französischen Kriegsschiff aufgegriffen und gerettet.

Die abenteuerliche Geschichte dieser Widerständler erzählt Franz Werfels historischer Roman. Man muss die historischen Hintergründe gar nicht kennen, um von der fantastischen Story gefesselt zu sein — ich selbst habe mich auch erst während und nach der Lektüre ein bisschen auf Wikipedia umgeschaut, um zu wissen, was nun historisch gestimmt hat (das allermeiste) und was Fiktion blieb. Aber die Saga von ein paar Bauern und Handwerkern, die mit Umsicht und Ortskenntnis und einer Handvoll alter Gewehre ihre Familien verzweifelt vor dem sicheren Deportationstod retten wollen, geht einem als Leser einfach ans Herz. Werfel will nicht anklagen oder verurteilen, er nimmt konsequent die Sichtweise der armenischen Opfer ein; er zeigt, welchen Befehlen und Zwängen die türkischen Offiziere unterworfen waren und verschweigt nicht die vielen Türken, die von dem Grauen angewidert waren und — wo sie konnten und durften — Hilfe leisteten.

Das Buch und die zugrundeliegenden Ereignisse hätten viel mehr Beachtung verdient. Beim Lesen dachte ich mir sofort, dass diese Story eigentlich nach einer Verfilmung schreit. In der Tat hat Metro-Goldwyn-Mayer bald nach dem Erscheinen des Romans die Filmrechte erworben. Allerdings ist es bis heute nie zu einer filmischen Adaption gekommen.

Ein Grund mag im türkischen Widerstand liegen. Die offizielle Türkei unternimmt viel, um zu verhindern, dass die Massaker von 1915/1916 als “Völkermord” bewertet werden. Wenn anderswo in offiziellen Gedenkfeiern des Völkermordes gedacht wurde, zog die Türkei ihre Botschafter zurück, sagte Staatsbesuche ab und fuhr schweres diplomatisches Geschütz auf. Ein US-Parlamentarier soll sogar 12 Millionen Dollar für Lobbyarbeit in türkischem Sinne erhalten haben. Da erscheint es nicht abwegig, dass man auch Mittel und Wege findet, dass ein Hollywoodstudio einen Filmstoff im Keller liegen lässt.

Der Roman “Die vierzig Tage des Musa Dagh” aber ist in gedruckter und elektronischer Form verfügbar. Er hätte mehr Aufmerksamkeit verdient.

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