Nicolai Levin

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Unter Bayern

Sie kennen das: Manchmal verketten sich die seltsamsten Dinge zu einer ganz und gar unwahrscheinlichen Geschichte. Am Ende der Begebenheit, über die ich gelobt habe, nichts zu verraten, hielt ich jedenfalls eine Karte für das Fußball-Bundesligaspiel Bayern gegen Dortmund in der Hand. Und über meinen Besuch dort darf und will ich Ihnen berichten.

Ich hatte Zeit, ich hatte eine Gelegenheit, nach München zu kommen, und ich interessiere mich soweit für Fußball, dass ich gerne hingegangen bin. Zudem hatten die Dortmunder an diesem 4. Oktober wohl die letzte  Gelegenheit in der Hand, das Rennen um die Meisterschaft noch mal spannend zu halten. Am Ende siegte Bayern 5:1, und wer Deutscher Meister wird, steht damit nach aller Wahrscheinlichkeit schon im Oktober fest.

Nun bin ich kein besonderer Freund des FC Bayern. Ich bin auch kein BVB-Fan. Okay, die Dortmunder  beeindruckten mich vor einiger Zeit mit ihrem Tempo-Offensiv-Fußball, und ihre Fans sorgen überall für  Stimmung. Insofern fuhr ich hin als wohlwollender Beinah-Neutraler, der so gelassen in das Spiel gehen konnte, um die Augen offen zu halten für das Drumherum beim deutschen Rekordmeister und Ligadominierer.

Die Partie war für Sonntag angesetzt, Anstoß um 17:30 Uhr. Eine eher ungewöhnliche Uhrzeit für ein Fußballspiel. Es hing wohl damit zusammen, dass an diesem Sonntag das Oktoberfest in München den letzten Tag lief und man den zusätzlichen Massenansturm durch Fußballfans sinnvoll entzerren wollte.

Ich nahm von der Stadtmitte aus die U-Bahn nach Fröttmaning. Um 16 Uhr war sie mittelvoll. Die meisten, die um diese Uhrzeit an den nördlichen Rand der Stadt fahren, wollen ins Stadion, denn sonst gibt’s da eigentlich kein lohnendes Ziel. Viele Fahrgäste waren als Fußballfans erkennbar. Die meisten im Rot und Weiß des FC Bayern, dazwischen blinkte immer wieder auch das Schwarzgelb des BVB aus Dortmund.

Im Vergleich zu anderen Städten und Vereinen fiel mir positiv auf, dass die Stimmung sehr freundlich und unaggressiv blieb. Keiner war erhitzt oder aufgeregt vor dem großen Spiel. Das kenne ich anders: Anderswo ist die U-Bahn oder Tram zum Stadion ein brummender Bienenkorb, gefüllt mit Fans in hitziger Erwartung. Die diskutieren die mögliche Aufstellung, was der Trainer beim letzten Mal hätte anders machen müssen und wie man die heutige Partie auf jeden Fall gewinnen könnte. Experten mit eindrucksvollen Bierbäuchen vergleichen dann die einzelnen Spielpositionen mit denen des Gegners und schätzen mehr oder weniger fachkundig die Aussichten ab.

Nichts davon hört man auf dem Weg zum Bayernspiel: Es ist insgesamt sehr ruhig, es klingt nicht viel anders als im Berufsverkehr. Die Gesprächsthemen, die ich aufschnappe, drehen sich nicht um Fußball: die Entscheidung für ein Gebrauchtauto, das Seminar von der letzten Woche und was Monika darüber sagt, dass Gerd jetzt mit Claudia zusammen ist.

Mit freundlicher Distanz und Nichtbeachtung werden die Dortmunder Gäste gewürdigt. Anderswo hab ich auf dem Weg zum Spiel Frozzeleien erlebt, wenn Gästeanhang und Heimfans vor dem Spiel aufeinander trafen. Da folgte stets ein mehr oder weniger witzig gemeintes Pingpong, welche Mannschaft am Ende des Tages die Nase vorne haben würde. Im ungünstigeren Falle endete es in Pöbeleien; wenn es gut lief, in wohlwollender Fachsimpelei.  Stark abhängig von der Rivalität der Gegner und dem Alkoholisierungsgrad der Streithähne. Richtung Fröttmaning: Nichts davon. Nicht mal Alkohol. Ein oder zwei Männer haben eine Bierflasche in der Hand, aber keiner wird auf- oder ausfällig.

