Nicolai Levin

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Der Ananaszüchter wird 100: Gedanken zu Franz Josef Strauß

Strauß (r) und Helmut Kohl beim CDU-Parteitag 1988; Foto: Bundesarchiv

Strauß (r) und Helmut Kohl beim CDU-Parteitag 1988; Foto: Bundesarchiv

Am 6. September 2015 hat Franz Josef Strauß seinen hundertsten Geburtstag. Zur Feier des Jubiläums erinnert sich der ‘Spiegel’ an die alte Hassliebe zwischen seinem Gründer, Rudolf Augstein, und dem Jubilar: Pünktlich  zum Hundertsten werden neue Bestechungsdetails und saftige Bekenntnisse der Ehefrau veröffentlicht.

In München feiern die blässlichen Nachfolger den unerreichten Populisten; in der Stadt sind sogar Wahlplakate mit FJS-Konterfei aufgestellt, gerade so, als stünde Strauß nochmal zur Wahl. Die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung hat zu tun, und es gab ein kleineres Skandälchen, als einige Oppositionspolitiker ankündigten, den Staatsakt in der Residenz nicht zu beehren.

Strauß schafft es also auch 27 Jahre nach seinem Tod zu polarisieren. Das ist schon was.

Wenn man schaut, welche politischen Leistungen er in seinen Ämtern erreicht hat, stößt man indes auf wenig. Auf Bundesebene amtierte er als  Verteidigungsminister unter Adenauer, der Zustand der Bundeswehr unter seiner Führung löste die Spiegelaffäre aus. Es lief auch sonst – wie stets bei ihm – nicht ohne Skandale, Schmiergelder, Vorwürfe, Mauscheleien. Kurz verantwortete er in der Großen Koalition 1966-69 noch das Finanzressort. 1980 wollte er Bundeskanzler werden und scheiterte an Helmut Schmidt.

Auch von seiner Zeit als bayrischer Ministerpräsident (1978-1988) bleibt eigentlich keine politische Großtat, für die er zu preisen wäre. Er führte die Modernisierung der Goppel-Ära weiter und durfte sich an guten Wirtschaftszahlen freuen. Seine Atompolitik – etwa der geplante Bau der Wiederaufbereitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf – wurde bald nach seinem Tod revidiert. Er pflegte mit einem Netz aus Freunden und Vertrauten eine Art Nebenaußenpolitik mit befreundeten Machthabern, darunter auch solche von zweifelhafter Reputation wie Chiles Pinochet oder Paraguays Stroessner — und kassierte kräftig bei den dabei abgeschlossenen Rüstungs- und Luftfahrtdeals.

Immerhin verdankt Bayern seine heutige Spitzenstellung in bundesweiten Bildungsvergleichen bestimmt auch Strauß: Der Altphilologe und Gymnasiallehrer war zeit seines Lebens stolz auf seine klassische Bildung und lehnte die Gesamtschullogik vehement ab, die in den 70-ern in anderen Bundesländern die Bildungsstandards verwässerte.

Wie schafft es so einer, der wenig vollbrachte und nach heutigen Maßstäben alles andere als sauber und integer  war, bis heute die politisch Interessierten so sehr in Wallung zu bringen?

Die Antwort stand vermutlich vor einigen Wochen im Magazin der ‘Süddeutschen Zeitung’. Die haben ein komplettes Heft mit Anekdoten und Aussprüchen von FJS gefüllt. Das ganze war als Quiz verpackt – die Situation  wurde geschildert und dann boten sie drei deftige Aussprüche an, von denen man den raten musste, der authentisch von Strauß war. Es wäre in unserem heutigen Politikbetrieb völlig undenkbar, dass jemand, der in ein Amt gewählt wurde, solche Hämmer von sich geben würde.

Strauß war ein brillanter Redner, der immer wieder in greifbaren Bildern sprach. Lieber wolle er “Ananas in Alaska züchten als Bundeskanzler sein”, dementierte er einmal eine mögliche Kanzlerkandidatur. Er scheute es nicht, politische Gegner zu konfrontieren und niederzumachen. Das galt für Politiker anderer Parteien ebenso wie für Leute aus der Union, für die er wenig übrig hatte. Das Bonmot “Feind, Todfeind, Parteifreund” wird ihm zugesprochen. “Er wird nie Kanzler werden”, fertigte er Helmut Kohl 1976 ab.

So jemandem zuzuhören ist unterhaltsam. Der barocke Genussmensch Strauß wusste, wie man die Leute bei der Stange hielt. Den politischen Aschermittwoch – erst in Vilshofen, später in Passau – machte er zum Großereignis. Dass die Reden lange gingen und gerne mit lateinischen Zitaten gespickt waren, die nur ein Bruchteil der Zuhörer verstand, störte keinen.

In der heutigen Zeit wäre eine Figur wie Franz Josef Strauß undenkbar. Nicht nur, weil heute eine derart schamlose Bereicherung publik würde und zum Ausschluss aus dem Politikbetrieb führen würde. Nicht nur, weil es in hohem Maße unkorrekt war, was Strauß vielfach von sich gab. Nein, unserer Politik fehlt das Wuchtig-Emotionale, das Strauß ausgemacht hat. Seine Ausbrüche waren ja selten inszeniert. Strauß war Machtmensch mit üppigem Leib und voller Seele, der mit Leidenschaft seine Positionen gegen seine Gegner verteidigte — und im Zweifel galt Angriff als beste Verteidigungsoption.

Heute würden ihm schon die Gegner fehlen. Wo in den Sechzigern und Siebzigern die jungen Leute noch zu träumen wagten, wo die Studenten, Sozialdemokraten und Hippies idealistisch ihre Utopien anpriesen, herrscht heute trockenes und weitgehend ideologiefreies Politikmanagement. Politische Lager sind weitgehend passé, Sozis und Schwarze längst zusammengerückt. Es herrschen Technokraten mit sachorientierten Lösungsansätzen. Gegen die kann man schlecht schimpfen. Und schon deshalb bleibt Franz Josef Strauß ein Phänomen der Vergangenheit.

Und die war ja nicht immer schlecht.

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