Am Bahnhof Fröttmaning steigen alle aus. Alle paar Minuten spuckt eine neue U-Bahn hunderte Zuschauer aus. Die Masse wälzt sich langsam Richtung Arena. Fast alle tragen irgendetwas, das sie als Vereinsanhänger kenntlich macht. Die älteren Herren zeigen Schal zur Lederjacke, ganz viele tragen Trikots.

Mir fällt auf, wie aktuell die Trikots sind, alle von dieser Saison oder maximal der letzten. Neuzugang Costa (Nummer 11) scheint beliebt zu sein, seltsamerweise sieht man das Leibchen von Wunderstürmer Lewandowski (Nummer 9) nur selten.

Kaum einer trägt ein ganz altes Trikot. Bei anderen Vereinen machen das die langjährigen Anhänger gern, dass sie ihre Sonderstellung gegenüber den Jungspunden demonstrieren, in dem sie das Trikot der legendären Saison 96/97 (mit dem Europacupwunder) zur Schau stellen. Nicht so bei den Bayern – die waren vermutlich noch nie so erfolgreich wie heute. Es gilt, im Hier und Jetzt mitzuhalten. Die Nostalgie überlassen sie den weniger Erfolgreichen.

Die Einlasskontrolle erfolgt schnell und professionell, in der Arena findet man sich leicht zurecht, das Kundenerlebnis wird dezent, aber gut gesteuert. Auf dem Weg zum eigenen Platz kommt man an mindestens einem Fanshop vorbei, überall ist gut was los; der Rubel rollt. Natürlich ist auch an diesem Tag das Stadion ausverkauft; ein ganz leicht schlechtes Gewissen trifft mich, wenn ich denke, wie viele Kartenwünsche für diese Partie wohl zurückgewiesen wurden, und ich, der ich gar nicht mitfiebere, darf hinein (und muss nicht mal dafür zahlen). Ich verkneife mir Bratwurst und Bier — zum einen benötigt man dafür eine speziell aufzuladende “Arena-Card” zum Bezahlen, zum anderen sind die Preise der Münchener Erlebnisgastronomie würdig, und für 5 Euro schmeckt mir keine Wurst mehr.

Viele lassen sich Zeit, zu ihren Sitzen zu kommen. Eine Viertelstunde vor dem Anpfiff finden sich noch große Lücken in den Sitzreihen. Keiner singt in der Bayernkurve. Radiomoderator Stephan Lehmann macht bei den Bayern den Conférencier; er tut das auch nicht hirnloser als die Rahmenprogrammkasper in den anderen Stadien. Eine Besonderheit in München: die Beschallung macht dezibelmäßig jedem Freiluftkonzert Konkurrenz — wenn sie die Einpeitsch-Hymnen spielen (‘Stern des Südens’ und noch so ein Bon-Jovi-Mitgröl-Verschnitt, den ich nicht kannte), dröhnt es in den Ohren. Das ist auch besser so, denn es überdeckt, dass niemand mitsingt. Rund um mich rührt sich jedenfalls nichts, und auch in den harten Kern der Ultras in der Südkurve kommt keine Bewegung.

Zum Anpfiff ist das Stadion dann so gut wie voll. Der untere Rang ist reihum ein Meer in Rot. Die Dortmunder Anhänger haben sie in der Nordkurve ganz oben in den dritten Rang gepackt, weit weg vom Geschehen. Drei oder vier Blocks unterm Dach leuchten Schwarzgelb. Auch akustisch sind die paar Tausend Dortmunder auf Distanz gehalten. Stimmlich halten sich dennoch von meinem Platz auf der Haupttribüne aus anfangs die Gäste und der Heimanhang die Waage, als die Gesänge mit dem Anpfiff beginnen.

Ich hatte schon viel Spott gehört und gelesen über das sogenannte “Opernpublikum” in München. Tatsächlich ist da etwas dran. Die paar hundert Ultras im Kernblock der unteren Südkurve singen und rufen und hüpfen die meiste Zeit recht wacker. Aber der Rest? 65.000 Zuschauer, die sich per Schal und Trikot als Bayernfreunde ausweisen, sitzen und schauen. Wenn ein Tor fällt, applaudieren sie. Und es fallen immerhin fünf Tore an diesem frühen Oktoberabend für den FC Bayern. Der härteste Konkurrent um die deutsche Meisterschaft wird zerlegt und gedemüdigt. Aber nein. Das ist für die Zuschauer kein Grund, sich zu erheben oder zu schreien.

Ein einziges Mal schwappt der Gesang aus der Kurve aufs gesamte Stadion über. Als der Publikumsliebling und zweifache Torschütze Thomas Müller ausgewechselt wird, schallt sein Name von allen Seiten.

Die Dortmunder unterm Dach haben im Lauf der Partie immer weniger zu lachen. Zur Halbzeit steht es noch 2:1 für die Hausherren — da ist noch alles offen. Doch unmittelbar nach dem Wiederanpfiff sorgt ausgerechnet der einstige Borusse Robert Lewandowski in unwiderstehlichem Antritt für zwei Bayern-Treffer, und danach lassen die Dortmunder auf dem Platz die Hoffnung fahren. Ihre Fans singen unermüdlich weiter bis zum Abpfiff, das zählt im Pott zum Ritual.

Die Bayern-Anhänger haben andere Prioritäten. Zur 80. Minute steht es 5:1, und das Stadion beginnt sich zu leeren. Reihenweise verlassen Besucher ihre Plätze, eilen zum Auto oder zur U-Bahn. Das kenne ich woanders nur so, wenn man die eigene Mannschaft bei hoffnungslosem Rückstand aufgegeben hat, oder sie so unterirdisch  spielt, dass man das Gewürge nicht länger erträgt. Aber vorzeitig zu gehen, wenn die Eigenen 5:1 führen? Der Arenazuschauer aus München sieht keinen Grund, die Mannschaft nach Abpfiff zu feiern, wenn er doch so den Stau am Parkhaus vermeiden kann.

Ich bleibe bis zum Schluss. Für mich gehört sich das so. Abpfiff pünktlichst mit der 90. Minute, der Schiedsrichter hat ein Einsehen mit den Dortmundern, ich spende Applaus für beide Teams, dann geht es zurück zur U-Bahn. Wieder muss ich an den Fanshops vorbei, wieder herrscht dort reger Andrang.

Münchens Verkehrsbetriebe haben das Geschehen im Griff; die Gäste werden gelotst und geleitet, U-Bahnen warten, nach drei Minuten Wartezeit ist man auf dem Weg. Von Euphorie unter den Zuschauern immer noch keine Spur. Es herrscht die gleiche ruhige freundliche Atmosphäre wie am Hinweg. Kaum jemand spricht, einige lesen die ersten Spielberichte auf ihren Smartphones, ein paar Leute verabreden sich per Telefon zur Wiesn. Am Odeonsplatz leert sich die U-Bahn.

Am nächsten Tag schreibt die “Süddeutsche”, die Bayern hätten sich in einen Rausch gespielt. Seine Anhänger aber sind ganz nüchtern geblieben, das kann ich aus eigener Beobachtung bestätigen. Für die Anhänger des FC Bayern ist Fußball offenbar nichts zum Mitfiebern, kein Auf und Ab, keine emotionale Achterbahn, keine heiße Hassliebe wie bei so vielen anderen Vereinen und ihren Fans. Wer die Bayern gut findet, bekommt eine  Erfolgsbeteiligung, die er durch den eifrigen Kauf von Franchise-Artikeln auch nach außen demonstriert. Den Finanzvorstand der FC Bayern München AG wird das freuen.

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